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Miteinander oder Gegeneinander?

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
Karsten
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Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Karsten » 15.09.2018, 13:52

Hallo,

heute ein neues Wochenthema, was ich aus dem Beitrag von Sunny1976 heraus ableite:
viewtopic.php?p=924989#p924989

Vielen Dank Sunny1976. Du sprichst mir bei vielen Dingen aus der Seele :)

Mir geht es bei dem Wochenthema, welches ich in ähnlicher Form auch im Angehörigenbereich einstelle, um die Frage Miteinander oder Gegeneinander?
viewtopic.php?f=65&t=36312

Imm wieder lese ich, dass sich Alkoholiker/innen in Co-´s hineinversetzen wollen oder umgekehrt.
Da es hier um einen Austausch von eigenen Erfahrungen geht, ist da von der Sache her schon gar nicht möglich, wenn man in dem jeweiligen Bereich keine eigenen Erfahrungen hat.

Jeder sollte sich auch die Zeit nehmen, für sich einen Weg zu finden, hinter dem man auch selbst stehen kann. Nur weil jemand hier oder anderswo sagt, trenne dich oder höre auf zu saufen, wird er oder sie es noch lange nicht machen, was auch richtig ist. Nur wenn man selbst davon überzeugt ist, geht man den neuen Weg auch bewusst und überzeugend.
Bei alkoholkranken Menschen schreiben wir hier manchmal Wochen, um jemanden zum nachdenken anzuregen, dass ein Arztbesuch wichtig ist.
Bei Angehörigen sollten wir genauso geduldsam sein und ihnen die Zeit geben, die sie brauchen.

Es muss auch nicht immer Trennung oder Abstinenz sein. Das muss jeder für sich entscheiden.

Ich lese auch viel in den Beiträgen der ersten Jahre und sehe auch einen Unterschied in der Umgangsform und den Austausch allgemein zu damals.

Ich belasse es erst mal dabei, werde das Thema aber intensiv verfolgen.

Gruß
Karsten

Cadda
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Cadda » 15.09.2018, 21:19

Die Frage entweder Miteinander oder Gegeneinander hängt für mich nicht davon ab, um welche folgende Konstellation es sich handelt:

Alkoholiker / Co. Abhängiger
Alkoholiker / Alkoholiker
Co. Abhängiger / Co. Abhängiger

Das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Man kann gegenseitiges Verständnis haben und sich auch gegenseitig Ratschläge geben, sich „zuhören“ und Mut machen. Wie gesagt, unabhängig von der Konstellation.

Es kommt einfach darauf an, was da für Charaktere aufeinander treffen und WIE man miteinander umgeht. Ich sehe und lese hier seit Jahren in einigen Tagebüchern (auch im geschlossenen Bereich) einen sehr guten Umgang zwischen Alkoholikern und Co.Abhängigen. Nicht nur unter den „alten Hasen“ des Forums. Auch zwischen Mitgliedern, wo in einem Bereich jemand neu hier hergekommen ist und jemand aus dem anderen Bereich, der schon lange hier ist. Das funktioniert meines Erachtens nach teilweise sehr gut. Da wird auch nicht grundsätzlich zu viel Druck ausgeübt. Einige Tagebücher haben sich hier sogar über einen wirklich langen Zeitraum gezogen, wo mit viel Geduld und Verständnis immer wieder gut zugeredet wurde.

Karsten, Du verweist hier auf einen wirklich gut geschriebenen Beitrag von Sunny. Ich kann diese Ansicht auch vollkommen unterschreiben.
ABER, der Beitrag von sunshine in diesem Zusammenhang, ist meiner Meinung nach nicht aufgrund mangelnder Geduld oder Unverständnis entstanden.
Ich war zunächst zugegebenermaßen auch irritiert über den etwas ungehaltenen Beitrag von Sunshine. Nachdem ich aber vorhin meine eigenen Erfahrungen mit einer sehr herablassenden Art den Alkoholikern gegenüber machen „durfte, verstehe ich etwas besser, worum es geht.

Es ist schlicht und ergreifend die ART und WEISE, die darüber entscheidet, ob es MITEINANDER oder GEGENEINANDER läuft.

Cadda
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Cadda » 15.09.2018, 21:24

Ich persönlich bin hier im gesamten Forum mit genau 2 Menschen überhaupt nicht auf einen Nenner gekommen, wo es gegeneinander lief.

Das war vor einiger Zeit mit einer Person, wo ich den Namen nicht mehr weiß (wo auch Hartmut sehr interessant mit dieser Person hin- und hergeschrieben hat) und der nur kurze Zeit hier war.

Tja und heute mit Yvonne.

Interessant dabei: Die erste Person betraf den Alkoholikebereich, die zweite den Co-Bereich.

Das beweist dann doch eigentlich meine Vermutung, dass es nicht auf die Konstellstion, sondern den Umgang ankommt.

Karsten
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Karsten » 15.09.2018, 21:36

Hallo,

der freundliche Umgangston ist ja auch in den Regeln festgeschrieben und wer sich nicht an unsere Regeln hält, muss sich halt einen anderen Platz suchen.

Mir ging es vor allem um zwei Sachen:

1. ohne eigene Erfahrungen Hilfestellungen geben zu wollen.
Da sehe ich eine Gefahr, obwohl ich auch der Meinung bin, wenn man Jahre sich mit dem Thema hier beschäftigt hat, sich etwas, aber eben nicht ganz, in die Gefühlswelt des anderen hineinversetzen zu können.

2. Die Sichtweise der Angehörigen auf alkoholkranke Menschen
Ich finde es auch nicht gut, wenn Alkoholiker-innen pauschal als willenlos, unfähig oder sonstwas hingestellt werden.
Auf der anderen Seite sehe ich aber auch das Leid der Angehörigen, was ihnen von Alkoholikerinnen zugefügt wurde und vor allem auch, die Sichtweise der ganz normalen Menschen auf Alkoholiker, die eventuell auch viele Angehörige haben, die kurz erst hier sind.
Auch wenn es mal in den Medien einen Beitrag über die Alkoholsucht als Krankheit gibt, in vielen Köpfen der normalen Menschen ist das aber nicht so.

Gruß
Karsten

Hull
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Hull » 15.09.2018, 22:21

Für mich ist das sehr ungenau, zwei Fronten mit Alkoholikern und Co-Abhängigen zu bilden und diesen dann ihr Wissen im jeweils anderen Gebiet abzusprechen. Nicht nur, dass es vorkommt, dass sich die Personen wechselhaft in beiden Gebieten befinden, gibt es ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse der Psychologie, die durchaus "optimales" Handeln oder zumindest das Verständnis für die Psyche des Menschen möglich machen. Hierzu muss nicht alles selbst erlebt worden sein, oft ergibt sich dadurch auch eine beschränkte Sichtweise. Einem Psychologen würde auch nicht ernstlich das Recht auf seine Beratung abzusprechen sein, weil er selbst kein Alkoholiker ist. Das Beispiel ist natürlich - wie alle Beispiele und Vergleiche - leicht auseinanderzunehmen, zur Verständlichkeit sollte es aber ausreichen.

Cadda
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Cadda » 15.09.2018, 22:31

Ich denke schon, dass man auch ohne eigene Erfahrungen helfen kann. Mit einer guten Portion Einfühlungsvermögen kann ich mich gut in andere Menschen hineinversetzen, auch wenn es mich nicht direkt betrifft.
Ich könnte mich auch in die Lage einer Co-Abhängigen hineinversetzen, wenn ich nicht selbst dieses Verhalten Jahre lang an den Tag gelegt hätte.
Ich kann mich auch in die Lage einer Magersüchtigen hineinversetzen, auch wenn ich noch niemals auch nur annähernd eine Erfahrung damit gemacht habe. Wenn ich mir von einer Person erklären lasse, wie sie sich fühlt und ich besitze zusätzlich Einfühlungsvermögen und Empathie, dann kann ich doch trotzdem Mut zusprechen und auch insofern helfen.
Außerdem haben manche mehr Erfahrungen mit Co.-Abhängigkeit, als es den Anschein macht.

Die Beschreibung „normale Menschen“ find ich etwas unglücklich, denn ich empfinde mich nicht weniger normal, als Co.-Abhängige. Aber da ich das nicht auf die Goldwaage legen möchte, belassen wir es mal dabei. Was ist schon normal? :-)

Dass hier Co-Abhängige sind, die wütend sind, ist klar. Wenn mich aber dann jemand herablassend behandelt, weil er oder sie offensichtlich kein Einfühlungsvermögen besitzt, dann kann ich kein Verständnis mehr aufbringen. Diese verletzende Art, die verallgemeinert, finde ich absolut unangebracht.

Ob unwissend oder nicht. Es geht hier um Verständnis und Empathie.

Als ich Kind war, da lebte ein Alkoholiker in meiner Nachbarschaft. Er war früher ein sehr schlauer Arzt, hat medizinische Bücher übersetzt usw. Irgendwann saß er im Schulbus neben mir. Nasse Hose und völlig betrunken. Ich war wie gesagt ein Kind und hatte nicht wirklich Ahnung von Alkoholismus. Für mich war er auch nicht „normal“. Aber er tat mir leid und ich hatte damals schon ein Gefühl von „er kann sicher nichts dafür“. Das ist mindestens 30 Jahre her und mir wurde damals schon vermittelt, dass das eine Krankheit ist. Wer heute noch die Augen davor verschließt, will es auch nicht besser wissen.

Und wenn jemand über den Vater seines Kindes schreibt, dass es ihr egal ist, ob er stirbt. Tut mir leid. Bei so viel Hass, da kann ein Miteinander wohl kaum möglich sein...

Meine Meinung bleibt: Co-Abhängige und Alkoholiker können sich gegenseitig miteinander austauschen und im Idealfall kann das auch hilfreich sein.

Cadda
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Cadda » 15.09.2018, 22:37

Sorry, dass ich etwas vom Grundthema abgewichen bin, aber da auch Dein zitierter Beitrag sich auf das Alles bezieht, ist es schwer das auszugrenzen.

Bevor ich nun vorerst das Thema für mich ruhen lasse, möchte ich noch erwähnen, dass ich den Beitrag von Hull sehr unterstreiche. Sehr treffend beschrieben.

Karsten
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Re: Miteinander oder Gegeneinander?

Beitrag von Karsten » 15.09.2018, 22:55

Hallo,

ich wollte nicht darauf hinaus, dass alles schwarz weiss ist. :)
Mir geht es ja gerade um das gegenseitige Verständnis, denn dadurch lernen wir uns verstehen und können uns gegenseitig helfen.

Die Überschrift habe ich bewusst so gewählt, damit es zur Diskussion anregt.

Die Wortwahl "normale Menschen" war vieleicht nicht die beste Wahl, aber jeder weiss wohl, was gemeint ist.

@Hull,

bei dem Thema Psychologen hatte ich mal eine ganz klare Meinung.
Für mich waren sie Theoretiker, die eben die Praxis nicht kennen und so eben nur bedingt wirklich die Gefühlswelt eines Süchtigen verstehen können.
Meine Meinung hat sich da schon etwas geändert :) , weil ich persönliche Erfahrungen mit dieser Berufsgruppe gemacht habe.

@Cadda,

Hass finde ich immer schlecht, egal gegen wen.
Bei Menschen mit engeren Bindungen, die es ja mal gab, finde ich es auch besonders schlimm.

Gruß
Karsten

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