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Alkoholismus und Egoismus

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Yvonne78

Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Yvonne78 » 31.07.2018, 06:12

Hallo zusammen...ich bin Yvonne und noch nicht ganz 40 Jahre alt.
Vor beinahe genau 6 Jahren lernte ich meinen Mann kennen und zog für ihn von Berlin nach Leipzig. Daß er viel trank fiel mir nicht so auf, da er auf Montage war. Ich schreibe mal in der ICH-Form weiter, da sich herausgestellt hat, daß soviel gelogen und unecht war.....Na eineinhalb Jahre später entstand ein Kind...mein Wunschkind ( später wird er sagen, es war zu früh...ich 36 und er 48 ). Mein Mann hat eine große Familie, die sich regelmäßig zusammenfindet, um ausgiebig zu saufen. In dieser Sippe gibt es weder Wärme, noch Vertrauen...dies grämte ihn immer sehr. Ich fügte mich anfangs, nahm mich dann aber bis zum endgültigen Kontaktabbruch zurück. Immer öfter kam er schon betrunken nach Hause ( von der Arbeit...stieg so aus dem Auto ), aber ich war überfordert und konnte es nicht begreifen....so gab es immer öfter Streit. Letztes Jahr im Sommer fuhren wir für 3 Tage zu meinen Eltern an die Ostsee und ich merkte schon, daß er litt. Am 2ten Tag fiel er dann in aller Öffentlichkeit um....epileptischer Anfall...ich dachte er stirbt.Die Notärztin fragte mich ganz unverblümt, ab er Alkoholiker sei...man sähe es ihm schon an. Ich war geschockt...beschämt....enttäuscht. Meine ganze Familie war entsetzt. Er schwor später, nie wieder was anzurühren...dieses Lippenbekenntnis hielt nicht lange und es wurde noch schlimmer. Dann im Januar fuhr er zur Arbeit und als er dort nicht ankam, rief ich ihn an. Er erzählte mir...hackedicht...daßer dem Ganzen ein Ende machen wolle. Ich rief die Polizei, ihn zu suchen...sie kamen auch zu mir nach Hause und die Geschichte endete damit, daß er in unserer Heimatstadt mehrere Unfälle verursacht hat und saufend auf dem Marktplatz hockte. Er kam zu Entgiftung, zwei Monate danach in die Langzeit und seitdem ist er ( augenscheinlich trocken ). Ich zog seinen Karren aus dem Dreck...kümmerte mich allein um unser Leben, die Kinder...ging arbeiten....versorgte ihn. Nach der Therapie war er immer missmutig und glotzte mich nur blöd an wenn ich nach Hause kam. $ Wochen später kam heraus, daß er sich mit einer 58jährigen in der Terapie vergnügt hatte und mich ja eigentlich seit Januar nicht mehr liebt. Da bin ich durchgedreht....fühlte mich ausgenutzt, belogen und betrogen. Völlig selbstgefällig zog er nach und nach aus...verschwindet tagelang und lässt mich hier schon wieder hocken. Stattdessen zog es ihn wieder zu seiner alkoholkranken Familie. Man sagte ihm: du musst ein völlig neues Leben anfangen.......ja das hätte man auch anders interpretieren können.

Speranza
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Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Speranza » 31.07.2018, 18:39

Hallo Yvonne!

Als ich deinen Beitrag gelesen habe dachte ich ganz spontan eigentlich müsste sie froh sein diesen Mann loszuwerden. Er trinkt ständig, belügt und betrügt dich, du kümmerst dich um den Lebensunterhalt um die Kinder und um ihn wenn er total abstürzt.

Meine Frage an dich: Warum nur? Warum lässt du dir so etwas überhaupt gefallen? Wozu brauchst du diesen Mann, er ist doch nur ein Klotz an deinem Bein und dein Kind sieht auch nichts Gutes.

Du kannst ihm nicht helfen ihm scheint sein Leben ja so zu gefallen sonst würde er es ändern. Du brauchst aber auch nicht rumzuhocken und auf ihn warten sondern kannst dir etwas Gutes tun vielleicht zusammen mit dem Kind.

Ganz ehrlich so etwas braucht wirklich kein Mensch und darauf zu warten dass er trocken wird kann dich Jahre deines Lebens kosten und wird vielleicht nie eintreffen. Ich habe viele Jahre an meinen alkoholkranken Mann verschwendet ich wusste es halt nicht besser. Er ist letztes Jahr an den Folgen seiner Trinkerei verstorben ich bin vor 7 Jahren ausgezogen und war froh dass ich das bittere Ende nicht miterleben musste.

Es ist auch ein Trugschluss zu glauben wenn er nicht mehr trinkt wird alles gut denn gewisse Charaktereigenschaften sind auch im trockenen Zustand vorhanden.

LG und alles Gute
Speranza

Yvonne78

Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Yvonne78 » 31.07.2018, 21:34

Hallo und danke für deine offenen Worte.
Ich glaube, ich trauere nur einer verlorenen Liebe nach.Es fing ja alles so romatisch an...Kind...Hochzeit.
Man sagt ja auch, daß, wenn der Alkohol wegbleibt, der wahre Charakter eines Menschen zum Vorschein kommt und du hast Recht mit der Frage:was will ich mit so einem Klotz am Bein?
Es wäre falsch zu behaupten, daß ich jetzt schon froh bin...die Enttäuschung und die Wut sitzten noch tief....aber trotz DEM ganzen Mist bin ich jetzt schon befreit. Sollen doch andere seinen Abstieg begleiten und ihm die vollgekotzten Klamotten wechseln...oder sich sein Suffgewäsch anhören...oder ihn versorgen, weil er ja SO keinen guten Job mehr findet. Sollen doch andere meine Rolle übernehmen....ich geh mit meinen Kindern wieder raus ins Leben :-)

Emma2010
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Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Emma2010 » 20.08.2018, 20:41

Hi Yvonne,

Hast mein Posting von vorhin gut auf den Punkt gebracht.
> Diese Sichtweise sagt eigentlich nichts anderes aus, als dass man hätte alles anders/besser machen können,...

Nun, ich schreibe ja nicht hier im Forum, wenn nicht wüsste, was Sache ist.
Ich bin ja auch mal in deiner Situation gewesen und habe mich auch wie du, um nichts besser verhalten und gehandelt.
Bevor mich mit wissenschaftlichen Büchern über Alkoholismus auseinander gesetzt habe, dachte ich noch, hm eigentlich ist mein Partner
nur ein ziemlich nazistischer A... Bis ich erstmal das Wesen der Krankheit gecheckt habe und die Verhaltensweisen, die typisch sind für alle
mit eben dieser Krankheit.

Wenn man sich mit den Mustern von Co-Abhängigkeit auseinander gesetzt hat, ist es bisserl naiv zu denken, nur in der Beziehung zum Süchtigen =
Co. Und falls mich nicht verhalte, wie ein unterdrücktes Hausmütterchen, dann auch keine Co mehr, bzw. ohne den Unruhestifter, auch keine Co
mehr? Du siehst es ja jetzt in deiner Geschichte, ihr seid soviel ich mitbekommen habe, derzeit getrennt, aber deine Gedanken kreisen in jeden
deiner Postings um ihn und seinen Bockmist.
Nun, ist irgendwie auch normal, wenn man noch mitten drin steckt. Ich mache dich auch nur drauf aufmerksam, damit es dir eben auffällt.

Sag mir doch bitte noch, was hat denn Empathie mit genug Unterstützung und Mitleid zu tun. Ich bin nämlich in einem sozialen Aufgabenbereich
tätig und glaube mir, aus Mitleid wäre mein Beruf nicht zu stemmen.
Empathie ist für mich zu fühlen, wie es jemanden geht. Nur durch die Ausbildung und meine Erfahrung, bin somit in der Lage, eine Situation auch adäquat einzuordnen und dann entsprechend zu handeln. Glaube, dass muss auch jede/r Co mal lernen, um wieder heil aus der Geschichte rauszukommen.

Zu guter Letzt: Thema Emanzipation! Ich hoffe, es gibt auch in Sachsen noch was zwischen dem unterdrückten Hausmütterchen und einer
Emanze? Und Emanzipation bedeutet auch nicht geschlechtsbezogen.
Ich halte mich z.B. für emanzipiert, weil ich aus meiner eigenen Geschichte was gelernt habe, wieder mit genug Selbstwertgefühl durchs Leben
spaziere, meine Beziehungen frei von Abhängigkeit genießen kann, meinen Platz im Leben gefunden und mich von nichts und niemanden
ausnützen lassen will, mich angenehm mit mir und der Welt verbunden fühle.

Das war halt nicht immer so, bin dankbar dafür und genieße es wie`s ist.

Ich bin mir sicher, wenn dein Weg auch noch lang ist, schafft du das was du willst.
LG Emma

Yvonne78

Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Yvonne78 » 21.08.2018, 14:29

Hallo Emma,

ich glaube es ist müßig, meinen Werdegang zu analysieren...sowas macht mehr Sinn, wenn man sich persönlich kennt.
Ich danke dir dennoch für deine offenen Worte und kann dir sagen, daß, wenn ich hier im Forum schreibe, sich natürlich das Meiste um meinen Mann dreht....schliesslich hat er mich/uns in dieses Unglück gestürzt. Da ist es mir auch langsam egal, ob er krank ist. Er hat ja noch ein Resthirn, um zu wissen was er tut. Ehrlich gesagt habe ich mich hier angemeldet, um mich mal ordentlich ausk...zu können und vielleicht meinen Frieden zu finden. Aber ich merke auch, daß es immer wieder gute Tage gibt...und auch schlechte. Das kann bestimmt jeder nachvollziehen, der so viel verloren hat wie ich. Der Fokus richtet sich aber immer mehr in Richtung Zukunft...ich fühle mich also nicht gestrandet.

...und so offene Worte wie deine helfen mir dabei :-)

Gotti
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Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Gotti » 22.08.2018, 06:52

Sehr gut Yvonne! Du bist auf dem richtigen Weg!
Immerhin hast du es schneller geschafft durchzublicken als ich, aber ich kann jetzt jedes Detail deiner Lebensgeschichte und deiner Gefühle nachempfinden. Es ist einfach nur gut, dass ich jetzt getrennt lebe, denn der Abstand lässt mich erkennen, was alles falsch gelaufen ist. Mein Mann hat sich noch nicht geändert. Es ist einfach nur entspannend, nicht auf "gute" Tage, Momente warten - hoffen zu müssen. Heimkommen ist jetzt IMMER ein guter Moment!!!
Es gibt immer wieder Leute, die mich auf meinen "Verlust" ansprechen. Für sehr viele ist mein Auszug nicht nachvollziehbar. Aber für mich war und ist es immer noch das Beste, das ich tun konnte. Nur so kann ich NEU leben.
LG Gotti.

Yvonne78

Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Yvonne78 » 23.08.2018, 05:34

Guten Morgen Gotti,

es wird immer wieder Menschen geben, die nicht verstehen können, wieso man nicht mehr in der Beziehung mit einem Alkoholiker sein will. Aber das Verständnis überwiegt zumindest in meinem Fall und ich hoffe, daß es bei dir auch so ist. Es wird auch immer Menschen geben, die sich nie aus der Co-Falle lösen können. Meistens steckt der schnöde Mammon dahinter. Ich kenne das aus meinem Bekanntenkreis und möchte liebe Freundinnen oft einfach nur schütteln....aber ich weiß, daß sie es aus eigener Kraft schaffen müssen und es egal ist, was ich sage.

Gotti...hab einen schönen und entspanntenn Tag :-)

Emma2010
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Re: Alkoholismus und Egoismus

Beitrag von Emma2010 » 23.08.2018, 09:26

Hi Yvonne,
....schliesslich hat er mich/uns in dieses Unglück gestürzt. Da ist es mir auch langsam egal, ob er krank ist.


Diese Ansicht ist doch völlig nachvollziehbar und legitim. Wenn du es damit hinbekommst, dich besser abzugrenzen, dann bist auch nicht
mehr so leicht zu verletzen.

Mit meinen Mann hatte es einige Jahre gegeben, wo ich oft nicht wusste, wem grade vor mir habe, Jekyll oder Mr. Hyde.
Was ich noch wichtig finde, ist es vielleicht auch auf die eigene Kommunikation zu achten.
Da ihr ein gemeinsames Kind habt, werde ihr wohl immer wieder miteinander reden müssen. Kennst das sicher auch, dass der Süchtige versucht, dir die Schuld für sein Verhalten und seine Beleidigungen zu geben, auch wenn es gar keinen Grund dafür gibt.

Wenn ich verbal angegriffen wurde, hat mich das natürlich oft wütend gemacht und habe zurück geschlagen, versucht mich zu rechtfertigen.
Leider bringt das gar nichts. Besser ist es mit weniger DU-Botschaften und mehr ICH-Botschaften auszukommen.

Alkoholiker sind nach meiner Einschätzung oft ziemlich sensibel. Manchmal reicht schon unsere enttäuschte Mine, dass derjenige
auszuckt. Oder der Süchtige kommt zur Tür rein und man merkt es ja, wenn jemand getrunken hat. Als Co hat man ebenso den 7. Sinn.
Beginnt man also ich Kommunikation mit dem Vorwurf: Hast du schon wieder getrunken oder du bist ja betrunken?
No na, wenn jemand abhängig ist, dann ist die Bemerkung überflüssig.

Mit ICH-Botschaften ist man besser dran. Das macht mich traurig.... ich kann so nicht mehr.... ich fühle mich verletzt von dem...

Alkoholiker sind meistens sehr manipulativ. Klappt es nicht mit dem verbalen Angriff, dann versuchen sie es mit ihren guten Willen.
Also kommt dir entgegen. Doch als Co solltest den Strohhalm nicht aufgreifen, sich lieber ablenken, weggehen, jene Distanz fortsetzen,... solange
bist jener/e seinen A.. hochkriegt und zur Therapie geht.

Allerdings meistens kommt der Co mit ein bisschen Abstand auf die Beziehung schnell drauf, dass die Zukunft ohne den süchtigen, bzw.
trockenen Alkoholiker wesentlich vielversprechender ist, und man echt keine Angst vor dem Alleinsein haben muss.

Ich gehe mal davon aus, dass ist dir das schon klar ist. Bleib bei dir und deinen Bedürfnissen, dann machst alles richtig.

Liebe Grüße
Emma

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