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Wenn alles langsam zerbröckelt

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
susi1600
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Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von susi1600 » 30.08.2018, 10:31

Hallo liebes Forum,

ich hatte hier schon meine laaange Geschichte aufgeschrieben.

Ich bin 34 Jahre und lebe mit meinem Mann in einem Generationenhaus zusammen mit meiner geliebten Mutter (54) und meinem alkoholsüchtigen Vater. Er ist seit ca. 30-35 Jahren Pegeltrinker. Seit einem Jahr ist er nicht mehr berufstätig und seit er nur noch zu Hause ist wird die Situation im Haus immer schwieriger.

Nach der letzten größeren Eskalation vor 3 Wochen haben mein Mann und ich beschlossen, dass wir wohl ausziehen werden trotz dem vielen Geld, was wir mit ins Haus und den Ausbau gesteckt haben. Seitdem schauen wir nach Häusern im Süden Deutschlands, aber es ist einfach alles unbezahlbar - hätte man das Geld nur anders investiert. Nun steckt es in diesem Haus und wir haben nichts davon - es ist schlimm!

Nachdem meine Mutter nach der Eskalation viel Vermittlungsarbeit leistete und mein Vater sich so halbwegs bei mir entschuldigte tut er nun wieder, als wäre nichts gewesen. Meine Mutter hingegen ist absolut reserviert. Lässt ihn alleine sitzen wenn er sich wieder voll laufen lässt, mit meinem Mann und mir wird auch nur noch oberflächlich geredet. Ich wünschte, ich könnte ihr helfen, aber sie will es nicht. Sie will nicht reden, frisst alles in sich hinein.
Wollte sie zu einer Selbsthilfegruppe für Angehörige mitnehmen, die Antwort war nur "da kann er selber hingehen". Sie hört auch gar nicht richtig zu, dass es eben für ANGEHÖRIGE ist.

Wie habt ihr es damals erlebt, als alles langsam zerbröselte zu Hause - mich würden vor allem ähnliche Erfahrungen bzgl. Mehrgenerationenhaus bzw. enges Zusammenleben der Familie interessieren. Ich suche ein wenig "Halt", ein bisschen Orientierung, was auf uns zukommen könnte, obwohl ich natürlich weiß, dass es bei jeder Familie anders ist.

Lieben Dank,
Susi

Aurora
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von Aurora » 30.08.2018, 12:51

Liebe Susi,

ich begrüße dich erst mal sehr herzlich hier!
Momentan kann ich nicht viel schreiben, ich bin gerade selbst sehr unter Stress, leider. Aber wegen des ganz normalen Alltags-Wahnsinns.

Ich selbst bin auch kein Kind abhängiger Eltern, ich bin Coabhängige. Da gibt es aber viele Parallelen.

Ich schicke dir also herzliche Grüße
Aurora

Yvonne78
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von Yvonne78 » 30.08.2018, 15:17

Hallo Susi,

dieses Gefühl...diese verrückt machende Ohnmacht...kenne ich noch. Irgendwann kommt die Erkenntnis: man kann den anderen nicht ändern, man kann nur sich selbst ändern. Da gilt auch für deine Mama. So lange sie nichts ändern will, kannst du ihr nur signalisieren, daß du für sie da bist. Eines Tages kommt der Moment, in dem sie dich braucht.

Es tut mir so leid für euch....ihr könntet es so schön haben. Aber vielleicht ist jetzt auch die Zeit für Entscheidungen....in welche Richtung auch immer.

Ich wünsche euch viel Kraft und Mut

susi1600
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von susi1600 » 30.08.2018, 15:55

Hallo Yvonne,

die Erkenntnis, dass man niemanden ändern kann, bzw. dass mein Vater sich nicht ändert, ist nun seit wenigen Wochen da. Wohl auch bei meiner Mutter seit ca. 1 Woche. Es ist nun Zeit für Entscheidungen, wie du eben sagst - nur diese Zeit, in der man noch ohne Entscheidung in den Seilen hängt ist schwer.

Welche Erfahrungen habt ihr bzgl. Mehrfamilienhaus gemacht - wir haben 3 abgeschlossene Wohnbereiche, einer davon leer stehend. Macht es Sinn, an Stelle eines Co-Alkoholikers wie meiner Mutter, die sich entziehen möchte aber nicht kann (finanziell), sich in diesen leeren und abgeschlossenen Wohnbereich zu distanzieren? Ich denke, sie wird ihn nie verlassen/ausziehen und u.a. deswegen wird er auch vermutlich nicht aufhören zu trinken...

Man dreht sich oft gedanklich im Kreis, wälzt hin und her, wägt ab - zwischendurch plagen einen wieder bösen Gedanken...

Gleichzeitig tut es gut zu lesen, wie ihr mir Kraft und Mut schickt, vor allem, wenn man weiß, dass es von jemandem kommt, der ähnliches selbst schon erlebt und hinter sich gebracht hat - vielen Dank auch dir Aurora.

VG,
Susi

Yvonne78
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von Yvonne78 » 31.08.2018, 09:55

Hallo Susi,

das Problem mit dem Generationenhaus kenne ich nicht...aber diese nagende Ohnmacht. Man baut sich mit jemandem was auf ( Partner / Eltern ) und kommt aus der Nummer nicht ohne Verluste raus...nur weil einer quer schlägt.
Ich kann euch da nichts raten, weil es bei mir einfacher war, mich von meinem Mann zu lösen. Ich habe alles behalten....er hat nichts ( seine Entscheidung, vll. der Hauch eines schlechten Gewissens ). Hätte ich bei Null anfangen müssen, wäre es nicht so gut für mich gelaufen.
ZU deinen bösen Gedanken kann ich aber sagen: lass sie zu, sie sind normal ( habe ich hier gelernt )...sei ruhig mal wütend und enttäuscht....das ist, was Alkoholiker bei den Angehörigen in der regel auslösen und das muss auch mal raus.
Was sagt denn deine Mama zu dem leeren Wohnbereich? Ich finde die Idee nicht soooo schlecht. Ich hatte auch immer öfter das Bedürfnis, mich meinem Mann körperlich zu entziehen, wenn er mal wieder hacke war. Was sagt sie denn zu der Idee???

Aurora
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von Aurora » 31.08.2018, 12:04

Hallo Susi,

zumindest ist die Idee, dass deine Mutter in den leeren Wohnbereich zieht, nicht schlecht. Sie hat dann wenigstens eine räumliche Trennung, zumindest hat sie einen Rückzugsraum. Wenn sie es dann noch hinbekommen könnte deinen Vater sich selbst zu überlassen, also ihm keine Wäsche mehr macht, nicht für ihn kocht etc., wenn sie es schaffen würde, sich nach und nach ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, dann wäre das gut. ABER - wie Yvonne schon schreibt, sie muss es selbst wollen. Solange sie nichts ändern will ist es einfach so. Es ist ihr Leben...
Ich denke, sie wird ihn nie verlassen/ausziehen und u.a. deswegen wird er auch vermutlich nicht aufhören zu trinken...
Von diesem Gedanken verabschiede dich mal! Dass und ob dein Vater trinkt hängt nicht von deiner Mutter ab oder von sonst wem. Es hängt von ihm ab! Natürlich ist es auch so, dass Trennungen den Tiefpunkt beim Abhängigen auslösen können, es ist aber nicht generell so!

Mehrgenerationenhaus - das kenne ich nicht. Aber ich habe damals mit meinem Exmann im Haus gewohnt, in dem auch meine Eltern wohnen. Also in einem Mietshaus. Mein Ex und ich hatten unsere Wohnung aber gekauft. Ich bin schlussendlich damals ausgezogen. Alles andere hätte mich umgebracht. Mal ganz hart gesagt. Das hat mich viele Tränen gekostet und viel Loslassen aber ich war doch frei dann. Die Trennung hatte auch finanzielle Einbußen für mich. Aber das war mir dann egal. Ein Leben in Zufriedenheit, Freiheit, Lebenslust ist nicht mir Geld zu bezahlen!

Später hat mein Exmann im Rahmen unserer Scheidung meine Hälfte der Eigentumswohnung abgekauft... ich weiß nicht, wie das bei euch ist? Ich meine, ihr habt doch sicherlich einen finanziellen Anspruch da auf irgend was. Seid Miteigentümer, was weiß ich. Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie das bei euch geregelt ist? Du kannst das ja auch mal mit einem Anwalt besprechen. Informationen sind nie schlecht und erleichtern vieles.

Ich wünsche dir ein gutes Wochenende
Aurora

susi1600
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von susi1600 » 31.08.2018, 13:40

Tja, leider ist vor ca. 10 Jahren alles nur mündlich gemacht worden beim Haus/Anbau. Wir helfen mit, machen mit, können uns alles bauen/einrichten, wie wir es haben wollen - "später" bekommen wir es dann ja eh (vererbt). Alles steht auf meines Vaters Namen, noch nicht einmal meiner Mutter gehört etwas, geschweige denn meinem Mann/mir oder meiner Schwester. Mein Vater verweigert auch eine Patientenverfügung, das heißt, wenn was entsprechendes passiert sind wir voll am A... - Da ist halt mal gar nix geregelt (schriftlich). Das ist halt saublöd, denn uns gehört auf dem Papier gar nix und die Ziegelsteine oder das Dachfenster können wir ja schlecht mitnehmen...
Mieten will mein Mann nicht und wie gesagt, kaufen hier ohne Eigenkapital (steckt ja alles im Haus...) ist unbezahlbar. Aber da wird sich schon irgendwie etwas finden und es wird sich regeln. Erzwingen kann man eh nix.

Meine Mutter ist momentan noch nicht offen für den Vorschlag mit der räumlichen Trennung, sie muss sich erst noch ordnen, hat eben erst endgültig realisieren müssen, dass all die Hoffnung nichts bringt und an Stelle 1 nun mal die Flasche steht und danach erst sie. Aber ich werde das im richtigen Moment einmal ansprechen.
Es fällt mir schwer mit anzusehen, wie mein Vater meine Mutter für alles beschuldigt. Meiner Mutter geht es dann richtig schlecht, sie will sich eigentlich nicht schuldig fühlen, tut es dann aber doch und wird ganz defensiv, als müsste sie sich rechtfertigen, für Sachen, wo sie ja nix dafür kann. Mein Vater fühlt sich dann gegen alles und jeden erhaben und lässt jeden seine "Macht" spüren, weil ja alles ihm gehört, da gibts gleich extra noch eine halbe Flasche drauf, einfach weil ers kann und sich von niemandem was sagen lassen braucht - das ist echt zum K...

Danke Aurora für
Von diesem Gedanken verabschiede dich mal! Dass und ob dein Vater trinkt hängt nicht von deiner Mutter ab oder von sonst wem. Es hängt von ihm ab! Natürlich ist es auch so, dass Trennungen den Tiefpunkt beim Abhängigen auslösen können, es ist aber nicht generell so!
Irgendwie hatte ich es bisher davon abhängig gemacht - aber ich werde noch wohl viel umdenken lernen müssen. Der Austausch und das Lesen hier hilft mir sehr.

@Yvonne - ich glaube, wir sprechen von unterschiedlichen bösen Gedanken. Meine Gedanken gehen eher in die Richtung Rache. Er ist z.B. Sportschütze (Waffen/Munition im Haus), er ist Alkoholiker (= ungeeignet für Waffenbesitz), und er hat im alkoholisierten Zustand gesagt "Wenn ..., dann kann ich mich erschießen." Ich könnte mir vorstellen, das ist eine heiße Sache für Behörden und bestimmte Ärzte. Man denkt, wie man gegen ihn ankommt - aber es hilft ja alles nix, wenn es nicht von selber kommt, wie ihr sagt. Man kommt dagegen nicht an, man kann einfach nur gehen.

Meine Enttäuschung und Wut bekomme ich sehr gut mit Sport geregelt, mein Rennrad freut sich 8)
Zumal ich das ja seiner Meinung nach auch nicht haben dürfte, weil es zu viel Platz braucht :evil:

Oft spielt sich bei mir im Geiste die nächste Situation ab, ich stelle mir vor, wie ich ihn stehen lasse, mit welchen Worten. Ich habe beschlossen, diese Aggressionen und Anschuldigungen nicht mehr zu akzeptieren. Wenn ihm etwas quer steht, dann soll er es mir sachlich sagen, wenn er nüchtern ist. Worte finden und auszudrücken was ich will, fällt mir in solchen Situationen schwer, weil sie mir entweder in dem Moment nicht einfallen oder ich zu impulsiv reagiere. Ich traue ihm zu, dass er handgreiflich wird, wenn ich ihm das Wort "nüchtern" auftische oder "du hast schon einiges getrunken". Habt ihr bestimmt auch schon gehabt, solche Situationen. Mit welchen Worten konntet ihr das am besten vermitteln?

Waschbaer
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Re: Wenn alles langsam zerbröckelt

Beitrag von Waschbaer » 01.09.2018, 09:38

Hallo Susi,

ich komme aus dem Alkoholikerlager.
susi1600 hat geschrieben:
31.08.2018, 13:40
Wenn ihm etwas quer steht, dann soll er es mir sachlich sagen, wenn er nüchtern ist. Worte finden und auszudrücken was ich will, fällt mir in solchen Situationen schwer, weil sie mir entweder in dem Moment nicht einfallen oder ich zu impulsiv reagiere. Ich traue ihm zu, dass er handgreiflich wird, wenn ich ihm das Wort "nüchtern" auftische oder "du hast schon einiges getrunken". Habt ihr bestimmt auch schon gehabt, solche Situationen. Mit welchen Worten konntet ihr das am besten vermitteln?
Als ich noch aktiv trank konnte ich mit meiner lieben Frau die letzten Jahre keine sachliche Diskussion mehr führen. Ich nüchternen Zustand habe ich immer meiner Frau alles recht machen wollen. Einfach ausgedrückt ich beschwichtigte sie, alles erdenkliche für meine Nüchternheit zu unternehmen. Im Grunde ging es aber immer nur darum den Sturm zu glätten um danach wieder in einigermaßen ruhigem Fahrwasser die nächsten Gläser zu trinken. Auch konnte ich mich dann immer wieder damit entschuldigen, das ich doch alles versuchte. Auch kontrolliertes trinken wurde dann mehrere Jahre eingeführt. Offiziell sah das gut aus. Doch was ich in Wirklichkeit weiter trank ging weit über die ausgemachten Mengen hinaus.
Was ich dir damit schreiben möchte, ein aktiver Alkoholiker führt nur „sachliche“ Diskussionen die Ihm alleine dienen. Er möchte saufen um jeden Preis. Alle Vernunft Argumente werden daher ins Leere laufen.
Ich wünsche dir, das du mit deinem Mann eine gute Lösung für euch findet.

Liebe Grüße
Nobby

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