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Warum muss ich Stärke zeigen?

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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Cadda
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Cadda » 03.03.2020, 01:05

Das finde ich gut, darauf freu ich mich :-)

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 21.07.2020, 11:15

Hallo,

heute mal ein paar Gedanken, die sich mit Schwäche beschäftigen.

Ich bin ja auch eher ein Mensch, dem es nicht leicht fällt, mit seinen Schwächen hausieren zu gehen.
Ich brauche ja auch immer sehr lange, bist ich einsehe, dass ich es alleine nicht schaffe und Hilfe brauche, wenn es um außergewöhnliche Situationen geht, aber letztendlich kann ich dazu stehen, dass ich Hilfe brauchte.

Heute viel mir beim lesen etwas auf, wo ich fast das Gefühl habe, es wird als Schwäche angesehen, wenn man aus den Erfahrungen der Langzeittrockenen etwas gelernt hat.
Da stellt man sich lieber als "Revolutionär" :D dar, dass man ganz anders ist.

Beschreiben konnte es mir aber keiner wirklich bisher, was auf dem Weg anders ist, als es unsere Grundbausteine umreissen.

Liegt es an der Gesellschaft, dass man sich als "stark" und "seinen Status selbst erarbeitet" darstellt, weil es sonst schlecht ankommt, wenn man vor sich und vor allem anderen Menschen "zugeben" müsste, dass man Hilfe in Anspruch genommen hat?

Gruß
Karsten

Pellebär
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Pellebär » 21.07.2020, 12:05

Moin Karsten

Zuerst einmal, ich finde meinen Weg keineswegs individuell. Jeder kann ihn gehen, wenn er denn passt.

Als ich sehr schwach war, nämlich am Ende meiner Sauferei, hatte ich die Stärke, mich hier in deinem Forum anzumelden. Damit habe ich meine Schwäche eingestanden und mir Hilfe geholt. Das war mein erster Schritt auf meinem Weg in ein trockenes Leben.

Ich habe angefangen meine ersten trockenen Schritte aufzuschreiben, habe mich hier umgesehen, gelesen, kurz mich ausgetauscht. Ich habe die Grundbausteine sorgfältig gelesen und so für mich umgesetzt, wie ich mit ihnen leben kann. In dieser pitschnassen Welt, in der ich keinen Film ansehen kann, kein Buch lesen kann, keinen Supermarkt betreten kann, ohne mit Alkohol konfrontiert zu werden, war es mir überlebenswichtig meine Haltung zum Alkohol zu ändern. Ich hatte das damals hier beschrieben. Ich tu es wieder. Meine alkoholfreie Zone ist in meinem Kopf, sie ist da fest verankert. Deshalb musste ich äußerlich nicht viel ändern. Damit habe ich nie gegen die Grundbausteine gesprochen, im Gegenteil.

Mein trockenes Leben hat nichts mit Stärke zu tun, es ist meine Haltung die mich jetzt schon bald 12 Jahre zufrieden trocken leben lässt.

In der Sucht sind wir alle gleich, aber in unseren Lebenslagen sind wir unterschiedlich und dadurch variieren die Wege.

Ich kann nur zufrieden trocken sein, wenn ich mit meinem Weg zufrieden bin.

Aber das alles habe ich schon sehr oft geschrieben.

LG PB

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 21.07.2020, 12:16

Hallo PB,

ich wollte das nicht als Kritik an deinem Weg oder anderen verstanden wissen.

Mir ist halt nur aufgefallen, dass die Mitglieder, die sich für einen individuellen Weg aussprechen, ja gar keinen individuellen Weg gehen, aber trotzdem immer davon schreiben, dass sie eben gerne eigene Erfahrungen wollen. Das verstehe ich halt nicht.

Die Grundbausteine werden oft "anggriffen", obwohl man sie doch sogar befolgt.
Sie bieten doch ein weites Feld und der Grundgedankte ist hal die Risikominimierung.

Individuell würde für mich bedeuten, dass man eine Konfrontationstherapie machen will.

Das sich die Lebenssituationen unterscheiden, ist klar und ich da gwissen Dinge unterscheiden.

Meine Frage zielt eher darauf hinaus, ob man sich schämt, Erfahrungen anzunehmen, weil man doch sonst auch immer alles alleine in den Griff bekommen hat`?

Gruß
Karsten

Sunshine_33
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Sunshine_33 » 21.07.2020, 13:06

Da stellt man sich lieber als "Revolutionär" :D dar, dass man ganz anders ist.
Lieber Karsten,
dieser Kampf um "Alleinstellungsmerkmale" tobt meinem Gefühl nach seit einigen Jahren extrem.
Jeder möchte soooo anders sein, aus der Masse herausragen, vielleicht sogar negativ, die Hauptsache ist, aufzufallen.
Ich halte das das für ein gesellschaftliches Phänomen oder auch Problem.
Unsere Welt wird immer anonymer, man kennt oftmals den eigenen Nachbarn nicht mehr, geschweigen denn, den 2 Etagen höher.
Die neuen Medien helfen oft mehr als sie nützen, habe ich manchmal das Gefühl.
Da wird sich nicht mehr persönlich getroffen, sondern man wickelt viel über Whatsapp ab.
Ersetzt meiner Meinung nach aber nicht mal ansatzweise echte soziale Kontakte.
Beziehungen werden via internet eingegangen, und es wird teilweise nicht mal mehr eine Beziehung persönlich beendet, sondern per sms oder gleich per Whatsapp, kostet dann nicht mal ein paar cent :wink:

Der Narzissmus greift auch immer mehr um sich, das ist in Studien längst belegt, jeder ist sich am liebsten nur noch selbst der nächste.
Und das sehe ich als großes gesellschaftliches Problem, womit wir noch große Schwierigkeiten bekommen werden.

Ich denke, viele Menschen suchen ganz dringend nach Aufmerksamkeit in dieser immer anonymer werdenden Welt und wenn man besonders "laut" ist, bekommt man am ehesten Gehör.
Und besonders individuell zu sein, hat einen besonderen Touch und macht interessant, so zumindest die Hoffnung der Kämpfer/innen um Aufmerksamkeit.

Tja, und Schwäche zeigen macht wohl auch nicht besonders interessant.
Im Tierreich wäre es geradezu tödlich, somit wird das tunlichst vermieden.
Also lieber Stärke spielen, danmit hat man vermeintlich bessere Karten.

Tja, und dann wird man plötzlich krank (oder bei der Alkoholkrankheit auch nicht sooo plötzlich, aber irgendwann erkennt man, das da war ganz und gar nicht mehr stimmt)
Krank ist für viele gleichbedeutend mit Schwach...ganz besonders findet sich diese Denke bei Männern, von denen doch leider immer noch Stärke erwartet oder zumindest erhofft wird.
Damit muss man dann erstmal klar kommen.

Bei unserer Krankheit sehe ich die "Schwäche", Hilfe annehmen zu müssen, als einzige Möglichkeit, den Alk-Sumpf nochmal verlassen zu können.
Ich bin immer noch froh, das ich sie bekam.
Ich muss außerdem nicht das Rad selbst erfinden, sondern kann gut Erfahrungen anderer annehmen. Ich persönlich sehe das übrigens als Stärke, und nicht als Schwäche.
Alleinstellungsmerkmale brauche ich auch nicht, ich bin auch so "genug" :lol:

Das mal so als persönliche Sicht der Dinge...

LG Sunshine

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 21.07.2020, 13:19

Liebe Sunshine,

danke.
Du hast mich verstanden und ich hatte schon an mir gezweifelt, mich nicht richtig ausdrücken zu können :D

Genau diese Suche nach "Ich bin etwas Besonderes" und schwimme nicht mit dem Strom, meine ich.
Oft scheint aber da eher der Wunsch des Vaters Gedanke zu sein, weil man doch mit dem Strom schwimmt.

Es immer wieder zu leugnen, macht einen interessant, aber wenn man keine Antworten liefert, auch unglaubwürdig.

Ist wie mit dem immer wieder aus der Mottenkiste hervorgeholte Wort, der 20 Jahre trocken ist und eine Kneipe unterhält. :D
Dem wird Respekt gezolt, weil man auch gerne so sein möchte, aber:
Wenn es den geben sollte, bekommt er von mir keinen Respekt, denn es ist aus meiner Sicht einfach leichtsinng und zum anderen auch verantwortungslos, Menschen die Droge Alkohol anzubieten, von der man selbst abhängig geworden ist.

Gruß
Karsten

Eule89
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Eule89 » 23.07.2020, 15:35

Hallo zusammen,
zum Thema "Individualität" und "Egoismus" kann ich nur sagen, dass ich das im Krankenhaus damals schon bei den Neugeborenen beobachtet habe. Klar, da sind es einfach Gene und Urinstinkt. Wir haben uns monatelang das Zimmer mit einem anderen Baby und den Eltern geteilt. Der Kurze und mein Sohn haben nicht aufeinander reagiert. Es gab also kein sympathi-Geschrei. Für eine kurze Zeit hatten wir dann ein anderes Baby mit im Zimmer, grade neu geboren, das hat die beiden Jungs so aufgewiegelt. Das war echt irre zu beobachten. Wie und warum, keine Ahnung. Aber es muss ja in den Genen verankert sein.
Ich glaube es ist auch sehr wichtig ein gewisses Maß an "Individualität" zu haben und zu verfolgen. Denn nur so kann man auch kritisch sein, anderen und auch sich selbst gegenüber.

Liebe Grüße
Eule

Carl Friedrich
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Carl Friedrich » 23.07.2020, 20:13

Pellebär hat geschrieben:
21.07.2020, 12:05
Meine alkoholfreie Zone ist in meinem Kopf, sie ist da fest verankert. Deshalb musste ich äußerlich nicht viel ändern. Damit habe ich nie gegen die Grundbausteine gesprochen, im Gegenteil.

Mein trockenes Leben hat nichts mit Stärke zu tun, es ist meine Haltung die mich jetzt schon bald 12 Jahre zufrieden trocken leben lässt.

In der Sucht sind wir alle gleich, aber in unseren Lebenslagen sind wir unterschiedlich und dadurch variieren die Wege.

Ich kann nur zufrieden trocken sein, wenn ich mit meinem Weg zufrieden bin.
Pellebär hat es hervorragend auf den Punkt gebracht.

Ich habe mir noch mal die Grundbausteine angeschaut. Sie sind eine prima Handlungsempfehlung, einzelne Teile habe ich jedoch noch nie für mich umgesetzt und habe es auch zukünftig nicht vor.

In unserem Haushalt gibt es immer noch Alkohol, etwas Wein und Sekt für meine Frau, die nur selten und wenig trinkt und zwar so wie ich es nie konnte.

Ich binde auch nicht jedem, der fragt meine Geschichte auf, warum ich nicht trinke. Ich antworte dann, dass mir Alkohol nicht (mehr) bekommt, ich ihn nicht (mehr) vertrage und auch keinen (mehr) trinke. Damit ist das Thema dann für mich erledigt. Aber ich bin schon Ewigkeiten nicht mehr gefragt worden, weil mich meine Umwelt seit mehr als 5 Jahren nur noch als Wasser-, Saftschorle-, Kaffee- und Teetrinker kennt. So einfach ist das für mich.

Der Kontakt zu ehemaligen Zechkumpanen ist eingeschlafen.

Heftig trinkenden Zeitgenossen und Ereignissen, bei denen viel getrunken wird, gehe ich aus dem Weg. Da gehöre ich nicht hin und da will ich auch nicht hin.

So einfach ist mein individueller Weg. So verschieden ist er von anderen auch nicht. Ich komme mit ihm seit jahren prima klar und wüsste auch nicht, was ich ändern sollte.

Gruß
Carl Friedrich

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