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Jetzt ist sie tot.

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
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einfach_sein
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Jetzt ist sie tot.

Beitrag von einfach_sein » 06.01.2019, 20:52

Hallo ihr Lieben,

gerade bin ich total durcheinander. Ich lese schon länger in eurem Forum mit, habe mich aber kürzlich erst registriert.

Meine Mutter war seit 15 Jahren Alkoholikerin (ich bin jetzt 30) und ist vor einem Monat mit nur 58 Jahren verstorben. Ich hatte die letzten 2 Jahre keinen Kontakt mehr mit ihr, weil sie persönlichkeitsverändert war - wir haben nur noch gestritten. Sie hatte auch eine Persönlichkeitsstörung und war schon in meiner Kindheit sehr kalt und gemein. Ich wusste über meine Schwester, dass sie im Krankenhaus war und es schlecht aussah. Ich entschied mich dagegen, sie anzurufen. Sie kam zwar wieder nach Hause, aber nach ein paar Tagen kam sie mit der Rettung auf die Intensivstation - verstarb dort aber wegen multiplem Organversagen.

Sie hat mehrere Entzüge gemacht, aber nie wirklich aufgehört zu trinken. Wahrscheinlich hat sie mich auf ihre Art "geliebt", aber bei mir kam davon nichts an. Sie war ein kalter, gemeiner Mensch, sie hat mich und meine Schwester manchmal gequält und beleidigt. In mir ist ein Cocktail aus allen möglichen Gefühlen... Allem voran die Wut, oder gar Hass... weil sie mir nie etwas gegeben hat, und weil sie mich und meine Familie einfach verlassen hat. Nicht erst vor einem Monat, sondern schon vor 15 Jahren. Sie hat sich einfach davongestohlen und ist in den Suff verschwunden. Jetzt sitze ich hier mit ihren Habseligkeiten, aber das wollte ich nicht. Ich wollte keine goldenen Armreifen und Perlenketten, ich wollte etwas anderes. Ich war noch jung und hätte sie gebraucht. Ich bin chronisch krank (war ich schon damals) und hatte es so schwer in meiner Familie, habe jahrelang Therapie gemacht. Auch bin ich traurig, weil es so kommen musste (sie ist wirklich elend verreckt, muss man sagen...) und weil sie keinen Ausweg wusste. Wenn ich den Partenzettel anschaue, kann ich es gar nicht glauben. Auch sind da Schuldgefühle (vielleicht hätte ich irgendwas tun können... Nein, hätte ich nicht. Keiner hat das gekonnt.) Und irgendwie bin ich froh, dass sie es geschafft hat - ich glaube, sie wollte sterben weil sie ihr Leben nicht aushielt.

Ich weiß gar nicht was meine Frage ist, ich wollte das alles nur mal loswerden. Danke fürs Lesen!

einfach_sein
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Re: Jetzt ist sie tot.

Beitrag von einfach_sein » 06.01.2019, 21:04

Vielleicht noch ein paar Infos zu mir... Ich bin mit 19 quasi über Nacht zu Hause ausgezogen, weil ich mir dieses Theater (mein Vater trinkt auch, aber nicht ganz so viel) nicht mehr antun wollte. Bin 250km weit weg, ein paar Jahre später sogar 500km weit weg. So konnte ich mir Besuche meiner Eltern ersparen. Ich habe studiert und mittlerweile bin ich dank Therapie gut auf den Beinen. Aber der Tod meiner Mutter holt jetzt wieder einiges hoch, was da wohl noch verborgen war. Ist aber auch eine Chance für mich! Geschlummert hat das alles sowieso.

Meine Schwester hat etwas getroffen, sie benutzte die Phrase "wie sie unsere Mutter im Herzen trägt" - ich trage sie dort gar nicht, glaube ich... Wenn ich an sie denke sehe ich nur die peinlichen Auftritte auf meiner Sponsion und auf allen möglichen Feiern, den Hass den sie in sich hatte, das gespielte Glück und das spürbare Unglück... Im Herzen habe ich sie kaum, eher trauere ich um die Mutter, die ich eh nie hatte... Und darum, dass dieses Thema jetzt wirklich "erledigt" ist :(

Linde66
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Re: Jetzt ist sie tot.

Beitrag von Linde66 » 06.01.2019, 21:56

Hallo einfach sein,
es tut mir leid, daß du so durcheinander bist. :? Aber wer wäre das nicht, wenn die Mutter stirbt.
Ich kann dein Gefühlschaos nachfühlen.
Wir hatten hier vor Jahren mal einen Thread, wie es ist, wenn die Mutter trinkt bzw. wenn der Vater trinkt.
Wenn ich mich recht erinnere, war es für die meisten EK viel verstörender, wenn die Mutter der trinkende Elternteil ist. Es ist schwer im Leben Fuß zu fassen, weil man irgendwie zu wenig von all dem bekommen hat, was man von einer nichttrinkenden Mutter vielleicht bekommen hätte.
All deine Gefühle dürfen so sein, Trauer, Wut, Schuld, Erleichterung... und noch viele mehr.
Ich hatte Zeiten, da hat mir die Vorstellung geholfen, daß ich von meiner Mutter eine wirklich wichtige Sache bekommen habe: mein Leben. Mehr hat sie mir damals nicht geben können, als ich sie so gebraucht habe. Mit der Zeit und viel therapeutischer Aufarbeitung konnte ich Frieden schließen, mein Leben annehmen und zu leben beginnen. Mir hat Biographiearbeit geholfen, also rauszukriegen, warum meine Mutter getrunken hat. Und überhaupt die ganze Familiengeschichte, denn Alkoholismus, andere Süchte und auch Co-Abhängigkeiten in einem Familiensystem sind wie ein Mobile, alles hängt mit allem zusammen, vieles wiederholt sich in anderem Gewand über Generationen.
Das so einordnen zu können hat vieles bei mir relativiert. Aber wie gesagt, es war ein langer, teils quälender Prozeß.
eher trauere ich um die Mutter, die ich eh nie hatte... Und darum, dass dieses Thema jetzt wirklich "erledigt" ist
Laß die Trauer zu. Es kann einem regelrecht erschlagen, wenn einem die Endgültigkeit des Todes bewußt wird. Was auch immer man noch sagen, regeln, erfahren wollte, all das geht plötzlich nicht mehr. Das ist eine harte Zäsur. Es sind noch so viele offene Enden in all dem Gewirr.
Laß dir Zeit und schreibs raus.
LG, Linde

einfach_sein
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Re: Jetzt ist sie tot.

Beitrag von einfach_sein » 06.01.2019, 22:11

Liebe Linde,

ich danke Dir für Deine Antwort! Ich war immer schon verwundert wie andere Mütter mit ihren Kindern umgehen... Das habe ich ja in der Schule etc. mitbekommen. Sowas gab es bei mir nie. Zusätzlich hatte ich in den letzten Wochen auch andere schwierige Sachen (bin arbeitslos geworden, Trennung vom Partner, anderes Familienmitglied gestorben) also ich komme gar nicht zur Ruhe...

*Vorsicht, ich schreibe über Gewalt - könnte triggern*

Meine Mutter hatte selbst ein schweres Leben - sie kam damals als uneheliches Kind zur Welt (damals eine Schande) und wurde von ihrem Stiefvater körperlich schwer misshandelt - und ihre Mutter schaute zu bzw feuerte ihn noch an als er sie schlug. Das habe ich von ihren Schwestern erfahren (zu mir waren Stiefopa und Oma immer sehr lieb). Ihr leiblicher Vater ist wohl auch am Alkohol verstorben. Verstehen kann ich das alles (irgendwie) aber zu fühlen gibt es da noch viel. Wenn ich meine Nichten sehe (die zwei sehen aus wie ich als Kind) und mir vorstelle jemand behandelt sie so wie meine Mutter mich behandelt hat, dann kommen mir die Tränen. Ich weiß das meine Mutter schwer gestört war - und dennoch (und deshalb) hat sie mir auch viel Schaden zugefügt. Die letzten Worte von ihr an meine Schwester waren "du siehst echt Sche*** aus", woraufhin sie auch den Kontakt abbrach.

Wie du sagst - auch habe ich die größten Geschenke von ihr bekommen - mein Leben und meine Schwester. Da sind noch 1000 offene Enden und ein großer Batzen Hilflosigkeit und anderes. In manchen Momenten vermisse ich sie, und dann könnte ich sie vor Wut umbringen, wenn sie nicht eh schon tot wäre...

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