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wie wird aus dem Wunsch ein Wille?

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

Moderator: Moderatoren

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 28.10.2017, 17:30

Hallo sausebraus,

bei mir war es leider so, das ich erst recht weit unten ankommen mußte.
Äußerlich funktionierte ich noch im Beruf und auch sonst, aber ich hatte trotzdem meinen Körper schon beinahe zugrunde gerichtet.
Als ich ins KH eingeliefert wurde, war ich kurz vorm Leberversagen und ich hätte die Entgiftung beinahe nicht überlebt.

Der Wunsch aufzuhören, war ja oft da. Aber ich habe das nie geschafft ohne Hilfe.
Ich dachte sehr lange, das ich es allein in den Griff bekommen muss.
Mir war nicht klar, das ich dazu schon längst nicht mehr in der Lage war.
Und das man es allein sowieso kaum schafft.

Wie daraus dann ein Wille wurde?
Das war bei mir recht einfach, ich wollte einfach noch nicht sterben.
Überleben konnte ich aber nur trocken. Nass gab man mir nur noch 2-3 Wochen.
Die Entscheidung fiel mir bei diesen Voraussetzungen leicht.

Hier wird oft von schweren Wegen in die Trockenheit geschrieben. Meiner war auch nicht ganz einfach, schon klar.
Aber ab dem Zeitpunkt, wo ich Hilfe bekam, war es so schwer auch wieder nicht.
Das wichtigste war bei mir wohl, zu wissen, wo ich nie wieder hin will.
Und ich war bereit, alles in meinem Leben zu ändern, wenn es sein müßte.
Alles mußte ich zwar nicht ändern, aber einiges.
Und so ging es dann ganz gut.

Ich weiß auch heute noch, nach über 15 Jahren Trockenheit, wo ich nie wieder hin möchte.
Mein Leben ist längst wieder schön und bunt geworden, eigentlich schon nach wenigen Monaten Trockenheit.
Muss man mit dem Tode konfrontiert werden, um den Überlebenswillen zu aktivieren oder geht das auch anders, früher ?
Ich hoffe, das es nicht erst soweit kommen muss wie bei mir.
Aber ich glaube auch nicht dran, das jemand aufhört, der keinen Leidensdruck hat.
Solange der nicht wirklich da ist, wirst wohl auch Du weitersaufen müssen.
Denn von "saufen wollen" ist wohl schon länger keine Rede mehr, oder?

Hier gibt es einige, die früher wie ich aus der Sauferei aussteigen konnten.
Also ist das offensichtlich möglich.
Ich wünsche Dir, das Dir der ernst der lage bewußt wird. Du hast sicher auch keinen zweiten Körper im Keller, nicht wahr?
Ich habe heute noch Beeinträchtigungen von meiner Sauferei, die auch nie wieder verschwinden werden.
Das wünsche ich niemand anderen.
Wenn man nicht aussteigen kann, wird das aber unweigerlich Folgeerkrankungen eintreten bis hin zu Organausfällen,
eine Leber kann zwar ne Menge vertragen, aber irgendwann ist auch mal Schluss.

Was gibt der Alkohol Dir denn noch, das Du (noch) nicht auf ihn verzichten kannst/magst?
Trinkst Du momentan noch?

LG Sunshine

Elly
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Beitrag von Elly » 28.10.2017, 18:34

Hallo sausebraus,

nachdem ich mehrere Jahre tagein-tagaus jeden Morgen an den Folgen meines Alkoholmissbrauchs
gelitten habe, und es mir immer schlechter ging, da wuchs der Wille etwas zu verändern.

Ich habe es einfach nicht mehr ertragen, ich war körperlich und seelisch völlig am Ende!

Es war einfach der Zeitpunkt gekommen und mir war bewusst, wenn ich jetzt nichts ändere, dann nie mehr!

Das hat mir Stärke gegeben!

Ich will da nie wieder hin, diese Zeit war einfach schlimm und es ging so einfach nicht weiter!

Es hat sich gelohnt!

Ich wünsche Dir auch den richtigen Zeitpunkt!

LG Elly

Penta
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Beitrag von Penta » 29.10.2017, 08:37

Hallo sausebraus und herzlich willkommen hier.
Zunächst mal die Frage, ob es um Zucker (-Sucht) oder Alkoholismus geht.
Mein Thema war und ist der Alkoholismus.
daß man die ganzen bekannten Nachteile ausblendet. Thema Notfallkoffer. Hilft es vielleicht sich die Leberwerte oder ein Foto einer Fettleber an den Kleiderschrank zu hängen, damit man das morgens nicht vergisst ?
Mich endlich selbst in die Pflicht zu nehmen, hat mir geholfen. Kein "man", kein "wir", sondern ich.
Ein Bild einer kaputten Leber am Schrank hätte mich nicht beeindruckt.
Mir half, mir in Gesprächen und beim Schreiben hier im Forum bewusst zu machen, sozusagen im Austausch, wie wichtig mein sofortiger Ausstieg aus dem Alkoholkonsum für mich ist. Danach richtete ich aus, was ich bereit war und bin zu tun.
Ich befreite nicht nur mich vom Suchtstoff, sondern auch meine Wohnung, meinen Alltag (soweit ich das beeinflussen kann) und meine Freizeitaktivitäten (die ich ziemlich gut beeinflussen kann).
Trockenwerden war für mich ein aktiver Prozess, bei dem ich mit meinem Tun und Unterlassen im Mittelpunkt stehe.
In meiner Freizeit war deshalb immer wieder die Frage, was ich tun kann, um Suchtdruck gar nicht erst entstehen zu lassen. Für mich war z.B. Langeweile ein Risiko.
Wie das bei dir aussieht, welche Bedeutung und welche Priorität du der Abstinenz von deinem Suchtstoff einräumst, wird immer deine Entscheidung bleiben.
Zu warten, bis der Suchtdruck kommt und erst dann den Notfallkoffer anzupacken, wollte ich nicht riskieren. Ich nahm ihn oft früher in die Hand.
Aber das scheint, wie der Zeitpunkt des Ausstiegs, recht individuell zu sein.

Viele Grüße,
Penta

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 29.10.2017, 11:00

Hallo sausebraus,

Sorry, ich hatte das durcheinander gebracht, Deine Abhängigkeit bezieht sich ja auf Zucker.
Bei mir ist es zwar der Zucker als Suchtstoff aber ich möchte nicht in einem Forum für Alkoholiker das groß thematisieren.
Ich habe nur gemerkt, daß es unglaublich viele Parallelen gibt und ich würde gerne von den anderen Teilnehmern hier lernen, speziell zu der psychologischen Komponente der Sucht.
Hmmm, also hier geht es ja schon sehr speziell um die Alkoholkrankheit.
Wenn es Dir trotzdem weiter hilft, dann ist es ja gut. Das musst Du am Ende selbst entscheiden, ob Dir der Austausch hier was bringt.
Und Sucht ist Sucht, das stimmt sicher.
Es ist wahrscheinlich nicht ohne Grund, warum manche von der Alkoholsucht in die Zuckersucht wechseln.
Also ich kenne jetzt persönlich keinen trockenen Alkoholiker, der speziell in die Zuckersucht gerutscht ist.
Aber es mag auch solche Fälle geben.
Das am Anfang der Trockenheit oft nach Zucker gelechzt wird, ist wohl eher der Tatsache geschuldet, das in Alkohol viel Zucker enthalten ist.
Und den will der Körper weiterhin haben.
Um nicht wieder saufen zu müssen, wird deshalb zu Beginn der Trockenheit oft zu Süßigkeiten gegriffen.
In dem meissten Fällen legt sich das aber auch wieder.
Ich zumindest bin in keiner Zuckersucht gelandet. Ich konsumiere zwar ab und an welchen, esse auch mal ne Süßigkeit, aber das hält sich in Grenzen.

Aber es stimmt sicher, das wir trockenen Alkoholiker mitunter in Suchtverlagerungen rutschen.
Das ist mir auch schon mehrmals so passiert. Das war beispielsweise mal eine Art Sportsucht, und auch nach Reiswaffeln gierte ich mal ne Zeitlang übermäßig.
Bitte nicht lachen, das stimmt wirklich :wink:
Das waren dann aber Sachen, die ich selbst aus eigener Kraft stoppen konnte.
Ich merkte, was abläuft, und konnte es stoppen, wenn auch mit einiger Kraftanstrengung.
Beim Alkohol war mir das überhaupt nicht mehr möglich, da brauchte ich erst ärztliche Hilfe.

LG Sunshine

Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 29.10.2017, 16:09

Hallo!

Bei vielen Alkoholkranken kommt der nötige Anstoß -wie so oft im Leben- von außen.

1.) Einige standen buchstäblich mit einem Fuß im Grab und entschieden sich dann fürs Leben und das mit aller Konsequenz. Der eigenen Trockenheit als Schutz fürs Leben wird alles untergeordnet.

2.) Die Führerscheinaspiranten, denen nach heftiger Trunkenheitsfahrt Führerschein und Fahrerlaubnis abgeknöpft wurden und die sich auf die MPU vorbereiten.

3.) Die Familie, die dem Trinker bildlich die Pistole auf die Brust gesetzt hat: "Entweder die Familie oder der Stoff". So war es bei mir.

4.) Der Arbeitgeber, der kompromisslos ankündigte: "Therapie und trocken am Arbeitsplatz oder Kündigung".


Gruß
Carl Friedrich

Hull

Beitrag von Hull » 30.10.2017, 16:06

Sobald ein zukünftiges Ziel (Wunsch) nicht mit den jetzigen Bemühungen (Alkoholmissbrauch) erreicht werden kann, muss etwas an der Disziplin (Wille) geändert werden oder das Ziel wird nicht erreicht.

Das kann nun Beruf, Familie, Gesundheit usw. betreffen. Wer natürlich kein Ziel hat, wird keinen (starken) Willen entwickeln können. Dies ist dann eher eine Art "Fernsteuerung", die im beruflichen, familiären und gesundheitlichen Rahmen von dir erwartet wird und der du gehorchst.

kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 30.10.2017, 16:20

Hallo Sausebraus,

Du meinst, ab wann ich wieder etwas selbst bestimmen konnte, also mit Hirn und Verstand, selbstständig und ohne von meinem Unterbewusstsein in eine andere Richtung gelenkt zu werden? Also, ab wann das aufhörte, dieses etwas tun müssen, was mir nicht gut tat und später dieses etwas tun müssen, damit ich nicht in altes Verhalten zurückfalle?

Wenn ich ein Leeregefühl habe, dann braucht der Körper etwas, damit das Gefühl weggeht. Wenn ich etwas Passendes habe, z. B. esse, geht das Gefühl weg, also dieses unbefriedigte Verhalten. Dieses Gefühl kann ja auch aus irgendeinem Grund, z. B. aus einem Verlustgefühl heraus entstehen = Partner weg, auf Vorrat essen, nicht schlafen können, ich brauche scheinbar Energie um länger durchzuhalten, eine hormonelle Unterversorgung, Fehlproduktion und -versorgung im Körper, usw. wenn Du das alles weißt, stell es ab und ändere etwas, dann klappt das schon.

Abhängigkeit von Alkohol, Drogen, Tabletten, Nikotin, Kohlenhydraten ist ja nicht normal, nicht angeboren. Da führt jahrelanger Missbrauch dazu. Der Organismus hat u. U. eine neue Orientierung und findet das alles für ganz OK, als normal. Saufdruck = beseitigen, egal wie. Fettzellen können sich genauso programmieren, dass ein adipöser Zustand zum Normalzustand wird.

Was denkst Du denn wie das wieder normal wird, wie etwas in seinen Ursprungszustand zurückfällt, nachdem es Jahrzehnte versaut und verändert wurde? Warum dauert das so lange und geht nicht mit Fingerschnipp?

Ein Schock kann bestimmt einiges bewirken, ein Notfall, ein Unfall, ein Rauswurf, ein A... -tritt, damit ist aber der Auslösezustand nicht verändert. Sobald Besserung eintritt, kommt der Speichelfluss, das Bedürfnis wieder und das Unterbewusstsein bleibt auf Dauer stärker als das bewusste Handeln.

Bei einem Schock wird Adrenalin ausgestoßen und Du kannst u. U. mit einer Verletzung weiterlaufen, irgendwann geht dann nichts mehr. Du wirst mit ziemlicher Sicherheit in altes Verhalten zurückfallen, also saufen, fressen oder sonst was, wenn die Dinge wieder so werden, wie sie einmal waren. Wegsperren z. B., ist ja auch nur eine Herauszögerung des Zustandes, keine wirkliche Veränderung.

Wenn Du also Dein „Wollen“ wieder haben willst, dann nur durch ändern. Jede kleine Veränderung ändert etwas. Wer weiß was daraus wird.

Die Auswirkungen des eigenen Missbrauchs waren Jahrzehnte nicht wichtig, warum nicht einfach gemacht und ohne zu hinterfragen geändert wird, bleibt mir auch ein Rätsel.

LG Kaltblut

kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 30.10.2017, 23:40

Hallo Sausebraus,

Trocken werden und sein hat weniger etwas mit faul sein oder verlorenem Willen zu tun. Es ist bestimmt vorteilhaft, wenn Du stark, eisern und mit festem Willen ausgestattet bist.

Wirst Du deshalb nicht krank, wenn die Grippe umgeht, führt das zu einem geregelten Stuhlgang, wenn Du verstopft bist oder kannst Du eine Schwangerschaft mit festem Willen verhindern? Sucht und Krankheit bedeuten, dass Du keinen direkten Einfluss hast, das Steuer ist abgegeben. Aber Du kannst die Basis schaffen, damit sich etwas ändert.

LG Kaltblut

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