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sich selbst vertrauen

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
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Karsten
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sich selbst vertrauen

Beitrag von Karsten » 23.08.2018, 17:39

Hallo,

ich lese ja sehr oft davon, dass sich jemand sicher ist, nie wieder zu trinken.
Da scheint ja eine gewisses Selbstvertrauen vorhanden zu sein.

Wie weit kann man sich aber selbst vertrauen?

Gruß
Karsten

NNGNeo
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von NNGNeo » 23.08.2018, 21:36

hallo karsten

wie kann ich mir denn sicher sein das ich nie wieder trinke? ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ich hoffe es und tue alles in meiner macht stehende dafür das ich nie wieder trinke.
sicher kann ich mir dabei leider nicht sein.
trotzdem würde ich sagen das ich selbstvertrauen zu mir habe, auch was meine trockenheit angeht. doch auch ich bin nur ein glas vom rückall entfernt, wie wir alle.
grüße
NNGNeo

Sunshine_33
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Registriert: 25.07.2013, 11:35

Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Sunshine_33 » 23.08.2018, 23:03

Wie weit kann man sich aber selbst vertrauen?
Ist das nicht vielleicht auch eine grundsätzliche Frage ? Konnte man sich denn mal selbst vertrauen, VOR der Sucht beispielsweise?
Selbstvertrauen wird meiner Meinung nach in der Kindheit aufgebaut, und da haben auch die Eltern einen sehr großen Einfluss drauf.
Ich hatte eine relativ schöne Kindheit, verlässliche und auch liebevolle Eltern, und meine Eltern ließen uns Kindern auch viele Freiheiten.
So konnten mein Geschwister und ich ein recht gesundes Selbstvertrauen aufbauen, so schätze ich das jedenfalls ein.
Ich vertraue mir also grundsätzlich schon.

Aber... in meiner nassen Phase meiner Krankheit brach das alles nach und nach weg. Da traute ich mir am Ende selbst nicht mehr.
Wie denn auch... wenn ich mir selbst immer wieder versprach, nicht so viel zu trinken oder gar nicht mehr zu trinken, das aber nie
einhalten konnte?
Das ich wirklich alkoholkrank geworden bin, war mir zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht wirklich klar.
Ich verstand es selbst nicht, warum ich nicht aufhören konnte zu trinken, ich sah das als persönliches Versagen meinerseits.
Erst später, als ich wirklich verstand, das ich eine Krankheit habe, konnte ich vieles einordnen und verstehen, was mir passiert ist und warum
ich allein nicht mehr diesen Teufelskreis entkommen konnte.

Nach dem Entzug war erstmal kein großes Selbstvertrauen mehr da. Denn ich wußte, das viele rückfällig werden, auch wenn ich die genauen
Zahlen (glücklichersweise !) nicht kannte, das hätte mich wohl noch mutloser werden lassen.
Ich fragte mich, wie soll ich es denn schaffen, wenn es so viele andere auch nicht schaffen?
Und ich war auch lange Zeit sehr unsicher... erst als ich das erste trockene Jahr hinter mir hatte, keimte das erste Mal leichte Hoffnung auf,
das ich es vielleicht doch schaffen kann, dauerhaft trocken bleiben zu können.
Dieses Gefühl verfestigte sich mit den trockenen Jahren immer mehr.
Ich blieb trocken, trotz persönlicher Krisen, einschneidenen Trennungen und Tod von geliebten Menschen und was einen noch so schwer durchschütteln kann.
Saufen war für mich in all diesen schwierigen Zeiten trotzdem keine Option mehr.
Denn mir war 100% klar, was passieren würde, wenn ich auch nur einen Schluck Alkohol trinken würde.
Ich hatte nie Gedanken, das ich wieder "kontrolliert" trinken könnte.
Warum sollte ich was können, was andere Alkoholiker auch nicht können ? So vermessen war ich nie.
Und heute würde ich es auch gar nicht mehr wollen, selbst wenn ich es könnte.

So ist also mein Selbstvertrauen in den Jahren der Trockenheit langsam wieder gewachsen.
Heute erlaube ich es mir einfach, mir wieder selbst zu vertrauen, auch mit meiner Krankheit.
Denn es wäre auch kein Leben für mich, wenn ich immer Angst vor einem Rückfall haben müßte und mich nie sicher fühlen dürfte.
Und so ist es auch nicht im mir innendrin.
Ich fühle mich sicher, auch wenn ich weiß, das auch ich nicht 100% vor einem Rückfall gefeit bin.
Auch wenn sich das widersprüchlich anhören mag, ist es trotzdem so.

Und man kann ja auch einiges FÜR seine Trockenheit tun, so ganz spontane Rückfälle sind ja wohl eher selten.
Es ist mir auch egal, das ich nun schon über 16 Jahre trocken bin... ich reflektiere mich immer noch selbst, wie es mir innendrin so geht, auch
in Bezug auf Alk.
Das ist auch kein aufwändiger Akt für mich, sondern eher etwas gewohntes, was darum auch relativ schnell geht.

LG Sunshine

kaltblut
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Beiträge: 5528
Registriert: 20.06.2006, 17:01

Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von kaltblut » 24.08.2018, 15:53

Hallo Karsten,

ich bin so einer. Ich kann nicht ausschließen, dass ich irgendwann sterbe, aber hier und heute, jetzt, ist das nicht möglich, da möchte ich mir auch jetzt keine Gedanken drum machen, sonst könnte ich die Zeilen nicht schreiben. Sorry, es ist natürlich möglich, aber wenig wahrscheinlich.

Meine Zellen sind nicht aktiv um zu sterben, die haben die Aufgabe zu leben, bis sie nicht mehr sind. Alle zusammen ergeben ein Kaltblut und das musste sich irgendwann nicht mehr 24h mit Prävention beschäftigen, das war dann alles wieder so wie sein sollte.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Organismus es zulässt, dass ich mir diese Giftstoffe nochmals verabreiche.

Es gibt keinen Grund an meiner Trockenheit und an mir zu zweifeln. Warum sollte ich trocken werden, um an mir zu zweifeln? Das ist doch sinnlos. Irgendwann muss ich mein Selbstvertrauen auch wieder annehmen dürfen.

LG Karl

Thalia1913
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Beiträge: 3618
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Thalia1913 » 25.08.2018, 11:18

Hallo Karsten,

wenn ich sicher wäre, (z.B. dass ich nie wieder trinke), dann brauche ich kein Vertrauen, denn dann habe ich ja Gewissheit. Vertrauen hängt bei mir mit mit Ungewissheit zusammen. Genau da, wo ich nicht sicher bin, brauche ich Vertrauen.

Das baue ich langsam auf in den letzten Jahren. Das fällt mir nicht leicht, weder das Vertrauen in mich selbst noch das Vertrauen in andere. Vermutlich geht es über den Weg, Erfahrungen zu machen. Mich einlassen, trotz Angst oder Ungewissheit.

In Bezug auf meine Trockenheit vertraue ich mir. Das ist ein gutes, sicheres Gefühl, aber es bedeutet eben nicht, dass ich sicher wäre, nie wieder zu trinken.

Gruß, Thalia

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