Diskussion: die tägliche Beschäftigung mit dem Alkohol

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Hull
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Diskussion: die tägliche Beschäftigung mit dem Alkohol

Beitrag von Hull » 14.11.2017, 11:35

Hallo,

seit einiger Zeit stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich täglich mit dem Alkohol zu beschäftigen.

Oft stelle ich fest, dass ich gar nicht mehr großartig über den Alkohol nachdenke und das Problem im Prinzip gelöst oder zumindest konserviert habe. Dann allerdings besuche ich beim Surfen aus Langeweile oder Gewohnheit das Forum und hänge wieder zwangsläufig in alten Erinnerungen.

Nun wird sicherlich von einigen angemerkt werden, dass das Alkoholproblem dann sicherlich noch nicht gelöst sein kann, da schließlich nicht das Forum, sondern der Alkohol die Ursache ist. Das ist natürlich richtig, schließlich bleiben die Erinnerungen, egal wie man sich beschäftigt. Dennoch regt - hier spreche ich nur für mich - die Beschäftigung mit dem Alkohol auch wieder alle Gedanken an die vermeintlich schönen Stunden an und wird somit - im schlimmsten Falle - sogar zu einer Gefahr.

Dies soll nun natürlich keine Herabwürdigung der soliden Arbeit, die die Personen in diesem Forum leisten, werden. Vielmehr soll es eine kritische Diskussion werden, inwiefern man sich die Sucht täglich in Erinnerung rufen sollte, wenn sie doch längst langsam aber sicher in Vergessenheit gerät oder zumindest verblasst. Dies richtet sich natürlich eher an Personen, die schon gefestigt sind und z. B. an einem Alkoholregal vorbeilaufen können, ohne große Gedanken dabei zu haben.

Elly
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Beitrag von Elly » 14.11.2017, 12:37

Hallo alle!

Für einen trockenen Alkoholiker ist das ein Thema, mit oder ohne Forum, das immer im Raum steht.

Überall wird man mit dem Thema konfrontiert. Beim Einkaufen, beim Fernsehen, im Radio, an der Arbeit, bei Feiern.

Gelöst ist das Problem im Grunde für einen Alkoholkranken nicht wirklich. Denn sobald der
erste Schluck (wieder) getrunken wird, geht das Elend wieder von vorne los.

Diese Krankheit ist nie ganz geheilt. Und die Erinnerung daran (keine schönen Erinnerungen bei mir)
sollte immer wieder aufgefrischt werden. Denn nur so kann man vorbeugen!

Sich jeden Tag sich mit dem Thema beschäftigen, ist vielleicht nicht für jeden trockenen Alkoholiker nötig,
aber man sollte nicht selbstgefällig werden. Denn das macht leichtsinnig!

Elly

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 14.11.2017, 17:01

Hallo Hull,

Danke für das Diskussionsthema.

Ich hab für mich festgestellt, dass es für meine Gesundheit wichtig ist, dass ich an mir dranbleibe. Und das tägliche "ins-Forum-gucken" war für mich lange so eine Art Absicherung, dass ich dran bleibe. Anfangs (also die ersten ein zwei Jahre nach Beginn meiner aktuellen Abstinenz) waren sehr oft noch unangenehme Erinnerungen und Gefühle dabei. Das hat sich mit der Zeit gewandelt. Für mich war der Weg des Wegdrückens nicht der Richtige (glaube ich), sondern der des Hindurchgehens.
Also ist für mich die tägliche Erinnerung daran, dass ich Alkoholikerin bin, nur eine andere Form der Erinnerung, dass es wichtig ist, dass ich mich wichtig genug nehme, um für mich zu sorgen. Und dass das kein Selbstläufer ist, auch nicht nach drei, vier oder mehr Jahren.

Viele Grüße
Thalia

Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 14.11.2017, 21:03

Mir ist es wichtig, mich regelmäßig -nicht notwendig täglich- mit meiner Krankheit auseinander zu setzen. Mach ich es nicht, erhöhe ich unbewusst die Gefahr für einen Rückfall.

Man liest und hört es immer wieder von Rückfälligen: Man geht nicht mehr zur SHG, tummelt sich nicht mehr anlassbezogen im Netz und lässt die Abstinenz samt Krankheit in den Hintergrund rücken. Das ist dann das willkommene Einfallstor für das prächtig funktionierende Suchtgedächtnis, Kapriolen zu schlagen.

Wenn man dann wieder von diesen Herrschaften hört oder liest, ist es zumeist ein mehr oder weniger heftiger Rückfall.

Ich bezeichne meine Beschäftigung mit meiner Krankheit schlichtweg als Training. Ich muss mich in meiner zusätzlichen "Sportart" namens Abstinenz trainieren.

Gruß Carl Friedrich

Correns
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Beitrag von Correns » 15.11.2017, 07:17

Gutes Thema, Hull!

Am "liebsten" beschäftige ich mich täglich mit dem Thema.
Ich habe zwar schon eine schöne Trockenzeit erreicht,
jedoch halte ich mich immer noch auf Kurs.
Gleichgültigkeit hätte mich wohl schon lange wieder zum Trinken gebracht.

Leider wird derzeit im gesamten Forum sehr wenig geschrieben.
Und mir selbst in meinem Thread zu antworten finde ich blöd.
Deshalb beschäftige ich mich täglich mit meiner Sucht,
aber eben nicht hier im Forum.

Viele Grüße
Correns

Pancho
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Beitrag von Pancho » 15.11.2017, 08:59

Hallo Hull,

dieselbe Frage habe ich mir anfangs auch immer wieder gestellt.
Zumal in der ersten Zeit die Gedanken an Alkohol immer damit verbunden waren, was mir für den Rest meines Lebens "verwehrt" bleiben wird:
Das kühle Bier nach einer Wanderung, das Glas Wein abends im Garten, der Wodka-Lemon beim Feiern mit Freunden.
Und daran hatte ich ganz schön zu knabbern, das Gefühl des Verlustes drängte das Gefühl des Gewinns beiseite, weshalb ich froh war, wenn sich das Thema Alkohol mal für ein paar Stunden verflüchtigte.

Aber das waren vollkommen absurde Gedanken, weil ich diese Situationen so ja kaum erlebt habe (das eine Glas Bier oder Wein), sondern sie waren höchstens der Beginn von etwas, dass im Vollrausch endete.
Weil ich, weil wir nicht anders können.

Und das vergisst man!
Es wird verdrängt, soweit ins hintere Gehirneck, dass es nicht mehr präsent ist, wenn man in eine gefährliche Situation gerät.

Und ich spreche jetzt aus eigener Erfahrung, aber ich denke, den anderen geht es ähnlich: Nach einer gewissen Zeit wird die Beschäftigung mit dem Thema für einen selbst unproblematischer.
Du wirst nicht mehr ständig Appetit haben oder bedauern, was du verpasst, wenn du an Alkohol denkst.

Also: Es hat sich einfach als probates Mittel erwiesen, sich in schöner Regelmäßigkeit in Erinnerung zu rufen, dass man Alkoholiker ist.
Und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Gruß Pancho

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 15.11.2017, 12:27

Hallo Hull,
seit einiger Zeit stellt sich mir die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich täglich mit dem Alkohol zu beschäftigen.
Ich denke, es hat auch mit der Dauer und Stabilität der Trockenheit zu tun, wieviel Aufmerksamkeit unsere Krankheit erfordert.
Ich beschäftige mich sicher nicht mehr jeden Tag mit meiner Krankheit.
Oftmals denke ich (auch mal wochenlang) überhaupt nicht dran.
Für mich ist der trockene Zustand mittlerweile zu meinem "normalen" Zustand geworden.
Die nötigen Verhaltensweisen für ein trockenes Leben sind mir längst in Fleisch und Blut übergegangen.
Nun muss ich aber auch dazu sagen, das ich mittlerweile über 15 Jahre trocken bin und ich von Anfang an (meiner Trockenheit) meine Krankheit akzeptieren konnte.

Am Anfang meiner Tockenheit sah das anders aus. Da beschäftigte ich mich sehr viel mit meiner Krankheit.
Als "Anfang" bezeichne ich ca. die ersten 3-4 Jahre. :wink:
Da benötigte ich viel mehr Zeit für meine Krankheit als heute. Und die habe ich mir auch genommen.
Für mich galt immer, das ich der Krankheit so viel Zeit wie nötig widmen werde, aber mehr nicht.
Denn ich habe auch ein Leben neben meiner Krankheit, was ich leben möchte.
In den Zeiten, wo meine Krankheit mehr Aufmerksamkeit erforderte, gab ich sie mir aber auch.
Ob bestimmte Sachen "sinnvoll" waren, ich glaube, diese Frage habe ich mir nie gestellt. :wink:
Und das, obwohl ich ein sehr rational denkender Mensch bin.
Mir war immer klar, das ich meine Krankheit nicht rein auf der Verstandesebene erfassen kann.
Dann allerdings besuche ich beim Surfen aus Langeweile oder Gewohnheit das Forum und hänge wieder zwangsläufig in alten Erinnerungen.
Auf mich wirkt dieser Satz etwas überheblich... so auf die Art, ich surfe mal im Alkie-Forum, weil ich grad nix besseres zu tun habe.
Wenn ich mich vor einem ganz besondes gehütet habe, ist das Überheblichkeit.
Ich bin mir immer darüber klar gewesen, das ich auch rückfällig werden kann, auch heute noch ist mir das bewußt.
Wenn ich hier bin, kommen bei mir auch alte Erinnerungen hoch. Ist doch ganz klar, das kommt durch das Lesen hier.
Diese Erinnerungen sind aber auch ein Teil meines Lebens !
Die muss ich nicht wegdrücken und das habe ich auch nie getan.
Dennoch regt - hier spreche ich nur für mich - die Beschäftigung mit dem Alkohol auch wieder alle Gedanken an die vermeintlich schönen Stunden an und wird somit - im schlimmsten Falle - sogar zu einer Gefahr.
Auch bei mir gibt es natürlich Erinnerungen, wo die Sauferei noch "lustig" war.
Wenn man mal mit Freunden zusammen sitzt, dann erzählt man sich doch auch oft alte alkoholgetränkte Schoten von früher,
die witzig waren, ganz besonders so im Nachhinein betrachtet :wink:
Ich weiß aber auch, wie es bei mir weiter ging... es blieb ja nicht bei lustigen Vorfällen,
sondern ich habe durch den Alk großes Leid erlebt :(
Und das werde ich auch nie mehr vergessen.

Das Forum kann durchaus auch mal triggern.
Ich denke, daran hat dann aber nicht das Forum "schuld", sondern eher die persönliche Verfassung.
DA würde ich viel eher hinschauen, als dem Forum die "Schuld" in die Schuhe zu schieben. Mal überspitzt gesagt.
Ich würde mich fragen, warum löst das Forum oder speziell das gerade Gelesene etwas ganz bestimmtes in mir aus?
Vielmehr soll es eine kritische Diskussion werden, inwiefern man sich die Sucht täglich in Erinnerung rufen sollte, wenn sie doch längst langsam aber sicher in Vergessenheit gerät oder zumindest verblasst.
Hm, was man "sollte" und was nicht... keine Ahnung.
Ich kenne Menschen, die seit Jahrzehnten trocken leben, keinerlei Gruppe besuchen und sich auch sonst nicht groß drüber austauschen.
Für sie ist auch so anscheinend alles okay und für sie persönlich kann das ja auch durchaus der "richtige" Weg sein.
Denn das lange trockene Leben spricht ja auch für sich.

Ich kenne aber auch Menschen, die seit Jahrzehnten mehrmals die Woche eine SHG besuchen und dort ihren gesamten Freundeskreis aufgebaut haben.
Wenn das für sie okay ist, und sie so gut trocken bleiben können und auf diese Art ihr Leben leben möchten, dann ist das auch völlig okay.

Ich persönlich beschäftige mich ganz sicher nicht täglich mit meiner Krankheit.
Das passiert einfach nicht mehr, ich müßte das dann schon willentlich herbeiführen.
Ich wüßte jetzt auch nicht, mit was speziell ich mich da beschäftigen sollte?
Es ist alles gut so wie es ist.
Meine Krankheit ist ein Teil meiner persönlichen Biografie, und das wird sie auch immer bleiben.
Bedeutet aber für mich bei weitem nicht, das ich sie wie ein schweres Joch trage und da jeden Tag dran denke.
Aber wie gesagt, ich bin auch schon ne Weile trocken. :wink:
Am Anfang (die ersten Jahre) meiner Trockenheit sah das anders aus.

LG Sunshine

Pellebär
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Beitrag von Pellebär » 15.11.2017, 13:14

Moin Hull,

ich beschäftige mich nicht täglich mit Alkohol, es gibt ihn, ich lebe damit, ich brauche ihn nicht mehr.

Allerdings mache ich mir täglich klar, dass ich alkoholkrank bin, ohne dass es mich belastet. Im Gegenteil, ich genieße​ die Freiheit​, die ich durch meine Abstinenz​ gewonnen​ habe.

Ich schreibe hier über​ meinen Weg, der anderen vielleicht​ weiter hilft, Mut macht, nicht aufzugeben.

LG PB 9 Jahre trocken​

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