Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Stille Wutausbrüche/Verqueres Denken und ein Hauch von Angst

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern

Moderator: Moderatoren

Antworten
Banshee
neuer Teilnehmer
Beiträge: 3
Registriert: 06.02.2019, 14:09
Geschlecht: Weiblich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Angehörige

Stille Wutausbrüche/Verqueres Denken und ein Hauch von Angst

Beitrag von Banshee » 06.02.2019, 15:29

Guten Tag,

meine Hände zittern ein wenig beim schreiben, also entschuldigt wenn ich Fehler in der Rechtschreibung mache. Ich bin 27 Jahre alt und lebe genauso lange mit dem Thema Alkohol. Meine Eltern waren damals beide abhängig wobei mein Vater schlimmer vom Konsum her war als meine Mutter. Mein Vater trank täglich, gerne härteres neben dem Bier, meine Mutter nur wenn sie frei hatte oder an Wochenenden. Laut meiner Mutter war mein Vater in meinen ersten Jahren "trocken" und somit der beste Vater der Welt, woran ich mich aber nicht erinnern kann. Ich habe beide Elternteile erlebt wie sie sich immer wieder veränderten, immer wieder komisch wurden und mich anders behandelten wie sonst. Früher wurde versucht, mich mit Geschenken zu besänftigen, was ehrlich gesagt geklappt hat. Ich mein, welches Kleinkind nimmt nicht gern die neue Puppe in den Arm und vergisst alles andere?! Mein Vater hat es eher mit Geld versucht, er macht nicht mal Anstallten sich zu bemühen.
Ich musste früh lernen auf eigenen Beinen zu stehen, musste lernen wie man mit Alkoholikern umgeht um nicht "ins Visier" zu geraten. Damals habe ich es nie verstanden wieso sie sich selber sowas angetan haben, ich versteh es ja nicht mal heute. Für mich ist das alles so unbegreiflich.
Schließlich sind es Menschen denen ich damals mein Leben anvertraut habe, denen ich als erstes vertraut habe in meinem Leben und deren Liebe ich spüren sollte... Versteht mich nicht falsch, ich habe Liebe erfahren dürfen, dennoch gibt es auch im Bereich Elternliebe gewisse Unterschiede. Als Kleinkind sitzt du da, hilflos und machtlos, schreist lautlos deine Eltern an und fragst dich selber ob du vllt der Grund bist wieso sie sich zeitweise so verändern. Das sie sich so sehr verändern das man sie nicht mehr wiedererkennt.... Und als ob es nicht schon schlimm genug ist, deine Eltern in dieser Zeit zu erleben, kommen dann noch die einsamen Stunden dazu. Diese grausamen Stunden die dich innerlich fertig machen, die dich zerreißen und du möchtest einfach nur noch losschreien. Doch welches Kind schreit schon in seinem Kinderzimmer wenn die Eltern eh betrunken im Wohnzimmer sitzen und nicht realisieren würden was du von ihnen willst?!...

In meiner Jugend empfand ich das als unangenehm und beschämend. Harmlose Eltern werden zu unkontrollierten Alpträumen die in dein Zimmer kommen und dich mit Themen zuballern mit denen du nichts am Hut hast. Und das schlimme? "Wir wissen was wir tun!"

Jetzt, mit 27 Jahren hab ich eine andere Denkweise darüber, keine gute, aber eine andere. Ich weiß, ich bin nicht schuld. Aber immer wieder kommt mir nur ein Gedanke... "Ihr dürft das nicht!" Menschen, die ein Leben zur Welt bringen dürfen ihre Überlegenheit nicht ausnutzen und anfangen zu trinken.

Seit kurzem versuche ich solche Zeilen auf ein Blatt Papier zu schreiben um mich selbst damit zu konfrontieren. Ich habe nie deswegen richtig geweint. Ein paar Tränen kommen immer mal, aber richtig weinen kann ich nicht. Seitdem ich das Schreiben ausprobiere bekomme ich immer und immer wieder Wutausbrüche. Keine bei denen irgendwas oder irgendjemand zu Schaden kommt. Sie gestalten sich in meinem Kopf. Es waren zum Anfang hin nur kleine "Hass-Momente" in ruhigen Situationen bei denen ich alleine war. Doch jetzt werden sie heftiger, krasser und sind leider nicht mehr sehr ruhig. Ich hab sie zuhause und leider auf der Abreit, wo dieses Gefühl eigentlich nicht hin gehört. Aber ich habe dadurch nie jemanden ungerecht behandelt oder sonst was, es sind Bilder in meinem Kopf. Es sind Situationen in denen ich jemandem weh tuhe. Der Mensch ist immer ohne Gesicht sodass ich meinen Hass und meine Wut nichtmal auf eine bestimmte Person projizieren kann. Diese Gedanken machen mir Angst weil ich nicht so bin. Ich bin eigentlich eine liebevolle Person die immer fröhlich ist (Gott sei dank). Aber in diesen Minuten, in denen mir mein Kopf diese Gedanken zeigt, bin ich der Hass in Person. Ich möchte auf die Gedanken nicht genau eingehen, aber sie sind schrecklich. Ich sprach vor ein paar Tagen mit meiner (nun trockenen) Mutter darüber und sie bat mich hier mal was zu lesen und evtl mal was zu schreiben um zu schauen ob das vllt meine Gedanken vernichtet. Ich will sie nicht haben aber sie sind immer präsent, wie ein Krieger der in Angriffsstellung geht. Ich weiß das diese Wut von dem Konsum meiner Eltern her kommt, aber mir stellt sich immer wieder die selbe Frage... WIESO? Wieso habt ihr das getan? Wieso habt ihr mich so eingeschränkt in meinem Leben mit eurem Konsum? Ich habe kaum Freunde da mich niemand zu Partys einlädt oder so. Ihr müsst wissen, ich trinke so gut wie nie Alkohol. Ich habe zwar "ein gutes Verhältnis" zum Alkohol und weiß wann ich aufhören sollte, dennoch habe ich meine Eltern vor Augen, bei jedem Glas.

Jetzt, wo meine Mutter seit 4 Jahren trocken ist, habe ich ein wundervolles Verhältnis zu ihr, welches ich auch nicht mehr missen möchte. Das sieht bei meinem Vater leider anders aus. Er hat den Sprung nicht geschafft. Auch nach Jahren der verzweifelten Diskussionen meinerseits hat er nie den Hebel in seinem Kopf umgelegt. Aufgrund dessen habe ich den Kontakt abgebrochen, das mir sehr weh tut. Immerhin ist er mein Vater und ich liebe ihn trotzdem irgendwo, irgendwie....

Ich hoffe, das vllt der eine oder andere was von meinem Wirrwarr versteht und mir evtl den einen oder anderen Stups geben kann.

Liebe Grüße, Banshee :)

Aurora
Moderatorin
Moderatorin
Beiträge: 12573
Registriert: 02.05.2007, 13:47

Re: Stille Wutausbrüche/Verqueres Denken und ein Hauch von Angst

Beitrag von Aurora » 06.02.2019, 19:30

Liebe Banshee,

herzlich willkommen!

Du schreibst:
Damals habe ich es nie verstanden wieso sie sich selber sowas angetan haben, ich versteh es ja nicht mal heute. Für mich ist das alles so unbegreiflich.
Ich bin selbst keine Alkoholikerin sondern auch Angehörige. Ich bin schon lange getrennt inzwischen von meinem 1. Mann, inzwischen ist er auch an den Folgen seiner Sucht verstorben. Bis heute verstehe ich nicht "Sucht". Das heißt, ich verstehe es kopfmäßig, ich weiß, was theoretisch passiert aber ich kann es nicht nachfühlen und nicht "begreifen".

Ich hatte auch Wut und Hass damals in mir. Unverständnis, Schuldgefühle, Fassungslosigkeit. Aber als Frau eines Abhängigen hatte ich immer die Wahl mich trennen zu können. Warum ich das erst nach so langer Zeit konnte ist ein anderes Thema.

Aber als Kind bist du ausgeliefert. Du bist ja abhängig von deinen Eltern. Und trotz allem ist da auch die Liebe zu Mutter und Vater. Es ist eine völlig andere Ebene, auf der sich alles abspielt.

Ein Austausch mit anderen EKAs, also erwachsenen Kindern von Alkoholikern, ist super und hilfreich. Aber hast du auch schon mal überlegt, dir professionelle Hilfe zu holen? Wenn dich im Kopf solche Bilder verfolgen muss das sehr belastend sein. Und wiederum Schuldgefühle auslösen, also könnte ich mir vorstellen. Du schreibst ja, dass du seit einiger Zeit Dinge aufschreibst und dadurch Wutausbrüche bekommst. Ich bin keine Psychotherapeutin aber vom Gefühl her kann ich mir vorstellen, dass da immenser Druck in dir ist. Ungeweinte Tränen, Gefühle, die immer wieder unterdrückt worden sind. Und die durch das Aufschreiben plötzlich einen Weg nach draußen finden.

Selbsthilfegruppe und Therapie, damit habe ich persönlich bisher sehr gute Erfahrungen gemacht. Vielleicht kann das auch für dich ein Weg sein.

Liebe Grüße
Aurora

Banshee
neuer Teilnehmer
Beiträge: 3
Registriert: 06.02.2019, 14:09
Geschlecht: Weiblich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Angehörige

Re: Stille Wutausbrüche/Verqueres Denken und ein Hauch von Angst

Beitrag von Banshee » 07.02.2019, 18:23

Hallo Aurora,

Deine Worte:
Bis heute verstehe ich nicht "Sucht". Das heißt, ich verstehe es kopfmäßig, ich weiß, was theoretisch passiert aber ich kann es nicht nachfühlen und nicht "begreifen".
Ich verstehe dich so gut. Genauso denke ich auch. Ich kann es einfach nicht als Sucht benennen wenn ich daran denke das es im Kopf anfing und man etwas dagegen hätte tun können wenn es zu weit geht.

Und ja, eine Therapie wird der nächste Schritt sein den ich gehen muss. Ich möchte keine Angst mehr vor mir selber haben. Aber da bin ich auch froh das ich meine Mutter nun an meiner Seite habe. Sie versucht mich wirklich zu unterstützen in der Sache und ich merke wie beschämt sie wird. Leider macht es ihre Taten nicht wett...

Aber lädt Gott einem nicht genau so viel auf wie ein jener tragen kann? Oder kann er selbst das garnicht abschätzen und lädt bei manchen zu vieles auf?!

Lieben Gruß
Banshee

Antworten