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Neustart in ein Leben ohne Alkohol

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Lunki
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Re: Neustart in ein Leben ohne Alkohol

Beitrag von Lunki » 07.12.2018, 08:20

Guten Morgen,

vielen Dank für eure Rückmeldungen.
Mir geht es heute sehr schlecht. Gestern erhielt ich den Brief mit dem Ergebnis der Blutuntersuchung, den ich noch nicht angeschaut habe. Ich weiß nicht, warum es mir solch ein Problem bereitet da rein zu gucken. Es ändert ja nichts an der Sache an sich. Aber das ist ein Teil meiner Persönlichkeit und vielleicht auch ein Grund warum ich getrunken hab. Von jeher tendiere ich dazu, bei Problemen den Kopf in den Sand zu stecken. Mein Verstand weiß zwar das sie dann trotzdem noch da sind, aber im Verdrängen war ich wohl schon immer Weltmeister. Ich bin ein Mensch, der intuitiv sehr gut spürt was gut und richtig ist. Dennoch ignoriere ich diese innere Stimme immer wieder, weil der Kopf mir was anderes sagt. Z.B. meine jetzige Arbeitsstelle. Mein Bauchgefühl was die Menschen dort anbelangt, war von Anfang an miserabel. Aber ich war schon 11 Monate arbeitslos und hatte unzählige Bewerbungsgespräche hinter mir, dass ich diese Stimme einfach ignoriert hab. Naja, von irgendwas muss man ja auch leben. Und du kannst dich ja trotzdem nebenher woanders bewerben, sagte die Kopfstimme in mir. Jetzt nach fast 8 Monaten, weiß ich nicht wie ich das bis zum Ende des Arbeitsvertrages (war auf ein Jahr befristet und verlängern werde ich ihn definitiv nicht) durchhalten soll. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn schon einige Firmen erlebt, aber diese ist nochmal eine Nummer für sich. Der Druck auf die Mitarbeiter ist immens. Man hat ein Pensum, das man selbst mit täglichen Überstunden nicht bewältigen kann. Es gibt für die geleistete Arbeit, nicht die geringste Anerkennung (auch für langjährige Mitarbeiter nicht, die fachlich wirklich top sind) Die Leute die dort langjährig arbeiten, haben sich zu einer Art Notgemeinschaft zusammen gefunden und lassen sich gegenseitig in Ruhe und arbeiten auch relativ gut zusammen, aber neue Leute und Auszubildende werden da nicht mit einbezogen. Es wird ständig nach Fehlern gesucht um diese dann in der täglichen Besprechung, bei Anwesenheit der Vorgesetzten demjenigen aufs Butterbrot zu schmieren. Und da wird akribisch gesucht und egal wie banal das auch sein mag, es wird vorgetragen bzw. vorgeführt. Ein konstruktives Miteinander ist dort ein Fremdwort. Wenn ich einem Mitglied aus meinem Team eine fachliche Frage gestellt hab, bekam ich öfter die Antwort, das hätte man mir schon 5 mal erklärt (was definitiv nicht stimmt) und ich solle danach googeln. Es waren einfach Fragen, ein ja oder nein hätte gereicht. Vor drei Wochen war ich wegen einer Erkältung 4 Tage krankgeschrieben, als ich wiederkam, war von meinen Sachen nichts erledigt, stattdessen hatte ich einen Haufen auf dem Tisch, den ich selbst dann nicht bewältigt hätte, wenn ich jeden Abend bis 22.00 Uhr gearbeitet hätte. An dem Tag nun, der in der Alkoholfahrt mit Aufenthalt bei der Polizei endete, war jener Tag, also der erste Arbeitstag nach meiner Erkrankung. Mit dem bereits riesen Haufen auf dem Tisch, bekam ich von einem Teammitglied noch weitere Aufgaben zugeteilt die ich vorher noch nie gezeigt, bzw. erklärt bekam. Fragen ist ja nicht wirklich erwünscht, also was tun. Ich nahm also meinen ganzen Mut zusammen und den Stapel von meinem Tisch und ging zu meinem Vorgesetzten und wies darauf hin (ich finde das ist ja auch meine Aufgabe als Arbeitnehmerin, im Rahmen meiner Sorgfaltspflicht, meinen Vorgesetzten darauf hinzuweisen, das ich die mir gestellte Arbeit nicht bewältigen kann, bevor z.B. Kunden sich beschweren, weil sie nicht zeitnah eine Antwort erhalten) Das ganze endete damit, das ich mich mit dem Geschäftsführer, meinem Vorgesetztem und einem langjährigen Mitarbeiter aus meiner Abteilung in das Büro der Firmenleitung zitiert wurde und der Tenor war, was mir denn einfiele, solche Banalitäten nicht erst Mal im Team zu erörtern. Da würde mir doch jeder helfen. Nun hätte ich das im Gespräch richtigstellen können (müssen?) dass es nicht an dem ist, also die Hilfe im Team ja nicht vorhanden ist. Nun ist es aber meine Art so gar nicht, Kollegen bei der Geschäftsleitung anzuschwärzen. Ich kämpfte mit den Tränen, wie so oft in den letzten Wochen und Monaten. Ich begriff, du wirst hier niemals gehört werden. Egal wie sehr du dich engagiert hast und wie viele Überstunden du machst, es wird nie genug sein. Das rechtfertigt natürlich nicht sich abends die Birne zuzusaufen und sich dann ins Auto zu setzen. Aber es zeigt dieses Muster was ich auflösen muss, es reicht eben nicht, nur nichts zu trinken. In den 14 Tagen ohne Alkohol habe ich verstanden, dass ich an diesem Verhalten arbeiten muss. Nicht hinsehen, verdrängen, irgendwie durchhalten ist nicht der richtige Weg. Ich muss auch Konflikte ansprechen und das aushalten und gleichzeitig mich aus Situationen und von Menschen befreien, die mir nicht guttun. Diese Firma tut mir nicht gut. Wie oft bin ich in den letzten Wochen und Monaten heulend nach Hause gekommen, die Wochenenden verbrachte ich mit einer dumpfen Angst in mir, bald ist wieder Montag. In den Nächten fand ich keinen Schlaf, weil ich immer wieder gedanklich am arbeiten war, woran muss ich unbedingt denken, was darf ich nicht vergessen.
Was mich regelmäßig zur Verzweiflung treibt und das zieht sich eigentlich durch mein ganzes Leben, ich verstehe Menschen nicht, denen es offensichtlich Freude bereitet, andere zu verletzen, vorzuführen, klein zu machen. Das ist so meilenweit weg, von meiner eigenen Persönlichkeit, dass ich jedes Mal wieder an den Punkt komme, wo ich verzweifle. Irgendwie gehe ich davon aus, da ich Menschen fair und achtsam ihren Gefühlen gegenüber begegne, dass ich das gleiche erwarten darf. Warum bin ich nur jedes Mal wieder aufs Neue verzweifelt darüber das dies nicht so ist und nie so sein wird?

Entschuldigt diesen Monolog. Aber das hilft mir gerade, das einfach so niederzuschreiben.

Was ich aktuell gerade noch unternehme:
Ich stehe ja auf der Warteliste für die Orientierungsgruppe der Suchthilfe, wo ich ja auch bereits ein Einzel Gespräch hatte. Nur das dauert mir zu lange. Ich habe bisher nichts gehört und ich brauche jetzt Hilfe.
Alternativ habe ich mir jetzt zwei SHG in meiner Nähe raus gesucht und werde heute dort anrufen. Ich habe zwar Angst davor dort hinzugehen, aber ich muss und werde diese Angst überwinden. Ich schäme mich so sehr über das was ich getan hab, dies „öffentlich“ zu machen fühlt sich so unüberwindbar an. Aber ich glaube das muss sein, ich muss dazu stehen und es nützt ja nichts das ich mich täglich selbst zerfleische.
Ich glaube ein Teil von mir kann das nicht akzeptieren, weil es mein eigenes Selbstbild zerstört. Ich war immer ein Musterschüler. Also ein Kind was immer geglänzt hat. Sehr gute Noten in der Schule, Erfolge im Sport, keine Eskapaden als Teenager, immer war ich ein Mensch der sich darüber definiert hat. Diese Situation jetzt kratzt an dieser „Fassade“ Diese Abgründe in mir, will ich offensichtlich nicht sehen, das passt nicht in mein Bild von mir selbst.

Aktuell habe ich so viele widersprüchliche Gedanken Da ist ein Sehnen nach Verständnis und andererseits auch so viel eigenes Unverständnis darüber, wie mein direktes Umfeld mit der Tatsache jetzt umgeht. Also damit meine ich, dass es aus meiner Sicht bagatellisiert wird. Das ist schon so vielen passiert, wirst nicht die erste und nicht die letzte sein. Auch andere, denen das gleiche wie mir passiert ist, hatten eher die Gedanken darauf gerichtet, wie sie jetzt schnellstmöglich den Führerschein wiederbekommen. Das ist für mich so zweitrangig gerade. Es ist die Tatsache an sich, dieses Auseinandersetzen mit dem Problem Alkohol an sich, was bei mir so viel präsenter ist als das. Ich weiß nicht wie ich die Scham und diese Abscheu vor mir selbst aktuell überwinden kann. Mir scheint es so, als ob ich das nicht darf, weil wenn mein Umfeld mich nicht verachtet, dann muss ich mich wenigstens selbst verachten. Das scheint mir wie eine gerechte Strafe.

Und da Ernest, kamen mir die Tränen als ich deinen Beitrag gelesen hab. Sei gut zu dir selbst schreibst du und ich dachte, ich habe es nicht verdient gut zu mir zu sein.

Feldmaus75
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Re: Neustart in ein Leben ohne Alkohol

Beitrag von Feldmaus75 » 07.12.2018, 09:40

Hallo Lunki,

ich glaube, ich kann ganz gut nachvollziehen, wie es dir geht... ich war in den letzten Monaten auch oft in so einer Stimmung... Ungerechtigkeiten und man kann nichts daran ändern... das Gefühl, als erwachsener, gestandener Mensch nicht mehr mit seinem Leben klar zu kommen und man kann (gefühlt) nichts daran ändern... allumfassende Ausweglosigkeit... Bin nicht sicher, ob das jetzt deine Gefühlslage richtig beschreibt, aber so liest es sich für mich...

Ich hatte in meinem alten Job auch große Probleme mit mehreren Kolleginnen im Team... habe bis heute nicht verstanden, was ich falsch gemacht habe, es war eine schlimme Zeit... nach einigen Monaten konnte ich meinen Chef (der war zum Glück ein guter) zu einem Teamwechsel bewegen und das neue Team war super... aber das wird bei dir wahrscheinlich nicht zu bewerkstelligen sein... :-|
Im neuen Team ging das Elend dann irgendwann weiter, da waren zwar die Kollegen top, aber die Arbeit an sich und das ganze System hat mich ausgebrannt... wieder schlimme Zeiten, keine Ahnung, wie es weitergehen soll :(. Anfang dieses Jahres die Entscheidung zum Jobwechsel, auf Anhieb den vermeintlichen "Traumjob" gefunden... Naja, es ist nicht alles Gold, was glänzt... auch hier wieder ein tolles Team, aber schlechte Arbeitsbedingungen, ein krankes System, es geht eigentlich nur um Kohle... und damit komme ich genausowenig klar, wie mit "schlechten Menschen", da geht es mir wie dir... ich mag auch nicht jeden, aber schlimmstenfalls gehe ich denen dann höflich aus dem Weg... andere Menschen absichtlich abzuwerten und schlecht zu behandeln ist inaktzeptabel und kann durch nichts entschuldigt werden :evil:. Ich komme dann schnell in eine Schleife, vom Kleinen ins ganz Große... unser Gesellschaftssystem, Egoismus, Gedankenlosigkeit, Gier, Machthunger, Profit, Konsum, scheiß auf die Mitmenschen und die Umwelt, Hauptsache, ich kann meine Belange maximieren... wenn ich da drauf einsteige, könnte ich durchdrehen... Okay, das geht jezt vielleicht zu sehr von deinem Thema ab...

Hast du nach einem anderen Job gesucht oder fehlt dir dafür die Energie...? Hast du einen guten Hausarzt? Du könntest dich längere Zeit krank schreiben lassen... Rücksicht auf deine Kollegen musst du ja nicht nehmen, oder? Ich finde es übrigens sehr mutig, dass du eine Überlastungsanzeige gemacht hast :!:

Tja, und was dein Selbstentwertungsverhalten angeht: du hast schonmal erkannt, dass es so ist, das ist viel wert...! Weiß gerade nicht, ob du schon was bzgl. Psychotherapie geschrieben hattest...? Das wär dann sicher ein guter Ansatz, um aus den alten Mustern rauszukommen...

Und zu guter Letzt: auch wenn es dir jetzt gerade total mies geht, es geht auch wieder bergauf, es kommen Momente, wo du durchschnaufen kannst... wo die Hoffnungslosigkeit ihren Griff lockert und du Pläne für die Zukunft schmieden kannst (ist zumindest meine Erfahrung)...

Head up high...

Feldmaus75
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Re: Neustart in ein Leben ohne Alkohol

Beitrag von Feldmaus75 » 07.12.2018, 09:41

... da haben wir wohl gleichzeitig geschrieben :mrgreen:

sue05
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Re: Neustart in ein Leben ohne Alkohol

Beitrag von sue05 » 07.12.2018, 10:30

Hallo Lunki,

ich finde es toll, dass Du Deine Gedanken hier schreibst - das ist so viel wert!
Ja, es gibt Tage, da fühlt man sich echt mies, aber die gehen vorbei, auch wenn es abgedroschen klingt...
Zu Deiner Jobsituation: ich kann das gut nachvollziehen, wenn man sich nicht wohl fühlt bei den Kollegen, sich nicht verstanden und integriert fühlt. Und es tut gut, sich das mal von der Seele zu schreiben. Aber dann solltest Du etwas unternehmen, denn vom Jammern alleine wird sich ja nichts ändern :wink: (ist nicht böse gemeint!). Ich kann mich auch an viele Situationen erinnern, in denen ich sehr unzufrieden und unglücklich war (unabhängig davon, in welchem Bereich, also ob privat oder beruflich). Und erst mal bleibe ich da oft "hängen" und "suhle mich ein bisschen im Selbstmitleid" (wie ich das gerne bezeichne). Ich habe aber im Laufe der Jahre gelernt, dann auch mal aus diesem Loch rauszukommen und in Aktion zu gehen. Denn ohne, dass ich selbst etwas ändere, wird sich kaum etwas an der Situation ändern. Ja, das ist unbequem und manchmal denkt man, man hat die Kraft dazu nicht - aber aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, wenn man den ersten Schritt gemacht hat, ist viel mehr möglich, als man denkt!
An erster Stelle steht jetzt erst einmal das Trockenwerden! Wie stark wirkt sich die berufliche Situation denn auf Dein allgemeines Befinden aus? Entweder Du kannst die nächsten Monate überstehen nach dem Motto "Augen zu und durch" und Dich voll und ganz auf das Trockenwerden konzentrieren? Oder - falls die berufliche Situation da eine Schwierigkeit darstellt, die das Trockenwerden gefährden könnte - dann solltest Du Dich aktiv um eine andere Stelle bemühen? Ist schwierig gerade, das kann ich mir vorstellen. Aber Du solltest überlegen, was nötig ist, um trocken zu werden.

Den Arztbrief ungeöffnet liegen zu lassen, wird es nicht besser machen :wink: Vielleicht ist das Ergebnis ja gar nicht so schlimm, wie Du befürchtest? Wenn Du den Brief öffnest, weisst Du zumindest woran Du bist und kannst entsprechend handeln! Nur Mut!

Mein erster Besuch in einer (realen) SHG hab ich auch noch gut in Erinnerung - ich hab mich so geschämt und es war mir unglaublich "peinlich". Und soll ich Dir was sagen: es tat so unglaublich gut!! Es war ein wichtiger Schritt, mich mit meiner Abhängigkeit auseinander zu setzen, es stärkt, man bekommt Rückhalt und fühlt sich nicht so "abartig" (zumindest war es bei mir am Anfang so), sondern sieht, dass es da ganz viele andere, "normale" Menschen gibt, die das gleiche Problem haben. Ich bin mir sicher, Du wirst es als positive Erfahrung wahrnehmen!

Ich wünsch Dir schon mal ein schönes 2. Adventswochenende,
lg Sue

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