Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Eigeninitiative oder Schock...

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 32251
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Karsten » 08.10.2018, 16:13

Hallo,

gerade die Einsicht ist ja sehr wichtig, dass man eben auch Veränderungen selbst herbeiführen möchte.

In dem Beispiel wird dem Betroffenen ja auch die Entscheidungfreiheit abgenommen, sich outen zu wollen und eben Hilfe annehmen zu wollen.

Liest sich irgendwie auch wie ein Märchen, als wenn man das Allheilmittel gefunden haben will.

Ich bin und bleib der Meinung, Süchtige müssen auch gefordert werden.

Ich weiss auch, dass dies nicht oft möglich ist. Habe es ja hier auh versucht und alle haben aufgeschrien :)

Ich habe hier ja nun auch schon ein paar Erfahrungen mit Betroffenen sammeln können und Zucker alleine hilft ganz selten.

Gruß
Karsten

Mario B.
neuer Teilnehmer
Beiträge: 83
Registriert: 09.01.2018, 10:13

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Mario B. » 08.10.2018, 17:50

Karsten hat geschrieben:
08.10.2018, 16:13
Habe es ja hier auh versucht und alle haben aufgeschrien :)
Wer ist denn jetzt wieder “alle”? :roll:

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 32251
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Karsten » 08.10.2018, 18:10

Hallo Mario,

nicht alles so wörtlich und ernst nehmen :)
Ich habe ja extra einen Smilies dahinter gesetzt.
Das Leben ist so schon ernst genug.

Gruß
Karsten

Hull

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Hull » 08.10.2018, 18:30

Karsten hat geschrieben:
08.10.2018, 16:13
Ich bin und bleib der Meinung, Süchtige müssen auch gefordert werden.
Bin der gleichen Meinung. Es scheint mir aber allgemein schwierig, eine allgemein gültige Erfolgsformel zu entwickeln. Letztlich kann man aber sagen, dass es sowieso nur die schaffen, die es selbst wollen. Insofern ist es im Prinzip egal, wie man mit den tendenziell erfolglosen Kandidaten umgeht; der einzige Unterschied in der Statistik ist dann, ob sie eine Entgiftung mit niedriger Erfolgschance beginnen oder nicht.

Mich persönlich hat das sehr angetrieben, als ich die Statistiken über die Mehrheit der rückfälligen Patienten gesehen habe, da mein Interesse im Leben auch immer nur dann geweckt wird, wenn es scheinbar unmöglich ist.

sorra
neuer Teilnehmer
Beiträge: 67
Registriert: 06.10.2018, 10:59
Geschlecht: Weiblich

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von sorra » 13.10.2018, 01:01

Hallo,

ich bin wirklich zwiegespalten, was das Thema betrifft. Es wäre natürlich am hilfreichsten, wenn es Statistiken über die Erfolgsquote von den jeweiligen Methoden gäbe (welche wahrscheinlich aber schwer zu erfassen sind). So kann man nur Vermutungen anstellen.
Ich muss aber auch dazu sagen, dass die Intervention

1. Nur als Starthilfe bzw. "Wachrütteln" verwendet wird, das heißt den ganzen Weg muss der Betroffene trotzdem selber gehen. Es würde also nicht eine Entzugsklinik oder Selbsthilfegruppe ersetzen. Vielleicht noch eher ein Ersatz für eine Suchtberatungsstelle?
Das heißt, dem Betroffenen wird auf jeden Fall einiges abverlangt und ihm wird jetzt nicht die Hilfe hinterhergetragen. Es ist mehr eine konfrontative Methode, so wie ich es verstanden habe. Das kann ja auch krass auf viele wirken, wenn dann alle aufmarschieren und du mit etwas konfrontiert wirst, was du nicht wahrhaben möchtest.
2. Denke ich auch nicht, dass die Angehörigen wissen, was gut für den Alkoholiker ist, deshalb ist ja auch immer ein Fachexperte dabei, der das leitet. Ohne dem, würde ich die Aktion auch fragwürdiger finden. Aber der Leiter der Intervention gibt der Sache einen anderen Rahmen, wie wenn nur Freunde o.a. konfontrieren würden.

Man könnte sagen der Realisierungsprozess der für Handlungsbedarf nötig ist, ist der größte Unterschied zwischen der europäischen und amerikanischen Herangehensweise, dann verlaufen die Heilungswege ähnlich.
Ich finde es interessant, wie sich die Überlegungen zur Suchtbekämpfung, von Kultur zu Kultur unterscheiden. Und wie diese dann wahrgenommen werden. Für manche wäre eine Intervention viel zu heftig und ein großer Eingriff in die Freiheits (?)-rechte, für andere ist es vielleicht der kleine Stoß in die richtige Richtung, auf den sie nur gewartet haben.
Zuerst wollte ich schreiben, dass die Interventionsmethode meiner Meinung nach mit einem großen Risiko verbunden ist. Aber nach einiger Überlegung ist auch das "Tiefpunkt/bedeutender Moment als Anstoß zum Handeln"-Prinzip sehr riskant.

Ich bin nicht der Meinung, dass Suchtkranke zum "Nullpunkt" kommen müssen, damit sie die Dinge realisieren. Was nicht heißt, dass die Intervention die einzige Alternative ist.
Es gibt zum Beispiel Studien von Orten (ich denke Portugal zB), wo es Suchtkranken - in dem Fall Abhängige von illegalen Drogen wie zB Heroin - erlaubt worden ist, ihre Sucht legal und im sicheren Umfeld zu konsumieren. Das führte dazu, dass die Leute nicht in die kriminelle Szene und diese Teufelsspirale abrutschen und dann leichter die Sucht bekämpfen konnten. Da Sucht ja auch eine Art von Flucht vor Problemen ist, oder Flucht vor einem Leben, das nicht lebenswert wirkt. Und Sucht und Probleme sind in einer Wechselbeziehung, in der sich beide gegenseitig verstärken. Auch ein anderer Ansatz.

Aurora
Moderatorin
Moderatorin
Beiträge: 12265
Registriert: 02.05.2007, 13:47

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Aurora » 13.10.2018, 09:03

Hallo sorra,

so Statistiken sind ja immer eine heikle Sache. Meiner Meinung nach. Kommt immer darauf an, wer sowas in Auftrag gibt zum Beispiel.

Ich denke, jeder Mensch ist einfach unterschiedlich. Zwar ist der Verlauf der Krankheit immer in etwa gleich, aber trotzdem steht immer noch eine Persönlichkeit ja auch dahinter. Darum kann auch der "Nullpunkt/Tiefpunkt" ganz unterschiedlich sein. Ich habe da schon von sehr, sehr vielen Tiefpunkten gehört und gelesen. Einige waren ganz unten, so wie Karsten hier, bei anderen war es der epileptische Anfall beim Versuch mal nicht zu trinken weil die Frau gemeckert hatte.

Und immer hat da nur gezählt, dass da beim Betroffenen selbst der innigste Wunsch war aufhören zu wollen.

Ich habe als aktive Coabhängige bei meinem Exmann alle möglichen Dinge versucht (hört sich das jetzt blöd an, ist aber so) um ihn vom Saufen weg zu bekommen. Er selbst hatte auch körperliche Dinge und doch, er war mal 4 Jahre lang trocken, dann ging es wieder los. Einfach, weil er es so wollte. Bei meinem Ex war übrigens der Auslöser für seine 4-jährige Pause, dass eine Hitzewelle angesagt war und er Angst hatte, die im Suff nicht zu überleben. Und gleichzeitig war ich am Ausziehen aus unserer Wohnung damals.
Es gibt zum Beispiel Studien von Orten (ich denke Portugal zB), wo es Suchtkranken - in dem Fall Abhängige von illegalen Drogen wie zB Heroin - erlaubt worden ist, ihre Sucht legal und im sicheren Umfeld zu konsumieren. Das führte dazu, dass die Leute nicht in die kriminelle Szene und diese Teufelsspirale abrutschen und dann leichter die Sucht bekämpfen konnten.
Auch Alkohol ist eine Droge! Ganz klar! Auch Nikotin. Und beides wird legal und im sicheren Umfeld konsumiert! Du bekommst überall Alkohol zu kaufen. Alkohol zu trinken ist geradezu ja eine "Kultur", wird positiv beworben und ist völlig "normal". Der einzige Unterschied zu Heroin und Co ist eben, dass es legal ist, mehr nicht.

Viele Grüße
Aurora

HerrPalomar
neuer Teilnehmer
Beiträge: 24
Registriert: 03.07.2018, 11:45
Geschlecht: Männlich

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von HerrPalomar » 14.10.2018, 09:30

Hallo,

ich spreche jetzt von mir: Für mich gibt es nur eine Methode zur Genesung, und die liegt in mir selbst begründet. Genesung von außen funktioniert für mich nicht - lediglich Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe. Niemand kann den Weg für mich gehen.
Wenn ich so Dinge lese wie "Jemand kam von außen und nahm die Dinge für mich in die Hand" (so oder so ähnlich ein Zitat weiter oben in diesem Thread), sehe ich das problematisch. Letztlich bin ich persönlich überzeugt davon, dass nur die Eigeninitiative für mich zum Erfolg führt, denn diese setzt voraus, dass man akzeptiert hat, Alkoholiker zu sein. Da konnten mir Menschen von außerhalb aber hundertmal sagen, dass ich ein Alkoholproblem habe - solange ICH es nicht akzeptiere und annehme, ist die Genesung schwierig. Ich weiß, dass ich mich vom Saufen nur selbst wegbekomme. Das kann niemand für mich tun. Niemand kann für mich auf das erste Glas Bier verzichten. Niemand kann für mich die begleitenden, seelischen Prozesse übernehmen. Niemand kann für mich mein Leben ändern. Niemand kann für mich lernen, wie ich mit meiner Nüchternheit umgehe (was ich in meiner Saufzeit nicht konnte, sonst hätte ich nicht gesoffen). Ich kann Unterstützung dabei erhalten, und für diese bin ich auch dankbar. Aber die Schritte, um trocken zu werden bzw. zu bleiben, liegen bei mir.

Gruß,
Herr Palomar

Carl Friedrich
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1378
Registriert: 06.07.2015, 22:47

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Carl Friedrich » 14.10.2018, 12:18

Hallo!

Von mir häufig beobachtet ist das Zusammenfallen von beiden Faktoren: Der Schlüsselreiz von außen (Arbeitgeber, Familie, Führerscheinstelle), der auf eine entsprechende Einsicht beim Betroffenen trifft.

Es nutzt der beste Anreiz von außen nichts, wenn der Betroffene selbst noch nicht so weit ist.

So war es bei mir. Ich war nicht mehr in der Lage, Saufpausen einzulegen, wie es mir früher, als ich mir selbst einen vorgemacht habe, gelungen ist. Das war genau zu dem Zeitpunkt, als mir die Familie die Pistole auf die Brust setzte.

Aber das ist Jeder doch anders gestrickt. Es gibt genug Fälle, in denen der Alkoholiker erst sprichwörtlich in der Gosse liegen oder mit einem Bein im Grab stehen muss, bis er innerlich bereit ist, sich seiner Krankheit zu stellen. Andere schaffen den Absprung schon früher, bevor sie ganz unten angelangt sind.

Gruß
Carl Friedrich

Antworten