Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

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kossi
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Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von kossi » 24.07.2018, 15:39

Meine Frage ist, ist es für die Abstinenz wichtig, die Zeit als Trinker nur schlecht zu sehen?
Mein Therapeut in der Salusklinik, hat mir eine negative Prognose gestellt, weil ich
meine Zeit in der ich getrunken habe, zu viel positives sehe.
Darauf habe ich begonnen, die 31 Jahre die ich getrunken habe zu hinterfragen. Etwas Positives
habe ich nicht mehr gefunden. Ich habe angefangen mich zu schämen, alles was ich getan habe war schlecht.
Ohne Alkohol wäre ich ein besserer Mensch gewesen und kein Versager.
Einen Rückfall hatte ich nicht, habe mich aber immer wieder an meiner Vergangenheit runter gezogen.
Ergebnis immer wieder Aufenthalte in der Psychiatrie.
Bei der EX-IN Ausbildung, hat mir jemand gesagt, was ich alles geleistet habe, trotz meine Erkrankung.
Im meinen Portfolio habe ich alles zusammengetragen, was ich alles gemacht habe.
Das wichtigste, ich habe immer Arbeit gehabt, war ein guter Maurer. meine Familie war gut versorgt.
Mir wurde nie der Führerschein abgenommen und (dafür Danke ich Gott) nie jemanden geschädigt.
Jetzt schaue ich zurück sehe nicht mehr alles Negativ. Mir hilft es, auch mal über sich selbst zu lachen,
über Sachen die manchmal unter Alkohol angestellt habe, nichts schlimmes.

Grüße
kossi

Barthell
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von Barthell » 24.07.2018, 15:58

"müssen tust du garnichts, ausser sterben"

Ich hatte grade die Diskussion mit einem Freund, dass die Selbstwahrnehmung im Suff halt eine völlig andere ist, entsprechend würde ich meinem eigenen Urteil ob da etwas gutes dabei war nicht wirklicht trauen.

Ich habe auch eine Menge trotz saufen erreicht und frage mich manchmal "wo würdest du stehen wenn du nicht getrunken hättest"?

Habe ich aber ... und ändern kann ichs nun auch nicht also verfliegt diese Traurigkeit meist recht schnell.

Ich sehe wenig positives aus meiner Suffzeit, wenn es dir gut tut, hilft und du nicht übermütig wirst "musst" du nicht alles negativ sehen...

"Du musst" oder "Du sollst" steht mir doch garnicht zu ... da wie gesagt "müssen tut man nur sterben" ...

Hull
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von Hull » 24.07.2018, 18:23

Recht interessantes Thema.

Ich weiß z. B., dass ich extrem viele negative Dinge unter Alkoholeinfluss gemacht habe, und dennoch spüre ich keine Reue oder habe irgendwelche Gewissensbisse, die meine Handlungen in der Gegenwart nun beeinflussen. Es klingt hart, aber selbst wenn ich z. B. unter Alkoholeinfluss jemanden überfahren hätte, könnte ich damit leben. Es hat einfach keinen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein.

Grüße

Carl Friedrich
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von Carl Friedrich » 24.07.2018, 21:30

Hallo Kossi!

Meldet sich da bei dir das Suchtgedächtnis, dass dir vorgaukeln möchte, dass es auch schöne Zeiten gab, in denen Du dich nicht mit Alk abgeschossen hast und an die Du anknüpfen könntest, z.B. wegen des vermeintlich schönen Gefühls? Ich hoffe, Du bist nicht in Richtung Rückfall unterwegs.

Gruß
Carl Friedrich

kossi
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von kossi » 25.07.2018, 08:17

Ich habe keine Angst, momentan ist ein Rückfall weit weg (bleibe aber weiterhin Achtsam).
Dieses Thema beschäftigt mich von Anfang an, während meiner Entgiftung musste ich eine Selbsthilfegruppe besuchen,
hier wurde viel geweint und die Besucher haben sich selbst schlecht gemacht.
Ich will und kann nicht, mein Leben nur Negativ sehen, nur die Zeit in der Trockenheit gut.
Habe viele Sachen gemacht für die ich mich schäme, habe Sachen gemacht die verboten waren,
nicht gut. Ich Danke Gott, dass nie etwas passiert ist.
Das Negative bleibt in meinen Kopf erhalten, diese Gedanken hole ich mir, wenn schlechte Gedanken kommen.
Aber ich habe auch eine Lebensleistung, trotz meiner Erkrankungen und darauf bin ich stolz.
Es hilft mir.

Grüße, kossi

Hartmut
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von Hartmut » 25.07.2018, 09:04

Hallo Kossi,

wir sprechen hier auch immer von Kapitulation und geistiger Loslösung vom Alkohol. Deswegen schaue ich auch rückwirkend , wenn ich da überhaupt schaue, emotionslos auf die Auswirkungen der Krankheit zurück. Ich habe die Krankheit gestoppt und mir erschließt sich nicht, was da eine negative Betrachtungsweise bringen soll. Soll es abschrecken? Mich hat Abschreckung auch nicht in der nassen Zeit abgehalten weiter zu Saufen .

In einer rückwirkende Betrachtungsweise kann es ja auch passieren " Es war nicht gut aber auch viele Sachen waren nicht schlecht" Da würde ich der Sucht zu viel Raum geben. Natürlich kommen da immer wieder mal Erinnerungen auf. Das darf es auch. Es belastet mich heute nicht mehr.

Ich kann mir zwar vorstellen das gerade ganz am Anfang es eine Stütze sein kann das Negative hervorzuheben aber nicht bei einer stabilen Trockenheit.

Nun etwas am Thema vorbei. Nach meiner jahrelangen Erfahrungen wissen die meisten Alkoholiker warum sie rückfällig werden . Das liegt nicht in der Vergangenheit , nicht in der Zukunft, sondern nur im Hier und Jetzt.

Gruß Hartmut

Sunshine_33
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von Sunshine_33 » 25.07.2018, 10:08

Also ich sehe die Zeit, in der ich getrunken habe, nicht nur als negativ.
Erstmal war da ja auch die Zeit, wo wir jung waren, in der Clique oft einen übern Durst tranken
und so einige lustige Erlebnisse hatten, über die wir heute im Freundeskreis noch herzlich lachen können.
Da habe ich absolut kein Problem mit.

Später aber kam die Zeit des abhängigen Trinkens bei mir, da war diesbezüglich natürlich nichts mehr lustig.
Ich habe alles schreckliche so erlebt, wie andere Alkoholiker auch, das muss ich hier nicht extra alles ausführen.
Aber trotzdem ging doch auch das Leben in dieser Zeit irgendwie weiter.
Ich bin ja in dieser Zeit auch nicht völlig entwicklungstechnisch stehen geblieben und lebte nicht in einer abgeschlossenen Glaskuppel.
Es wurde auch in dieser Zeit gelacht, gelebt, geliebt, geheiratet und gestorben.
Und ich bin auch immer täglich meinem Beruf nachgegangen, war trotzdem ja auch Mutter und Partnerin.
Es ist nicht so, das ich in dieser Zeit nun gar nichts mehr geschafft hätte.

Aber... es hätte vieles so viel besser laufen können... privat wie auch beruflich.
Auch das ist mir klar, ich merkte es auch deutlich im Beruf. Schon nach ca. 1 Jahr Trockenheit bekam ich mein eigenes
Sachgebiet und leitete später auch mehrere Teams.
Da denkt man natürlich schon mal drüber nach, was man beruflich hätte erreichen können, wäre man nicht in die Alkoholabhängigkeit geraten...
Tja, aber es ist eben so gewesen, ich kann die Zeit auch nicht zurück drehen und auch nichts ungeschehen machen.
Und ich kann heute so leben, wir ich das gerne möchte, und nicht so, wie es mir die Droge aufdrückt.
Das ist doch auch was !!

Das Kapitel "Saufen" ist für mich eine Art geschlossenes Kapitel.
Egal was in der trockenen Zeit passiert ist, und da gab es leider auch viel trauriges und belastendes, Saufen war nie wieder
eine Option für mich.
Aber dieses Kapitel ist trotzdem ein Teil meines Lebens. Ich muss nicht so tun, als gäbe es ihn nicht.
Das neue Kapitel ist mein jetziges Leben, in dem es mir gut geht.

Carl Friedrich schrieb
Meldet sich da bei dir das Suchtgedächtnis, dass dir vorgaukeln möchte, dass es auch schöne Zeiten gab, in denen Du dich nicht mit Alk abgeschossen hast und an die Du anknüpfen könntest, z.B. wegen des vermeintlich schönen Gefühls? Ich hoffe, Du bist nicht in Richtung Rückfall unterwegs.
Diese Frage halte ich durchaus für berechtigt.
Denn das Suchtgedächtnis ist nun mal hinterlistig und einfallsreich.
Hier ist ehrliche Selbstreflektion vonnöten, um sich ganz klar zu werden, wo man gerade steht.
Und das haben viele von uns gut gelernt, hoffe ich. Dann muss man es auch anwenden.
Bei mir gibt es da eben diese Unterteilung zwischen "Spaßsaufen" und Alkoholabhängigkeit.
Das eine fand ich zeitweise lustig, so wie viele andere auch, mit denen ich damals zusammen war.
Die Alkoholabhängigkeit war kein Stück mehr lustig, auch das habe ich nie vergessen !
Und ich weiß ja, das sie dem Spaßsaufen folgte, und das dann absolut vorbei war.
Ich kann das also gut trennen, was wann war.
Und mache mir da auch nix vor oder rede gar was schön.
Mir ist 100% klar: Rühre ich das erste Glas wieder an, bin ich innerhalb kurzer Zeit wieder mitten in der nassen Phase meiner Krankheit.
Mir wird es da kein bisschen anders ergehen, wie allen anderen Rückfälligen.

Hartmut schrieb:
Ich kann mir zwar vorstellen das gerade ganz am Anfang es eine Stütze sein kann das Negative hervorzuheben aber nicht bei einer stabilen Trockenheit.
Das sehe ich auch so.
Ich finde auch nix dabei, dieses Negative hervorzuheben, wenn es schützen und nützen kann. Bei mir war das auf jeden Fall so.
Ich halte auch die Phase der absoluten "Alk-Verurteilung" für völlig normal, wo viele Alk zum Teufel schlechthin erklären und sich
über jede Alk-Werbung etc. aufregen.
Auch diese Phase habe ich in meiner frühen Trockenheit erlebt.
Heute ist es mir einfach nur egal, was die Werbung uns vorgaukeln will und was andere tun.
Ich geh derweil meiner eigenen Wege, auf denen Alk keine Rolle mehr spielt.
Nach meiner jahrelangen Erfahrungen wissen die meisten Alkoholiker warum sie rückfällig werden . Das liegt nicht in der Vergangenheit , nicht in der Zukunft, sondern nur im Hier und Jetzt.
Auch das sehe ich ebenso.
Muss ich mir mal so merken, sehr gut geschrieben, lieber Hartmut !

LG Sunshine

Karsten
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Re: Muss ich die Zeit in der ich getrunken habe, nur Negativ sehen?

Beitrag von Karsten » 25.07.2018, 10:38

Hallo,

es ist ja oft so, dass man sich gern nur an die schönen Dinge in der Verganheit erinnert und die negativen eher verharmlost werden.
Kenne ich von mir auch.
Ob ich mich an meine Armeezeit zurück erinnere oder auch an die Zeit der Obdachlosigkeit, als erstes kommen mir die positiven Momente in Erinnerung und bei genauerem nachdenken, dann auch die nicht so guten Situationen.

Was positiv und was negativ ist, liegt ja auch in der Betrachtungsweise.

Soweit es mein eigenes Leben betrifft, sehe ich auch heute nicht nur negativ, wie mein Leben verlaufen ist.
Was mein Verhalten ( trotz aller Krankheit ) bei meiner Familie ausgelöst hat, da kann ich auch heute nichts Positives sehen.
Da übe ich auch heute noch Demut, denn auch wenn es "vergessen" oder besser verdrängt ist, auch meine amilie wird sich ihr Leben lang an Situationen, die durch mein Verhalten für sie nicht so gut waren.

Das kann ich auch nicht wieder gut machen, sondern nur durch meine Trockenheit zeigen.

Um den letzten Gedanken mal aufzugreifen von Sunshine bzw. Hartmut.

Um rückfällig werden zu können, muss ich erst mal trocken werden.

Gruß
Karsten

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