Hallo, ich bin auch neu hier

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
Grünes Kistchen
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Hallo, ich bin auch neu hier

Beitrag von Grünes Kistchen » 12.01.2018, 18:14

Hallo,
ich bin seit heute auch neues Mitglied, nachdem ich einige Zeit als Gast mitgelesen habe. Ich bin 46 Jahre alt, verheiratet, 3 Kinder und lebe in Unterfranken. Meine Mutti ist Alkoholikerin. Ich war 8 oder 9 Jahre alt, als mir auffiel, dass irgendetwas nicht stimmt.
Ich habe mich oft gefragt, warum bin ich so, weshalb reagiere ich so und nicht anders. Woher kommen die plötzlichen Stimmungsschwankungen?
Lange habe ich überlegt den Kontakt zu meiner Mutter einzustellen. Warum?
Ich habe als Kind/Jugendliche die ganze Bandbreite mitgemacht. Flaschen gezählt, Flaschen ausgeleert, Strichlisten geführt, wie oft Alkohol, Streit meiner Eltern, Handgreiflichkeiten meines Stiefvaters gegenüber meiner Mutter. Überallem die tägliche Ungewissheit, was ist heute? Das Ungewisse war das einzig Gewisse.
So geht es mir noch heute, nachdem ich schon lange nicht mehr in ihrer Nähe wohne. Ruft sie mich an, höre ich sofort, ob sie getrunken hat oder nicht. Wenn ja, bin ich sofort in Hab-Acht-Haltung und brauche einige Zeit, bis ich das wieder verarbeitet habe.
Nachdem ich jetzt eine Weile hier mitgelesen habe, habe ich ihr gestern einen Brief geschrieben. Ich möchte den Kontakt einschränken, anfangen meine Erinnerungen aufzuarbeiten, nicht mehr für sie verantwortlich zu sein. Eigentlich müßte ich mich jetzt gut fühlen, aber es fühlt sich nicht gut an. Ich mache mir Gedanken, was nun sein wird, wie meine Geschwister reagieren. Andererseits ist es meine Entscheidung, ich ertrage es so nicht mehr.
Ich hoffe auf einen regen Austausch und bin froh jetzt auch im Forum zu sein!

Viele liebe Grüße!

Martin

Beitrag von Martin » 12.01.2018, 20:57

Hallo Grünes Kistchen,
Ich mache mir Gedanken, was nun sein wird, wie meine Geschwister reagieren.
haben sich denn deine Geschwister auch um die Mutter gekümmert ?

Oder "durftest" du dich alleine um sie kümmern ?

LG Martin

Grünes Kistchen
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Beitrag von Grünes Kistchen » 13.01.2018, 03:28

Hallo Martin,
meine Geschwister und ich haben uns gleich um unsere Mutter "gekümmert". Wir gehen aber alle unterschiedlich mit unseren Erfahrungen um. Ich kann nicht einfach " Mach dich nicht so fertig" oder "Du darfst das Alles nicht so an dich ranlassen". Ich habe das Gefühl für meine Entscheidung den Kontakt einzuschränken mich rechtfertigen zu müssen. Es fällt mir sehr schwer eine Entscheidung für mich zu vertreten, obwohl ich weiß, dass es gut für mich ist. Mit meinem Selbstvertrauen steht es nicht zum Besten, ich mache mir Gedanken, was andere über mich denken. Es ist dieses Hin und Her, ist es richtig oder falsch. Wäre ich überzeugt, würde ich nicht mitten in der Nacht meine Gedanken niederschreiben. So habe ich mich auch als Kind gefühlt, ständig hin und her gerissen...

Viele Grüße Grünes Kistchen

Martin

Beitrag von Martin » 13.01.2018, 14:40

Hallo Grünes Kistchen,

ich finde es ja toll dass du dir Gedanken um deine Mutter machst, auf Dauer gehst du aber kaputt daran.

So lange ihr euch um sie kümmert hat eure Mutter auch keinen Grund etwas zu ändern.

Da meine Eltern mich nicht vor die Tür setzten sah ich auch keinen Grund aufzuhören.

Ich habe erst was unternommen als es mir wirklich schlecht ging, da war es 5 vor 12 :shock:

Es ist bestimmt schwer der eigenen Mutter nicht zu helfen, du solltest aber auch an dich denken.

LG Martin

lütte69
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Beitrag von lütte69 » 18.01.2018, 10:26

Hi,

es geht um Dich. Du bist am Ende Deiner Kräfte und möchtest Deine Ruhe und brauchst Deine Energie um Dinge für Dich aufzuarbeiten. Das ist Dein gutes Recht. Du darfst Deiner Mutter die Ansage machen, dass Du nicht mehr ans Telefon gehst. Das musst Du auch nicht rechtfertigen. Du bist ein freier Mensch, Du darfst über Dein Leben bestimmen. Sie ist erwachsen und hat die alleinige Verantwortung für ihr Leben. Bei uns war zwar kein Alk im Spiel aber aus meiner Kindheit kenne ich auch das Gefühl selbstverständlich zu sein. Das holt mich heute noch ab und zu ein.

Ich wünsche Dir die Kraft und Geduld, Dich in den Mittelpunkt zu stellen.
sonnige Grüße
Lütte

Miss Daisy

Beitrag von Miss Daisy » 03.03.2018, 14:17

Hallo Grünes Kistchen,

wie stehen eigentlich Deine Kinder zu ihrer alkoholkranken Großmutter - wie erleben sie sie? Mögen/mochten sie gerne dort zu Besuch sein, und mochtest Du sie mit ihrer Oma alleine lassen?

Außerdem interessiert mich zu wissen, ob Du anderen Leuten von der Alkoholsucht Deiner Mutter erzählst (oder jemals erzählt hast)? In unserer Familie war es immer ein Tabuthema, und obwohl Nachbarn und nahe Verwandte natürlich wussten, was Sache war, war es NIE ein Gesprächsthema. Ist das nicht unfassbar? Wie kann man sowas nur einfach totschweigen und ein kleines Kind (mich damals) mit dem Problem so alleine lassen?!

Ich habe bis heute nicht einmal meinem Mann gesagt, dass meine Mutter ein Alkoholproblem hat(hatte?), denn irgendwie verteidige ich sie immer noch vor anderen Leuten und will nicht, dass jemand schlecht von ihr denkt oder gar unbewusst annimmt, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, und mich kritischer betrachtet.

Inzwischen könnte ich es wenigstens meinem Mann sagen, denn nun habe ich ja schon fast zehn Jahre keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter, und die ganze Sache ist ein alter Hut. Andererseits kann ich dann jetzt auch weiterschweigen. Ich bin hin- und hergerissen. Was meint Ihr/Du: Lohnt es sich, das Geheimnis zu lüften?
Zur Erklärung: Mein Mann hat meine Mutter damals nur wenige Male gesehen, und dann war sie zum Glück auch immer nüchtern und ist nicht peinlich aufgefallen. Er weiß nur, dass sie schwierig und für mich eine Belastung war, weil ich dauernd versucht habe, ihre alltäglichen unwichtigen Problemchen, an denen sie immer zu verzweifeln drohte, zu lösen. Kein Telefonat ohne Sorgen und Tränen.

Inwieweit hilft Dein Mann Dir bei Deiner Abnabelung von Deiner Mutter, und wie hat er Dich im Umgang mit Deiner Mutter erlebt? Dass Deine Geschwister nicht unbedingt eine Hilfe für Dich sind, liegt sicher daran, dass sie in der gleichen verkorksten Umgebung aufgewachsen sind. „Es ist immer noch Deine Mutter“-Sätze o. ä. bringen einen null weiter. Entschuldige, dass ich Dich mit meinen Fragen löchere. Antworte einfach nur auf das, worauf Du Lust hast.

Liebe Grüße.

Grünes Kistchen
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Beitrag von Grünes Kistchen » 03.03.2018, 16:00

Hallo Miss Daisy,
in meiner Verwandtschaft ist das Alkoholproblem meiner Mutter bekannt. Seit letztem Sommer wird darüber auch offener gesprochen, da meine Mutter in der Nähe meiner Geschwister wohnt. Meine Schwester und ihr Mann sind Anlaufstelle für alles. Sie kümmern sich und helfen, warum soll meine Mutter an ihrer Sucht etwas ändern?

Als ich Kind war, lebten wir die erste Zeit mit meiner Oma und dem Bruder meines Stiefvaters in einem Haus. Nach und nach kam das Problem zum Vorschein, alle wussten davon. Manchmal sind meine Oma und der Bruder eingeschritten, wenn die Auseinandersetzungen meiner Eltern zu heftig wurden. Trost bekam ich von meiner Oma und der Freundin/jetzt Frau meines Onkels. Ich bin die älteste von uns Geschwistern. Ich hätte mich den beiden immer anvertrauen können, habe aber meistens nichts erzählt, weil ich mich wohl geschämt habe.
Aber die beiden wussten auch so bescheid, ich musste nichts sagen.
Sie haben mich aufgefangen, dort habe ich die Liebe und Zuneigung bekommen, die mir meiner Mutter nicht geben konnte. Noch heute vermisse ich meine Oma schmerzlich, obwohl sie schon seit vielen Jahren verstorben ist. Obwohl ich "nur" das mitgebrachte Kind war, hat meine Oma uns immer gleich behandelt.
Meine Kinder sind mittlerweile fast erwachsen bzw. schon ausgezogen.
Da wir sehr weit von meiner Mutter entfernt wohnen, vermissen sie ihre Oma nicht. Als die drei noch klein waren, ging meine Mutter noch arbeiten. Sie war hin und wieder zu Besuch bzw. wir besuchten meine Eltern. Aufgewachsen sind sie weitestgehend ohne Großeltern. Meine Mutter war 2-3 Mal mit 2 Kindern im Urlaub. Es hat funktioniert und den Mädels hat es anfangs gefallen. Während des letzten gemeinsamen Urlaubs hat mich meine Älteste angerufen und erzählt, dass sie alleine in der Fewo sind, weil die Oma in der Kneipe ist.
Im Nachhinein habe ich erfahren, nicht nur einmal. Es war das letzte Mal, dass ich meine Kinder in den Ferien zu ihr gelassen habe...
Alle 3 vermissen ihre Oma nicht. Sie wissen, dass sie nichts zu erwarten haben. Als meine Mutter Rentnerin wurde und sich zu Besuch ankündigte, war die Freude anfangs noch da. Nach immer wieder kurzfristigen Absagen war die Freude vorbei. Es gibt jetzt höchstens einen Anruf oder SMS zum Geburtstag, sie nehmen es sportlich.

Mein Mann weiß auch um das Alkoholproblem meiner Mutter. Ich habe ihm auch schon oft davon erzählt. Er hat auch schon mit ihr telefoniert, da war sie angetrunken. Er hört mir auch zu, aber ob er mich versteht?
Mit Mach dich nicht fertig und Du darfst das alles nicht so an dich ranlassen, kann ich wenig bis gar nichts anfange. Erschwerend kommt dazu, dass die Mutter meines Mannes vor ein paar Jahren verstorben ist. Immerhin hast du noch eine Mutter, hat er mal leise zu mir gesagt.
Hmh, und was habe ich von meiner Mutter?
Es ist schwierig mit jemanden zu reden, der das nicht kennt, habe ich schon oft bemerkt. Es ist auch verständlich, man hört zu, kann es aber nicht einordnen. So bleibt mir wie so oft nur alles wieder mit mir selbst auszumachen. Ich habe meinem Mann nicht erzählt, dass ich den Kontakt zu meiner Mutter eingestellt habe. Auch meinen Geschwistern und meinem Stiefvater habe ich nichts erzählt. Warum? Vermutlich habe ich Angst vor der eigenen Courage und befürchte mich wieder nur rechtfertigen zu müssen. Oder weil ich einfach nichts erzähle und für mich behalte. Da werde ich dann wieder als komisch und eigenartig eingestuft...

Warum erzählst Du Deinem Mann nicht Deine Geschichte?
Wie gehst Du mit den ganzen Erinnerungen um, was hilft Dir?
Ich würde mich freuen von Deinen Erfahrungen zu lesen.

Liebe Grüsse!

Hull
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Re: Hallo, ich bin auch neu hier

Beitrag von Hull » 04.03.2018, 10:47

Guten Morgen,

jedes Kind leidet in den ersten Lebensjahren unter Trennungsängsten. Dabei ist die Mutter die wichtigste Verbindung. Die Evolution bietet dafür ein schlichtes Modell an. Die Mutter kann stets sicher sein, dass es ihr Kind ist; beim Vater ist das nicht der Fall. Werden die Trennungsängste verstärkt, indem die Mutter keine Zeit hat, mit anderen Dingen beschäftigt ist und ihre Zuneigung nicht richtig dosiert, werden die Trennungsängste nicht überwunden und bleiben für das restliche Leben, wie es in der Form von Klammern, Verantwortung, Co-Abhängigkeit zu beobachten ist. Dass in diesem Fall der Stiefvater der Ersatzvater ist, mag zusätzlich dazu beitragen.

Ich kann es natürlich nicht nachempfinden, nur nachvollziehen und beobachten, was ich in meinem Umfeld sehe und es scheint wirklich ein lebenslanges Problem zu sein, das nicht einmal mit dem Tod der Mutter überwunden wird.

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