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Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
sorra
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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 13.10.2018, 01:31

Hallo Penta!
Penta hat geschrieben:
09.10.2018, 06:50
ich bin Alkoholikerin und war sehr dankbar für deinen Beitrag an anderer Stelle, in dem du deine Erlebnisse mit einer Therapeutin geschildert hast.
Ich bin derselben Meinung wie diese Therapeutin.
Es ist und bleibt übergriffig, wenn sich jemand (egal wer) anmaßt zu wissen, was für jemand anderen gut wäre und ihm vorschreibt, was zu tun ist. Jedenfalls ist es das so lange, wie der Betroffene noch für sich selbst entscheiden kann.
Ich bin eigentlich auch dieser Meinung. Ich bin mir diese ganzen Dinge bewusst, aber wenn es um meine persönlichen Probleme geht, kann ich diese Gefühle, die wie Reflexe hervorkommen, leider nicht umlenken. Dieser Widerspruch in mir, macht das Gefühl der Hilflosigkeit leider nur noch größer.
Penta hat geschrieben:
09.10.2018, 06:50
Ich bin nicht nur trockene Alkoholikerin, sondern litt sehr lange auch unter Depressionen. Mich hättest du zu meinen Tiefstzeiten mit irgendwelchen Animationen eher aggressiv gemacht, als motiviert. Ähnlich verhielt es sich bei mir, als ich noch soff. Gutes Zureden, Verständnis oder gar andauernde "versteckte" Hinweise auf Therapien hätten mich schlichtweg genervt.
Was mir letztlich geholfen hat, waren echte Konsequenzen und Ansagen. Mehrere Menschen in meiner Umgebung haben mir gesagt, dass sie meinen Suff nicht mehr aushalten wollen (können) und brachen den Kontakt zu mir ab. Es lief darauf hinaus, dass ich ganz allein dastehe.
Penta hat geschrieben:
09.10.2018, 06:50
Was ich sagen will. Loslassen bedeutet nicht, jemanden fallen zu lassen, sondern ihm seine Entscheidungen zuzugestehen. So schwer es auch mir manchmal fällt; jeder hat ein Recht auf sein eigenes Glück, aber auch auf sein eigenes Unglück.
Auch dein Bruder. Ich bin sogar der Meinung, dass du Gefahr läufst, ihn zu verlieren, wenn du ihn nicht loslässt.
Du scheinst unter deiner Nähe (gefühlsmäßig) zu deinem Bruder zu leiden. Also schau, dass du dich von deinem Bruder unabhängig machst, so schwer das auch ist. Dein Bruder darf seine eigenen Entscheidungen treffen.
Du kannst für dich sorgen, indem du deine eigenen Grenzen erkundest und sie mit deinem Bruder besprichst.
Vielleicht bewegt es etwas in ihm, wenn er deine Grenzen zu spüren bekommt?
Ich verstehe, was du mir sagen willst und ich danke dir, dass du es mir sagst. Von Betroffenen zu hören, wie sie das Verhalten der Angehörigen wahrgenommen haben, hilft mir die Dinge besser zu verstehen, auch zuzüglich mit dem Aspekt der Depression. Und es bestärkt mich natürlich, zu hören, dass Leute es schaffen, mit dem Trinken aufzuhören.
Ich versuche mich unabhängig zu machen und es ist schon viel besser geworden. Jedoch bin ich von der Idee des Tiefpunkts noch nicht komplett überzeugt.
Für mich ist dieses Loslassen wie russisches Roulette, vielleicht geht alles gut, vielleicht auch nicht. Viele Leute schaffen den Absprung nicht. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Ich soll mein Leben leben und hoffen,dass mein Bruder irgendwie zu sich kommt? Und wenn nicht, stirbt er halt, Pech gehabt. Ich weiß nicht, ob ich das ertragen könnte bzw. diesen Weg gehen kann...

Danke dir trotzdem für deinen Beitrag, deine Worte waren hilfreich und auch wenn ich es nicht schaffe, mich von meiner Einstellung zu lösen, dein Rat ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen.

Alles Liebe,
sorra

sorra
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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 13.10.2018, 01:42

Hallo Morgenrot,
Morgenrot hat geschrieben:
09.10.2018, 13:11
Gestehe dir deine eigene Hilflosigkeit doch erst einmal ein, denn nur dann kannst du den nächsten Schritt gehen.
Solange du immer noch denkst, dies und das könnte ich noch tun, wird das nichts.
Es ist in den meisten Fällen so, das der Alkoholiker seinen persönlichen Tiefpunkt braucht, und den sollte kein CO hinauszögern. Denn das tun wir, mit unserer Hilfe.
Der Tiefpunkt ist eine psychologischer Ansatz, der auf mich sehr riskant wirkt. Ich bin leider noch immer etwas skeptisch gegenüber.
Zur Hilflosigkeit muss ich sagen:
- Ich denke, Hilflosigkeit ist so ziemlich das Schlimmste für mich. Hilflos zu sein, kommt für mich gleich auf = ich habe keinerlei Wirken auf der Welt. Aber wenn ich mit diesem Gedanken lebe, denke ich mir, wieso dann noch überhaupt auf der Welt sein? Dann ist es doch sinnlos. (Außerdem ist es ja auch nicht wahr, ich spüre es ja an mir, wie andere Menschen ein Wirken auf mich haben und mich positiv oder negativ bewegen.)
Dieser Gedanke ist tief in mir verankert, und hindert mich wahrscheinlich am meisten daran Hilflosigkeit zu akzeptieren.

Morgenrot hat geschrieben:
09.10.2018, 13:11
Räumlich habe ich mich nicht getrennt, wir haben unter einem Dach gelebt, aber ich habe mich nicht mehr um seine Belange gekümmert, ihn nicht versorgt.
Er ist für sich selbst verantwortlich und ich habe mich Schritt für Schritt in ein Leben gewagt, wie ich es wollte, egal was der nasse Alkoholiker dazu sagte.
Er hat sich in dieser Zeit sehr vernachlässigt, sah teilweise sehr schlecht aus, und ich hatte ihn aufgegeben, ich habe gedacht, er lebt nicht mehr lange.
Irgendwann kamen 2 Ereignisse, wo es anscheinend bei ihm gefunkt hat, auf jeden Fall hat er jetzt seit einem Jahr nicht getrunken.
Wow, das ist unglaublich, dass du diese Distanz schaffen konntest, obwohl ihr räumlich so nah beieinander wart. Ich könnte mir das, bei mir nicht vorstellen. Vorallem diese Nachlässigkeit mit sich selbst beobachten zu müssen, klingt sehr hart. Wie ist eure Beziehung heute? Wohnt ihr noch immer unter einem Dach?

Alles Liebe,
sorra

Hull
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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Hull » 13.10.2018, 07:00

sorra hat geschrieben:
13.10.2018, 01:42
Der Tiefpunkt ist eine psychologischer Ansatz, der auf mich sehr riskant wirkt. Ich bin leider noch immer etwas skeptisch gegenüber.
Zur Hilflosigkeit muss ich sagen:
- Ich denke, Hilflosigkeit ist so ziemlich das Schlimmste für mich. Hilflos zu sein, kommt für mich gleich auf = ich habe keinerlei Wirken auf der Welt. Aber wenn ich mit diesem Gedanken lebe, denke ich mir, wieso dann noch überhaupt auf der Welt sein? Dann ist es doch sinnlos. (Außerdem ist es ja auch nicht wahr, ich spüre es ja an mir, wie andere Menschen ein Wirken auf mich haben und mich positiv oder negativ bewegen.)
Dieser Gedanke ist tief in mir verankert, und hindert mich wahrscheinlich am meisten daran Hilflosigkeit zu akzeptieren.
Hallo Sorra,

im Prinzip ist es nur fraglich, wann der Betroffene seinen Zustand als nicht mehr wünschenswert anerkennt. Es gibt hier Beispiele von Personen, die obdachlos wurden, aber auch von Personen, die ein noch scheinbar normales Doppelleben führten. In beiden Beispielen trinken die Personen nichts mehr. Beide Personen hatten ihren Tiefpunkt, obgleich er relativ war.

Grüße

Morgenrot
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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Morgenrot » 13.10.2018, 22:26

hallo Sorra,
Hilflos zu sein, kommt für mich gleich auf = ich habe keinerlei Wirken auf der Welt.
so in diese Richtung ging es bei mir auch, und als ich meinen nassen Alkoholiker zuhause losgelassen hatte, fing ich an, mich auf die zu "stürzen" die mir auf der Arbeit begegneten. Ich arbeite nämlich auch noch in diesem Bereich.
Im Bereich Sucht bist du ein hilfloser Helfer, für den nassen Alkoholiker.
Investiere deine Energie in dich, denn du bist es wert.
Wohnt ihr noch immer unter einem Dach?
ja, er ist jetzt seit einem Jahr abstinent. Deshalb ist aber noch lange nicht alles gut.
Plötzlich hast du jemanden im Haus, der sich wieder einbringen will, der sein neues Leben leben möchte. Das ist eine 180° Wendung, und da sind beide gefordert.
Ich bin gespannt, wie es sich weiter entwickelt. Nach so langen nassen Jahren, traue ich mich noch nicht von einer Trockenheit zu schreiben.
Da spüre ich immer wieder, wieviel Vertrauen da verloren gegangen ist.


lg Morgenrot

Penta
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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von Penta » 13.10.2018, 23:36

Hallo Sorra,
Jedoch bin ich von der Idee des Tiefpunkts noch nicht komplett überzeugt.
Für mich ist dieses Loslassen wie russisches Roulette, vielleicht geht alles gut, vielleicht auch nicht. Viele Leute schaffen den Absprung nicht. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Ich soll mein Leben leben und hoffen,dass mein Bruder irgendwie zu sich kommt? Und wenn nicht, stirbt er halt, Pech gehabt.
es geht nicht um seinen Tiefpunkt, sondern um deinen!
Wenn du es aushalten kannst, dass dein Bruder nicht das tut, was du dir von ihm wünschst, musst du natürlich nichts tun.
Wenn du es aber nicht aushalten kannst, dass du immer wieder gegen Wände bei ihm läufst, solltest du vielleicht etwas tun. Und die Lösung ist dabei nicht, von woanders aus Anlauf zu nehmen oder eventuell noch mehr Schwung zu holen, um im Bild zu bleiben.
Ihn berührst du damit wahrscheinlich eher weniger, du schadest damit aktiv dir.
Er trinkt selbst. Dafür trägst du keine Verantwortung, auch wenn sich das sehr kalt anhört.
Ich sehe es nicht so, dass ein Alkoholiker "Pech" hat, wenn er sein Leben ruiniert. Aber ich sehe es so, dass niemand ihm die Verantwortung dafür abnehmen kann, auch nicht seine Schwester.
Das Schlimme an dieser Binsenweisheit ist, dass sie in gleichem Maße richtig und traurig ist, deshalb kann ich wohl nur ansatzweise nachvollziehen, wie es dir damit geht, denn ich bin nicht in dieser Situation.
Ich wollte es nur nochmal nachreichen. Ich wünsche dir alles Gute. Deinem Bruder natürlich auch.
Und ich hoffe, dass du einen gangbaren Weg für dich findest.
Viele Grüße Penta

sorra
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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 16.10.2018, 14:25

Hallo Hull,

ich danke dir für deine Antwort!
Hull hat geschrieben:
13.10.2018, 07:00
im Prinzip ist es nur fraglich, wann der Betroffene seinen Zustand als nicht mehr wünschenswert anerkennt. Es gibt hier Beispiele von Personen, die obdachlos wurden, aber auch von Personen, die ein noch scheinbar normales Doppelleben führten. In beiden Beispielen trinken die Personen nichts mehr. Beide Personen hatten ihren Tiefpunkt, obgleich er relativ war.
Ich finde es vielmehr fraglich, OB der Betroffene diesen Zustand jemals als nicht wünschenswert anerkennen wird. Und ich bin mir auch unsicher, ob das Anerkennen reicht, um ein Handeln auszulösen.
Die Chancen den sogenannten Absprung niemals zu schaffen sind sehr hoch. Es ist viel wahrscheinlicher an der Krankheit zugrunde zu gehen...

Ich verstehe deinen Punkt, dass der Tiefpunkt ein relativer Moment für den Betroffenen ist, jedoch ist mein Problem, dass es eben nicht sicher ist, dass das überhaupt eintritt. Dann ist es nur mehr eine Glaubensfrage bzw. ein Vertrauen, dass mein Bruder das schon "irgendwie" schaffen wird.
Da wären wir auch beim Kern der 12 Schritte, nämlich in etwas zu vertraut, das sich außerhalb der eigenen Kontrolle befindet. Das erklärt auch warum AA diesen religiösen Bezug an sich hat.
Meine Probleme sind aber:
1. Das ganze Konzept betrachte ich skeptisch. Um ehrlich zu sein, wirkt es auf mich, wie eine Selbstlüge, die man sich einredet, um sich gut zu fühlen. Ich bin kein Fan von Glaubensdingen.
2. Wüsste ich auch wirklich nicht, wie man dieses Vertrauen rein praktisch aufbringen kann.
Ich habe das auch nie richtig beigebracht bekommen bzw. gelernt.
Was meinst du dazu?
Wie war es denn eigentlich für dich, als du noch getrunken hattest mit den Angehörigen und dem Trockenwerden?

Alles Liebe,
sorra

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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 16.10.2018, 14:34

Hallo Morgenrot,
Morgenrot hat geschrieben:
13.10.2018, 22:26
Im Bereich Sucht bist du ein hilfloser Helfer, für den nassen Alkoholiker.
Investiere deine Energie in dich, denn du bist es wert.
Ich bin es mir aber nicht wert. Ganz nüchtern ausgedrückt. Ich investiere eh Energie in mich, da ich nicht zuviele Unannehmlichkeiten im Leben haben will, aber ich finde das Leben nicht sonderlich lebenswert. Es ist mühsam. Und nur für mich zu leben, erscheint mir komplett sinnlos.
Ich sehe keinen Nutzen darin.

Alles Liebe,
sorra

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Re: Die Kunst des Rettens oder: Mein Bruder, der keine Hilfe will

Beitrag von sorra » 16.10.2018, 15:23

Hallo Penta!

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es geht nicht um seinen Tiefpunkt, sondern um deinen!
Wenn du es aushalten kannst, dass dein Bruder nicht das tut, was du dir von ihm wünschst, musst du natürlich nichts tun.
Wenn du es aber nicht aushalten kannst, dass du immer wieder gegen Wände bei ihm läufst, solltest du vielleicht etwas tun. Und die Lösung ist dabei nicht, von woanders aus Anlauf zu nehmen oder eventuell noch mehr Schwung zu holen, um im Bild zu bleiben.
[/quote]
Du beschreibst das gut, und hast auch sehr Recht damit. Ich versuche auch schon permanent etwas zu verändern, und es hilft (mir) auch. Ich versuche mich nicht an Methoden zu klammern, die jahrelang keine Ergebnisse erzielen. Jedoch bin ich in einem ewigen Hin und Her zwischen vollkommenes Ausblenden und Rettungsmodus, weil es wahrscheinlich auch so tief verwurzelt ist.

Danke für deinen Beitrag.
Alles Liebe,
sorra

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