Hätte es nicht gedacht

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Antworten
Ernest
neuer Teilnehmer
Beiträge: 74
Registriert: 21.11.2017, 20:03

Beitrag von Ernest » 12.12.2017, 20:33

Soooo - Der Vor- Vorausverkauf hat begonnen und der Rubel muss bekanntlich rollen. Hier ein Schnäppchen und dort was Unnötiges. Alles wunderbar.
Was mich erstaunt - oder mir angst macht - ist, dass ich an den Alk-Regalen vorbeilaufe, als wäre dort nichts. Kurios. Auch kein Verlangen oder sonst ein wehmütiges "ach Gottchen"...

Auch wunderbar. Nur nicht übermütig werden.

Im Moment liegt die leere Löcher-Füll-Liste vor mir und ich bin am überlegen ob ich meine 10 jährige Motorradzeit in der Jungendzeit (d.h. vor 30-40 Jahren) aufführen soll. Interessanterweise habe ich während dem Motorradfahren (im Gegensatz zum Autofahren) NIE Alkohol getrunken. Das Risiko war mir zu hoch. Meine alte Guzzi.... hier ist jetzt ein "ach Gottchen" angebracht. Wieder so eine Maschine fahren? Jetzt im Winter so ein altes Ding anschaffen und im Keller drumbasteln? Wann habe ich das letzte Mal einen Schraubenschlüssel in der Hand gehabt...
Mal sehen.

Morgen habe ich wieder einen Arzttermin. Möglicherweise, werde ich zum ersten Mal mit etwas Stolz sagen, dass ich es bis dahin geschafft habe. Ist immerhin das, sagte das Mäuschen, als es ins Meer pisste.

Ich wünsche einen schönen Abend
Ernsest

Dante
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3102
Registriert: 05.08.2006, 19:56

Beitrag von Dante » 12.12.2017, 20:50

Warum nicht?

Lass es dir in Ruhe durch den Kopf gehen.
Da steckt ja doch viel Anforderung hinter.
Wenn du merkst, das ist keine aus der Not geborene Idee, dann mach dich dran!

Sunshine_33
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3611
Registriert: 25.07.2013, 11:35

Beitrag von Sunshine_33 » 14.12.2017, 00:50

Hallo Ernest,
Ich für meinen Teil werde meinen Arbeitgeber mit absoluter Sicherheit NICHT über meinen Alkoholismus informieren. Warum auch? Ich stimme Hull diesbezüglich voll und ganz zu.
Ich gehe offen mit meiner Krankheit um. Das tat ich auch bei meinen Arbeitgebern.
Bei meinem ersten Arbeitgeber war das kaum zu umgehen, denn ich war aufgrund meiner Entgiftung und der Nachsorge über 4 Monate krank geschrieben.
Da hatte ich echt kein Bock, mir irgendeine abenteuerliche Story auszudenken, die am Ende evtl. doch als Lüge entlarvt wird.
Das hätte ich nämlich echt als viel peinlicher empfunden.
Jahre später wechselte ich die Firma und dem neuen Chef sagte ich es auch bei passender Gelegenheit.
Ich habe bisher keine Nachteile erfahren müssen (weder beruflich noch privat) aufgrund meiner Krankheit.

CF schrieb:
Der betroffene Alkoholiker bekommt schnell das Gütesiegel "unzuverlässig" aufgedrückt, ob er/sie es will oder nicht.
Ist bei mir nie passiert. Im Gegenteil, trocken konnte ich eine zuverlässige Mitarbeiterin sein und das wußten auch meine Chefs, bzw. zeigte ich es ihnen ja durch meine Zuverlässigkeit :wink:

Du schriebst:
Ich bedankte mich höflich bei ihm, erwähnte aber, dass ich keinen Alkohol mehr trinke, da ich meine zugewiesene Lebensration an Alkohol bereits aufgebraucht habe (mit angefügtem Smile). Aber mit keinem Silbe erwähnte ich das Wort Alkoholiker.
Ähnliches habe ich hier schon häufiger gelesen.
Ich für meinen Teil habe in meinem Leben genug gelogen für den Alk.
Damit wollte ich trocken keinesfalls weiter machen.
Und das oben beschriebene wäre für mich wie ne Lüge.
Denn ich trinke nicht mehr, weil ich meine "Lebensration" bereits aufgebraucht habe, sondern weil ich ALKOHOLKRANK bin.
Und weil ich es nicht mehr will.

Diese Diskussion, wem man es denn sagen sollte und wem nicht, wurde hier wohl schon hundertmal geführt.
Letztendlich bleibt das jedem selbst überlassen und mir persönlich ist es völlig latte, wie der einzelne das handhabt.
Ich mag es nur nicht, das immer wieder behauptet wird, das man als trockener Alkoholiker "abgestempelt" wird
und das passiert wohl auch viel eher in der eigenen Vorstellung (oder gar aufgrund eigener Vorurteile :shock: ?? ) als in der Realität.
Ich habe sowas jedenfalls noch nicht erlebt.

Und mir fällt auch noch was schon länger auf:
Die meissten LZT gehen offen mit ihrer Krankheit um. Das habe ich hier im Forum oft so gelesen und auch in meiner ehemaligen realen Gruppe war das so.
Das halte ich für keinen Zufall :wink:
Ich denke, das liegt auch daran, das wir IMMER nur in einer Entwicklungsphase sind... eigentlich sind wir das, solange wir leben.
Denn wir lernen ja nie aus... wir sind nicht irgendwann "fertig" in Sachen Wissen, Erfahrungen etc.
Und das gilt doch ebenso für unser trockenes Leben.
Es gibt nicht den Tag, wo ich sagen kann: "So, nun ist meine Trockenheitsarbeit beendet, und nun fange ich mal was Neues an."
Wir sind auch hier wahrscheinlich immer nur in einer Entwicklungsphase.
Darum kann es auch sein, das ich heute für mich entscheide, das ich es nicht bestimmten Leuten (Chef, etc.) sagen möchte.
Vielleicht sehe ich das aber in ein oder zwei oder auch drei Jahren anders.... und entscheide das dann dementsprechend auch anders.

Kurzum: Sag niemals nie :wink:

LG Sunshine

Ernest
neuer Teilnehmer
Beiträge: 74
Registriert: 21.11.2017, 20:03

Beitrag von Ernest » 15.12.2017, 20:08

Danke sunshine für Deine Worte. Ich habe - durch Empfehlung von Dante - das Buch "Alk" (S. Borowiak) gelesen. Der Autor, spricht das Thema Alkoholiker und Gesellschaft auch an. Da überlege ich nochmals dreimal, wem ich meine Krankheit mitteile. Das allerwichtigste ist, dass ich mich nicht selber belüge. Und ja - keine Ahnung, wie ich in x-Jahren damit umgehe. Ich bin mir und meinen Lieben Rechenschaft schuldig. Und sonst keinem anderen Menschen.

Das Buch "Alk" las ich mit Schrecken und Vergnügen. Der Autor, gemäß Wikipedia und den eigenen Schilderungen ein "Profi" punkto Alkohol und Lebenserfahrungen, vermittelte mir schonungslos ein Bild über meine Krankheit. Das Kapitel Saufdruck muss ich vermutlich noch ein paarmal lesen. Ja, andere Abschnitte sicher auch noch (mehrmals).

Das andere von Dante empfohlene Buch "Lieber schlau, als blau" werde ich nächste Woche lesen. In der Buchhandlung gibts massenhafte Sachbücher über Alkohol. Eigentlich ließt man diese zu spät... Aber eben, ein paar Jahre früher habe ich diese Bücher schnöde auf der Seite gelassen. Ich doch nicht...

Der zweite Arztbesuch verlief so lala. Viele Allgemeinplätze. Er ist ja Arzt und nicht Therapeut. Er war ein wenig erstaunt, dass ich seine Pillen nicht nehme. Ich sei ein sturer Kerl und trotzdem ist er mit meinem Gesundheitszustand (neben der Alk-Krankheit) zufrieden.

Jetzt freue ich mich aufs Wochenende: Mit dem lieben Freund diskutieren, mich an dem wieder langsam erwachenden Verstand aufbauen und die dritte Adventskerze anzuzünden :)

Winterliche Grüsse
Ernest

Carl Friedrich
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1213
Registriert: 06.07.2015, 22:47

Beitrag von Carl Friedrich » 15.12.2017, 20:35

Ernest hat geschrieben:Der Autor, spricht das Thema Alkoholiker und Gesellschaft auch an. Da überlege ich nochmals dreimal, wem ich meine Krankheit mitteile. Das allerwichtigste ist, dass ich mich nicht selber belüge.
Hallo!

Das war und ist mein Weg. Ich schulde niemand eine Erklärung, daher auch nicht auf die Frage, warum ich keinen Alkohol trinke. Gefragt wurde ich in meiner bisherigen Zeit ganz selten. Ich habe stets wahrheitsgemäß geantwortet, weil er mir einfach nicht mehr bekommt.

Ich weihe nur denjenigen ein, dem ich auch von anderen intimen Krankheiten erzählen würde. Der Kreis ist umgrenzt und überschaubar.

Mein ehemaliger Therapeut, ein sehr erfahrener Mann, hat mich in dieser Vorgehensweise ausdrücklich bestätigt. Falls andere mit dem Thema offener verfahren, weil es ihnen mehr Absicherung ihrer Abstinenz verspricht, dann machen sie für sich alles richtig.

Gruß
Carl Friedrich

Ernest
neuer Teilnehmer
Beiträge: 74
Registriert: 21.11.2017, 20:03

Beitrag von Ernest » 19.12.2017, 20:33

Guten Abend zusammen

Heute bin ich seit meiner Abstinenz das erste Mal vom Gaspedal, als ich bei "meinem Italiener" vorbeifuhr.

Ein versch... Tag - schlechte Laune - vorweihnachtliches Puff im Betrieb - um was geht es überhaupt - blast mir alle das Alphorn - einfach alles bääähhh

Wenn ich jetzt Wein kaufe, so bin ich während dem 10tägigen Weichnachtsurlaub nur im Fernsehsessel mit gefüllter Lampe.

Dieser Gedanke lies mich vorbeifahren.

Die Angst vor dem Alkohol, bereitet mir auch Angst. Diese kann ich irgendwann überwinden. Es muss mir gelingen die Angst mit Demut (nach Definition von Carl Friedrich) abzulösen. Aber wie? Und wie lange dauerts? Na, bis zur Rente werde ich es wohl schaffen :)

Ich wünsche Euch allen einen angenehmen Abend
Ernest

Carl Friedrich
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1213
Registriert: 06.07.2015, 22:47

Beitrag von Carl Friedrich » 19.12.2017, 21:12

Ernest hat geschrieben: Es muss mir gelingen die Angst mit Demut (nach Definition von Carl Friedrich) abzulösen.
Hallo Ernest!

Ich habe nichts definiert. Den Begriff der "Demut vor der Krankheit" habe ich mehrfach gehört und gelesen. Er gefällt mir, spricht mich an und ich verwende ihn gerne. Er bedeutet für mich, dass ich bloß nicht leichtsinnig werden soll, nur weil ich eine Zeitlang abstinent bin. Ich hoffe, ich kann mir den nötigen Respekt vor der Heimtücke des Suchtgedächtnisses und der Gefährlichkeit der Krankheit bewahren.

Na ja bis zur Rente wird's bei Dir ja hoffentlich nicht dauern.

Gruß Carl Friedrich

Carl Friedrich
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1213
Registriert: 06.07.2015, 22:47

Beitrag von Carl Friedrich » 24.12.2017, 12:12

Das las ich soeben in einem von thalia dankenswerter Weise verlinkten Artikel eines seit 2 Jahre abstinenten Alkoholkers im Magazin Spiegel:

"Wenn man seinen inneren Schweinehund überlistet, kann es jeder schaffen." Das sei vor allem eine Frage der Eigenkontrolle. Man muss selbst aufpassen, was man macht."

Um sich zu schützen, hat er sein Umfeld darüber aufgeklärt, dass er keinen Alkohol mehr trinken darf. Nur die engsten Freunde wissen, was der eigentliche Grund dafür ist.


Absolut zutreffend. Man kann es nicht oft genug wiederholen und beherzigen.

Gruß Carl Friedrich

Antworten