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Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Hartmut
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Hartmut » 14.07.2018, 22:53

Hallo Hull

aus meiner jetzigen IST Situation ist mein Anspruch nie wieder zu trinken(müssen) Diese IST Situation hält auch schon über 11 Jahre. Ich weiß nicht wie morgen diese Situation ist. Wenn ich wieder Saufe dann ist es auch Shit egal welche Begründung ich dazu habe. Ob Charakter, Krankheit oder weil Schmitz Katze einen Unfall hatte. Denn wenn ich wieder Saufe wollte ich es in diesem Moment. Das Handeln ist bei einem Suchtkranken nicht nur vom Verstand abhängig.

Gruß Hartmut

Penta
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Penta » 15.07.2018, 07:41

Hallo Hull,
folglich stelle ich mir die Frage, weshalb diese "Einsicht" nun irgendetwas beeinflussen soll, wenn sie a) stets vorhanden war und b) keinen Wert hatte und hat.
a) Bei mir war die Einsicht nicht stets vorhanden
b) Sie ist für mich nicht wertfrei.
Ich sehe einen nassen Alkoholiker als charakterschwach an, wenn er unzufrieden ist, aber nichts ändert.
Charakterschwache Alkoholiker, charakterschwache Menschen sind für mich Wortschöpfungen aus dem Bereich der Tautologie.

Ich gehe davon aus, dass du lange vor deinem Alkoholausstieg ein zufriedener nasser Alkoholiker warst. Das unterscheidet sich in der Tat sehr von meinen Erfahrungen.
Ich war erst ab da eine zufriedene Alkoholikerin, als ich aufgehört hatte zu saufen.
Aber ich war lange zufrieden, als ich soff, ohne mich als Alkoholikerin zu sehen und/oder eine gewesen zu sein.
Ich trank, weil ich ohne den Stoff unzufrieden war, wie andere Alkoholkonsumenten auch.
Ich kenne viele Menschen, die nicht auf ihr Glas Wein oder zwei oder drei verzichten wollen und damit sehr zufrieden sind. Ob sie Alkoholiker sind, weiß ich nicht.

Irgendwann stellte sich bei mir aber mit und wegen des Rausches, den ich regelmäßig und unkontrolliert erlebte, Unzufriedenheit ein.
Dass ab da für meine Unzufriedenheit zusätzlich zu allem Anderen nun auch mein Alkoholismus ursächlich war, wurde mir erst kurz vor meinem Ausstieg bewusst.
Ich trank nicht von Anfang an abhängig. Der Übergang vom Gläschen Wein hin zu zwei und mehr Flaschen abends vollzog sich bei mir schleichend und dauerte einige Jahre.
Das Bier, der Wein waren mit den Jahren zu meinem Antidepressivum geworden. Dass sie selbst inzwischen mein „Problem“ waren, war mir nicht bewusst. Charakterschwäche? Gern auch Dummheit oder Naivität.
Und da bin ich bei dem, was Thalia schon schrieb. Ich wollte meine Trinkerei ab dem Zeitpunkt aufgeben, als ich sie wegen ihres Suchtcharakters („Alkoholikerin“) und der damit einhergehenden Auswirkungen (Kontrollverlust...) als Ursache für meine Unzufriedenheit ausgemacht hatte.
Oder andersherum: Ich hätte keinen Anlass gehabt, aufzuhören Alkohol zu trinken, wäre ich keine Alkoholikerin, sprich: wäre ich mit meinem Alkoholkonsum und dessen Folgen zufrieden gewesen.


Grüße Penta

Maria
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Maria » 15.07.2018, 08:32

Hallo Hull,

mir fiel ebenso in den jüngsten Jugendjahren auf, dass sich mein Konsum deutlich von den "anderen" unterschied. Schon früh baute ich Trinkpausen ein, ein bisschen ging nie, entweder ganz oder gar nicht. Ich "wusste" irgendwie, dass ich eine Alkoholikerin sein könnte, allerdings nur an der Oberfläche. Diese - ich schreibe mal diese Vermutung über mich - ließ ich aber nicht weiter in mein Bewusstsein eindringen. Die Folge davon war, dass ich mir jahrzehntelang Vorsätze schaffte, die in "du solltest mal..." stehenblieben. Ab dem Zeitpunkt, als ich die Tatsache eine Alkoholikerin zu sein in mein Bewusstsein ließ, also dieses jahrelange Wissen wirklich annahm, wurde ich handlungsfähig. Aus "du solltest mal..." wurde "ich werde jetzt..." und das tue ich seit dem.
Die Frage ist also, was es bringen soll, sich selbst als Alkoholiker zu bezeichnen, wenn vorsätzlich gehandelt wird?

Wissen und Handeln ist - zumindest bei mir - nicht immer ein Gleichschritt. Ich handele häufiger "erstmal" vorsätzlich, weil mein Kopf stets schneller ist, als mein Bauch. Mich bringt das Wissen einen Schritt weiter, weil ich am Ende nicht vorsätzlich handeln möchte, sondern schlicht authentisch handeln. Doch das erfordert(e) bei mir eine Entwicklung.

LG Maria

Hull

Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Hull » 15.07.2018, 10:38

Penta hat geschrieben:
15.07.2018, 07:41
Irgendwann stellte sich bei mir aber mit und wegen des Rausches, den ich regelmäßig und unkontrolliert erlebte, Unzufriedenheit ein.
Dass ab da für meine Unzufriedenheit zusätzlich zu allem Anderen nun auch mein Alkoholismus ursächlich war, wurde mir erst kurz vor meinem Ausstieg bewusst.
Ich trank nicht von Anfang an abhängig. Der Übergang vom Gläschen Wein hin zu zwei und mehr Flaschen abends vollzog sich bei mir schleichend und dauerte einige Jahre.
Das Bier, der Wein waren mit den Jahren zu meinem Antidepressivum geworden. Dass sie selbst inzwischen mein „Problem“ waren, war mir nicht bewusst. Charakterschwäche? Gern auch Dummheit oder Naivität.
Hallo Penta,

du scheinst immer einen gewissen Alkoholpegel gehalten und einigermaßen kontrollierte Verhaltensweisen an den Tag geleget zu haben; dies war bei mir nie der Fall (Quartalstrinker). Die Alkoholmengen haben sich natürlich auch bei mir im Laufe der Jahre gesteigert, nur dachte ich bis zu den letzten 1 - 2 Jahren, dass es dabei egal wäre, ob man nun an einem Abend 2,5 oder 3,5 Promille hätte. Dies war natürlich ein Irrglaube, da die Verahltensweisen - die mit 2,5 Promille schon weit außerhalb der Norm lagen - mit 3,5 Promille nicht mehr zu kontrollieren waren und es gerade im letzten Jahr die Ausnahme war, im Suff keine Situation herbeizuführen, in der das eigene oder das Leben anderer durch einen kleinen Zufall auf einen Schlag für immer entwertet sein könnte.

Ich habe hier auch von ein paar Personen gelesen, dass sie nur noch die Wahl hätten, zu sterben oder zu saufen. Ähnlich habe ich es für mich festgelegt und dadurch kommt die Gewissheit, nie wieder zu trinken.

Grüße
Maria hat geschrieben:
15.07.2018, 08:32
[...]ein bisschen ging nie, entweder ganz oder gar nicht.
Hallo Maria,

das ist der Kernpunkt. Ich sehe das aber einfach als Charaktereigenschaft an. Wenn ich ein neues Hobby habe, befasse ich mich 16 Stunden am Tag damit; egal wie groß die Portion ist, ich esse alles auf; wenn es Bier gibt, trinke ich 10 davon. Dies ist einfach eine für Andere unmögliche Manie, alles zu einem endgültigen Abschluss zu bringen; keine halben Sachen zu machen; überall der Beste oder zumindest der Extremste zu sein und niemals Langeweile aufkommen zu lassen.

Grüße

Penta
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Penta » 15.07.2018, 11:12

Hallo Hull,
du scheinst immer einen gewissen Alkoholpegel gehalten und einigermaßen kontrollierte Verhaltensweisen an den Tag geleget zu haben; dies war bei mir nie der Fall (Quartalstrinker)
Ich war Quartalstrinkerin, die zwischen den Saufphasen einigermaßen kontrolliert funktioniert hat.
Wenn ich erst angefangen hatte zu trinken, wusste ich oft erst am nächsten Tag wieviel es war, wenn ich die leeren Flaschen zählte.
Lange Zeit konnte ich die Saufzeiten und manchmal die Menge kontrollieren.
Das gelang zum Schluss immer seltener. Diese Veränderung nahm ich wahr.
Ich habe hier auch von ein paar Personen gelesen, dass sie nur noch die Wahl hätten, zu sterben oder zu saufen. Ähnlich habe ich es für mich festgelegt und dadurch kommt die Gewissheit, nie wieder zu trinken.
Eben weil ich gemerkt habe, wie sich mein Trinken veränderte, weiß ich heute (Alkoholabhängigkeit), wohin die Reise geht.
Ich sage nicht, dass ich nie wieder saufe, sondern ich weiß, dass ich daran krepieren werde, sollte ich es tun. Daran gibt es für mich keinen Zweifel, weil ich Alkoholikerin bin.

Gruß, Penta

Maria
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Maria » 15.07.2018, 11:48

Hallo Hull,
das ist der Kernpunkt. Ich sehe das aber einfach als Charaktereigenschaft an. Wenn ich ein neues Hobby habe, befasse ich mich 16 Stunden am Tag damit; egal wie groß die Portion ist, ich esse alles auf; wenn es Bier gibt, trinke ich 10 davon
das trifft bei mir mit der Verbindung Alkohol vollkommen zu. Mit Alkohol ging nichts hoch oder tief genug. Es reichte nie, egal in welche Richtung. Nüchtern kann ich Maß halten und Grenzen anerkennen.

Auch wenn ich mich immer noch total gerne fokussiere und in Aufgaben verlieren kann. Das mag eine Charaktereigenschaft sein - ja, das zweifle ich für mich nicht an, das darf auch sein.

Doch schlußendlich bringt mir das Anerkennen Alkoholikerin zu sein (deine Eingangsfrage), innerhalb dessen zu handeln, anzuerkennen, loszulassen - eben Grenzen zu setzen.

LG Maria

Poster
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Poster » 08.08.2018, 21:44

Hallo Hull

Hier ist ein Gleichgesinnter.

Ich habe vor vielen Jahren das Glas weggestellt.

Ich hatte nie einen Rückfall.

Ich werde nie mehr Alkohol trinken.

Ich bin nicht (Alkohol)krank.

Ich bin kein Alkoholiker.

Ich bin mir meiner Sache zu 100 % sicher.

Ich kenne jetzt das Leben von seiner geilsten Seite.

Lg

der Poster

Cadda
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Re: Was bringt es, Alkoholiker zu sein?

Beitrag von Cadda » 09.08.2018, 13:23

Sehr interessante Diskussion, hier in Deinem Thread, Hull. Gestoßen bin ich darauf durch Deinen Beitrag in meinem Tagebuch und durch den Beitrag von Correns. Ich werde hierzu auch noch antworten.

Ich habe aber eine Frage an Poster:

Wenn Du kein Alkoholiker bist.... weshalb ist es Dir dann so wichtig, nichts mehr zu trinken? Ein Glas ab und zu kann dann (wenn Du nicht alkoholkrank bist) ja nicht so schlimm sein???

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