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Kontrolliertes Trinken!

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Pancho
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Re: Kontrolliertes Trinken!

Beitrag von Pancho » 13.06.2018, 07:46

Hallo Kossi,

das mit dem Neid kann ich durchaus nachvollziehen!
Alkohol ist ja nicht per Definition etwas Schlechtes und Schlimmes.
Aber für uns ist er das!
So vielleicht wie für den Diabetiker der Zucker.

Ich mache auch gerade wieder eine Phase durch, in der mir Gedanken durch den Kopf gehen, wie schön es wäre, in so einer lauen Sommernacht
zu trinken.
Die Frage ist, wie man mit solchen Gedanken umgeht.
Ob man zulässt, dass es einen quält und verzehrt.
Das Problem ist, dass diese Gedanken einem vorgaukeln, dass man ein Stück Lebensqualität verliert, dadurch, dass man nicht trinkt.
Weil man eben diese fröhlichen, lachenden Menschen beisammen sitzen sieht, mit einem Bier oder Glas Wein in der Hand, und das Ganze wird dann in Gedanken vollkommen aufgeblasen und überhöht, es bekommt einen magischen Glanz und man fängt an, sich zu bedauern, nicht Teil davon sein zu können.

Mir hilft sehr, mir dann bewusst zu machen, wieviel im Vergleich ich an Lebensqualität gewonnen habe durch meine Trockenheit.
Stell dir vor, durch einen Glücksfall ziehst du aus einer völlig heruntergekommenen Bude in ein schönes Haus.
Und es ist natürlich alles viel schöner und heller und es gibt noch einen Garten und deine Lebensqualität ist schlagartig um ein Vielfaches gestiegen.
Aber die Türklinke an der Wohnungstür in deiner alten Bude - die war schöner als die neuen im Haus.
Würde das jetzt dazu führen, dass du dich nach deiner alten Bude zurück sehnst?
Ne, natürlich nicht.
Und hier passiert es ganz automatisch, dass die neu gewonnene Lebensqualität solche Gedanken gar nicht erst aufkommen lässt.
Beim Alkoholismus ist das aber nicht so.
Hinzu kommt (wenn wir das mal übertragen auf den Alkoholismus) dass die Klinke in Wirklichkeit gar nicht so toll war.
Die Krankheit führt aber dazu, die Schönheit der Klinke zu verklären.
Eigentlich war sie rostig und hat dauernd gequietscht.

Was ich sagen will:
Es gibt diesen Automatismus leider nicht bei uns, oder zumindest bei den meisten nicht.
Es gilt, sich das zu erarbeiten durchs bewusst machen.

Der Alkohol hat unser Leben bestimmt und dominiert und dafür gesorgt, dass so viele andere Facetten des Lebens keinen Raum mehr bekamen.
Dabei ist der Alkohol nur eine winzig kleine, unbedeutende Facette des Lebens und man kommt prima ohne aus.

(Das Problem ist natürlich auch, dass Alkohol so extrem präsent ist und eine so große Rolle spielt in unserer Gesellschaft, das macht es natürlich schwieriger.)

Fazit: Sich den Gedanken nicht einfach hingeben und sie im Raum stehen und dadurch eine verklärte Sehnsucht aufkommen lassen, sondern mit ihnen arbeiten und bewusst etwas entgegen setzen.

Gotti
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Re: Kontrolliertes Trinken!

Beitrag von Gotti » 13.06.2018, 08:04

Sehr schön geschrieben Pancho! :!:

Ich habe mir hier die ganze Zeit überlegt , wo die Hilfe zur Selbsthilfe ist?
Einige Aussagen könnte ich ja verstehen, und würde für mich Hilfe herausholen, aber bei vielen anderen fühle ich nur Angriffe.
Da ich ja auch schon etwas älter bin, darf ich von Erfahrungen reden, wenn ich behaupte, dass Ärzte, Therapeuten und auch normale Menschen ( z.B. Arbeitskollegen) anders mit meiner Krankheit, meinem Problem umgehen, wenn sie direkt davon betroffen waren oder sind. Dabei gilt natürlich, dass jeder Einzelne seinen Weg dafür eingeschlagen hat, bzw. gegangen ist. So einem Menschen kann ich vertrauen, dass ich es auch schaffen kann.
Dabei helfen mir klare Worte, ich brauche keinen Weichmacher, aber ich schrecke zurück, wenn ich angegriffen werde, und mir nur aufgezeigt wird, was ich falsch mache. Das weiß ich ja nach 11 Jahren selbst. ( Sind bei mir auch 11 ) Jetzt brauche ich praktische Hilfe.
z.B.:
@ Pancho
@ Linde
@ Flanders
Und den alten Spruch: Wer will findet Wege!
Dann bleibe ich im Gespräch, und ziehe mich nicht zurück, auch wenn ich viel um die Ohren habe, Termine, Arbeit,....

Lieber Kossi, alles Gute zu den vergangenen geschafften Jahren!!! :!:
Du weißt, was dir gut tut. Hol deinen Notfallkoffer heraus ( @NnnGeo), mach mal Pause vom Helfen. Auch das kann ein Vorbild sein für andere!
LG Gotti.

kossi
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Re: Kontrolliertes Trinken!

Beitrag von kossi » 13.06.2018, 08:38

Tut mir leid das ich nicht öfter im Forum bin, ich muß mir die zeit im Forum abzweigen,
Wenn ich alleine zu Hause bin kann ich reingehen, ist meine frau Daheim geht es meistens nicht.
Blöde Ausrede, aber ich war so oft die letzten 11 Jahre in verschieden Psychiatrien unterwegs da fordert sie halt
Zeit für sie ein.
Vielleicht sind meine Gedanken um den Alkohol nicht ungewöhnlich, wenn ich eine Diät mache beneide ich auch
andere die Schlank sind und alles können.
Das mit der Gruppe im Krankenhaus hat seine Vor und Nachteile, Vorteil ich sehe Woche für Woche
Menschen mit Rückfällen die ich immer wieder sehe und lerne aus ihren Rückfällen.
Ich sehe Menschen die durch die Krankheit viel kaputt gemacht haben und das schreckt mich ab.
Die Gedanken wie beschrieben machen mir Angst, den Alkohol kann ich nicht aus den Weg gehen,
Ich sehe ihn beim Einkaufen, wenn bei mir im Dorf Feiern sind, gehört es sich das hingehe, ist halt so.
Ich kann mich nicht zu Hause einschließen, aber die Leute bei uns im Dorf wissen über meine Krankheit bescheid
und akzeptieren das ich nichts trinke.
Das ist gut, alle Hintertürchen sind geschlossen.
Die Leitung der SHG kann ich momentan nicht abgeben, da mein Kollege leider letztes Jahr gestorben ist.
Träger der Gruppen ist das Blaue Kreuz, aber die Gruppen sind die am weitesten entfernten vom Verein.
Es hat mir gut getan darüber zu schreiben und die Rückmeldungen zu bekommen, es ist mir leichter geworden.

Liebe Grüße, kossi

Emma2010
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Registriert: 06.10.2010, 08:40

Re: Kontrolliertes Trinken!

Beitrag von Emma2010 » 13.06.2018, 09:00

Servus,

ich habe so die Erfahrung gemacht, dass der Alkohol in der Vorstellung bisschen so wirkt,... wie Antidepressiva.
Man erhofft sich durch die aufputschende Wirkung, dass alles im Leben mal wieder leichter fällt, wieder besser drauf ist, sich von
den Sorgen distanziert oder noch besser, sie ne Weile vergessen könnte.

In Wahrheit allerdings gewinnt man wesentlich mehr Nachteile als Vorteile. Antidepressiva genauso wie Alkohol verursacht
Kopfschmerzen und Übelkeit und das bisschen Antrieb ist genauer betrachtet, genau der Grund, wenn im Leben nichts mehr
weitergeht. Man dreht bestenfalls Tag für Tag im Hamsterrad seine Runden. Mit solch gedämpfter Wirkung lässt sich vieles, was bei klaren
Kopf an die Nieren geht, schön reden. Jedoch in Wirklichkeit sieht man von den echten, ehrlichen möglicherweise Herausforderungen sowie
Perspektiven wenig, wenn unsere Wahrnehmung, die Gefühle durch die Drogen beeinträchtigt/manipuliert werden.

Und noch b...scheidener, wenn dann mal der Gewöhnungseffekt da ist und sich die Gedanken stets im Kreis drehen, man weiß eigentlich noch
was richtig ist und doch das Falsche tut.

Genau genommen also eine hausgemachte Zivilisationskrankheit, wenn man zuviel hat, vermeintlich uns zu gut geht, und dennoch
das Leben von einer inneren Unzufriedenheit gekennzeichnet ist, warum also nicht mal was riskieren?

Ob das allerdings der richtige Weg ist, nach 11 Jahren Trockenheit?

LG Emma

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