Ständige Angst

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
JuliaTara
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Ständige Angst

Beitrag von JuliaTara » 02.03.2018, 10:08

Hallo!

Ich bin noch sehr kurz dabei und möchte gerne Erfahrungen und Tipps zum Thema "Angehörige von Alkoholikern" austauschen bzw. bekommen. Mein Freund und ich sind seit über einem Jahr zusammen und er ist Alkoholiker. Vor kurzem hat er gesagt, er will aufhören, meint es ernst und will in eine Therapie gehen.

Er hält sich zurzeit mit dem Trinken zurück, trinkt nichts und hat mir stolz erzählt, dass er auf seiner Dienstreise die Möglichkeit gehabt hätte Alkohol zu trinken, es aber nicht getan hat. Dazu muss ich sagen, dass er dort alleine, also ohne seiner Kollegen war und ich vermute, dass er deshalb nichts getrunken hat. Wenn seine Kollegen dabei sind, sieht die Sache ganz anders aus, da kann er nicht nein sagen.

Meine Ängste sind zu einem permanenten Stressfaktor geworden. Immer, wenn sich das Wochenende nähert, habe ich Panik, dass er ausgehen will und sich betrinkt oder dass etwas stressiges oder unerwartetes passiert, z.B. in seinem Job und er einen schlechten Tag hat und sich in die nächste Bar setzt. Ich möchte an ihn glauben und ihm die Chance geben, es durch zuziehen und ihm beistehen aber ich habe diese ständigen Ängste, dass er versagt. Hat jemand Erfahrungen damit und wenn ja, habt ihr vielleicht Tipps, wie man dem vorbeugen bzw. damit umgehen kann?

Vielen Dank!
Julia

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 02.03.2018, 10:59

hallo Julia,

herzlich willkommen bei uns im Forum.

Ich glaube zu diesem Beitrag kann dir hier jede Angehörige etwas schreiben, leider.
In den Punkten die du beschreibst, sehe ich leider keinen einzigen Anhaltspunkt dafür das sich dein Freund um eine stabile Trockenheit bemüht. Reden kann er viel, da müssen aber auch Taten folgen.
Dazu gehört mehr, als nichts zu trinken.
Was er tut ist ganz klar ein einlullen wollen der Partnerin, damit mal wieder etwas Ruhe einkehrt vom ständigen "generve"
Ich schreibe es so, weil ich selbst diese "Beruhigungspillen" geschluckt habe und er in Ruhe weitersaufen konnte, weil ich immer noch an ihn geglaubt habe.
Es ist hart, aber du kannst deinem Freund nicht helfen. Du kannst etwas für dich tun, damit es dir besser geht.
Mach dich nicht länger abhängig von seinem Befinden und seinen Launen.
Wenn er trinken will, wird er es tun, und dir versuchen hinterher die Schuld zu geben.
Nimm sie nicht an, denn du hast definitiv keine Schuld.
Hast du denn jemand mit dem du am Wochenende mal etwas unternehmen kannst?

Ich wünsche dir einen guten Austausch hier, auch wenn du nicht die Antworten bekommst, die du vielleicht hören willst.
Hier geht es um dich, wir möchten, das es dir fut geht.


lg Morgenrot

Aurora
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Beitrag von Aurora » 02.03.2018, 11:25

Hallo Julia,

wenn ich das lese dann klingelt es bei mir...

Das hat mein Exmann nämlich auch so gemacht. Immer wenn er merkte dass es mir ernst wurde und ich meckerte, Stress machte, dann reduzierte er sein Trinken. Ich habe das hier auch schon oft so bei den Alkoholikern gelesen, dass sie es dann auch so gemacht haben.

Gerade das mit der Dienstreise und dem (angeblichen) Nichttrinken, das kenne ich zur Genüge. Jetzt nicht zusammen mit Dienstreisen, sowas hatte mein Ex nicht. Jede Gelegenheit konnte das sein, zum Beispiel eine Familienzusammenkunft, bei der er nicht trank. Bzw. niemand hat ihn da trinken sehen dann.

Ich kann deine Zweifel sehr gut verstehen! Denn wenn er es wirklich ernst meint dann macht er auch sichtbar was. Arztbesuch, Entgiftung, Selbsthilfe oder/und Therapie.
Meine Ängste sind zu einem permanenten Stressfaktor geworden.
Das ist nicht gut! Du bist innerlich voller Druck und Angst! Das kostet Energie, so viel, wie du es gar nicht denkst. Ist es das wert?
Ich möchte an ihn glauben und ihm die Chance geben, es durch zuziehen und ihm beistehen aber ich habe diese ständigen Ängste, dass er versagt.
Das sagt doch sehr viel. Darin liegen alle deine Hoffnungen und Wünsche. Aber wie sieht es bei ihm aus? Ist er überhaupt dazu bereit was zu verändern? Möchte er dabei deinen Beistand? Und du hast Angst, dass er versagt, hui, dieses "versagen" gefällt mir nicht. Das hört sich so nach Prüfung an. Und Alkoholismus ist keine Aufgabe, die zu bestehen ist, es ist eine schlimme Erkrankung. Die zu stoppen ist nicht leicht und meistens muss viel im Leben des Betroffenen umgestellt werden, damit er lebenslang trocken bleiben kann. Das muss aber alles vom Betroffenen selbst ausgehen! Na klar ist es gut, wenn Angehörige da auch unterstützen! Aber grundsätzlich ist das Sache des Betroffenen selbst. Für mich hört sich das eben eher so an als wäre genau in diesem "ich habe Angst dass er versagt" genau das, was in dir selbst liegt. Du hast Angst, dass deine Lebensträume zerplatzen...

Du hast Ängste über Ängste. Angst ist ein grundsätzlich wichtiges Gefühl. Aber sie kann auch so vorherrschend werden, dass du völlig gelähmt bist und den Blick für dich verlierst. Ich weiß, wovon ich dir da schreibe, habe es selbst erfahren.

Es ist gut, dass du deine Ängste erkennst und etwas gegen sie tun möchtest. Das fängt aber nur bei dir an und hört bei dir auf! Was er tut ist dabei unwichtig!

Du hast Angst und Panik vor dem Wochenende? Okay, dann versuche doch für dich herauszufinden, woran du Spaß hast. Unabhängig von ihm. Denn du weißt ja nicht genau, was er so treiben wird. Du musst ja nicht darauf warten, was er nun macht, du darfst selbst machen!

Raus gehen, shoppen, Kino, Mädelstreff... Sport machen, Wellness oder mit einem Buch gemütlich auf dem Sofa räkeln. Mach dich unabhängig von seinen Belangen. Dafür ist er selbst zuständig. Ich meine, wenn er nüchtern bleibt kann er ja bei deinen Dingen mit machen (außer wenn es ein Mädelstreff ist :P ).

Aber fixiere nicht deine ganze Freizeit darauf, was ER nun macht. Du darfst ja auch deinen Plan haben, denn es geht ja um deine Zeit! Und da darfst du auch entscheiden, mit wem du sie verbirngst. Du musst also nicht wie hypnotisiert darauf starren, was nun passieren wird und wie er drauf sein wird.

Es ist DEINE Zeit, DEIN Leben, DEIN Wochenende!

Viele Grüße
Aurora

JuliaTara
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Beitrag von JuliaTara » 02.03.2018, 12:48

Morgenrot hat geschrieben:hallo Julia,

herzlich willkommen bei uns im Forum.

Ich glaube zu diesem Beitrag kann dir hier jede Angehörige etwas schreiben, leider.
In den Punkten die du beschreibst, sehe ich leider keinen einzigen Anhaltspunkt dafür das sich dein Freund um eine stabile Trockenheit bemüht. Reden kann er viel, da müssen aber auch Taten folgen.
Dazu gehört mehr, als nichts zu trinken.
Was er tut ist ganz klar ein einlullen wollen der Partnerin, damit mal wieder etwas Ruhe einkehrt vom ständigen "generve"
Ich schreibe es so, weil ich selbst diese "Beruhigungspillen" geschluckt habe und er in Ruhe weitersaufen konnte, weil ich immer noch an ihn geglaubt habe.
Es ist hart, aber du kannst deinem Freund nicht helfen. Du kannst etwas für dich tun, damit es dir besser geht.
Mach dich nicht länger abhängig von seinem Befinden und seinen Launen.
Wenn er trinken will, wird er es tun, und dir versuchen hinterher die Schuld zu geben.
Nimm sie nicht an, denn du hast definitiv keine Schuld.
Hast du denn jemand mit dem du am Wochenende mal etwas unternehmen kannst?

Ich wünsche dir einen guten Austausch hier, auch wenn du nicht die Antworten bekommst, die du vielleicht hören willst.
Hier geht es um dich, wir möchten, das es dir fut geht.


lg Morgenrot
Hallo Morgenrot!

Danke für deine Nachricht. Er hat am Montag einen Termin beim Therapeuten, wo er auch nach seinen Möglichkeiten in Bezug auf Hilfe gegen den Alkoholismus fragen will. Ich weiß nicht, wie ernst es ihm ist bzw. ob er das Ausmaß der Erkrankung oder dass es überhaupt eine Erkrankung ist, versteht. Wir haben zwar viel und lange darüber geredet aber ich glaube, er denkt, er kann das relativ schnell in den Griff bekommen und danach auf ein paar Bier mit Freunden gehen und gut ist.

Ich bin realistisch, was die Situation angeht, habe keine rosarote Brille und deshalb möchte ich auch ehrliche und offene Antworten bzw. Statements hier. Am Trinken gibt er mir nicht die Schuld. Sein Alkoholismus hat in seiner Ehe begonnen, als die Probleme eingesetzt haben. Er gibt eigentlich niemandem die Schuld, außer sich selbst und ist sein größter Feind.

Ich weiß, dass er das selbst wollen muss aber ich will ihn nicht im Stich lassen, weil ich weiß, dass dann etwas passiert...

Allerdings möchte ich mich auch distanzieren und nicht ständig daran denken, was er gerade macht. Ich selbst habe auch mit einer Therapie begonnen, weil ich diesen Stress nicht mehr ertrage.

Danke für den Austausch, das hilft ungemein!

Aurora
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Beitrag von Aurora » 06.03.2018, 21:39

Hallo Julia,

wie ist es dir inzwischen ergangen?

Viele Grüße
Aurora

JuliaTara
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Beitrag von JuliaTara » 13.03.2018, 15:38

Aurora hat geschrieben:Hallo Julia,

wie ist es dir inzwischen ergangen?

Viele Grüße
Aurora
Hallo Aurora,

lieb, dass du nachfragst. Ich weiß nicht so recht. Mein Freund hat zwar nicht viel getrunken in der letzten Zeit aber er hat getrunken. Letzte Woche war er ein Bier trinken und ich bin innerlich sofort ausgeflippt, weil ich dachte, er wird wieder um die Häuser ziehen. Etwas aktiv tun in Richtung Therapie, macht er nicht. Ich spüre zwar, dass er sich zusammenreißt aber das ist nur temporär fürchte ich. Gleichzeitig will ich ihm auch nicht ständig mit dem Thema in den Ohren liegen und ihn zu einer Therapie animieren. Das muss von ihm selbst kommen. Mich ganz entspannen wenn ich ohne ihn bin, kann ich nie, weil ich eben sofort denke, er geht in die nächste Bar...

Liebe Grüße
Julia

Aurora
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Beitrag von Aurora » 14.03.2018, 09:29

Hallo Julia,

schön, dass du dich gemeldet hast! :D .

Das hört sich ja echt angestrengt an:
Mich ganz entspannen wenn ich ohne ihn bin, kann ich nie, weil ich eben sofort denke, er geht in die nächste Bar...
Deine Gefühle und Gedanken haben ja einen Ursprung. Wahrscheinlich sind das ja auch deine Erfahrungen, weil es oft so war oder ist, dass er alleine trinken geht.

Diese Gedanken um ihn und was er gerade machen könnte, die sind Killergedanken. Sie halten dich von deinem Leben ab! Zudem du ja auch machtlos bist, wenn er unterwegs ist kann er hingehen, wo er möchte. Er ist ja erwachsen.

Und du bist es auch! Wer sagt denn, dass du zuhause auf ihn warten musst, bangen musst, wie er wohl ankommt. Ob er trinken war oder nicht. Du kannst dir doch was Nettes vornehmen in deiner Freizeit, was nicht unbedingt mit ihm zusammen hängt.

Ich wünsche dir einen guten Tag heute, mit vielen Dingen für dich.

Viele Grüße
Aurora

CoA12307
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Beitrag von CoA12307 » 16.03.2018, 15:24

Hallo Julia,
Ist es der Alkoholkonsum ansich, der dir Sorgen und Schmerz bereitet? Oder ist es sein Verhalten Dir gegenüber?

Mein Vater und meine Stiefmutter betrinken sich seit Jahrzehnten jeden Abend aber im großen und Ganzen verhalten sie sich sehr Anständig und Respektvoll und sind sehr glückliche Menschen. Alkohol trinken an sich muss nicht per se Problematisch sein. Es gibt Alkoholiker und es gibt Problemtrinker, die z.B. zu Gewalt neigen.

Als mein Freund in Therapie ging, war ich schon so tief in der Co-Abhängigkeit, das ich anfing, ihn wie eine besessene zu Kontrollieren. Manchmal grenzte es an Spionage. Einfach weil ich es von der Jahrelangen schädigenden beziehung gewohnt war, das es jeden Tag eine Katastrophe gibt. So zerbrach ich mir jeden Tag ängstlich den Kopf und lauerte auf die nächste Katastrophe. Wirst du überhaupt Vertrauen und Zufriedenheit empfinden können, so wie es jetzt alles ist?
Kannst du dich auf dich selbst fokussieren und gut für dich selbst sorgen ohne Angst? Ich habe heute noch angst, wenn es mir gut geht. Weil ich denke dann passiert jeden moment wieder eine Verletzung. Auch lange noch nach meiner Trennung. Erst als ich keinen Kontakt mehr zu Alkoholikern und oder verletzenden Coabhängigen hatte und aufgehört habe mich selbst schlecht zu behandeln verschwanden diese Ängste ganz langsam.

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