Am Rückfall selbst schuld?

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
Karsten
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Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von Karsten » 09.08.2018, 18:11

Hallo,

heute wieder ein neues Thema:

Ist man an einem Rückfall selbst schuld?


Gruß
Karsten

NNGNeo
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von NNGNeo » 09.08.2018, 21:38

hallo karsten

da ich ja noch nie einen rückfall hatte ist es für mich verdammt schwer diese frage zu beantworten, aber ich versuche es mal trotzdem.
nun ist ja ein rückfall etwas was zuerst im kopf passiert, lange bevor es überhaupt wieder zum eigentlichen rückfall kommt. zuerst gehen bestimmte verhaltensmuster voraus, also ein rückfall in alte verhaltensmuster, was ich als trockenen rückfall kenne. im kopf geschieht dann etwas wie z.b vielleicht kann ich ja doch kontrolliert trinken oder eigentlich bin ich gar kein richtiger alkoholiker, also nasses denken. von den rückfälligen alkoholikern die ich kenne berichteten von einem innerem kampf und eine art tunnelblick ob man nun wieder trinken soll oder nicht.
ist der entschluss dann gefallen wieder zu trinken wird es sehr schwer wieder davon abzukommen, ist aber nicht unmöglich.

ich denke schuld an einem rückfall hat man vielleicht schon zum teil, aber nicht komplett. gerade am anfang kann der suchtdruck manchmal unerträglich werden, ich habe es zu meiner anfangszeit selber häufig genug erlebt. oder es kommt unerwartet ein schickssalsschlag, auch das kann einen rückfall auslösen, eigentlich alles wo man keinen anderen ausweg mehr sieht. das wäre dann der teil wo man nicht selbst schuld ist, aber man darf auch nicht vergessen das man es dann selbst war der sich die flasche wieder an den hals gesetzt hat. wir alle die hier trocken sind wissen wo sie sich in kritischen situationen hilfe suchen können, und zwar bevor es überhaupt wieder zum trinken kommt.


die dauer der trockenheit spielt für mich dabei auch eine rolle, jemand der gerade erst trocken geworden ist hat nun mal ein höheres rückfallrisiko als jemand der schon jahrelang trocken ist. ich selber bin jetzt schon jahrelang trocken, und ich denke wenn ich jetzt rückfällig werden würde, dann wollte ich wieder saufen, nichts anderes. das selbe kann aber auch auf jemanden zutreffen der frisch trocken ist, jedoch denke ich das man es da nicht verallgemeinern kann.

auch kommt es darauf an wie habe ich mich selbst verhalten, wenn man über die schuld eines rückfalls spricht. habe ich mich wieder einem nassem umfeld ausgesetzt? mich wieder mit alten saufkameraden getroffen? habe ich alkoholhaltiges essen zu mir genommen? alkoholfreies bier getrunken?
wenn das zutrifft, dann würde ich sagen ja, ich bin es in gewisser weise selber schuld das ich wieder gesoffen habe. ich habe mich trotz besserem wissens meine trockenheit leichtsinnig auf`s spiel gesetzt und brauch mich dann auch nicht zu wundern warum ich rückfällig geworden bin.

ist man an einem rückfall selbst schuld?
ich denke das kann man nie so genau sagen, nicht mit ja oder mit nein. es würde wohl eher beides zutreffen, wie stark der einfluss war warum man rückfällig geworden ist ist von fall zu fall unterschiedlich ausgeprägt.
grüße
NNGNeo

Karsten
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von Karsten » 09.08.2018, 22:10

Hallo NNGNeo,

um rückfällig werden zu können, muss man ja erst mal längere Zeit ohne Alkohol sein.
Jemand der zwei, drei Tage nüchtern ist, kann daher nach meiner Sichtweise nicht rückfällig werden, sondern säuft halt einfach weiter.

Jemand, der länger trocken ist, setzt sich ja auch irgendwie mit dem Thema auseinander.
Bis zum wieder ersten Glas hat man ja die freie Entscheidung, ob man wieder saufen will oder nicht.
Damit meine ich auch nicht unbedingt, wenn man mal Gedanken an Alkohol hat, denn wir haben ja eine Vergangeheit und die kann man halt auch nicht vergessen oder sollte man auch nicht verleugnen.

Gruß
Karsten

Gruß
Karsten

Carl Friedrich
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von Carl Friedrich » 09.08.2018, 22:35

Hallo!

In meiner Therapie hieß es immer, man solle im Zusammenhang mit der Sucht und somit auch bei einem Rückfall nicht mit dem Begriff der Schuld arbeiten. Schuld bedeutet subjektive Vorwerfbarkeit. Dort ersetzte man den Schuldvorwurf durch den der Verantwortlichkeit.

Ja verantwortlich bin ich für das, was ich früher getan habe und für das, was ich falsch mache, falls es zu einem Rückfall kommt.

Alles, was ich bislang von Rückfällen gehört habe und was mir von Rückfälligen berichtet wurde deutet darauf hin, dass ein Rückfall nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlägt, sondern eine Vorgeschichte hat. Und für die trage ich die Verantwortung, indem ich wichtige Dinge nicht beachtet habe.

Gruß
Carl Friedrich

Karsten
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von Karsten » 09.08.2018, 22:41

Hallo Carl Friedrich,

in Therapien wird ja oft etwas anders bezeichnet, als es der einfache Mensch tut.

Wenn ich für etwas Verantwortung trage und der Verantwortung nicht gerecht werde, bin ich halt schuld oder ich hätte die Verantwortung nicht übernehmen dürfen.

Bei unserer Krankheit müssen wir aber die Verantwortung für uns übernehmen und können es auch, wie ja viele trockene Alkoholiker zeigen.

Gruß
Karsten

NNGNeo
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von NNGNeo » 09.08.2018, 22:43

hallo karsten

jemand der gerade ein paar tage nüchtern ist hat vielleicht mal ne trinkpause gemacht, da stimme ich dir zu.
nur was bedeutet längere zeit ohne alkohol? wie lang muss diese zeit denn sein?
ich glaube da gibt es keine echte zeitspanne, aber das spielt ja jetzt auch keine rolle.

bis zum ersten glas hat man den freien willen? nun ich hatte noch keinen rückfall, stand aber damals kurz davor falls du dich noch erinnern kannst. da war ich gerade mal ein paar monate trocken.
da bin ich wie in trance in die tankstelle reinmarschiert mit dem festen willen jetzt zu trinken, hatte das sixpack bier auch schon in der hand.
warum ich es dann doch nicht gemacht habe, weiß ich nicht mehr so genau, ich denke da hat sich dann doch noch mein verstand eingeschaltet.
deswegen glaube ich nicht unbedingt das man bis zum ersten glas die freie entscheidung hat wieder zu trinken.
grüße
NNGNeo

Karsten
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von Karsten » 09.08.2018, 23:09

Hallo NNGNeo,

ich hatte mehrmal eine Rückfall nach je ca. einem Jahr ohne Alkohol.
Ich hatte Wochen vorher schon den Rückfall vorbereitet und mir Ausstiegmöglichkeiten für eine erneute Nüchternheit überlegt, die mir den Rückfall erleichtern sollten.
Ich wollte wieder saufen, obwohl ich wusste, nach ein paar Tagen würde ich wieder mit Wahnvorstellungen im Krankenhaus landen. War ja dann auch so.

Was deinen Weg zur Tanke betrifft, bestätigt er, was ich immer von alkoholfreiem Umfeld und alkoholfreier Wohnung sage.

Das du erst zur Tanke musstest, hat dir Zeit zum überlegen verschafft.
Hättest du Alk in der Wohnung, dann hättest du weniger Zeit zum überlegen.

Gruß
Karsten

Hartmut
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Re: Am Rückfall selbst schuld?

Beitrag von Hartmut » 10.08.2018, 08:48

Hallo Karsten,

schwierig ist es ab wann man noch schuld ist und ab wann nicht mehr. Nach den ersten Wochen, Monate oder Jahre des Trocken seins? Wann ist Stabilität?

Sollte ich heute nach 11 Jahren anfangen zu Saufen dann bin ich selber schuld. Es muss ja im Vorfeld etwas passiert sein das ich wieder saufen will.Nach 11 Jahren ist es ja kein Muss. Es wird ja erst wieder ein Muss nach dem Wollen. Kommt ja nicht von heute auf Morgen das ist Saufen will.

Irgendwas hätte ich da vernachlässigt.

Also. Bin selber schuld.

Gruß Hartmut

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