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Vorgeschobene Argumente

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Hartmut
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Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Hartmut » 30.12.2018, 22:07

Hallo zusammen,

nun lese ich ja hin und wieder gerade bei anfänglich trocken werdende Alkoholiker des Öfteren die verschiedensten (vorgeschobene) Argumente.
„ich kann doch nicht den anderen verbieten das Andere in meinem Beisein Trinken“
„ich kenne trockene Alkoholiker, die auch an alkoholisierten Festen teilnehmen“
„wenn an Silvester um Mitternacht mit Sekt angestoßen wird halte ich mich fern“
1.Für mich sind das irgendwie Rechtfertigungen für andere.
2.Man stellt sich selbst ein Freifahrtschein aus, immer Herr der Lage über seine gestoppte Sucht zu sein.

Wie seht Ihr das?
Gruß Hartmut

ps. Da ich mich im Moment im Krankenstand befinde kann es etwas dauern bis ich antworte.

Carl Friedrich
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Carl Friedrich » 30.12.2018, 22:46

Hallo Hartmut!

Erst mal gute Erholung.

Ja, das sind typische Anfängerfehler, die gerne und schnell in einem Rückfall enden.

Es werden die beiden wesentlichen Grundsätze der Abstinenz und somit des eigenen Überlebens in Frage gestellt:

1. Die eigene Abstinenz hat absolute Priorität, alles andere ist weniger bedeutsam und muss zurückstehen.

2. Sich den Alkohol, so gut es eben geht, auf Distanz zu halten und ihm nicht noch hinterher zu rennen.

Gruß
Carl Friedrich

Mario B.
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Mario B. » 31.12.2018, 07:58

Hallo,

in Hartmut’s Liste fehlt noch:

Ich nehme keine Hilfe eines Psychologen/Psychiaters/Therapeuten in Anspruch, die kann ich nicht ernst nehmen. Wie sollen die denn überhaupt eine Ahnung haben wenn sie nicht selbst Alkoholiker sind und wie sollen die mir überhaupt etwas beibringen.

Liest man hier auch relativ oft. Oder wurde dieses Argument bewusst weggelassen?

Die Abstinenz ist in der Tat die absolute Priorität, nicht das krampfhafte 100%ige 1:1 Einhalten diverser Grundbausteine. Auch wenn solch eine erlangte Abstinenz wohl nicht überall gerne gesehen wird und mich würde eher interessieren warum das so ist?

Gruss,

Mario B.

Carl Friedrich
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Carl Friedrich » 31.12.2018, 11:13

Hallo Mario!

Das ist ein interessanter Ansatz.

Vorab, nein, ich halte auch nicht alle Elemente der Grundbausteine ein und werde es wohl auch niemals tun. Dennoch sind sie für Neueinsteiger eine prima Orientierung, eine Art to-do-Liste, die die eigenen Chancen erheblich verbessert, clean zu bleiben, wenn man sie beachtet.

Ich habe in den letzten Jahren gelernt , dass es mehrere Gründe in die Sucht, als auch mehrere Wege aus ihr heraus gibt.

Es gibt hier einige Langzeittrockene, die ihren Weg auch ohne professionelle Hilfe gefunden und erfolgreich beschritten haben. Dafür gebührt ihnen mein voller Respekt.

Ich betrachte Therapien als die zweite Seite der Medaille. Seite 1: Eigenes Engagement unter Beachtung meiner o.a. Grundsätze
Carl Friedrich hat geschrieben:
30.12.2018, 22:46

1. Die eigene Abstinenz hat absolute Priorität, alles andere ist weniger bedeutsam und muss zurückstehen.

2. Sich den Alkohol, so gut es eben geht, auf Distanz zu halten und ihm nicht noch hinterher zu rennen.

Seite 2: Professionelle Hilfe.

Der Vorteil der professionellen Hilfe bestand für mich darin, dass ich das, was ich hier im Forum sowie anderweitig gelesen habe, in Beziehung zu dem setzen konnte, was ich dort hörte. Das rundete für mich das Gesamtbild ab. Auch lernte ich einige interessante Herrschaften kennen, die rückfällig wurden. Die Ausführungen der Rückfälligen waren für mich sehr wertvoll und ich profitiere noch heute von ihnen, zumal sie sich nahtlos in die Hinweise der Therapeuten einfügten.

Allerdings verhält es sich mit den Therapien so wie mit der Schule, hat meinen gute Lehrer, profitiert und lernt man, taugen in Ermangelung genügenden pädagogischen Geschicks nicht viel, kann man's vergessen.

Jedoch kann man Therapien nur dann beurteilen, wenn man mal an einer teilgenommen hat. Aber auch dann besteht das Risiko, von einer gleich auf alle zu folgern.

Und nicht jeder ist subjektiv in der Lage, sein Problem nur mit dem Forum und ggf. zusätzlich einer realen SHG in Angriff zu nehmen.

Gruß
Carl Friedrich

Hartmut
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Hartmut » 31.12.2018, 17:42

Hallo Mario und Carl
Ich nehme keine Hilfe eines Psychologen/Psychiaters/Therapeuten in Anspruch, die kann ich nicht ernst nehmen. Wie sollen die denn überhaupt eine Ahnung haben wenn sie nicht selbst Alkoholiker sind und wie sollen die mir überhaupt etwas beibringen.

Liest man hier auch relativ oft. Oder wurde dieses Argument bewusst weggelassen?
Ja wurde weggelassen da es nicht direkt was mit dem Kontakt zum Alkohol zu tun hat.
Es gibt hier einige Langzeittrockene, die ihren Weg auch ohne professionelle Hilfe gefunden und erfolgreich beschritten haben. Dafür gebührt ihnen mein voller Respekt.
Mag sein das es sowas gibt. Für mich habe ich in diesem Forum professionelle Hilfe von den Erfahrungsberichten der Langzeit Trockene erhalten. Denn genau diejenigen die die Grundbausteine ins Leben gerufen haben sind ja die Profis. Alles andere was ich dazu in Anspruch nehme ist immer auf den Einzelne abgestimmt.
Die Abstinenz ist in der Tat die absolute Priorität, nicht das krampfhafte 100%ige 1:1 Einhalten diverser Grundbausteine
Wie will ich denn eine absolute Priorität erreichen wenn ich keine Richtlinien habe (Grundbausteine) die es mir ermöglichen? Wer die Grundbausteine als Hindernis ansieht , hat die Grundbausteine nicht verstanden. Grundbausteine sind nichts anderes als den Risiko-ärmsten Weg aufzuzeigen . Ein Aufweichen und weglassen von gewissen Inhalte davon, ist auch ein Stück Risiko für sich zu akzeptieren.

Mir ist es auch egal wer oder wie ein anderer mit Kompromisse seinen Weg geht. Die Sucht zu stoppen fängt zwar im Kopf an aber das reicht eben aus nicht wenn ein Umsetzen fehlt.

Gruß Hartmut

Carl Friedrich
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Carl Friedrich » 31.12.2018, 21:10

Hallo Hartmut!

Wir beide legen dem Begriff der "professionellen Hilfe" eine unterschiedliche Auslegung zugrunde. :wink:

Gruß
Carl Friedrich

Hartmut
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Hartmut » 12.01.2019, 13:08

Hallo Carl Friedrich,

bin erst jetzt wieder im Lande deswegen so spät die Antwort. Nun kommt es ja nicht auf die Auslegung an was mir hilft, sondern jemand der mir helfen kann.

Ein Therapeut unterstützt dich mittlerweile in allen Lebenslagen was auch für den Einzelnen wichtig sein kann. Er kann dir ins Hirn greifen aber nicht wissen wie es ist zu entgiften, trocken zu werden oder zu bleiben. Er beruft sich auf seine Ausbildung und Erfahrungen oder Studien.
Ich für meinen Teil hatte zuviel gesoffen und den Absprung nicht geschafft. Nicht wegen irgendwelchen theoretischen Umständen in der Kindheit, Verhaltensmuster auf den Weg dahin oder sonst was. Die Beeinflussung Alkoholiker zu werden ist sicherlich auch zu erkennen. Jedoch wird eben nicht jeder dazu.

Wir schweifen ab. Mir ging es in diesem Thread viel darum das sich Alkoholiker im Vorfeld schon eine Rechtfertigung im Kopf bereitlegen, um an einer „Suff oder Alkohol Veranstaltung“ teilzunehmen. Ich entziehe mich zwar auch nicht jeder Veranstaltung, jedoch macht es für mich einen Unterschied ob es jemand macht, der Jahre schon trocken lebt und das Rüstzeug dazu hat, als jemand der gerade mal paar tage Monate oder gar erst ein Jahr trocken lebt.

Gruß Hartmut

Karsten
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Karsten » 12.01.2019, 19:09

Hallo Hartmut,

dieses Thema trifft sicher auf viele Mitglieder und Leser genau zu.
Deshalb wird es auch so wenige Antworten dazu geben.
Wo es piekt, möchte man sich ja eher nicht damit beschäftigen.

Gerade in den Vorstellungen lesen wir ja sehr oft, welche Ausreden sich zurecht gelegt werden, um nicht handeln zu müssen oder wie man sich selbst einredet, alles zu wissen, was man braucht.

Gerade auch die Ausnahmen ( der berüchtigte trockene Alkoholiker als Kneipenwirt ), mag es sie geben, werden für die eigene Nüchternheit herangezogen, um eben so wenige wie möglich am eigenen Leben zu ändern.

Ich kenne das sehr gut von mir aus früheren Zeiten. Nur hat es mir nicht geholfen und ich glaube auch nicht, dass es (allen) anderen hilft.

In fast allen Lebensgeschichten in den Tagebüchtern ( bei LZT ) kann man lesen, dass sie ihr Leben fernab vom Alkohol verbringen und das sind für mich Erfahrungen, die zählen.
Alles andere sind eben vorgeschobene Argumente, wie der Titel hier ja sagt.

Die hohe Rückfallquote zeigt ja, dass es nicht reicht, den Alkohol nur wegzulassen, sondern dass man seinen alkoholfreien Weg finden muss.

Das schafft man aber nicht, in den man nur eine Bestätigung seiner eigener Gedanken sucht, sondern Hilfe auch annehmen kann.
Daran scheitern aber hier sehr viele im Forum und bei anderen Hilfsangeboten sicherlich auch.

Gruß
Karsten

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