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Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

Peter
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Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Peter » 30.01.2019, 04:58

Hallo @All,

lange war mir weder bewusst, dass meine Frau alkoholabhängig ist, geschweige denn, dass ich dabei Co abhängig bin. Wir sind nun 26 Jahre zusammen, davon fast 23 Jahre verheiratet und der Alkohol war bei uns als junges Paar sowas wie selbstverständlich, wenn man am WE wegging oder den Feierabend genoss.
Als 1998 unser erstes Kind kam, hörte ich als Vater dann auf zu rauchen, ebenso reduzierte ich den Alkohol sehr stark. Meine Frau trank und trinkt abends gerne Bier, "Um abzuschalten" wie sie immer sagt. Anfangs war das eine Flasche, dann zwei, dann seit vor etwas mehr als 12 Jahren unser damals drittes Wunschkind starb, wurden es drei, dann auch immer öfters vier Flaschen am Abend. Die erste Flasche trinkt sie immer so um 20 Uhr, kommt sie erst später nach Hause, trinkt sie in kürzester Zeit mindestens auch drei Flaschen, auch wenn sie erst um 22 Uhr nach Hause kommt und um 5.40 Uhr schon wieder zur Arbeit fahren muss, unter diesen drei Flaschen geht sie nicht ins Bett, oft macht sie sich nach 23 Uhr noch die vierte auf, diese trinkt sie allerdings dann, wenn sie erst so spät anfängt mit dem Bier, nicht mehr ganz aus.

Inzwischen hat sich ihre Persönlichkeit sehr stark verändert, so hatte sie vor ca. zwei Jahren eine Art psychischen Zusammenbruch, war ca. drei Wochen krank geschrieben und machte danach acht Monate lang eine Therapie bei einem jungen Psychologen. Ihr Alkoholproblem sprach sie wohl nur am Rande an, so dass ihr dieser Psychologe wohl sagte, sie sei nicht physisch abhängig, sonst könnte sie nicht immer mal wieder ein paar Tage ohne das Bier auskommen, z.B. wenn sie Nachtschichten hat. Da trinkt sie dann zwei bis drei Abende lang nichts. Er riet ihr damals, sie solle es doch einmal mit alkoholfreiem Bier versuchen, doch das schmeckte ihr anscheinend nicht. Ich denke eher, es fehlte ihr die betäubende Wirkung.

Sie kritisiert sehr oft und viel, überwiegend mich, aber auch unsere Töchter, einzig unser Sohn wird weniger kritisiert, er wird demnächst 18 und ist in einem Freundeskreis durch seine Vereine, in dem der Umgang mit Alkohol auch als normal und dazugehörend
betrachtet wird. So trinkt er inzwischen auch regelmäßig die Woche über im Schnitt bis zu 20 Flaschen Bier, ebenso hat er das Rauchen für sich entdeckt und so haben meine Frau und er nun schon zwei gemeinsame Interessen, die sie zusammenwachsen lassen.

Wenn ich seinen Konsum kritisiere oder hinterfrage, dann nimmt sie ihn in Schutz und meint, ich solle da kein Drama draus machen, so schlimm sei das ja nun nicht, schließlich geht er trotzdem regelmäßig seiner Ausbildung nach.

Da wir vor mehr als 20. Jahren de Rollen getauscht haben und ich mich, während meine Frau den Lebensunterhalt verdient, um Haushalt und Kinder kümmere, bin auch ich es, der das Bier und die Zigaretten für meine Frau einkaufen muss. Auch alles andere wie Termine zu organisieren (auch ihre) u.s.w. mache ich. Im Grunde organisiere ich ihre Abhängigkeit. Gemeinsame Unternehmungen sowohl zu Hause wie auch außerhalb sind nur noch sehr schwer zu organisieren. Sie sei zu kaputt, hat keine Lust, will lieber die Ruhe zu Hause u.s.w. Meist sitzt sie auf dem Sofa, spielt am Handy irgendwelche Spiele, geht zwischendurch raus zum Rauchen, dann wieder Handy und am Abend kommt dann das Bier dazu. Selbst beim Fernsehen schauen ist das handy oder das Tablet da und sie spielt nebenher. Unterhaltungen sind so fast nicht mehr möglich.

Da sie seit Jahren immer mehr an mir zu kritisieren findet, mich für Probleme verantwortlich macht und auch meinte, ich solle in therapeutische Behandlung gehen, gehe ich seit September nun regelmäßig alle zwei Wochen in eine Gesprächstherapie. Schon nach kurzer Zeit sagte mir der Therapeut unmissverständlich, wo bei uns das Problem liegt und dass ich mir innerhalb der Familie mein eigenes Leben aufbauen muss mit Dingen, die mir gut tun und dass ich mich nicht weiter von meiner Frau für ihre Sucht, ihre Probleme und ihr Verhalten verantwortlich und schuldig sprechen lassen soll.

Nun geht sie für fünf Wochen in eine Reha, hat aber schon beim Ausfüllen des Fragebogens für die Berufsgenossenschaft die Frage, ob sie regelmäßig Alkohol konsumiert mit "nein" beantwortet. Mir stellt sich die Frage, ob diese Zeit dort in der Reha wirklich was bringt, wenn sie selbst ihr eigentliches Problem nicht offen anspricht und die Gründe für ihre psychischen Probleme nicht auch in ihrem Alkoholkonsum, sondern bei den Menschen mit denen sie zu tun hat, seien es nun wir zu Hause oder ihre Kollegen/innen am Arbeitsplatz sucht.

Sie selbst ist Krankenschwester, ich denke, dass sie weiß, dass die Klinik für die Reha eine ganz andere geworden wäre, wenn sie offen gesagt hatte dass sie regelmäßig seit fast 10 Jahren vier Flaschen Bier trinkt, und sie es deswegen verschwiegen hat.

Mich würde interessieren, ob es hier Leute gibt, die ähnliches durchmachen oder durchmachten und die mir eventuell Rat oder Tipps geben können, wie ich mit all dem weiter umgehen kann.

Danke für euer Interesse,

Viele Grüße in die Runde, Peter

Morgenrot
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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Morgenrot » 30.01.2019, 09:28

Hallo Peter,

herzlich Willkommen bei uns in der Onlineselbsthilfegruppe.
Es tut mir sehr leid, das ihr ein Kind verloren habt.

Ich kann dir sagen, das mir alles sehr bekannt vorkommt. Dieses Leugnen, die Ablenkmanöver wenn du Alkohol thematisierst.
bin auch ich es, der das Bier und die Zigaretten für meine Frau einkaufen muss.
das ist nicht deine Aufgabe, egal ob Hausmann hin oder her, und du solltest es sofort unterlassen, wie du schon selbst bemerkt hast, unterstützt du damit die Sucht.
Das wäre für dich ein guter erster Ansagepunkt. Sage ihr, das du keinen Alkohol mehr für sie besorgst und bleib konsequent dabei.
Ich finde dein Psychologe hat recht, du solltest dringend etwas für dich tun.
Es ist normal, das nasse Alkoholiker ihre Mitmenschen, die den Alkohol thematisieren, abwerten, kritisieren oder beschimpfen. Somit lenken sie erst einmal von sich ab.
Meistens hatte ich an diesen Dingen erst einmal zu knabbern, und schon war das Thema Alkohol vom Tisch.

Ich kann mir nicht vorstellen, das Kollegen deiner Frau nichts bemerken. Wenn sie bis in die Nacht trinkt, und dann zum Frühdienst geht, ist sie definitiv nach 4 Flaschen nicht nüchtern, wurde vielleicht die Reha von dort angeregt?
Diese scheint aber "nur" eine psychsomatische Reha zu sein.
Du kannst nichts tun, solange sich deine Frau kein Problembewußtsein hat.
Tu etwas für dich, damit es dir besser geht.


lg Morgenrot

Peter
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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Peter » 30.01.2019, 12:31

Hallo Morgenrot,

vielen Dank für deine Antwort. Das mit dem verstorbenen Kind habe ich persönlich sehr gut auf und verarbeitet. Ich leite auch seit mehr als 11 Jahren eine Selbsthilfegruppe und halte hin und wieder Seminare über das Thema "verwaiste Eltern und verwaiste Geschwisterkinder"

Ich wollte es ja lange selbst nicht wahrhaben, dass sie ein Problem damit hat, sie war all die Jahre ja nie wirklich betrunken mit den drei bis vier Bier, wohl aber reagierte sie langsam schleichend immer negativer wenn sie was getrunken hatte. Wenn sie dann mal ein paar tage nichts trinkt, wird sie auch launischer.

Inzwischen ist es schon so, dass sie beim dritten Bier anders spricht und auch anders sich bewegt, man merkt eine Art Unsicherheit in den Bewegungen. Sie vergisst eben auch vieles was früher war oder kann sich nur noch schlecht erinnern und es dreht sich fast immer alles um sie. Alles was um uns herum passiert, bezieht sie als Angriff auf sie, alles erscheint ihr als negativ.

Ich glaube schon, dass die Kollegen/innen was merken. Ich selbst rieche ja auch am nächsten Tag noch das Bier, da hilft die Mundspülung nicht wirklich. Vier Bier dünstet der Körper ja auch aus.
Die Reha ist nicht auf vom Arbeitgeber angeregt, unsere Älteste, sie macht gerade auch ihr Examen als Krankenschwester, und ich waren es, die ihr nahelegten doch jetzt mal eine Auszeit zu nehmen. Und ja, es ist eine psychosomatische Reha, drei Wochen hat sie mit dem Hausarzt beantragt, gleich fünf wurden genehmigt.

Hier zu schreiben und mitzulesen, dass ist für mich schon sowas wie der zweite Schritt um erst einmal neu zu mir selbst zu finden. Der Schritt zur Gesprächstherapie war der erste Schritt.

Es tut gut hier zu lesen, dass man nicht alleine mit solchen Problemen ist und dass es Hilfe und Hoffnung gibt.

Bis bald,

Peter

Biene1967
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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Biene1967 » 30.01.2019, 16:58

Hallo Peter,

dass Du selbst in eine Gesprächstherapie gehst, finde ich einen guten Anfang. Man weiß als Partner ja manchmal selbst nicht mehr, ob man noch "richtig" wahrnimmt oder nicht. Ich habe da noch einen Tipp: Ich hatte zu Zeiten der Gesprächstherapie immer ein kleines Notizbuch parat, da habe ich akute Fragen hineingeschrieben. Das half dann, diesen Gedanken "aufzuschieben" und mir nicht Knoten in´s Hirn zu denken.

Die Persönlichkeitsveränderung habe ich bei meinem Ex (auch Bierkonsument) auch erlebt. Reizbar, launisch, seine Ruhe haben wollend. Ich knabbere noch heute daran, ob ich der Reizanlass war. Tu Dir den Gefallen, und mache es anders.

Was hier bereits geschrieben wurde, möchte ich unterstützen:
Du bist nicht für die Beschaffung von Alkohol und Zigaretten zuständig, da darfst Du konsequent sein. Wenn sie soviel herumhängt daheim. dann kann sie sich alles ohne viel Zeitaufwand selbst beschaffen auf dem Weg.
Insgesamt kann man Dir nur zu klaren Ansagen mit Konsequenz raten. Darauf kommen, dass es Zuviel ist, das muss sie selbst.
Ich glaube auch nicht, dass Diskutieren hilfreich ist. Wenn SIE genervt ist, wird es wenig nützen, wenn Du Deinen Unmut entgegenhältst. Ich weiss nicht, wie Du sie wahrnimmst .... ich fand meinen Ex zumindest nicht mehr attraktiv und auf körperliche Annäherung verzichtete ich irgendwann gern. Dies mürrische Gesicht allein war schon nicht zum Küssen ,-(

Hast Du - parallel zur Gesprächstherapie - schon einmal an den Besuch einer örtlichen SHG für Angehörige gedacht? Auch da ist der persönliche Austausch im Gespräch sicher hilfreich. Denn auch Du bist ja enttäuscht und sicher oft verletzt durch ihre Art des Umganges.

Clafoutis
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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Clafoutis » 30.01.2019, 18:19

Hallo Peter,

mir ist bei Deiner Vorstellung schon aufgefallen, dass unsere Kinder etwa gleich alt sind und damit vermutlich auch die Beziehung etwa ähnlich lange besteht.

Bei uns hatte ich lange die Haushalts- und Erziehungsrolle übernommen und fand es auch schwer, mit zunehmendem Alter der Kinder wieder ein eigenes Leben aufzubauen.

Mir fällt beim Lesen Deiner Beiträge auf, dass sie sich zum großen Teil um Deine Frau drehen (verständlicherweise) und damit um Themen und Entscheidungen, die Du nicht beeinflussen kannst. Es ist sicher ein guter Ansatz, mehr auf Dich zu schauen und zu überlegen, wo Dich Dein Weg hinführen soll. Die Therapie ist da ein toller und wichtiger erster Schritt.

Alles Gute und liebe Grüße,
Clafoutis

Peter
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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Peter » 31.01.2019, 08:42

@ Biene,
danke für den Tipp mit dem Notizbüchlein, das werde ich gleich am Montag umsetzen. :-)
Was die körperliche Annäherung betrifft, geht es mir mehr und mehr auch so wie von dir beschrieben. Nicht dass ich sie nicht mehr lieben würde, aber wenn du immer nur noch hörst was du angeblich alles falsch machst und es wegen ihrer Persönlichkeitsveränderung mehr und mehr Streit und unschöne Diskussionen gibt, dann wird das Verlangen nach körperlicher Nähe mehr und mehr verdrängt.

Das mit einer örtlichen SHG ist ein guter Hinweis, ich werde mich gleich Heute mal erkundigen wo es hier in der Nähe eine gibt.

Viele Grüße,
Peter

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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Peter » 31.01.2019, 08:54

@Clafoutis,

danke für deine Worte. Unsere Älteste zieht gerade die Tage in ihre erste eigene Wohnung, der Mittlere steckt mitten in der Ausbildung und die Jüngste geht noch ein paar Jahre zur Schule.
Ich habe neben meinem Hausmannsdasein schon so einiges gefunden, was mir Spaß macht und was mein Leben bereichert. So bin ich als Notfallseelsorger tätig wenn Eltern ein Kind verlieren, sei es durch Krankheit oder auch Unfall. Zudem bin ich bei uns in der Kirche sehr aktiv, leite hin und wieder Gottesdienste oder halte auch mal die Predigt. Seit ein paar Jahren bin ich in der Obdachlosenhilfe aktiv, gerade aktuell organisiere ich wieder eine Sammelaktion für die hiesige Pfasterstub. Das alles sind Dinge, die mir Freude bereiten, die ich gerne mache und die mir auch gut tun, gerade der Kontakt mit Menschen, auch mit solchen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Zu sehen wie solche Menschen, wenn sie Hilfe und Annahme erfahren wieder auf die Beine finden, erfreut mein Herz und zeigt mir, dass es da draußen so vieles gibt, fr das es sich zu leben lohnt. :-)

Mein Weg zu finden, ja, das ist mein Ziel für die nächsten Monate. Danke für deine Worte.

Viele Grüße,
Peter

Aurora
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Re: Mein Verhalten als Co Abhängiger ändern

Beitrag von Aurora » 31.01.2019, 18:58

Hallo Peter,

wir sind ja hier auch eine SHG :wink: , vielleicht nicht umme Ecke aber immer da...

Ich finde es toll, dass du dir ein eigenes Leben nach deinen Möglichkeiten aufgebaut hast! Das gibt sehr viel Erfüllung und Aufgabe, Anerkennung auch. Ich bin seit ca 1 Jahr auch ehrenamtlich im Seelsorgebereich tätig, eine sehr erfüllende Aufgabe für mich.

Und ich habe meine Tochter und meinen Babyenkel verloren, im März werden es 7 Jahre...
Mein Weg zu finden, ja, das ist mein Ziel für die nächsten Monate.
Irgendwie hast du ja schon deinen Weg gefunden, glaube ich. Da ist nur noch das Loslassen deiner Frau. Das endgültige Loslassen...

Liebe Grüße
Aurora

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