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Emotionen

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.
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Cadness
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Emotionen

Beitrag von Cadness » 23.08.2018, 14:37

Hallo liebes Forum,

nun, ich bin seit knapp 2 Jahren trocken.

Ich bin ein sehr zielstrebiger und ehrgeiziger Typ und habe im Laufe meines Lebens gemerkt, wie schwach mich Emotionen machen. Weg waren sie ja nicht, doch zeigen konnte ich sie im Prinzip nur, wenn ich "Party" gemacht habe, dadurch, dass es mir mental in den letzten Jahren immer schlechter ging, war da leider nicht mehr mit viel positiver Party, wie ich das mal kannte. Es war Frust, Traurigkeit und irgendwie Hoffnungslosigkeit.

Zum Schluß war es so, dass ich nur noch gearbeitet habe und am Abend getrunken. Der Job, der meine Hauptenergiequelle war, gab mir auch nicht mehr das, womit ich Liebe aus einer Beziehung ausgleichen konnte. Das zu verstehen an sich war nicht das Thema, sondern dieses spüren und emotional hinzusehen, für was ich mich entschieden hatte, auf biegen und brechen.

Ich bin ein Mensch der Extreme, das macht das Leben für mich sehr anstrengend, was ich aber so nicht mehr gemerkt habe, da es normal war und ich den Rest habe ich ausgeglichen mit Alkohol.

Im Job konnte ich mich immer abgrenzen, da ich dort die Ansagen gemacht habe, privat bin ich mitgeschwommen und habe nicht mehr auf mein Bauchgefühl gehört, so hatte ich keine Ressourcen um aufzutanken.

Ich habe fast alles geändert, was man ändern kann, angefangen vom Job über Wohnung. Das mit Freundschaften hat sich automatisch selektiert. Mich hat nie jemand zum Trinken überreden müssen:), das war meine eigene Verantwortung und habe nie die Schuld bei anderen gesucht. Das was ich früher gemacht habe geht halt nicht mehr, und man hat viel mehr Zeit, die man erstmal füllen muss.

Ich war auch im Klinikgeschäft und am Besten hat mir die Frauengruppe gefallen und gut getan. Themen wie Sie müssen loslassen, musste ich erstmal googeln, weil ich gar nicht verstanden habe, um was es geht. Selbst das ist ein Prozess für mich gewesen, das geht alles sehr langsam und ich bin ein ungeduldiger Mensch.

Jedenfalls spüre ich jetzt wieder, was mir gut tut und was eher nicht. Und nachdem ich nicht mehr trinke, blieb mir gar nichts anderes übrig, als genau das dann zu tun um es zu ändern.
Bei einer Person kann ich bis jetzt nicht richtig loslassen, da habe ich immer noch eine nichtgestillte Erwartungshaltung und werde diese aktuell auch nicht los. Durch das abstinente Leben, bin ich aber konsequenter der Person geworden und aale mich nicht mehr im WARUM, zumindest nicht mehr soviel;))

Der Alkohol war ein Teil von mir, dort konnte ich Emotionen haben. Er hat mich 20 Jahre begleitet, mal mehr, mal weniger, mal gar nicht und zum Schluss unkontrolliert. Ich hatte keine Motivation mehr zum Leben, aber auch nicht zum Sterben.

Es ist auch zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich nicht weiß, wie es ausgeht. Da es ein ganz anderer Weg ist, den ich gehe. Das macht mir oft Angst, ich habe mich oft einsam gefühlt.

Es ist natürlich für mich leichter loszulassen, wenn was positives passiert oder sich entwickelt, step by step, mal geht es besser, mal schlechter. Ich denke, ich habe gelernt damit umzugehen ohne mich zuzuschütten, es ist ein Anfang und ich werde nach wie vor sehen, wohin mich das führt. Das andere Leben, war und ist keine Option mehr, für den Preis, den ich gezahlt habe.

Ich meine, das ich aktuell zum ersten Mal seit Jahren frei bin von negativen Emotionen. Ich spüre keinen Hass mehr, diese Erkenntnis tat gut.

Thalia1913
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Re: Emotionen

Beitrag von Thalia1913 » 23.08.2018, 16:36

Hallo Cadness, willkommen.

Ich habe auch die Funktion von Alkohol als Gefühlsregulierer sehr oft genutzt.

Ich erinnere mich an das Gefühl der Leichtigkeit, das entstand beim Trinken der ersten Schlucke, „einfach so“ vergnügt, ohne äußeren Anlass. Und ich erinnere mich auch an das Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, das entstand, wenn ich weiter trank. Ebenfalls einfach so, ohne äußeren Anlass. Ich dachte, das sind meine Gefühle. Und fühlte mich ausgeliefert. Abhängig.

Heute, ein paar (wenige) trockene Jahre später, sind meine Emotionen ganz anders. Fühlen sich ganz anders an. Das ist jetzt wieder nur meine eigene Hirnchemie, ohne die Zugabe von Alkohol. Das ist viel weniger extrem. Und oft vermischt, das eine mit dem anderen. Aber es fühlt sich so ... echt an. Wenn ich mich jetzt dabei „erwische“, wie ich mich gerade über etwas freue, dann denke ich „Ach guck an, DAS magst du also.“ Meine Gefühle zeigen mir, wie ich bin. Sind ein Weg, mich kennenzulernen. Und dadurch fühle ich mich gestärkt.

Warum glaubst du, dass „Emotionen dich schwach machen“, wie du schreibst?

Nochmals willkommen und dir einen guten Austausch hier.

Gruß, Thalia

Cadness
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Re: Emotionen

Beitrag von Cadness » 23.08.2018, 17:09

Hallo Thalia,

mh, Emotionen habe ich als Schwäche empfunden oder tue das immer noch, da in der Regel meine Erwartungshaltung nicht so erfüllt wurde. Und bin ich emtional in Themen involviert, fällt es mir wesentlich schwerer sachliche Entscheidungen zu treffen, hatte viel mehr Verständnis für alles, oder es war mir egal, oder ich wußte es gar nicht mehr:))) Ich konnte nicht loslassen emotional, deswegen habe ich Trennungen trotzdem durchgezogen, nach Außen hast Du mir das nicht angemerkt, innerlich bin ich fast gestorben vor Schmerz.

Also habe ich versucht, dass natürlich zu vermeiden, Emotionen überhaupt erst zuzulassen. Auf der einen Seite wollte ich sie, aber ohne Risiko bitte, und sobald was nicht so gelaufen ist, habe ich das sofort abgebrochen.

Ich habe mich dann so hineingesteigert in alles in meinem Suff, ich neige als Mensch natürlich auch nüchtern zum Drama, aber auf einem ganz anderen Level eben, und dadurch das ich mehr Eindrücke jetzt habe oder diese anders suche oder wahrnehme, steht das Drama sicherlich kurz im Vordergrund, aber dann nicht mehr 24 Stunden.

Das mit dem "mögen" geht mir ähnlich. Ich muss erstmal herausfinden bei manchen Themen, ob mir das Spaß macht, oder wie ich mir Urlaube in Zukunft vorstelle. Oder auch bei ganz banalen Sachen am Anfang.

Das große Ganze, habe ich immer noch nicht verstanden....

Dennoch bin ich zufrieden, vielleicht ist einfach auch nicht mehr, kann ja auch sein:))))

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