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Vorgeschobene Argumente

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Carl Friedrich
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Carl Friedrich » 12.01.2019, 19:19

Hartmut hat geschrieben:
12.01.2019, 13:08
Wir schweifen ab. Mir ging es in diesem Thread viel darum das sich Alkoholiker im Vorfeld schon eine Rechtfertigung im Kopf bereitlegen, um an einer „Suff oder Alkohol Veranstaltung“ teilzunehmen. Ich entziehe mich zwar auch nicht jeder Veranstaltung, jedoch macht es für mich einen Unterschied ob es jemand macht, der Jahre schon trocken lebt und das Rüstzeug dazu hat, als jemand der gerade mal paar tage Monate oder gar erst ein Jahr trocken lebt.
Hallo Hartmut!

Den Gedanken kann ich gut nachvollziehen und teilen.

Ich bin auch verwundert, wenn Leute, die gerade mal leicht angetrocknet sind, vollmundig verkünden, es am Wochenende mal wieder richtig krachen zu lassen. Selbstverständlich mit den alten Kollegen. Als angebliche Absicherung wird dann einer als Aufpasser vorgeschoben, der selbst nicht trinkt.

Ansonsten würde ich die nötige innerliche Festigung nicht an einer ganz bestimmten Anzahl von Monaten oder Jahren an Abstinenz festmachen. Ich habe nach 5 Monaten das erste Mal wieder ein Speiserestaurant aufgesucht. In der Zwischenzeit hatte ich schon einen Teil meiner ambulanten Therapie durchlaufen, einiges an Fachliteratur gelesen und mich reichlich hier im Forum getummelt.

Gruß
Carl Friedrich

Cadda
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Cadda » 12.01.2019, 19:57

Hallo zusammen,

aber kann es nicht sein, dass das Suchtgedächtnis bei vielen anspringt und es vielen wirklich nicht gut tut und einige Andere können aber gut mit solchen Situationen umgehen, weil sie sich einfach schon sehr mit der Krankheit auseinander gesetzt haben und es ihnen wirklich nichts ausmacht?

Also haltet ihr es für ausgeschlossen, dass es Menschen gibt, die sich da nichts vormachen, sondern denen es ganz ehrlich nichts aus macht, sich ab und zu solchen Situationen auszusetzen, wenn ihnen danach ist?

Liebe Grüße

Cadda

Hartmut
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Hartmut » 12.01.2019, 20:12

Hallo Cadda
Also haltet ihr es für ausgeschlossen, dass es Menschen gibt, die sich da nichts vormachen, sondern denen es ganz ehrlich nichts aus macht, sich ab und zu solchen Situationen auszusetzen, wenn ihnen danach ist?
Wenn ich mir im Vorfeld eine Taktik ausmale, wie ich ein Fest mit Alkohol überstehen kann, dann ist das für mich nicht stimmig.
Stimmig wäre es nur, wenn ich mir keine Gedanken machen müsste. Also brodelt ja was in mir.

Ich setze mich unweigerlich der Gefahr bewusst aus und stelle meine Krankheit hinten an um nicht verzichten zu müssen. Nicht als Außenseiter dazustehen. Das ist meist der Grund Kompromisse einzugehen.

Ob es Alkoholiker gibt, denen es nichts ausmacht, kann ich mir auch nicht vorstellen. Sich etwas vorzumachen ist ja auch ein Bestandteil der Krankheit.

Gruß Hartmut

Karsten
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Karsten » 12.01.2019, 20:28

Hallo,

ob es Menschen gibt, denen sowas nichts ausmacht?
Irgendwie habe ich bei der Frage etwas Bachschmerzen, denn wenn ich mir diese Frage stelle, möchte ich ja gerne zu diesen Menschen gehören, die auf Trinkveranstaltungen gehen können.
Warum möchte ich das aber?

Was treibt mich dazu, mich mit trinkenden Menschen umgeben zu wollen?

Verzicht oder Einsamkeit?
Nichts für mein sziales trockenes Umfeld getan?

Gruß
Karsten

Cadda
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Cadda » 12.01.2019, 20:36

Hallo Hartmut,

ich kann jetzt nur von mir sprechen. Wenn ich mir im Vorwege Gedanken darüber machen würde, ob mir eine Veranstaltung etwas ausmachen könnte, wenn ich dort angekommen bin, dann würde ich gar nicht erst hingehen.
Ich fahre hin, wenn ich Lust dazu habe und fertig. Sollte es dennoch im Laufe des Abends dazu kommen, dass mich etwas in Bezug auf Alkohol stört, dann würde ich wieder gehen. Das ist bisher aber noch nicht vorgekommen, seit dem ich nichts mehr trinke. Ich habe Veranstaltungen bisher nur dann verlassen, wenn ich einfach keine Lust mehr hatte.

Ich war auf Veranstaltungen, wo alle wissen, dass ich nichts mehr trinke. Aber ich war auch schon auf einer Feier, wo es noch keiner wusste. Ich brauche mir trotzdem niemanden zum Aufpassen mitnehmen. Ich trinke nichts und fertig. Weil ich es nicht will.

Wenn ich zu Hause bin, will ich nichts trinken. Wenn ich woanders bin, will ich auch nichts trinken.

Ich bin ja noch nicht lange trocken. Aber das, was Du vorhin angesprochen hast, hat sich in der Zeit schon verändert. Zuerst hab ich überlegt, wie ich mit Situationen umgehe, wenn ich weggehe. Aber das hat schnell nachgelassen. Ich mache mir keine Gedanken, bevor ich losfahre.

Ich mache mir allgemein sehr, sehr viele Gedanken über meine Krankheit. Ich fühle mich stabil, aber bin immer auf der Hut. Das bin ich aber grundsätzlich. Nicht in bestimmten Situationen.

Ich bin einfach so glücklich und zufrieden, dass ich nichts mehr trinken muss. Ich verspüre keinen Neid, wenn ich Menschen um mich herum trinken sehe. Ich verspüre auch keinen Neid, auf die Menschen, die kontrolliert trinken können. Ich möchte nicht kontrolliert trinken können. Ich möchte gar nicht mehr trinken. Weder unkontrolliert, noch kontrolliert. Ich bin glücklich und frei und will das auch bleiben.
Das wird sich auch nicht durch den Besuch einer Veranstaltung ändern.

Cadda
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Cadda » 12.01.2019, 20:55

Hallo Karsten,

ich habe insofern etwas für ein trockenes Umfeld getan, dass ich ein Mal in der Woche in die Gruppe gehe. Dort kann ich auch über meine Krankheit sprechen und werde verstanden.

Ich treffe mich mit der Familie, wo auch kein Alkohol im Alltag getrunken wird.

Ich treffe mich mit meinen Freundinnen zum Kaffee, die unendlich froh sind, dass ich nichts mehr trinke. Ich kann mit ihnen über alles reden, ebenso mit dem Vater meiner Kinder. Wenn ich mich mit ihnen treffe, trinkt niemand etwas.

Wenn meine Freunde (auch die oben genannten) sich aber auf einer Feier zusammen treffen und dabei auch Alkohol trinken, sind es trotzdem noch die Menschen, die ich lieb habe und mit denen ich gern Zeit verbringe. Deshalb entscheide ich mich ab und zu, ebenfalls hinzugehen.

Anders sieht es da mit einem Bekanntekreis aus, den ich mir im Grunde genommen zum Saufen aufgebaut hatte. Diese Menschen trinken zu viel und uns verbindet nichts mehr. Mit diesen Leuten unternehme ich nichts mehr. Der Kontakt ist angebrochen, das ist erledigt.

Es geht hier um Veranstaltungen, die meine richtigen Freunde betreffen und diese Freunde habe ich teilweise seit fast 30 Jahren. Da habe ich einfach Spaß und Freude und fühle mich wohl, etwas mit ihnen zu unternehmen. Ich mag gern mit ihnen beim Kaffee klönen, aber wenn sie in einer Truppe am Wochenende mal auf eine Feier gehen, bin ich auch gern mal dabei.
Ich bin einfach zufrieden und mir macht das Spaß.

Tja. Ein Thema, was spannend ist. Ich nehme das auch ernst, so ist das nicht. Ich bin sicher, dass es auch viele Menschen gibt, denen das überhaupt nicht gut tun würde. Weil sie sich vielleicht noch festigen müssen. Oder weil sie innerlich (noch) nicht zufrieden sind. Ich würde auch niemanden raten, das auch so zu handhaben, wie ich. Niemals würde ich sagen „das kann man gern so machen“.

Deshalb hab ich auch am Anfang erwähnt, dass ich nur für MICH schreiben kann.

Karsten
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Karsten » 12.01.2019, 21:18

Hallo Cadda,

ich habe gar nicht dich genau gemeint, als ich geschrieben habe :)

Zum letzten Absatz.
Ich finde es gut und vor allem wichtig, über sich zu schreiben und vor allem ehrlich zu schreiben.
Ich habe ja kürzlich mal ein Thema aufgeacht, wo es darum geht, sich nicht zu verstellen, sondern so zu geben, wie man ist, was man denkt und tut.

Nur dann können andere Erfahrungen helfen, wenn sie vielleicht mal im Gegensatz zu den eigenen Gedanken stehen.
Verstelle ich mich, nehme ich mir selbst die Chance, hier etwas für mich lernen zu können.

Es geht um einen für sich GERADEN und STABILEN Weg, der aus eigener Überzeugung gegangen werden sollte.


Gruß
Karsten

Cadda
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Re: Vorgeschobene Argumente

Beitrag von Cadda » 12.01.2019, 21:42

Hallo Karsten,

das ist richtig. Wenn ich mich verstelle, mache ich anderen etwas vor und verpasse dadurch die Möglichkeit, von einer anderen Sichtweise zu lernen.

Aber oftmals ist es auch so, dass hier direkt eine Ernsthaftigkeit angezweifelt wird, wenn man nicht zu 100 Prozent so handelt, wie es empfohlen wird.

Hier wird öfter mal erklärt, dass hier keiner mit Samthandschuhen angefasst werden braucht, weil das nichts bringt. Das stimmt. Aber mit dem Vorschlaghammer hilft auch nicht immer. Da machen viele dicht. Einfach, weil man gar nicht die Möglichkeit hat, sich über die Argumente ernsthaft Gedanken zu machen, weil einem direkt der Mut genommen wird, wenn direkt die „Du bist noch nicht soweit - Keule“ kommt.

Ich bin ein Freund von klaren Worten. Aber ich bin auch ein Freund davon, seine Argumente halbwegs diplomatisch vorzubringen, damit sie besser wirken können.

Ich hab hier nicht oft über das Thema geschrieben, wie ich es mit den Feiern handhabe. Ich hab vor langer Zeit mal drüber geschrieben, da hatte Martin mir mal seine Ansicht geschrieben. In einer Art und Weise, mit der ich ganz gut zurecht kam. Da hatte ich das Gefühl, es wurde erstmal gelesen, wie ich es empfinde und wie es mir dabei geht. Und dann erst kommentiert und bewertet.
Und nicht nach dem Motto „Was?!? Du gehst zu einer Veranstaltung, obwohl Du noch keine x Jahre trocken bist?!? Aha, dann säufst Du eh bald wieder“.

Wenn man dann nicht so gut darin ist, seine Beweggründe und Empfindungen zu erklären, dann kann das schon mal schnell zur Folge haben, dass man es lieber gar nicht erst erwähnt und somit nicht ganz ehrlich ist.

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