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Es muss auch ohne gehen!

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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knagga
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Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von knagga » 10.02.2019, 21:12

Hallo ihr Lieben,

Ich hoffe es geht in Ordnung das ich den Text meiner Vorstellung hier einfüge.

Erst mal kurz zu etwas zu meiner Person. Ich bin 30 Jahre alt und männlich, Arbeite im Recycling Gewerbe und habe eine Frau und drei wunderbare Kinder (3, 7 und 8 Jahre).

Nun zu meinen Sorgen. Ich habe mit 16 angefangen Alkohol zu trinken, immer im Rahmen, also maximal zwei oder drei Bier oder ein Glas Wein mit Cola gemischt. Mir gefiel diese Leichtigkeit und dieses leicht benebelte. Außerdem war ich auch viel lockerer drauf.

Mit 18 hatte ich meinen ersten Vollsuff plus Alkoholvergiftung. Das war bei einem Geburtstag eines Schulfreundes. An diesem Tag kam ich auch das erste mal mit härterem Alkohol in Berührung, in diesem Fall Wodka gemischt mit Energy Drink. In meinem Jugendlichen Leichtsinn dachte ich das ich von diesem süffigen Getränk nie besoffen werde und trank einen auf den anderen bis ich den nächsten Tag in meinem erbrochenen aufgewacht bin und auch anschließend nicht aufhören konnte mich den ganzen Tag zu übergeben. Meine Mutter ist dann mit mir ins Krankenhaus und da wurde mir erst mal eine Standpauke gehalten.

Anschließend wollte ich nichts mehr vom Alkohol wissen, bis ich 19 war. Da fing es richtig an. Jeden Freitag und Samstag das ganze Jahr über in Bars und Diskos. Immer von 19 Uhr bis 6 oder 7 Uhr morgens. Auch der Konsum wurde immer größer und Bier war für mich eigentlich nur noch zum vorglühen geeignet. Also schnell 7 Bier reingeschüttet und dann zu den harten Sachen bis früh in den Morgen, bis ich nicht mehr sprechen konnte und nur noch durch die Gegend getorkelt bin.

Das ging dann über drei Jahre so weiter. Bis ich mit 22 Vater wurde. Für mich war klar das mein Junggesellenleben vorbei ist, ich wollte nicht mehr bis 7 Uhr morgens weg sein im Gedanken das Zuhause Frau und Kind warten. Dann fing ich an daheim zu trinken und wenn ich unterwegs war dann nur noch in Bars, meistens mit meinen Cousins und meinen Schwager. Das ging von dann von 18 Uhr bis spätestens 1 Uhr. Da ich also verkürzte Zeit hatte verzichtete ich meistens auf Bier und gab mir gleich Wodka und Co. Da meine Begleitschaft auch immer bis ans maximale Limit gesoffen hatten, dachte ich natürlich das alles normal sei.

Im September 2018 war ich bei meinem Schwager auf dem Geburtstag. Er hatte nur Bier da und wir soffen von Mittags bis Nachts. Schlussendlich hatte ich mich drei mal in die Hecke übergeben und trotzdem weiter gesoffen. Die nächste komplette Woche lag ich mit höllischen Schmerzen im Magen flach und meine Frau eröffnete mir das erste Mal seit wir zusammen sind das sie meinen Konsum als nicht normal betrachtet. Sie wollte mich nie darauf ansprechen weil ich ein liebevoller Vater bin und auch arbeite und eigentlich nie unter der Woche trinke.

Ich war echt schockiert. Ich dachte das erste Mal ehrlich und unverblümt über mich und den Alkohol nach und bin zur Erkenntnis gekommen das wenn ich anfange zu trinken nicht aufhören kann bis ich abgeschossen bin. Seit diesem Tag im September habe ich nichts mehr alkoholisches getrunken und möchte lebenslang abstinent sein, aus Angst das alles wieder von vorne anfängt und ich vielleicht wirklich irgendwann Gesundheit oder meine Frau und Kinder aufs Spiel setze.

Jetzt nach langem reden zu meinem Problem. Ich hatte bis heute keine körperlichen Entzugserscheinungen. Mein Problem ist eher im Kopf. Ich meide meinen Schwager Wochenends komplett, da er Freitag und Samstag munter weiter säuft und auch auf anraten seiner Schwester und Frau sich "seine" zwei Tage der Woche nicht nehmen lassen will. Saufen ist für ihn auch ein Sinnbild von Männlichkeit. Aber allein der Gedanke am Wochenende das sich alle amüsieren und feuchtfröhlig besaufen löst in meinem Inneren eine Wut aus die nicht mehr normal ist ich muss mich ablenken mit Kreuzworträtseln, lesen usw. Dann habe ich auch immer melancholische Momente in denen ich daran erinnere wie toll immer alles mit Alkohol war und wie gut jetzt ein Drink passen würde. Es ist schon etwas besser geworden nach 6 Monaten. Aber ein Problem kann ich nicht mehr verleugnen, weil ich weiß wenn ich jetzt ein Bier aufmachen würde, wäre ich nicht zufrieden bis ich 15 bis 20 intus hätte. Ich hoffe ihr könnt mir helfen und Tipps geben wie ich für immer trocken bleibe. Ich will nicht mehr. Auch weil es mir seit 6 Monaten soviel besser geht. Ich nehme mich seit Jahren das erste mal wieder selbst wahr im Spiegel, habe mehr Selbstbewusstsein und jeder sagt ich sehe plötzlich besser und gesünder aus und ob ich irgend l eine Diät oder Kur mache.

Ich freue mich wirklich auf Tipps und eure Waisen Ratschläge.

Das war jetzt kurz und knapp zusammengefasst. Gerne könnt ihr mich alles fragen

Aurora
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von Aurora » 11.02.2019, 16:56

Hallo knagga,

eine Frage habe ich nicht... Ich möchte dich aber herzlich in dieser Online-SHG begrüßen.
Ich wünsche dir einen guten Austausch.

Liebe Grüße
Aurora

MieLa
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von MieLa » 12.02.2019, 13:19

Hallo Knagga,

herzlich willkommen im Forum. Schön, dass du da bist!
Ich hatte bis heute keine körperlichen Entzugserscheinungen. Mein Problem ist eher im Kopf.
Ja, das kennen wohl alle Alkoholiker. Der körperliche Entzug ist das eine, aber das Suchtgedächtnis das andere. Das begleitet uns wohl auch dauerhaft, verändert sich aber auch und tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Wenn du hier schon ein bisschen gelesen hast, wirst du bei anderen ähnliches gefunden haben. Bei einigen ist es die Stammkneipe, bei anderen die Küche und das Kochen, bei dir ist es (unter anderem) dein Schwager. Du meidest den Besuch bei ihm. Das ist auch genau richtig. Was dich triggert, solltest du meiden. Je mehr am Anfang du stehst, umso wichtiger ist das.

Ein Beispiel von mir: Mein Getränk war der Rotwein. Ich habe kein Problem, in einem Restaurant anderen Personen beim Rotweintrinken zuzugucken. Es dürfen sogar ausgewählte Personen in meiner Umgebung am selben Tisch (aber mit ordentlich Abstand) Rotwein trinken. Das triggert mich nicht. Was aber gar nicht geht, ist, dass die Freundin, mit der ich gerne etliche Flaschen geleert habe, am selben Tisch Rotwein trinkt. Das triggert mich, weil es sofort das Suchtgedächtnis aktiviert. Trinkt sie Bier, interessiert mich das nicht.

Nun ist sie sehr rücksichtsvoll und verzichtet auf alles, was mir Schwierigkeiten macht. Wäre sie das nicht, würde ich sie nicht mehr treffen.

Wenn dein Schwager nicht einsichtig ist und dich vielleicht sogar zum Trinken animieren möchte (viele fühlen sich wohler, wenn Alkoholiker den trockenen Weg nicht schaffen, dann ist das eigene schlechte Gewissen nicht so groß), solltest du Besuche bei ihm meiden. Wichtig ist, nicht der Meinung anzuhängen, irgendetwas aushalten zu müssen. Das müssen wir nicht. Wichtig ist, nicht mehr zu trinken. Und alles, was uns gefährdet, zu meiden.

Ich freue mich auf weitere Beiträge von dir.

Lieben Gruß,
MieLa

knagga
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von knagga » 13.02.2019, 20:26

Danke für die Begrüßung Aurora.

Hallo MieLa,

Heute war bei uns ein herrliches Wetter und ich verspürte extreme Lust auf ein Bier. Ich habe mich früher unter der Woche zwar nicht regelmäßig abgeschossen, aber wenn das Wetter besonders war, wie jetzt die ersten zarten Frühlingsgefühle, dann habe ich abends nach der Arbeit gerne ein paar Bier draußen auf den Balkon oder im Garten getrunken.

Ich bin dann mit den Kindern spazieren gegangen und habe das Wetter sinnvoll genossen, ohne mir Gift zuzuführen.

Ich habe aber schon Angst vor dem Sommer. Im Sommer ist eigentlich jeden Abend Alkohol gegangen. Die letzten Jahre waren Alkohol und Sommer für mich untrennbar. Im Schwimmbad ein oder zwei Bier, zwischendurch ein paar Radler und abends gemütlich beisammen sitzen, grillen und saufen. Im allgemeinen hatte ich das Gefühl das wenn man im Sommer, egal um welche Uhrzeit säuft, fällt man nicht auf. Irgendwie gehört das Bier in Deutschland zum Sommer wie die Sonne.

Ich hoffe bis zum Sommer habe ich ein paar Strategien, sodass ich dem Teufel nicht direkt in die Hände laufe.

MieLa
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von MieLa » 13.02.2019, 20:51

Hallo Knagga,

meine Strategie war ein Ersatzgetränk. Ich habe es immer in Situationen getrunken, in denen ich sonst Wein getrunken hätte. Ich wollte eine neue Gewohnheit über die alte setzen. Wenn ich also essen ging oder irgendwo eingeladen war, wenn ich abends zu Hause war, mit Suchtdruck oder ohne, es gab stumpf das Ersatzgetränk. Das hat gut funktioniert. Inzwischen brauche ich es nicht mehr.

Ich glaube, dass sich das Suchtgedächtnis verändern lässt. Du hast zu Recht Angst vor Situationen, die immer mit Alkohol verbunden waren. Denn das Erleben gleicher Situationen triggert. Aber wenn du die Situationen stringent mit etwas anderem verknüpft, wird der Automatismus durchbrochen. Und das Hirn knüpft neue Verbindungen.

Lieben Gruß,
MieLa

joschi018
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von joschi018 » 14.02.2019, 12:44

Hallo Knagga!

Schön, daß du hier bist!

Ich war ein Kneipengänger und bin nie unter 10 Bier aus den Kneipen raus. Aufgehört hatte das, nachdem ich mehrmals unangenehm aufgefallen war. Danach habe ich für mich alleine gesoffen.
Bevorzugt Bierdosen, weil die in der Leerguttüte nicht so klimpern!

2014 habe ich es dann soweit getrieben, daß ich merkte, wenn ich jetzt weitermache, werde ich daran zugrunde gehen....
Während der Therapie habe ich wichtige Dinge für mich gelernt:
- ich habe eine unheilbare Krankheit - den Alkoholismus - und muss mit ihr leben
- das Suchtgedächtnis wird immer da sein und zu bestimmten Anlässen wieder zum Vorschein kommen
- ich kann damit nur trocken weiterleben, wenn ich eine klare Entscheidung für mich treffe, in meinem Fall: "Ich lebe weiter ohne Alkohol!"

Das Wort "Nie" (im Sinne von "nie mehr Alkohol) funktionierte in meiner Entscheidung nicht, denn ein "Nie" hatte für mich so etwas verbotenes, bestrafendes. Und darauf reagiere ich sehr allergisch....

Ich bin jetzt fast 5 Jahre trocken und kann folgendes Fazit ziehen:
Es geht mir ohne Alkohol bedeutend besser, mein Leben hat sich um ein Vielfaches bereichert. Alleine die Tatsache, an einem schönen Sommertag nicht angetrunken irgendwo am See/Schwimmbad.... zu sitzen, ist schon ein großer Erfolg.

In meinem Suchtgedächtnis gibt es immer Momente, wo dieses mal aufblitzt und mir ein Bierchen schmackhaft machen will. Ich höre da genau hin und blicke auf meine Trockenheit zurück - danach schicke ich das Suchtgedächtnis wieder in seine dunkle Ecke.

Vermisst habe ich den Alkohol bis jetzt noch nicht.....

Gruß
joschi

Carl Friedrich
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von Carl Friedrich » 14.02.2019, 16:39

joschi018 hat geschrieben:
14.02.2019, 12:44

In meinem Suchtgedächtnis gibt es immer Momente, wo dieses mal aufblitzt und mir ein Bierchen schmackhaft machen will. Ich höre da genau hin und blicke auf meine Trockenheit zurück - danach schicke ich das Suchtgedächtnis wieder in seine dunkle Ecke.
Hallo!

Miela hat das Prinzip des Suchtgedächtnisses schön beschrieben. Andere Verknüpfungen sind und waren auch für mich sehr wichtig. Das Dumme am Suchtgedächtnis ist nur, dass trotz aller noch so schöner neuer Verknüpfungen das alte Verlangen wieder hochkommen kann, auch noch nach Jahren. Daher sage ich immer, ich bin clean, aber nicht geheilt.

Bei Joschi fände ich es gut, wenn er mitteilt, wie er dem Suchtgedächtnis die Rote Karte zeigt.

Ich persönlich praktiziere es wie folgt: Bei richtigem Suchtdruck hilft mir nur ein sofortiger Ortswechsel, viel Wasser und das Befassen mit Dingen, die mir Freude bereiten.

Gruß
Carl Friedrich

knagga
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Re: Es muss auch ohne gehen!

Beitrag von knagga » 14.02.2019, 20:29

Danke für euer Feedback, Tipps und Weisheiten.

Bis jetzt habe ich mich noch gut ablenken bzw. Beherrschen bzw. Ablenken können wenn das Verlangen nach etwas Alkoholischen groß war. Bei mir ist es am Wochenende am schlimmsten, besonders Samstag Abend. Dann kann ich nicht mal TV schauen, weil früher wenn ich nicht unterwegs war hab ich mir Samstags dann vor dem TV ein paar Bier oder Wein gekippt.

Ich finde es erschreckend das mein Suchtgedächniss wirklich immer Am Wochenende (Freitag, Samstag) extrem anspringt und ich richtig Druck bekomme.

Ich habe schon ein gutes Mittel gefunden um den drang zu unterdrücken. Ich mache dann einfach Kreuzworträtsel und trinke Kaffee oder Tee. Wenn ich Rätsel mache muss ich konzentrieren und denke nicht mehr an Alkohol.

Unter der Woche geht es mir meistens gut bis auf die Lust bei schönen Wetter draußen ein Bier zu genießen. Da muss ich mir noch was gutes Ersatzgetränk einfallen lassen.

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