Wo beginnt das soziale Gewissen

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
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Murron
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Wo beginnt das soziale Gewissen

Beitrag von Murron » 31.12.2017, 23:45

Hallo Ihr Lieben,

Ich möchte mich bei euch vorstellen, ich bin 49 Jahre alt, zur Zeit Single, habe einen 24-jährigen Sohn, der im Moment noch bei mir lebt, achja und ich habe einen bezaubernden Kater.

Seit nunmehr fast 10 Jahren bin ich, nach 3 Rückfällen und einer sehr intensiven Therapie, trocken.

Ich liebe dieses trockene Leben, das bewusst Sein können.

Vor 2 Jahren habe ich noch eine Traumatherapie gemacht, einfach aus dem Grund, dass von meiner Kindheit der Großteil im Dunklen ist. Erinnerungen habe ich nur an Besuche bei meiner Großmutter, oder bei deren Schwester auf dem Bauernhof.

Das ist so, dass ich in Gedanken in die Wohnung meiner Oma oder in das Haus der Tante gehen kann, und ich sehe die klitzekleinste Kleinigkeit, und kann sogar die dort vorhandenen Gerüche erinnern.
Aber ich habe kein Bild, wie mein eigenes Zimmer, geschweige denn die ganze elterliche Wohnung ausgesehen hat. Nur Bruchstücke, sprich einzelne Möbelstücke sind abrufbar.

Ich wurde geschlagen vom Vater, also nicht „nur“ Ohrfeigen, sondern wohl windelweich geprügelt. Die Mutter hat sich eher an die emotionale Misshandlung gehalten. Der Hauptgrund für die Traumatherapie war, dass ich wissen wollte, wo meine Mutter war, wenn mein Vater mich geschlagen hat.
Ich konnte noch einige Dinge in dieser Therapie für mich auflösen, zur Erinnerung hat es nicht gereicht, ist mir inzwischen nicht mehr so wichtig
Ich könnte noch sehr viel über diese Kindheit sprechen, denke mir aber, dass mein Beitrag für den Anfang dann einfach zu lang ist.

Der Grund warum ich mich hier angemeldet habe, ist folgender:

Es geht um meinen Ex-Partner. Er ist/war auch trockener Alkoholiker. Wir waren 10 Jahre zusammen, sind seit fast 5 Jahren getrennt, und haben auch keinen Kontakt mehr. Er hat 2 Kinder, Mädchen und Junge. Zu dem Sohn hat er noch sporadisch Kontakt, zur Tochter nicht mehr, den hat sie gekappt. Zum Jungen habe ich auch keinen Kontakt mehr, wohl aber übergangslos und regelmäßig zu seiner Tochter, die außerdem noch mit meiner Schwester und meinem Sohn befreundet ist. Sie gehört einfach zur Familie.

Jetzt habe ich von einer Freundin, die im Supermarkt um die Ecke vom Ex arbeitet erfahren, dass er wieder täglich Alkohol kauft. Wohl schon eine ganze Weile.

Das was mich jetzt beschäftigt ist, wo beginnt das soziale Gewissen. Es ist schwer in Worte zu fassen, ein Gedanke war, sollte ich mich melden bei ihm, und ihm Hilfe anbieten, sowas wie, "ich fahre dich ins Krankenhaus, wenn du willst."

Es ist jetzt nicht so, dass es mich belastet, mitnichten. Es sind auch definitiv keine Gefühle mehr da. Jedoch waren es einfach 10 Jahre meines Lebens, die wir geteilt haben, und so ein bißchen Empathie ist halt einfach da.
Ein guter Bekannter aus der Gruppe, in der ich damals war, hatte letztes Jahr auch einen Rückfall, wohl ausgelöst durch den Tod seiner Frau, da hab ich auch gesagt, wenn du was brauchst, jemand zum Reden oder so, bin ich da.

Seiner Tochter habe ich das noch nicht gesagt, wir treffen uns im Januar wieder, da wird es wohl Thema werden. Am Heilig Abend wollte ich ihr das irgendwie nicht erzählen, da hatte sie uns alle eingeladen, das hätte die Stimmung gedrückt...

Wie gesagt, die Frage ist, bei einem "Kumpel" würde ich gar nicht darüber nachdenken, Hilfe bis zu einem bestimmten Punkt anzubieten, beim Ex finde ich das irgendwie schwierig.
Natürlich weiß ich, wenn jemand keine Hilfe will, kann ich auch nicht helfen. Darum geht es mir nicht, es geht nur darum, soll ich es anbieten oder nicht.

Und da würden mich einfach mal eure Ansichten dazu interessieren.

Aurora
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Beitrag von Aurora » 01.01.2018, 11:48

Hallo Murron,

das ist echt schwierig.

Bei mir war es ähnlich. Ich hatte mich nach 26 Jahren von meinem Exmann getrennt. Er hörte daraufhin mit dem Trinken auf. Wir hatten dann auch regelmäßig Kontakt, da er auch um die Ecke wohnt, wir 2 gemeinsame Kinder haben und nicht loslassen konnten...

Ein Jahr nach der Trennung ging ich eine neue Beziehung ein. Da wurden die Kontakte sehr selten, waren nur noch sporadisch. Vier Jahre nach der Trennung lernte mein Exmann eine neue Frau kennen.

Und da begann er wieder mit dem Trinken.

Als ich das merkte hat es mir sehr leid getan. Ich kannte ihn schließlich schon sehr, sehr lange. Ich habe ihm damals mehrmals angeboten, dass er sich jederzeit bei uns melden kann. Auch bei meinem 2. Mann, ich hatte inzwischen wieder geheiratet. Mein 2. Mann ist auch Alkoholiker, trocken. Und hat eine Ausbildung zum betrieblichen Suchtkrankenhelfer. Und steht meinem Ex ja auch nicht so nahe.

Mein Exmann hat dieses Angebot nicht ein einziges Mal in Anspruch genommen.

Da habe ich gelernt, wieder einmal oder noch mal, was Loslassen bedeutet. Es ist sein Leben und seine Entscheidung. Wenn ich meinen Ex sehe oder telefoniere, was selten vorkommt, dann tut mir das sehr leid. Ich merke, wie sehr er der Sucht verfallen ist inzwischen. Ich kenne diesen Mann seit nunmehr 36, fast 37 Jahren...

Und doch weiß ich, ich kann nichts machen. Es ist sein Leben, seine Entscheidung. Er weiß, wie es anders sein kann, ohne Alkohol. Und doch kann er nicht anders als er es gerade lebt. Das Hilfeangebot steht noch immer, aber er möchte es nicht in Anspruch nehmen.

Das muss ich akzeptieren und auch unser Sohn, unsere Tochter lebt leider nicht mehr.

Vielleicht kann ich dir mit meinem Beitrag ein wenig weiter helfen, beim Sortieren.

Liebe Grüße
Aurora

Murron
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Beitrag von Murron » 01.01.2018, 20:00

Hallo Aurora,

danke für deine Gedanken, da hast du ja auch schon einiges hinter dir.
Mir ist natürlich absolut klar, dass nur er sich selber helfen kann. Ich bin allein dadurch, dass ich drüber spreche immer mehr zu dem Schluss gekommen, dass ich mich wohl nicht bei ihm melden werde.

Mhhm, der Gedanke mit dem loslassen ergibt sich eher bei meinem Sohn, der wohl dieses Jahr ausziehen wird. Bei meinem Ex war das so nicht der Fall, dazu war die Art und Weise wie er die Beziehung beendet hat, und die Begründung dazu zu heftig, und ich war damals in den letzten Zügen meiner Langzeittherapie, konnte das also noch mit professioneller Hilfe aufarbeiten.

Der Punkt, der mich halt zum Denken gebracht hat, ist glaub ich einfach "globaler". Wir Menschen achten leider immer weniger auf unsere Mitmenschen, das versuche ich in meinem Umfeld anders zu handhaben. Und so kam einfach der Gedanke auf. Ich will einfach nicht wegsehen, wenn ich weiß, anderen geht es schlecht.

Ich habe es gedanklich auch einfach mal umgedreht, sprich, ob ich wollen würde, dass gerade er mir Hilfe anbietet im Fall ich einen Rückfall hätte....er wäre der letzte, von dem ich Hilfe wollen würde.

Ende Januar treffe ich mich mit seiner Tochter, und dann werde ich mal hören was sie so dazu sagt.

Letztlich ist es seine Entscheidung.

Lieben Gruß

Murron

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Beitrag von Aurora » 02.01.2018, 11:17

Liebe Murron,

ja, dieses Füreinanderdasein, das wird schon gefühlt weniger.

Andererseits habe ich als Coabhängige damit auch schlechte Erfahrungen gemacht. Ich war immer für alle da. Habe geholfen und gemacht und getan. Meine "Leistung" sogar regelrecht aufgedrängt teilweise.

Ich fühlte mich für alles und jeden verantwortlich. Leider nur nicht für mich... Und ich wurde maßlos ausgenutzt bzw. hab mich ausnutzen lassen.

Es fällt mir noch immer schwer, da eine gesunde Grenze zu finden. Hilfe und Dasein sind gute und wichtige Dinge im sozialen Miteinander, ganz klar. Es darf nur nicht so weit gehen, dass ich mich verliere.

Ich musste lernen dass ich gerne meine Hilfe anbieten darf. Ich muss aber auch akzeptieren, wenn sie nicht angenommen werden möchte. Und ich musste lernen auch "nein" zu sagen. Wenn ich um Hilfe gebeten werde aber keine geben kann. Früher habe ich dann Welten bewegt um trotzdem helfen zu können. Ich habe mich verdreht, meine eigenen Grenzen überschritten und mein eigenes Dasein mit den Füßen getreten. Nur um zu helfen, anderen. Nur um niemanden weh zu tun mit einem, meinem, "nein".

Das war dann die krankhafte Variante des Helfens.

Ich lese aus deinem Beitrag heraus, dass du das gut für dich sortieren konntest.

Lieben Gruß
Aurora

Murron
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Beitrag von Murron » 02.01.2018, 14:07

Liebe Aurora,

Das kenn ich schon auch, ich war früher auch immer für alle da, nur nicht für mich. Das schlimme daran ist, dass "man" es lange nicht merkt-erstaunlich, wieviel ein Mensch aushalten kann.
In meiner Anfangsphase des Trinkens, da war mein Sohn fast 5, hatte ich meinen Haushalt, die alleinige Erziehungsverantwortung, weil sich der Vater weder finanziell noch emotional wirklich gekümmert hat um seinen Sohn und habe Vollzeit gearbeitet.

Das allein wäre genug gewesen für eine Person, ich habe aber meine Mutter noch in allem unterstütz, bin für sie einkaufen gegangen, habe ihre Wäsche, und die ihres damaligen Lebenspartners gewaschen und gebügelt, ihr in ihrem Laden ausgeholfen etc.
Außerdem war ich der "Mülleimer" für sogenannte Freunde, die immer ihre Probleme bei mir abgeladen haben, aber wehe, ich brauchte mal jemanden.

Und hatte immer dabei das Gefühl, ich genüge nicht. Ich denke, das war einer der Gründe, warum ich zur Flasche gegriffen habe.....

Nachdem ich dann vor 10 Jahren angefangen habe, durch die Therapie, mich freizuschwimmen, habe ich gemerkt, das ich die Dinge, die allein mein Leben betreffen ganz vorzüglich bewältigen kann.

Ich habe mich in den letzten Jahren von meiner Mutter gelöst, ich muss dazu sagen, dass meine Schwester und ich vermuten, dass sie Borderlinerin ist. Es war nochmal ein kräftezehrendes Jahr, aber diese Freiheit, die ich seitdem in mir trage, ist unbezahlbar.
Und genauso habe ich die ach so guten Freunde aussortiert, und habe neue gefunden, die alles wissen über meine Sucht, mich nehmen wie ich bin, und mich schätzen. Natürlich bin ich genauso für sie da, höre zu, wenn sie Probleme haben, es hält sich aber ein ziemlich gutes Gleichgewicht.

Wie hast du das für dich geschafft, Nein sagen zu lernen?
War das für dich anfangs auch so schwierig, war bei dir auch so ein Gefühl von...Person X mag mich nicht mehr...die findet mich bestimmt arrogant..?
Das war für mich so die schwerste Hürde, zu sagen, ich kann heut nicht...aber morgen vielleicht...oder eben gar nicht...

Liebe Grüße

Murron

Aurora
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Beitrag von Aurora » 02.01.2018, 20:46

Liebe Murron,
Und hatte immer dabei das Gefühl, ich genüge nicht.
Ja, das Gefühl kenne ich auch. Ich habe immer alles gemacht und getan und mich verausgabt um geliebt zu werden. Um Anerkennung zu erhalten. Um gut genug zu sein.

Vor allem war das in der Familie meines Exmannes ganz schlimm. Ich habe sonstwas gemacht, damit er mich liebt... Er ist aber immer mehr in die Sucht gerutscht und war dazu gar nicht in der Lage irgendwann mehr. Und für seine Mutter war ich nie gut genug... egal, was ich machte.

Auch in meiner eigenen Urfamilie war es so, dass ich immer für alle da war, für alle der Mülleimer usw. Auch für "Freunde"...

Ich habe auch viel an Beziehungen aussortiert in den letzten fast 11 Jahren. Das ging nicht anders. Zuerst mal die Sippe meines Exmannes und dann den Exmann, der Alkoholiker ist, nass. Mich da abzugrenzen und "nein" zu sagen war sehr schwer. Mit seiner Sippe ging das, da konnte ich den Kontakt einfach abbrechen.

Zu ihm war das nicht so leicht denn mit meiner Trennung hörte er zu trinken auf. Und ich konnte erst mal nicht "nein" sagen, jedenfalls nicht direkt. Es war immer ein "eigentlich möchte ich ja nicht" oder "eigentlich habe ich was anderes geplant" oder so. Er hat mich immer wieder bedrängt mit seinen Dingen und schlussendlich habe ich immer nachgegeben. Auch mit meinen Kindern ging mir das so. Die waren zu diesem Zeitpunkt erwachsen und wären durchaus in der Lage gewesen, ein "nein" zu vertragen.

Es hat fast 1 Jahr gedauert (nach der Trennung) bis ich ein klares "nein" sagen konnte. Zum Ex. Und mir war danach speiübel! Und ich habe mich schlecht gefühlt, körperlich. Und wäre am liebsten wieder hin gerannt und hätte das "nein" zurück genommen. Ich habe das aber einfach ausgehalten. Und immer wieder auch zu anderen Gelegenheiten probiert. Jedes Mal war mir dabei elend, das habe ich einfach mal ausgehalten. Es wurde dann auch besser.

Auf der Arbeit zum Beispiel ging es anders. Da ging das "nein" leichter, aber ich habe dann sofort ein Angebot gemacht. Um das "nein" abzuschwächen. Zum Beispiel "nein, da kann ich nicht arbeiten kommen, ich habe einen Termin. Aber ich kann dann und dann..." So in etwa. Bis ich mal dachte, "hey, biste eigentlich blöde :evil: , du musst weder was anbieten noch dich rechtfertigen. Nein heißt nein!"

Das ist einfach eine Übungssache. Aber - es fällt mir noch immer bei Menschen, die mir lieb sind und mir nahe stehen, schwer, "nein" zu sagen.

Ich merke aber, es geht immer einfacher und ich kenne inzwischen auch die Mechanismen in mir. Das hilft mir sehr beim Neinsagen.

Lieben Gruß
Aurora

Murron
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Beitrag von Murron » 10.01.2018, 14:21

Hallo Aurora,

erstmal sorry, dass ich mich erst jetzt melde, war ein bisschen grippig, und bin nicht wirklich online gegangen.

Zum Thema "aussortieren", bei mir steht auch grad wieder so ein Fall an, wo ich schon länger feststelle, dass ich mit dieser Freundin auf der Stelle trete, und ich muss - mal wieder - loslassen.

Ich finde es halt irgendwie schwierig und auch schade, denn wir würden in so vielen Punkten echt gut klarkommen und ich mag sie wahnsinnig gern. Wenn ich aber dann merke, dass im Regelfall nur noch oberflächliche Dinge wichtig sind, und wir da komplett auseinanderdriften, dann fühlt sich das nicht mehr gut an. Und das ist für mich sehr wichtig.

Noch bin ich nicht soweit, aber ich denke, wenn sich der Zustand nach meinem letzten Gespräch mit ihr, wo ich ihr gesagt habe, wie es sich für mich anfühlt, nichts ändert, dann wird diese Freundschaft enden.
Wo wir wieder beim loslassen sind ;-)

Ja, und das Nein sagen ist so eine Sache, ich finde es aber spannend, dass es wohl sehr vielen Menschen so geht, auch Menschen ohne Suchthintergrund.
Vornehmlich Frauen.....

Nun ja, wir sind ja hier, um zu lernen, nicht wahr?

Liebe Grüße

Murron

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