Hätte es nicht gedacht

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
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Hull
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Beitrag von Hull » 08.12.2017, 10:11

Dante hat geschrieben:Also ich gehe mit meiner Krankheit offen in meiner Firma um & habe bisher ausschließlich positives Feedback erhalten.
Davon ausgenommen ist nur die Situation nach der Therapie, wo meine Fa. im Zwang war, 700 Stellen abzubauen & mich als geeignetes Opfer ausgeguckt hatte.

Letztlich muss das jeder selbst entscheiden. Jede Firma & jedes persönliche Umfeld ist anders.

Aber zu seinem Alkoholismus zu stehen ist weder eine Bankrotterklärung noch die Abwälzung der Verantwortung für sich selbst auf andere.
Hallo Dante,

das war auch nicht meine Formulierung. :wink:

Nach außen werden fast alle Personen Verständnis zeigen, ob dies - gerade in der Berufswelt - aber nicht nur eine Fassade ist, darf doch kritisch beurteilt werden. Du sagst es ja selbst, dass bei den Rationalisierungen gnadenlos ausgesiebt wird. Solche Kündigungen sind vielleicht kein Charakterurteil, aber was bringt das, wenn der Arbeitsplatz verloren wurde?

Ich halte die Folgen dieser Offenheit grundsätzlich für nicht kalkulierbar. Selbst die engsten Freunde oder die Familie wird niemals alle Gedanken frei äußern; wie soll es also bei Kollegen bzw. erst bei beruflichen Konkurrenten usw. sein? Und selbst, wenn dies alles ohne Schwierigkeiten abläuft, bleibt die Varianz der Wirtschaft, die im Zweifel nur die vermeintlich makellosen Mitarbeiter übrig lässt.

Das sind auch längst nicht alle Faktoren, nur die offensichtlichen. Falls mir die Offenheit nicht selbst hilft, sehe ich keinen logischen Grund dafür. (Mir ist klar, dass es auch emotionale Gründe geben mag, diese würde ich dann zu den Gründen der Selbsthilfe zur Abstinenz zählen.)

Noch eine Sache zu den Freunden:
Auch hier fällt mir nach nun bald einem Jahr Nüchternheit auf, dass mir manchmal aus Versehen Alkohol angeboten wird, da die Freunde trotz meiner Offenheit schlichtweg nicht daran denken und eben noch mein Verhalten der letzten 20 Jahre eingespeichert haben.

Grüße

Calida78
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Beitrag von Calida78 » 08.12.2017, 10:31

Huhu!
Also beim einen ist es so, beim anderen anders.
Vielleicht hilft es, auf sein Bauchgefühl zu hören.
In meinem Job hätte ich kein gutes Gefühl, von meiner Krankheit zu sprechen. Da bin ich freundlich, aber halte auch Distanz. Dort würde ich auch nicht über andere Krankheiten sprechen.
Im Freundeskreis dagegen würde ich mich eher schlecht fühlen, wenn ich meine Krankheit verheimliche. So fahre ich bisher ganz gut.
LG - Calida

Ernest
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Beitrag von Ernest » 10.12.2017, 09:21

Hallo Zusammen

Heute bin ich 20 Tage abstinent und bin immer noch zwiespältig.
Keine Euphorie, kein Stolz und das Loch, welches der Alkoholrausch hinterließ, konnte ich bis jetzt nicht stopfen.
Ich habe noch keine Struktur gefunden.
Obwohl ich mit meiner 95 jährigen Mutter "zusammenlebe" (sie wohnt in der unteren Etage) wird mir das Alleinsein tagtäglich bewusster.
Der Text vom Lied von Edith Piaf "Non, je ne regrette rien" (in etwa "ich bereue nichts"), welcher immer mein Motto war, wird im nüchtern Zustand durch unangenehme Erinnerungen verdrängt, die sehr wohl bereut werden (müssen).

Aber in den letzten 20 Tagen hat sich auch Positives ergeben:
Ich trinke nicht mehr
Ich esse langsamer und verschlinge die Nahrung nicht mehr
Ich bewege mich alle Tage (Spaziergänge)
Ich beobachte und genieße die Flora und Fauna
Ich habe die Wohnung umgestellt (u.a. keine Weingläser, keine Flaschen, keine Alkoholbilder etc).
Ich lese fast alle Tage im Forum
Ich mache mir Gedanken über die Zukunft


Schwierigkeiten habe ich:
Mit dem Lesen (in den jungen Jahren habe ich Bücher verschlungen, heute fehlt mir (noch) die Konzentration)
Mit dem fernseh schauen (ich zappe wie wild umher)
Und wie bereits erwähnt, mit der Findung einer Struktur

Und wenn ich mich auf meinen Spaziergängen auf Kraftorte begebe, habe ich Herzklopfen.

Der Schlaf hat sich verbessert, obwohl ich immer noch zw. 3 und 4 Uhr morgens erwache, aber ich hoffe diesbezüglich auf Eure positiven Erfahrungen.

Draußen schneit es Engelshemde und ich freue mich auf den Spaziergang in dieser winterlichen Adventszeit.

Ich wünsche Euch einen wunderschönen Sonntag
Ernest

Hull
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Beitrag von Hull » 10.12.2017, 12:59

Natürlich gibt es ein Loch, aber das war auch vorher da, nur vernebelt.

Es gibt zwei Möglichkeiten:

1) das Loch durch eine neue Tätigkeit stopfen
2) in Selbstmitleid zerfließen und wieder anfangen zu trinken

Slowly
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Beitrag von Slowly » 10.12.2017, 13:24

Hallo Ernest,

20 Tage sind eine Menge aber auch wieder nicht, zumindest nicht, wenn es darum geht neue Interessen zu finden und Gewohnheiten zu prägen. :)

Heute noch nach 5 1/2 Jahren Trockenheit bin ich auf der Suche was ich wirklich will und was mir gut tut.

Nicht andauernd aber hin und wieder schon.

Das wird....lass dir einfach Zeit, der Stolz und die Freude kommen sicherlich dann, wenn du spürst, dass du in deinem neuen, trockenen Lebensabschnitt wirklich angekommen sein wirst.

Vielleicht traust du dir ja gerade selbst noch nicht so ganz über den Weg. ;)

Ich werde fast jede Nacht wach und es dauert 1-2 Stunden bis ich wieder einschlafe.

Ist halt so, in der Zeit kann ich ja Dinge machen die ich tagsüber nicht hinbekomme.

Auch nicht schlecht !

Ist alles nur eine Frage des Blickwinkels. :)

LG Slowly

Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 10.12.2017, 16:55

Ernest hat geschrieben: Heute bin ich 20 Tage abstinent und bin immer noch zwiespältig.
Keine Euphorie, kein Stolz und das Loch, welches der Alkoholrausch hinterließ, konnte ich bis jetzt nicht stopfen.
Ich habe noch keine Struktur gefunden.
Ernest
Hallo!

Du hast gut begonnen. Weiter so.

Du benötigst noch 'ne gehörige Portion Geduld. Das ging mir genau so. Du kannst nicht erwarten, dass dir in wenigen Wochen annähernd das gelingen wird, wofür andere mehrere Jahre benötigt haben.

Der Weg zur zufriedenen Abstinenz ist ein sehr langer. Gemessen daran hast Du gerade mal die ersten Schritte gemacht, jedoch genau in die richtige Richtung. Abstinenz ist ein zartes Pflänzchen, das regelmäßig und kontinuierlich kultiviert werden muss, damit es behutsam gedeihen kann.

Mein Rat: Beschaff dir mal Lektüre aus Patienten- und Therapeutensicht. Das schärft den Blick und das Wissen über unsere Krankheit.

Und gegen die "Löcher" gilt es eine Gegenstrategie zu entwickeln. Was hat dir denn früher vor der Saufzeit Freude bereitet? Kannst Du da nicht anknüpfen, vorausgesetzt die Aktivität steht nicht im Zusammenhang mit dem Alkohol oder trinkfreudigen Zeitgenossen.

Gruß
Carl Friedrich

Dante
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Beitrag von Dante » 10.12.2017, 17:16

Slowly & C F haben recht. Wie lange hast du getrunken? Da ist in 20 Tagen kein Loch zu.

Was bitte sind Kraftorte?

Auch der Tip mit der Fachlektüre von Carl Friedrich ist sehr gut!
Ich würde dir zur Suchtfibel raten, die hat relativ kurze Kapitel, zu "Lieber schlau als blau", &, wenn man das eher humorvoll mag, zu "Alk" von Simon Boroviak.

Ernest
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Beitrag von Ernest » 10.12.2017, 18:48

Guten Abend
Danke für Eure motivierenden Antworten!

Hull: Ich erlaube mir Deinen Hinweis (Selbstmitleid oder Saufen) unter die Rubrik Stammtischphilosopie einzuordnen. :)

Slowly und Carl Friedirch
Ihr hab ja so recht. 20 Tage versus 40 Jahre... Ich bin da halt ein 08/15 "Patient": Ich möchte die Krankheit dem Mediziner delegieren und der soll gefälligst schauen, dass ich wieder gesund werde. Und zwar schon gestern. Selber an sich zu arbeiten: ach nein, zahle ja Krankenkassen Prämien. Bei der Alkoholkrankheit ist dies nicht möglich und so werde ich Euren Rat beherzigen und mich in Geduld üben. Und meine früheren Nicht-Sauf-Beschäftigungen auflisten (wobei auflisten schamlos übertrieben tönt).

Dante
Gehe mal morgen Abend zum Buchhändler. Danke für den Tipp.
Kraftorte: Orte der Kraft sind natürliche Energiezonen. Erst das starke persönliche Erlebnis gibt die Gewissheit, dass an einem Ort etwas in uns passiert ist, das eine innere Veränderung hervorrufen kann. Kraftorte können z.B. gewisse Kirchen/Kapellen sein, die schon vor der Christenheit als Kultstätte dienten. Aber auch genügt es an einem Baum zu lehnen um die Kraft zu spüren. Die Resonanz eines Kraftortes findet man in der Stille mit dem Wunsch, das, was man weiß, mit dem zu verbinden, was man spürt und fühlt
Aber dies ist keine Wissenschaft! Es ist wie z.B. Religion. Entweder glaubt und glaubt nicht. Und das Einte darf das Andere nicht ausspielen.

Einmal mehr: Bin froh, dass ich dieses Forum habe.
Alles Liebe
Ernest

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