77 Tage keinen Tropfen Alkohol...

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
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Mario B.
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77 Tage keinen Tropfen Alkohol...

Beitrag von Mario B. » 09.01.2018, 16:20

... und nun stehe ich nun ich armer Tor und bin so (er)nüchtern(d) wie nie zuvor.

Hallo, ich bin Mario, 44 Jahre alt und ein Trunkenbold.

Dem langjährigen Abstinenzler (und dadurch gelernten Hobbypsychologen) wird wohl mein kurioser erster Einführungssatz ins Auge stechen und sich fragen: Bemitleidet sich Mario etwa selbst?

Um es kurz und knapp auszudrücken: Ja, auf meiner nun 77 Tage dauernden Achterbahnfahrt der Gefühle tue ich das momentan.

Nach diversen Quartalabstürzen in den letzten halben Dutzend Jahren, deren Abstände immer kürzen wurden, stehe ich nun vor dem Scherbenhaufen meines im Suff, in kalten als auch warmen Entzügen und in Rückfällen zusammengeschustertes Lebens. Diese Tatsache, die gefühlsmässig schwer zu ertragen ist, lässt bei mir dann schon des öfteren Selbstmitleid aufkommen.

Nachdem ich meine Frau (und ergo auch meine Tochter) und mein Haus verloren habe, stand als nächstes mein Job auf der Tod-Do Liste von meinem zertörerischem Lebenswandel und irgendwie habe ich mich dazu überwunden (oder wurde dazu gezwungen, wie man es nimmt) - mal wieder - die Notbremse zu ziehen.

Der Alkoholzug steht jetzt erst einmal, seit 77 Tagen, mein labiler Gemützszustand hat ihn bis jetzt noch nicht wieder in Gang setzen wollen und können. Na ja, wenigstens etwas.

Nachdem ich in den letzten Wochen viele Stunden als stiller Mitleser in diesem Forum verbracht habe und viele Leidens- als auch Erfolgsgeschichten gelesen habe, habe ich mir gedacht dass es vielleicht nicht schaden könnte sich hier anzumelden um sich in dieser virtuellen Selbsthilfegruppe austauschen zu können als auch vielleicht ein eigenes Tagebuch in Angriff nehmen zu können. Schreiben, soll ja ähnlich wie reden, die Seele erleichtern. Mal schauen ob dies auch bei mir der Fall ist.

Ach ja, ein schönes und ein gesundes neues Jahr Euch Allen die hier mitlesen.

Gruss,

Mario

Ernest
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Beitrag von Ernest » 09.01.2018, 19:27

Hallo Mario

Und wenn Du schreiben würdest "Ex-Trunkenbold"? Und somit eine Tatsache schaffen?
Das mit den Gefühlen kann ich sehr gut nachvollziehen. Nicht lustig.

Ich kann Dir nur empfehlen das Forum fleißig und regelmäßig durchzukämmen. Für andere Ratschläge bin ich selber noch zu wenig lange trocken :oops:
Aber gut, dass Du hierher gefunden hast.

Ich wünsche Dir viel Kraft und Mut
Ernest

Mario B.
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Beitrag von Mario B. » 10.01.2018, 11:59

Hallo Ernest,

vielen Dank für dein Post und Ermunterung.

Ich denke für den Begriff mit Ex ist est wohl noch ein wenig früh, schliesslich sollte man nicht den Tag vor dem Abend loben. In meinem Fall oder besser ausgedrückt, in meiner bisherigen bescheidenen Zeitdauer der Trockenheit trifft dieses Sprichwort oft zu, da es dann oft Tage gibt habe wo nur das "Ueberleben" (ich nenne es mal so, und damit meine ich keinen Rückfall haben) wichtig ist und primäres Ziel ist den Tag trocken zu überstehen ist.

Als Saufdruck würde ich dieses Gefühl aber nicht bezeichnen, es ist eher so dass ich an solchen Tagen eher den Sinn einer kompletten Abstinenz in Frage stelle.

Ein Beispiel: ich hatte dieses Jahr das erste Mal ein trockenes Weihnachten und Sylvester seit fast 30 Jahren. Es müsste aber auch das besch.....ste Weihnachten und Sylvester seit fast 30 Jahren gewesen sein. Ich fühlte mich so einsam, voller Schuldgefühle garniert mit einer fetten Portion Selbstmitleid, wie selten zuvor in meinem Leben.

Da denkt man sich (oder denken ich mir) dann schon: Ist das jetzt deine Zukunft? Na dann Prost...

Diese Achterbahnfahrt der Gefühle ist schon anstrengend. Honecker hätte mir auf jeden Fall nicht "Vorwärts immer, Rückwärts nimmer" zugerufen. :lol:

Gruss,

Mario

Cadda
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Beitrag von Cadda » 10.01.2018, 19:01

Mario, jetzt hab ich aber ganz dringend das Bedürfnis, Dir etwas zu schreiben, wo ich Deinen letzten Beitrag gelesen habe.

Du hast das Gefühl. dass es das schlechteste Weihnachten und Silvester seit Jahren war, obwohl es das erste nüchterne Weihnachten und Silvester seit Jahren war. Das liegt mit Sicherheit aber nicht daran, dass Du jetzt nüchtern bist. Sondern einfach, dass Du Dich jetzt - wo Du nüchtern bist - vermutlich mit Deinen Gefühlen auseinander setzen "musst". Natürlich ist es einfach, sich ordentlich einen anzutrinken. Ist ja dann auch immer gleich alles gar nicht mehr so schlimm und man sieht es teilweise lockerer.

Ich kenne das auch. Ich habe viele Dinge einfach besser ertragen, wenn ich was getrunken habe. War ja zunächst lustig und angenehm, einen Schwips zu haben. Bei dem blieb es nur nie...

Ich lasse jetzt, wo ich nichts mehr trinke und das ist ebenfalls noch nicht so lange der Fall, wieder Gedanken zu bzw. muss sie automatisch zulassen. Natürlich kommt da auch eine Traurigkeit zum Vorschein, die vorher unterdrückt wurde.

Sei Dir sicher, das wird mit der Zeit besser werden. Du bist ja nicht umsonst hier. Also kannst Du ja mit dem Trinken nicht zufrieden gewesen sein, sonst hätte Dich der Weg ja nicht hier her gebracht. Weißt Du, was ich damit sagen will? Natürlich hättest Du Dir das Weihnachtsfest und Silvester auch "schön saufen" können. Aber was wäre danach gewesen? Die Unzufriedenheit hätte Dich ja garantiert eingeholt.

Ex-Trunkenbold... Das bist Du. Denn Du kannst ja nicht davon ausgehen, was WÄRE WENN ich wieder einen Rückfall habe. Du WILLST ja nicht wieder trinken und trinkst ja auch gerade nicht. Also benutze für Dich mal gern das Wort EX-Trunkenbold...

Wenn ich auf der Arbeit die Firma wechsele, sage ich doch auch, in meiner EHEMALIGEN Firma. Und sage nicht weiterhin in meiner Firma, nur weil ich vielleicht mal wieder irgendwann "aus Versehen" dort arbeite :-D

Und wenn ich mich von meinem Freund trenne, ist es auch mein EX-Freund. Nur weil es theoretisch sein könnte, dass ich irgendwann in meinem Leben nochmal wieder mit ihm zusammen kommen KÖNNTE, ist es aber aktuell ja gerade trotzdem mein Ex-Freund und nicht mehr mein Freund ;-)

Schön bescheuert, die Beispiele... Sorry :-D

Du bist ein Ex-Trunkenbold und bleibst das gefälligst auch, denn es gibt wirklich überhaupt gar keinen Grund, das jemals wieder zu ändern.

Auch wenn Dir das mit Deiner Frau und Deinem Kind zu schaffen macht. Du kannst die Zeit nicht zurück drehen. Und es wird garantiert nicht besser, wenn Du weiter trinkst. Selbst wenn Du nicht wieder trinkst, wird es vielleicht nicht besser, aber auch nicht schlechter. Wenn Du wieder trinkst, wird es garantiert schlechter.

Außerdem: Wo sich eine Tür schließt, da öffnet sich auch eine neue Tür. Auch wenn Du die Tür jetzt noch nicht siehst, ist sie irgendwo.

Und durch diese neue Tür willst Du doch nüchtern gehen, damit diese sich nicht auch irgendwann zwangsläufig wieder schließt, oder????

Cadda
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Beitrag von Cadda » 10.01.2018, 19:04

Also für die letzten beiden Zeilen, die mir gerade in den Sinn kamen, bedanke ich mich gerade bei mir selbst :-D

Denn sie passen auch in meine Lebenssituation eigentlich perfekt.

Genau so etwas ist auch schön an diesem Forum!! Ich wollte DIR eigentlich Mut machen und einen Ratschlag mit diesen Gedanken geben. Dabei passen sie auch genau auf MICH. Und schon ist vielleicht ja sogar 2 Leuten geholfen. Mir und mit Glück auch Dir... :-)

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 11.01.2018, 09:52

Hallo Mario,

das sich die nasse Alkoholiker Karieren ähneln ist ein Produkt der Krankheit. Mir ging es auch so.

Wenn ich an meine Anfänge zurückdenke war es verdammt schwer die negativen Gefühle, die der „kranken“ Sucht dienten, zu differenzieren, was der gesunde Menschen Verstand vorgibt. Was mir geholfen hatte war eine Struktur reinzubringen . Auch wider den Gedanken oder aufkommenden Gefühlen durch zuziehen . Mit der Zeit relativierte sich vieles und ich begann zu leben.

Mein Werkzeug waren die Grundbausteine ohne wenn und aber umzusetzen .

Wie sieht es bei dir aus ? Du schreibst 77 Tage . Hört sich für mich mehr nach "Durchhalteparolen " als ein System an . Wie sieht dein alkoholfreies Umfeld aus ? Kennst du die Grundbausteine ?

Gruß Hartmut

Mario B.
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Beitrag von Mario B. » 11.01.2018, 12:34

Hallo Cadda,

vielen Dank für dein Post, dein Mutmachen und deine Ratschläge. :D

Dass ich die Festtage jetzt nicht so dolle fand lag in der Tat nicht an meiner Nüchternheit, sondern daran dass ich mich total einsam fühlte und es übrigens auch war weil ich an diesen Tagen kein Risiko eingehen wollte und den Familientreffen fern geblieben bin. Siehe Grundbausteine.

Ich kann mir da geeignetere Tage vorstellen um sich mit seinen Gefühlen auseinander setzten "zu müssen" was im Grunde ja eine logische Konsequenz war wenn man sich quasi sozial isoliert.

Zum Thema Ex-Trunkenbold: Ich finde die "was wäre wenn" Frage darf ich halt eben (aktuell) nicht ignorieren, ich bin nicht so überheblich die Möglichkeit eines Rückfalls komplett auszuschliessen. Meines Erachtens wäre das fatal. Alleine schon weil man sich dann auch vorher keine Gedanken über die Konsequenzen als auch über Notfallszenarien, die in diesem Fall greifen müssten, gemacht hätte.

Dein Spruch mit den Türen gefällt mir, ich hoffe bloss dass ich demnächst meinen Schlüsselbund wiederfinde. :-)

Hallo Hartmut,

auch dir ein grosses Danke für dein Post. :D

Durchhalteparolen? Natürlich sind sie das. Wenn es so einfach wäre eine Sucht ohne Durchhalteparolen zu bekämpfen würde es dieses Forum ja wohl nicht geben. ;) Ich könnte natürlich mir und euch etwas vorspielen und einen auf neue, aufgeräumte und umgekrempelte Supidupiheilewelt machen, würde sich aber dann eher wie Satire lesen. Zudem wäre es ein Widerspruch zu einem der diversen Grundbausteine ("sein Suchtproblem vor sich selbst nicht mehr zu verschleiern, alles nur halb so schlimm zu reden, ...") die ich einsetzen möchte um mit meiner Sucht zu leben.

Zum Thema System: Die Erkennbarkeit eines Systems liegt aber immer im Auge des Betrachters, für den biederen Buchhalter ist der spontane Entwickler oder Erfinder immer noch ein Chaot ohne erkennbares System. ;-)

Ja, die Grundbausteine kannte und kenne ich und es ist eine gute Idee sie hier immer zusammengefasst griffbereit zu finden. Eine der Grundbausteine ist ja z.b. das alkoholfreie Umfeld nach dem du mich gefragt hast.

Viele Punkte aus diesem Baustein habe ich übernommen respektive werde ich übernehmen, einige aber nicht. Gehen wir mal die diversen Punkte dieses Bausteins durch.

In diesen 77 trockenfreien Tagen habe ich unter anderem meine alte Wohnung (die ich Gott sei Dank noch hatte) renoviert, neu gestrichen und neu eingrichtet (anders als vorher) und bin zurück in diese Wohnung gezogen. Alkoholreste, bis auf 2 Flaschen Sekt, gab es keine zum mitnehmen da ich den ganzen Vorrat, sprich den ganzen Weinkeller und die komplette Alkoholbar vorher komplett leergesoffen hat. Die 2 Flaschen Sekt waren über bevor ich meinen Arzt (wieder einmal :roll:) aufsuchte (seitdem habe ich nichts mehr getrunken), ich habe sie beim Umzug mitgenommen und stehen seitdem in meinem alten, neuen Kühlschrank. Hier sind wir übrigens wieder beim Auge des Betrachters: für den einen mag das ein Hintertürchen sein, für mich persönlich ist es ein Kainsmal, eine Warnung die mich jeden Tag an meinen Tiefpunkt erinnern soll, ein Tiefpunkt, den ich körperlich als auch psychisch nie mehr erleben will. Ansonsten kommt mir aber kein Alkohol mehr in die Wohnung.

Verschiedene Plätze, an denen ich Alkohol getrunken habe, versuche ich zu meiden, soweit es geht und ich es will (siehe "Zählt nur die Priorität, die ein jeder sich für die eigene Trockenheit setzt." aus den Bausteinen). Bei mir sind es aktuell Familientreffen und -feiern wo der erweiterte Kreis dabei ist, meine persönlichen Stammkneipen und Sauffeste, als auch die Bars und Restaurants aus meinem Arbeitsumfeld die ich aktuell vermeide. Die Räumlichkeiten meiner engsten Familienmitglieder als auch die guter Freunde, die bisher in meine Sucht eingeweiht sind, werde ich aber nicht aus meinem Leben verbannen. Und mit meinen Arbeitskollegen muss ich übrigens auch in den selben Büros weiterarbeiten sofern ich meinen Job behalten will. Und das will ich momentan, aktuell habe ich genug andere Baustellen.

Ich hoffe ich habe dir geholfen dir ein Bild diesem Baustein zu machen. Es ist natürlich nicht auszuschliessen dass sich dies noch weiter ändern kann. Das wird die Zeit und mein Werdegang zeigen.

Gruss,

Mario.

Cadda
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Beitrag von Cadda » 11.01.2018, 12:58

Natürlich sollst Du die Gefahr eines Rückfalles nicht aus den Augen verlieren, da hast Du Recht. Aber denk positiv und gehe doch einfach davon aus, dass Du es schaffen wirst. Bleib ein Ex-Trunkenbold :-)

Ich bin ehrlich, den Sekt zur Warnung würde ich abschaffen. Du hast schon vieles in die richtige Richtung getan und wer so konsequent ist und Weihnachten zu Hause bleibt und Saufverananstaltungen meidet, der kann auch so konsequent sein und den letzten Alkohol aus SEINEM Bereich verbannen.

Stell Dir als Warnung da lieber eine Flasche Selter hin, wo Du drauf schreibst „Ich stehe hier nicht umsonst rum“ :-D

Dass Du die „Saufveranstaltungen“ meidest und Weihnachten lieber allein, anstatt mit trinkenden Leuten verbringst, finde ich schon mal gut.

Ansonsten möchte ich mich bei dem Thema gern zurück halten, da ich mir selbst noch meine Gedanken dazu mache. Ich habe darüber mal in meinem Tagebuch geschrieben....

Lass Dich auf die Dinge ein, die Du hier liest. Und glaub an Dich selbst. Dann findest Du auch Deinen Schlüssel ;-)

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