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Fragen an einen Alkoholiker

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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Hartmut
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Hartmut » 25.07.2020, 08:46

Hallo Melina
Eine fällt mir aber gerade noch ein: Belügt sich ein Alkoholiker auch selbst oder gezielt nur die Angehörigen um in Ruhe weiter trinken zu können. Also ist es mehr Manipulation oder glaubt er selbst, was er sagt?
Wie Sunshine es schon beantwortet hat war es auch bei mir. Nun ist es nicht nur wegen Außen und seinem Umfeld wegen. Man belügt sich solange selbst, bis man es auch selbst glaubt.
Neulich hat er aber ganz offiziell sein Hefeweizen getrunken und ist trotzdem noch parallel an den Wein gegangen
Er hatte sein „Level" noch nicht erreicht was er als Süchtiger für sich braucht. . Da geht es auch nicht um Wein, Bier oder Schnaps. In Wein ist mehr Alkohol wie in Bier. Da geht es eben schneller. Zudem man als Alkoholiker immer unter Druck steht und nicht weiß wie man wieder an den Stoff kommt und haut dann alles schnell weg.

Gruß Hartmut

Sunshine_33
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Sunshine_33 » 25.07.2020, 10:10

Liebe Melina, Du schriebst:
Neulich hat er aber ganz offiziell sein Hefeweizen getrunken und ist trotzdem noch parallel an den Wein gegangen
Hartmut antwortete Dir darauf:
Er hatte sein „Level" noch nicht erreicht was er als Süchtiger für sich braucht. . Da geht es auch nicht um Wein, Bier oder Schnaps. In Wein ist mehr Alkohol wie in Bier. Da geht es eben schneller. Zudem man als Alkoholiker immer unter Druck steht und nicht weiß wie man wieder an den Stoff kommt und haut dann alles schnell weg.
Es ist genau so, wie es Hartmut beschreibt !
Es ist ja unbestritten eins der eindeutigsten Symptome unserer Krankheit, den Alkoholkonsum nicht unter Kontrolle zu haben.
Sobald man was getrunken hat, schreit der Körper nach MEHR !
Und der Kontrollverlust nimmt seinen Lauf... denn es ist nie genug.
Und Ja, dazu kommt, das man sich eintrichtert, was man bekommen kann, und je schneller es ballert, umso besser.
Man ist immer darauf bedacht, irgendwie seinen Pegel zu halten, um nicht auf Entzug zu kommen.
Und dazu ist auch im Grunde jedes Mittel recht.

Dein Partner trinkt ja wieder, ist also rückfällig geworden.
Und er will es auch so, er WILL ja wieder trinken und nichts auf der Welt wird ihn davon abhalten können.
Ich habe im Laufe der Jahre mit einigen Rückfälligen gesprochen...selbst hatte ich noch keinen Rückfall und ich hoffe, das bleibt auch so.
Bei mir ist es allerdings so, das ich trocken wirklich zufrieden und manchmal auch glücklich bin in meinen Leben, der Alk spielt keine Rolle mehr.
Ich stehe also zu 100% hinter meiner Trockenheit, weil ich dieses Leben liebe und es mir so sehr gewünscht habe.
Aber zurück zu den Rückfälligen... da war anfangs oft noch die Hoffnung, kontrolliert trinken zu können.
Ich kenne aber echt keinen einzigen, wo das funktioniert hat.
Der eine ist schneller wieder drauf, sozusagen von jetzt auf gleich und säuft dann auch noch mehr als je zuvor, wegen dem Gefühl, seit Wochen, Monaten oder Jahren auf etwas verzichtet zu haben.
Bei anderen ging es nicht ganz so schnell, sondern zog sich über einige Wochen hin, bis sie wieder auf dem alten Level oder auch schlimmer drauf waren.
So sieht es leider mal aus, Melina. :?

LG an Dich,
Sunshine

Melina71
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Melina71 » 25.07.2020, 11:16

Lieber Hartmut, liebe Sunshine,

vielen Dank für eure Antworten. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie wichtig es für mich ist, endlich Antworten zu bekommen.
Und ich merke dabei auch, wie wenig ich bis jetzt so verstanden habe, obwohl ich schon mit meinem allerersten Freund diesbezüglich Erfahrungen sammeln 'durfte'.

Also spielt es letztendlich auch keine Rolle, ob er nun 'Spiegeltrinker' oder 'Quartalsäufer' ist? Wobei ich mittlerweile sowieso nicht mehr sicher bin, wann er was trinkt. Bei meinem ersten Freund dachte ich auch lange Zeit, er würde erst abends trinken und fiel aus allen Wolken als ich im Nachhinein erfahren habe, dass er schon auf der Baustelle seine Biere zischt.

Noch eine Frage: Ich lese immer wieder, dass wenn man trocken werden möchte, die Betroffenen ein trockenes Umfeld wünschen, weil es einfach leichter wird. Als mein Freund noch vermeintlich auf dem richtigen Weg war, hab ich ihm daher angeboten, hier zu Hause gar keinen Alkohol mehr zu bevorraten. Er meinte damals aber, es wäre ihm egal, ob ich was trinke und ich müsse mich nicht wegen ihm einschränken.
Ein Zeichen, dass er es nicht wirklich Ernst gemeint hat? Oder totale Überheblichkeit? Oder eine Mischung aus beidem?😕

Sunshine_33
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Sunshine_33 » 25.07.2020, 11:55

Er meinte damals aber, es wäre ihm egal, ob ich was trinke und ich müsse mich nicht wegen ihm einschränken.
Ein Zeichen, dass er es nicht wirklich Ernst gemeint hat? Oder totale Überheblichkeit? Oder eine Mischung aus beidem?
Hm, also ich würde nicht sagen, das man es grundsätzlich nicht ernst meint, wenn man sowas sagt.
Viele unterliegen ja dieser Selbstüberschätzung, das es ihnen nix ausmache, wenn jemand in ihrer Gegenwart Alkohol trinkt.
Und man möchte das auch nicht zugeben, denn es ist doch "das eigene Problem und nicht "das der anderen".
Ich glaube, wer so denkt, hat sich mit dem Wesen der Alkoholkrankheit noch nicht eingehend befasst und auch nicht mit der eigenen Erkrankung genügend auseinander gesetzt.
Oder will es auch gar nicht.
Es kann also Unwissenheit gepaart mit Selbstüberschätzung sein oder auch das Nicht-Wahrhabenwollen, das "nur nicht trinken" nicht ausreichend sein wird.
Viele kommen mit der Zeit selbst drauf, oft auch mit Unterstützung einer SHG oder dem Arzt, das es so nicht funktionieren wird.
Und betreiben dann doch lieber Risikominimierung, zu der wir hier ja auch raten.
Andere werden halt rückfällig... wahrscheinlich sogar der größte Teil, denn die Rückfallquote ist ja immens hoch bei unserer Erkrankung.
Und ein kleiner Teil hockt vielleicht tatsächlich weiterhin trocken in der Kneipe und demonstriert so Stärke, was gar keine ist, sondern eher pure Dummheit.

Das alles ist jetzt meine persönliche Einschätzung, aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, auch die hier gesammelten und in einer realten SHG.
Andere mögen das anders sehen, Melina.

LG Sunshine

Pellebär
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Pellebär » 25.07.2020, 13:37

Moin Melina,

ich denke es ist seine Sache, seine Befindlichkeit, wie er sich entscheidet. Du kannst nicht in seinen Kopf gucken, du kannst ihn aber unterstützen, wenn er ein trockenes Umfeld will, hilf ihm, wenn er sagt, du brauchst dich seinetwegen nicht einschränken, hör auf dich. Schmeckt es dir denn noch allein? Schau da auf dich. Du kannst ihm sein Leben nicht abnehmen, aber, wenn ihr es denn beide wollt, den Weg mit ihm gehen, der ihn zufrieden trocken sein lässt.

Ich bin von Anfang an offen mit Alkohol umgegangen und jetzt schon viele Jahre zufrieden trocken.

Bleib bei dir.

LG PB

Melina71
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Melina71 » 26.07.2020, 10:04

Hallo PB,

Du sagst , Du wärst von Anfang an offen damit umgegangen. Das ist genau das, was ich bei meinem Freund vermisse. Ich wünschte, er würde mir mal seine Wünsche, Ängste und Sorgen diesbezüglich mitteilen, weil man - wie Du ja auch sagst - nicht in seinen Kopf schauen kann. Aber mir kommt es so vor, als würde er sich lieber gedanklich überhaupt nicht damit auseinander setzen wollen, geschweige denn, mit mir darüber sprechen.

Die Aussagen von wegen , er verstünde vieles selbst nicht, kann ich einfach nicht glauben. Er ist ja nicht doof, ganz im Gegenteil, klingt mir eher nach Selbstbetrug.

LG
Moni

Hartmut
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Hartmut » 26.07.2020, 10:48

Hallo Moni

er schafft sich nur ein Zeitpuffer, um in Ruhe weiter saufen zu können. Du machst es ja, zwar mit Unmutsäußerungen, problemlos mit. Also ist die Welt in Ordnung. Solange du für dich keine Konsequenzen ziehst, (es geht hier ja um dich) solange stößt du weiterhin auf „Fragen, die für dich keine Antwort geben“ Es gibt nur eine Antwort auf die Fragen. Er müsste von sich auf aufhören zu saufen. Und zwar nur von sich aus.
Macht er es nicht, weil er noch nicht soweit ist, dann bleiben dir nur 2 Sachen übrig. Du machst es weiterhin mit und jammerst über die Situation oder du ziehst für dich Konsequenzen damit du wieder zufrieden und ohne Ängste, glücklich werden kannst.

Gruß Hartmut

Carl Friedrich
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Re: Fragen an einen Alkoholiker

Beitrag von Carl Friedrich » 26.07.2020, 12:41

Hartmut hat geschrieben:
26.07.2020, 10:48

er schafft sich nur ein Zeitpuffer, um in Ruhe weiter saufen zu können. Es gibt nur eine Antwort auf die Fragen. Er müsste von sich auf aufhören zu saufen. Und zwar nur von sich aus.
Macht er es nicht, weil er noch nicht soweit ist, dann bleiben dir nur 2 Sachen übrig. Du machst es weiterhin mit und jammerst über die Situation oder du ziehst für dich Konsequenzen damit du wieder zufrieden und ohne Ängste, glücklich werden kannst.
Genau so ist es.

Meine Familie hat mir vor mehr als 5 Jahren die Pistole auf die Brust gesetzt: "Entweder Therapie oder Trennung." Die Ansprache war klar und deutlich. Meine Familie hatte sich vorher Rat von der örtlichen Suchtberatung geholt.

Das war genau zu der Zeit, als selbst mir klar war, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich war im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr in der Lage, 'ne Saufpause einzulegen, sondern trank abends einfach weiter, obwohl ich mir morgens fest vorgenommen hatte, zumindest mal alltags nichts zu trinken.

Vielleicht kannst Du damit was anfangen. Übrigens, mein Ausstieg aus dem aktiven Teil der Sucht hat nicht nur meine Gesundheit, sondern auch unsere Familie gerettet. Du siehst, am Ende einer klaren und deutlichen Ansage muss nicht immer eine Trennung stehen. Vorausgesetzt, der Betroffene zieht mit.

Gruß
Carl Friedrich

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