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Entgiftung und was kommt danach?

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Amy
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Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Amy » 10.10.2018, 19:54

Guten Abend an Alle!

da ich im Moment etwas verzweifelt bin, möchte ich mir so einiges von der Seele schreiben. Mein Mann hat seit 22 Jahren ein Alkoholproblem. Dies hat ihn schon einige Male ins Krankenhaus gebracht und vor 9 Jahren sogar auf eine Intensivstation, auf der er 10 Tage um sein Leben gekämpft hat. Gelernt hat er daraus nicht wirklich etwas. Er war danach zwar erst einmal 6 Jahre trocken, vor 3 Jahren hat er mit dem Trinken jedoch wieder angefangen. Da mich diese Situation mittlerweile selbst gesundheitlich sehr mitgenommen hat und ich so ein Leben auf keinen Fall noch länger weiterführen möchte, habe ich ihn vor 2 Wochen vor die Wahl gestellt, entweder eine Entgiftung zu machen oder eine Trennung wäre unausweichlich. Ich weiß, dass eine Entgiftung ohne anschließende Therapie nicht wirklich etwas bringt, aber da er sich in der Vergangenheit immer gegen jegliche Form von professioneller Hilfe gewehrt hat, war mir jedes Mittel recht, ihn wenigstens irgendwie in die Hände von Fachleuten zu bringen. Wer weiß, was die bewirken können. Nach langer Gegenwehr hat er dann schließlich zugestimmt und den Hausarzt beauftragt, einen Platz für nächste Woche zu finden.

Eigentlich müsste ich nun richtig happy sein. Bin ich aber nicht. Natürlich freue ich mich für ihn, weil ich denke, dass er damit genau das Richtige für seine Gesundheit tut und ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass diese Entgiftung sein Denken und Handeln verändert wird. Meine Zweifel habe ich jedoch schon, da er nicht aus Eigenantrieb, sondern nur wegen Druck von mir dahin geht. Zudem frage ich mich, was mit uns nach dem Klinikaufenthalt passiert. Das Leben mit meinem Mann war für mich die letzten Wochen und Monate wirklich fast unerträglich. Ich konnte mich kaum mit ihm im gleichen Raum aufhalten, da ich ihn und seine Art mit mir umzugehen einfach nicht mehr ertragen konnte. All diese Verletzungen, Enttäuschungen, das verlorene Vertrauen der letzten Jahre sind doch nach dem Klinikaufenthalt nicht ausradiert, sondern immer noch da.

Am liebsten wäre mir, er würde nicht nur einige Tage, sondern gleich für mehre Wochen in der Klinik bleiben. Zum einen, damit er endlich eine Einsicht für seine Krankheit erhält und zum anderen, damit auch ich einfach einmal Luft holen und Abstand gewinnen kann. Doch mehr als eine Entgiftung wird er definitiv nicht machen. Das hat er mir schon mehrfach versichert. Alternativ könnte ich mir danach auch eine Trennung auf Zeit vorstellen, aber darauf geht er überhaupt nicht ein, sondern droht mir nur damit, in so einem Fall dann sofort wieder rückfällig zu werden. Das möchte ich natürlich auch nicht riskieren. Ich bin so hin und her gerissen. Auf der einen Seite möchte ich ihn auf seinem Weg nun unterstützen, wo immer ich kann und ihm das Gefühl geben, dass ich hinter ihm stehe. Auf der anderen Seite kann ich mir zumindest im Moment ein weiteres Leben mit ihm eigentlich überhaupt nicht mehr vorstellen. Ist so ein Gefühlschaos normal und wie habt ihr das erlebt?

Liebe Grüße
Amy

Aurora
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Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Aurora » 10.10.2018, 21:24

Liebe Amy,

oh das hatte ich auch damals, so in etwa.

Ich werde dir auch davon noch schreiben, wenn du magst. Momentan bin ich aber sehr in die Pflege meiner Eltern eingespannt, da ist es gerade sehr akut, leider. Ich bin ziemlich fertig und habe keine Energie zum Schreiben.

Darum sage ich erst mal "hallo, und schön, dass du da bist!"

Liebe Grüße
Aurora

Speranza
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Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Speranza » 11.10.2018, 10:15

Hallo Amy!

Willkommen hier im Forum. Ich kenne die Gefühle die du hier schilderst aber mein Mann war nie über einen längeren Zeitraum trocken. Nachdem er auch auf der Intensivstation gelandet war habe ich ihn auch vor die Wahl gestellt, entweder er hört auf oder ich bin weg. Ich war damals mit meinen Kräften am Ende, ich war total leer und ausgebrannt. Ich hatte keinerlei Kraft mehr ihn zu unterstützen ich konnte selbst nicht mehr. Er war dann auch für 4 Wochen in einer Suchtreha und ich war froh endlich mal meine Ruhe zu haben.

Nach der Suchtreha hat er sofort wieder getrunken und ich hatte wieder soviel Kraft geschöpft um zu gehen. Ich bin gegangen ich wollte einfach nicht mehr. Das war die beste Entscheidung die ich getroffen habe denn was ich vorher mit ihm hatte war kein Leben mehr.
Alternativ könnte ich mir danach auch eine Trennung auf Zeit vorstellen, aber darauf geht er überhaupt nicht ein, sondern droht mir nur damit, in so einem Fall dann sofort wieder rückfällig zu werden. Das möchte ich natürlich auch nicht riskieren.
So solltest du dich nicht erpressen lassen wenn er dann wieder anfangen würde zu trinken wäre es sein Ding. Er hat ja auch getrunken obwohl du immer an seiner Seite warst und keinerlei Einsicht gezeigt. Du solltest deine Entscheidungen nicht nur von ihm abhängig machen das sind Erpressungsversuche seinerseits. Das ist normal bei nassen Alkoholikern, sie versprechen tausend Dinge oder drohen und nichts passiert.

Ich wünsche dir alles Gute bei deinen Entscheidungen denk immer daran dass du dir ein gutes Leben verdient hast.

LG Speranza

Aurora
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Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Aurora » 12.10.2018, 10:18

Hallo Amy,

mein Exmann ging damals auch zur Entgiftung in eine Klinik, als ich mich getrennt hatte und eine eigene Wohnung hatte. Ich wohnte da aber noch nicht, ich hatte sie gerade erst gemietet und war dabei, mich zu organisieren.

Praktisch ist er auf eigenen Druck gegangen aber eben weil ich mich trennen wollte.

Als er weg war war es wie Himmel auf Erden. Ruhe, ich konnte endlich wieder in meinem Bett schlafen, in Ruhe meinen Umzug vorbereiten. Und nach 1 Woche war er wieder da... Damit hatte ich auch nicht gerechnet, ich dachte, er würde viel länger weg bleiben, gleich in eine Therapie gehen. Nix da. Und Therapie - sowas brauchte mein Ex ja nicht, meinte er. Er hätte alles im Griff.

Ich war hin und her gerissen... aber ich bin gegangen. Wir hatten dann noch 1 Jahr lang ca auch engeren Kontakt, ich bin ja nur um die Ecke gezogen. Ich merkte bald, dass ich nicht mehr zu ihm zurück wollte, ich war so glücklich und frei in meiner Wohnung. Und er belagerte mich aber ununterbrochen und ich merkte, es hatte sich bei ihm nichts geändert, er trank nur nicht, mehr nicht. Und ich ließ zu, dass er mich tagtäglich benutzte für sein Leben. Um so etwas wie "Normalität" zu haben. Und für mich war es auch so etwas wie "Normalität". Ich konnte nicht "Nein" sagen und zu meinen Gefühlen stehen.

Ich hatte sehr viel Angst, wieder zurück zu gehen. Ich hatte kein Vertrauen mehr, keine Liebe. Es war nur eben, dass ich ihn ja so gut kannte, wir waren zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre zusammen. Da war eben auch vieles vertraut. Und dadurch dass er nicht trank war er ja auch anders drauf. Doch ich merkte sehr schnell, dass er in vielen Dingen genau so drauf war wie im Suff. Und das gefiel mir nicht. Es war aber so unheimlich schwer, ihn weg zu stoßen, Grenzen zu setzen. Zumal eben auch mein Gefühl war: wenn ich das mache, dann trinkt er wieder. Und das hat er auch öfter mal durch die Blume gesagt.

Ich habe dann aber gelernt, dass ich weder für ihn noch für seinen Suff verantwortlich bin. Oft hat er mir ja auch leid getan, er hatte so eine Art, wie ein kleiner Junge vor einem zu stehen. Ich konnte dann nicht nein sagen. Das musste ich erst mühsam lernen. Er ist erwachsen! Er ist verantwortlich für sich selbst! Ich habe ein Recht, "Nein" zu sagen. Ich habe ein Recht zu entscheiden, dass ich diese Beziehung nicht mehr möchte!

Viele Beziehungen funktionieren auch wieder, wenn der Abhängige seine Sucht zum Stillstand bringt. Beide müssen dann aber daran arbeiten. Und es auch von Herzen wollen. Viele Beziehungen gehen aber auch auseinander. Weil zu viel zerstört worden ist. Weil es nicht mehr funktioniert. Oder weil der Co sich nicht ändern mag oder der Suchtkranke.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Ich verstehe deine Ambivalenz sehr, sehr gut! Weil ich es selbst so erlebt habe.
Fakt ist, dass du das Recht hast zu entscheiden, wie du dir dein weiteres Leben vorstellst! Du darfst die Regeln aufstellen. Entweder er zieht da mit oder du ziehst deine Konsequenzen daraus. Aus eigener leidvoller Erfahrung kann ich dir sagen dass es wichtig ist, dass du für dich Klarheit hast und das auch so leben kannst. Rumeiern verlängert nur das Leid.

Ich bin gespannt, wie es nun wird bei dir.

Liebe Grüße
Aurora

Amy
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Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Amy » 12.10.2018, 15:02

Liebe Aurora,

du sprichst mir aus der Seele. Auch ich habe es so erlebt, dass mein Mann während seiner 6 jährigen Trockenphase nicht wirklich ein anderes Verhalten mir gegenüber an den Tag gelegt hat. Glücklich war ich dabei nicht, aber er trank nicht mehr und ich habe mir eingeredet, dass auch normale langjährige Ehen oft nur Zweckgemeinschaften sind. Das ist im Moment auch meine große Angst. Natürlich möchte ich ihm helfen und 30 Jahre, die wir nun ingesamt zusammen sind, wirft man auch nicht so einfach weg. Aber ich möchte zukünftig auch nicht wieder in dieser Endlos-Schleife hängen, in der ich nur dafür da bin, sein Leben nach außen hin "normal" wirken zu lassen und es eine Frage der Zeit ist, wann der Alkohol wieder zuschlägt. Ich möchte nicht wieder den Absprung verpassen und mich hinterher ärgern, dass ich weitere wertvolle Jahre vergeudet habe.

Im Moment bin ich einfach nur froh, wenn Montag ist und er endlich in die Klinik geht. Ich kann seine Anwesenheit einfach nicht mehr ertragen und freue mich so darauf, nächste Woche endlich einmal "sturmfreie Bude" zu haben. Die Zeit möchte ich nutzen, um mal so richtig abzuschalten und mir nicht mehr so viele Gedanken um ihn zu machen. Hoffentlich gelingt mir das auch. Am liebsten würde ich ihn dort auch nicht besuchen. Zum einen, weil ich Angst habe, dass er mich dort mit seiner Mitleids-Tour und seinen Versprechungen wieder mürbe macht und zum anderen, weil ich vor vielen Jahren ein Gespräch mit einem Suchtberater hatte. Dieser meinte damals: "Ich kann verstehen, wenn sie ihren Mann verlassen möchten. Erfahrungsgemäß ist aber die Chance, dass ihr Mann den Absprung schafft, wesentlich höher, wenn er weiß, dass er eine Ehefrau und eine Familie hinter sich stehen hat."
Sowas macht schon ein schlechtes Gewissen und setzt einen enorm unter Druck. Das möchte ich nächste Woche nicht schon wieder von einem Fachmann oder Arzt gesagt bekommen. Ich weiß doch im Moment selbst nicht, was richtig ist und was falsch. Ich habe nur das Gefühl, ich brauche Zeit, um mir darüber endlich mal klar zu werden.
Würde ein Arzt nächste Woche überhaupt mit mir reden wollen oder werden da Angehörige eh nicht mit ins Boot genommen?

Liebe Grüße
Amy

Mira0512
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Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Mira0512 » 12.10.2018, 16:24

Mir schnürt es regelrecht die Kehle zu vor Angst wenn ich deine Geschichte lese. Ich wünsche dir alles gute und kann dir nur raten auf dich selbst zu hören: was willst du ? Wie möchtest du dein Leben weiter verbringen ? Meinst du dass du mit deinem Mann noch glücklich werden kannst ? Ich wünsche dir alles alles gute

Aurora
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Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Aurora » 12.10.2018, 20:28

Hallo Amy,

ob da ein Arzt oder Berater mit dir reden möchte weiß ich nicht. Mit mir hat da keiner geredet, als ich damals meine Ex besucht habe. Ich höre sowas eigentlich immer von denen, die ihre Partner in der Therapie-Einrichtung dann besuchen. Da wird auch was für Angehörige angeboten, oft. Gespräche und Seminare und so.

Ich weiß gerade nicht ob ich das gut finden soll, was dir damals da gesagt wurde... Na klar ist es von Vorteil, wenn ein Suchtkranker noch eine Familie hat. Aber es brauchen dann auch alle Hilfe! Nicht nur der Suchtkranke. Finde ich jetzt mal.

Und wenn die Ehe zerrüttet ist, dann ist es auch okay, wenn du dich trennen möchtest. Denn erst mal geht es doch auch um dein Leben. Genau wie es für den Suchtkranken um sein Leben geht. Trennungen gehen nach dem Entzug und einer Therapie oft auch vom Alkoholiker aus. Es ist darum einfach zu pauschal zu sagen, da muss eine Familie hinter ihm stehen..., eine zerrüttete Ehe braucht auch ein Alkoholiker, der auf dem Weg in ein trockenes Leben ist, nicht.

Bilanz kannst jetzt für dich nur du ziehen. Ich war damals auch so zerrissen weil ich so viele Ehejahre nicht einfach weg werfen wollte. Weil es mir in dieser Ehe materiell gut ging immer. Weil ich Angst hatte alleine ohne Mann weniger wert zu sein. All sowas, was eher mit dem Bild auch nach außen was zu tun hatte. Da waren so viele Ängste, mein Exmann hat sie immer gut geschürt. So nach dem Motto: du wirst alleine untergehen, bist unfähig, wirst Sozialhilfeempfängerin werden usw. Er machte mich wertlos, hatte das in den Ehejahren auch schon immer gemacht. Ich musste mir mein Selbstvertrauen erst wieder aufbauen.

Vielleicht hilft dir das Aufschreiben beim Sortieren deiner Gedanken und Gefühle. Was ist positiv an ihm und eurer Ehe, für dich. Was ist negativ.

Liebe Grüße
Aurora

Yvonne78

Re: Entgiftung und was kommt danach?

Beitrag von Yvonne78 » 12.10.2018, 21:53

Hallo Aurora...Hallo Amy

wenn ich eure Beiträge lese, bekomme ich Schweißausbrüche...meine Wut brodelt wieder hoch wenn ich an den Klinikaufenthalt meines Mannes denke.
3 Monate ( insgesamt 6 Monate incl. Entgiftung und warten ) hat er mir jeden Tag am Telefon vorgelogen, wie sehr er uns vermisst...mich liebt...wie froh er ist, einer von wenigen zu sein, die eine Familie haben, die auf ihn wartet. 3 Monate lang haben Therapeuten auf ihn eingewirkt, wie wichtig die Familie ist...das Zuhause. 3 Monate lang er er mich belogen, betrogen und mit einer fast 20 Jahre älteren Mitinsassin beschi***n. Ich, die ich zu Hause auf ihn gewartet habe, seine Scherben zusammen gekehrt, mich alleine um alles gekümmert, um Absolution für ihn im Dorf gebeten habe...mit allen einzeln gesprochen, die Krankheit erklärt...ihn besucht, ihm Pakete geschickt, jeden Tag telefoniert, seinen Behördenkram erledigt...und was bekam ich dafür? Einen Schlag ins Gesicht nach dem Anderen. Nicht genug, daß er seine Säuferin nun regelmäßig bei sich hocken hat...nee nee...im Nachhinein schiebt er mir die Schuld für eine Abhängigkeit in die Schuhe...dabei habe ich ihn so kennen gelernt. Er hat einfach sein Zeug genommen und ist von heute auf morgen abgehauen...hat mich und die Kinder sitzen gelassen.... er wollte seine Ruhe haben...einen Neuanfang mit Uschi oder wie´se heisst.

Vielleicht sollte ich mich doch erst wieder hier blicken lassen, wenn der Hass endgültig gewichen ist....ich bin in meinem Leben noch NIE so gedemütigt worden...ja ich bin immernoch so stinksauer...tut mir leid

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