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Nur nicht trinken reicht nicht. Was bedeutet das für euch?

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
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Twizzler
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Nur nicht trinken reicht nicht. Was bedeutet das für euch?

Beitrag von Twizzler » 30.11.2018, 12:45

Ich bin eigentlich nicht der Typ der neue Themen eröffnet, aber dieses interessiert mich wirklich brennend.

Nur nicht trinken reicht nicht.

Diesen wahren Spruch lese ich immer wieder im Forum.

Wie genau sieht das bei euch aus?
Wie setzt ihr das um?
Was habt ihr an eurem Verhalten und an eurem Denken verändert?
Was bedeutet es für euch, nur nicht mehr zu trinken?

Viele Grüße

Twizzler

Ernest
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Re: Nur nicht trinken reicht nicht. Was bedeutet das für euch?

Beitrag von Ernest » 30.11.2018, 13:32

Hallo Twizzler

Interessantes Thema!

Ich war (hoffentlich bleibst bei der Vergangenheitsform) ein Fernseh-Sessel-Säufer. ca. 2 Flaschen Wein pro Abend. Dies über Jahre. Lebe nicht in einer Partnerschaft. Arbeite im Anstellungsverhältnis extern; 5-Tage-Woche.
Mit dem Entschluss keinen Alkohol mehr zu trinken (Nov. 2017) kam die grosse Lücke. Zu Beginn kein Problem, da ich mit dem Nicht-Trinken stark "beschäftigt" war.
Aber mit dem Nicht-Trinken wurden auch Energien in mir aktiviert. So wurde Diverses ausprobiert: Modellbasteln; Motoradreparatur und -instandstellung und schlussendlich bin ich bei Naturthemen hängengeblieben. Heute bin ich ein Möchte-Gern-Ornithologe; ein Hobby Gärtner; Lustwandler, Berggänger und ein Naturliebhaber im Allgemeinen. Seit ein paar Monaten setzte ich mich mit der Religion auseinander. Nicht, dass ich religiös werden will, sondern mehr damit, warum während des ganzen Menschheitsgeschichte die Religion immer ein (Haupt-)Thema war.

Dies hat natürlich all mein Denken auch verändert. Statt betrunken über was zu sinnieren (was eh ohne Händ und Füss war), gehe ich heute bewusst Sachen und Themen an.

Ja, das ist es in etwa, was es für mich bedeutet, nicht mehr zu trinken.

Lieber Gruss
Ernest

Hope24
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Re: Nur nicht trinken reicht nicht. Was bedeutet das für euch?

Beitrag von Hope24 » 30.11.2018, 22:40

Hallo Twizzler,

Ich habe schnell gemerkt, dass einfach kein Bier holen keine Lösung ist. Ich muss mich aktiv ablenken und mir neue Beschäftigungen und Rituale suchen.

Ich habe abends vorm Fernseher getrunken. Sonst hab ich nichts anderes mehr gemacht. Kinder waren im Bett, Fernseher an und saufen. Also fiel das die ersten Tage flach, einfach Fernsehen ging nicht...

Mittlerweile gehe ich 2 mal die Woche zum Sport, gehe regelmäßig mit einer Freundin essen und lasse die Nähmaschine glühen. Und wenn ich ehrlich bin habe ich gar keine Lust mehr, meine Zeit nur vor der Glotze zu verschwenden.

Einfach nur nicht trinken hat bei mir nicht gereicht, ich arbeite aktiv daran, neue Hobbies oder Beschäftigungen zu finden, die Spaß machen.

MieLa
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Re: Nur nicht trinken reicht nicht. Was bedeutet das für euch?

Beitrag von MieLa » 04.12.2018, 18:05

Hallo Twizzler,

das ist ein sehr spannendes Thema, das du hier eröffnet hast :!:

Ich wollte eigentlich schon lange schreiben, aber habe keine Ruhe gefunden.

Als ich mich hier angemeldet habe, habe ich in einem meiner ersten Beiträge auf eine Frage von Viola (Vielen Dank noch einmal dafür :D ) schon einmal intensiv darüber nachgedacht, was ich eigentlich verändert habe – außer nicht zu trinken. Das ist dabei rausgekommen:
1. Ich lese viel über Alkoholkrankheit, sauge alle Informationen auf und reflektiere mich in Bezug auf das Gelesene. Ich beschäftige mich also bewusst mit der Krankheit und mit mir selbst.

2. Ich versuche zu ergründen, warum ich im Alter von knapp 30 Jahren plötzlich so auf diese Droge abgefahren bin, wo sie mich doch vorher nie interessiert hat.

3. Ich gehe bewusst durch den Alltag und bin mir gegenüber sehr achtsam. Ich versuche wahrzunehmen, wie entspannt ich bin und in welchen Situationen der Wunsch nach Alkohol aufkommt.

4. Ich achte gerade abends darauf, in einen ruhigen Zustand zu gelangen. Ich sehe keine spannenden Folgen mehr auf Netflix oder im TV, denn das macht mich nicht müde. Eine Stunde eine spannende Serie und ich bin quietschwach. Früher war das kein Problem, da der Rotwein die nötige Bettschwere schon geregelt hat.

Ich führe abends auch keine anregenden Telefonate mehr. Stattdessen gehe ich zum Yoga oder lese.

5. Ich setze ein Kontrastprogramm zu dem Moment des Abends, an dem ich früher das erste Glas getrunken habe. Jetzt genieße ich ein Glas Limo. Inwischen freue ich mich richtig darauf. Ich habe den Eindruck, dass es mir teilweise gut gelingt, die Gewohnheit Rotwein mit der Gewohnheit Limo zu überschreiben. Da bleibt es aber bei einem Glas, danach gibt es problemlos Kräutertee.

6. Ich habe mich in dieser SHG angemeldet

Was steht an und ist noch nicht umgesetzt?

Verbreiten der Nachricht im Freundeskreis, bei denen, die es angeht und deren Unterstützung ich brauche. Das kommt nach und nach, je nachdem, wann ich die Freunde treffe
Einiges davon hat sich natürlich im Laufe der Monate verändert. Aber alles war und ist teilweise noch hilfreich.

Was ich auch noch gemacht habe: Ich habe am Anfang viele schnell den Körper flutende Kohlenhydrate gefuttert. Und zwar zu den Uhrzeiten, wenn mein Körper sonst die Rotwein-Flutung gewohnt war. Nach und nach habe ich das wieder zurückgefahren. Auch mein Ersatzgetränk ist nicht mehr nötig.

Und dann habe ich hier jeden Tipp aufgesaugt, den ich bekommen konnte.
Ich habe mich mit den Grundbausteinen beschäftigt, die ich sehr wichtig finde. Ich habe gemerkt, dass ich es nicht aushalte, wenn mein Lieblingsmensch zu Hause Alkohol trinkt. Ich habe mir einen Notfallkoffer gepackt und erfahren, dass die Visualisierung von bevorstehenden Situationen mich stärkt.

Und ich habe gerade gemerkt, dass auch nach nun 10 Monaten immer noch neue – teilweise überraschende - Herausforderungen auftreten und ich weiter auf der Hut sein muss.

Hätte ich das alles nicht gemacht, sondern wie sonst früher bei Trinkpausen „einfach“ nicht getrunken, würde ich schon längst wieder trinken.
Ich empfinde Trockenwerden als Arbeit. Von selbst geht das nicht. Daher: Einfach nur nicht trinken reicht nicht :lol:

Viele Grüße,
MieLa

Bakki
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Re: Nur nicht trinken reicht nicht. Was bedeutet das für euch?

Beitrag von Bakki » 12.12.2018, 12:27

Hallo Twizzler,
habe gerade über deine Frage nachgedacht.
Ich habe die letzten Monate wieder angefangen Dinge zu tun, die mir früher Spaß gemacht haben. Ich lese sehr viel oder mache meine Wohnung mit Deko hübsch.

Ich habe mir Ziele fürs nächste Jahr gesteckt und zum Teil angefangen diese umzusetzen.

Was auch sehr wichtig ist gerade, ich habe Kontakte einschlafen lassen, mit denen Treffen sehr alkohollastig waren.

Was ich aber auch wichtig finde, es gibt nicht nur Dinge, die ich mache UM nicht rückfällig zu werden, sondern Sachen, die ich mache WEIL ich nicht trinke. Vieles ist wieder besser, da ich nix trinke, zb pflege ich mich und meine Wohnung mehr, erledige Papierkram schneller usw. Ich habe einfach mehr Zeit, da ich meinen Feierabend nicht mit trinken verbringe und so macht man automatisch sinnvolle Sachen. Daran erinnere ich mich, wenn ich gerne trinken würde.

LG
Bakki

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