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sich selbst vertrauen

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
Hull
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Hull » 05.11.2018, 23:13

Guten Abend,

ich bin seit 19 Monaten nüchtern und bin mir sicher, niemals wieder Alkohol zu trinken. Es ist nicht so, dass der Alkoholmissbrauch gänzlich unlogisch war - auch nicht aus heutiger Sicht, dennoch habe ich nur noch Verachtung dafür übrig.

Grüße

Hartmut
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Hartmut » 06.11.2018, 17:58

Hallo Karsten,

Die Alkoholkrankheit (Sucht) hebelt Vertrauen aus. Ich kann nur temporär vertrauen, mich sicher fühlen. Ich war mir zu oft im Leben sicher, das etwas nicht eintrifft aber das Leben lehrte mich etwas anderes. Es gibt auch keine Sicherheit in der Sucht. Egal ob Nass oder Trocken. Es gibt nur ein Gefühl einer Sicherheit.

Gruß Hartmut

kamarasow
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von kamarasow » 07.11.2018, 10:01

Hallo,
und bin mir sicher, niemals wieder Alkohol zu trinken
@Hull: Was gibt dir die unumstößliche Gewissheit, niemals wieder zu trinken? Ich bin der Meinung, wer als Süchtiger die Wörter "sicher niemals wieder" verwendet, der belügt sich selbst bzw. muss aufpassen, die Demut vor der Krankheit nicht zu verlieren.

Grüße
Karamasow

Hull
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Hull » 07.11.2018, 12:26

Hallo Kamarasow,

das ist für mich nachvollziehbar, aber ich habe keine Demut.

Für mich ist es genau umgekehrt. Jeder Mensch hat es selbst in der Hand und ich stehe zu 100 % hinter der Nüchternheit, somit bleiben also genau 0 % für etwas anderes als die Nüchternheit.

Ein anderer Benutzer hat in der gleichen Diskussion einmal die Frage gestellt, zu wie viel Prozent die Personen hier an einen Rückfall glauben. Diese Frage hat bezeichnenderweise niemand beantwortet.

Grüße

kamarasow
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von kamarasow » 07.11.2018, 14:01

Ich denke Demut ist ein guter Ratgeber, um diese 100% auch einhalten zu können.

Du schreibst, dass du nur Verachtung für den Alkoholmissbrauch übrig hast. An der Stelle war ich auch schonmal. Weit bevor ich überhaupt irgendetwas getrunken habe. Für mich war die Verachtung des Alkohols demnach nur eine Momentaufnahme. Es wird wieder andere Momente im Leben durch innere oder äußere Impulse geben. Man verändert sich stetig. Gut möglich, dass dann deine, im Moment sattelfeste, Logik später temporär durcheinander kommt.

Apropos Logik: Süchtige - du und ich - agieren nicht in jeder Situation logisch. Die Krankheit und dessen Verlauf ist nur bedingt logisch. Weshalb ist dann eine logische Betrachtung des Sachverhalts ein richtiger Ansatz? Zumal derjenige, der behauptet den Sachverhalt logisch bewerten zu können, nicht vollumfänglich dazu imstande ist.

Um den Faden wieder zum Thema zu finden: Ich bin der Meinung, Selbstvertrauen (so wie es sunshine beschreibt) und "sich selbst vertrauen" sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. Es gibt Alkoholiker die strotzen nach außen hin nur so vor Selbstvertrauen. Ich erinnere da nur an den user Vollwaise (ob er noch kontrolliert trinkt?). Den Grad des Selbstvertrauens würde ich demnach nicht als Maß dafür nehmen, wie gut ein Mensch mit der Krankheit umgehen kann. Sich selbst zu vertrauen ist für mich das Agieren in schwachen oder ungünstigen Momenten. Beispielsweise, man ist nach Jahren der Abstinenz auf einer Feier und greift in einer passenden Situation nicht zum Wein oder zum Bier, weil man andernfalls sich selbst und seine Bemühung verraten würde. Ich würde das "sich selbst vertrauen" auch mit einer Beziehung zu einem anderen Menschen gleichsetzen wollen. Man vertraut beispielsweise dem Partner, dass er nicht bei der nächstbesten Gelegenheit fremdgeht. Das definiert für mich den Begriff "sich selbst vertrauen" besser und so würde ich Karstens Eingangsbeitrag auch verstehen. Und um seine Frage zu beantworten, ob man sich selbst vertrauen könne? Ich hoffe, ja. (Während mein Naivitätsfilter schreit: "In der Geschichte der Menschheit ist man noch nie Fremdgegangen und der Mensch hat auch noch nie sich selbst verraten oder seine Selbstachtung verloren.")

Gruß
Karamasow

Hartmut
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Hartmut » 07.11.2018, 15:26

Hallo

wenn ich zu 100% ausschließen würde, nicht wieder rückfällig zu werden, verharmlose ich die Krankheit, was wiederum ein Bestandteil der Krankheit ist. Ein Teufelskreis 😉

Ich hatte mir auch in den nassen Jahren vertraut, als ich sagte „Morgen mache ich mal eine Pause“. Klappte das nicht, war das Schönreden wieder an der Reihe, was wiederum auch eine Verharmlosung ist.

Solche Aussagen sich zu 100% sicher zu sein nehme ich für mich auch nicht ernst. Sowas kommt bei mir in die Schublade „Stammtischgeschwätz“

Gruß Hartmut

Carl Friedrich
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von Carl Friedrich » 07.11.2018, 16:13

Hartmut hat geschrieben:
07.11.2018, 15:26
Solche Aussagen sich zu 100% sicher zu sein nehme ich für mich auch nicht ernst. Sowas kommt bei mir in die Schublade „Stammtischgeschwätz“
Danke Hartmut, Du hast es auf den Punkt gebracht.

Ich verspreche niemand, dass ich nie wieder was trinke. Das kann ich leider nicht ausschließen.

Dennoch bin ich zuversichtlich, was meine Abstinenz anbelangt. Ich wähne mich auf einem guten Weg, behalte aber die Augen offen. Insoweit bringe ich das nötige Selbstbewusstsein mit. Ob das auf Vertrauen zu mir selbst fußt, habe ich noch nicht ergründet. Warum nicht? Weil es mir nichts bringt.

Gruß
Carl Friedrich

cpt
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Re: sich selbst vertrauen

Beitrag von cpt » 07.11.2018, 16:31

In dem Moment, in dem ich sagen kann dass ich nie wieder Alkohol trinke, hätte ich den Alkohol im Griff. Leider ist es umgekehrt, sonst wäre ich nicht hier.

Dass Selbstbewusstsein, dass ich momentan nichts trinken muss, fas habe ich. Aber wer weiß schon welche Situation er irgendwann meistern muss, wie es ihm irgendwann geht und ob er alles trocken durchstehen kann?

Dass ich nie wieder trinke, davon bin ich vor einigen Jahren fest ausgegangen. Nach heftigem Alkoholmissbrauch in der Jugend hatte ich eingesehen nicht kontrolliert trinken zu können und nach fruchtlosem kontrolliertem trinken ganz auf Alkohol verzichtet. Nach ein paar Jahren war der Alkohol soweit weg, dass ich nie darüber nachgedacht hatte und in dieser Zeit hätte ich nicht gedacht dass ich je wieder was trinke. Hätte man irgendjemanden aus meinem Umfeld befragt hätte er das so bestätigt.
Als mich meine damalige Freundin dann nach 8 jahren so unerwartet verlassen hat und ich nichtmal wusste wieso hab ich von einem auf dem anderen Tag angefangen heftig viel zu trinken, einfach um zu vergessen. Und dann ging es los und zwar schlimmer als je zuvor. Und mir war schlichtweg alles egal, ich hab jegliche hobbys und Interessen abgelegt und mich nur noch dem Alkohol hingegeben. Von daher kann ich sagen, ich kann mir erst sicher sein nie wieder Alkohol zu trinken, sobald ich auf dem Sterbebett liege.

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