Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.

Moderator: Moderatoren

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 32904
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Karsten » 02.03.2019, 21:36

Hallo,

um das Thema von Christian nicht weiter zu entfremden, möchte ich ein neues Wochenthema aufmachen.

Ich habe mich bei dem Thema von Christian sehr emotional verhalten. Ich stehe aber auch zu allem, was ich da geschrieben habe.

Ich bin ja nun 20 Jahre trocken und habe im realen Leben, wie auch hier im Forum tausende Menschen erlebt, die trocken werden wollten und viele es auch geschafft haben.

Was ich dabei bemerkt habe, sind zwei verschiedene Gruppen von trockenen Alkoholiker/innen.

1: Die eine Gruppe glaubt oder kommt zu mindestens so rüber, als wären sie besondere Menschen, nur weil sie nicht mehr saufen.
2:Die andere Gruppe sieht es zwar als besonderen Erfolg an, die Krankheit stoppen zu können, aber geben sich menschlicher.

1: Ich selbst kann es nicht nachvollziehen, warum man glaubt, ein besonderer Mensch zu sein, nur weil man keinen Alkohol mehr trinkt.
Das mag unter anderen trockenen Alkoholiker/innen der Fall sein, je nach dem, wie lange man trocken ist.
Ich erlebe es immer wieder, dass es für nicht süchtige Menschen zwar mit Respekt begegnet wird, wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, aber das war es auch schon. Einige, wenn nicht sogar die Mehrheit sehen es als normal an, sich nicht jeden Tag zu besaufen und sehen es auch nicht als Krankheit, sondern reine Willensschwäche.
Nun möchte ich mich ja in das normale Leben integrieren.
Da reicht es eben nicht, nur nichts zu trinken, sondern muss auch die normalen Eigenschaften entwickeln, die ein soziales Leben ermöglichen.
Klar gibt es auch unter nicht süchtigen Menschen Egoisten, aber möchte man so sein???

2: Zu der anderen Gruppe möchte ich mich zurechnen. :)

Ich möchte mich nicht auf einen trockenen Alkoholiker reduzieren lassen, sondern möchte ein normaler Mensch unserer Gesellschaft sein. Ich helfe gerne anderen Menschen, wo ich auch das Gefühl habe, sie wollen meine Hilfe.
Ich schaue nicht nur auf mich, dass es mir gut geht, sondern freue mich auch, wenn es anderen Menschen gut geht. Selbst wenn ich mich dabei dann nicht immer so wichtig nehme.
Ich bin nicht der wichtigste Mensch der Welt.
Ich möchte auch fair leben und nicht weiter nur meinen eigenen Vorteil sehen, wie zu meiner nassen Zeit.

Ganz besonders denke ich an die Menschen, dehnen ich es während meiner Saufzeit schwer gemacht habe. Dazu zählt vor allem meine Familie.

Es gab Zeiten, wo ich ihnen gesagt habe, wenn sie sich nicht nach mir richten, müssen sie eventuell wieder mit einem saufenden Karsten abfinden.

Heute sehe ich das als Erpressung, denn nicht sie sind schuld an meiner Sauferei, sondern einzig alleine ich.

Ich versuche meiner Familie und meinem Umfeld etwas zurückzugeben, was ich ihnen währen der früheren Zeit angetan habe. Meine Alkoholkrankheit ist dabei keine Entschuldigung für mein schlechtes egoistisches Verhalten.

Gesunder Egoismus bedeutet NICHT, nur sich zu sehen.

Gruß
Karsten

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 32904
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Karsten » 03.03.2019, 16:40

Hallo,

keiner eine Meinung dazu? :)

Cadda
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1096
Registriert: 04.09.2017, 20:53

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Cadda » 04.03.2019, 08:16

Guten Morgen,

ich würde mich nicht als besonderen Menschen bezeichnen, aber vielleicht als Mensch, der besonderes geschafft hat und deshalb stolz ist. So geht es wohl vielen und wie man dann eben rüber kommt, hängt vom Charakter ab. Ich bin eher bescheiden und möchte nicht arrogant wirken, deshalb neige ich dazu, mich klein zu machen in manchen Situationen (was auch nicht immer richtig ist).

Andere lassen eben extremer raushängen, worauf sie stolz sind und dann kommt es eben eher so rüber, als würden sie sich als besonderer Mensch fühlen.

Ich denke aber nicht, dass das mit dem Trocken werden an sich zu tun hat, sondern eben damit, wie ein Mensch mit Erfolg umgeht.

Trocken werden ist ein Erfolg, etwas Besonderes. Aber schwierige Prüfungen bestehen auch. Zum Beispiel. Wie man damit umgeht, ist entscheidend. Fühle ich mich als Mensch, der etwas Besonderes geschafft hat oder denke ich dann gleich, dass ich insgesamt etwas Besonderes bin?

Ich bin stolz, dass ich trocken geworden bin. Ein besonderer Mensch bin ich deshalb nicht.

Cadda
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1096
Registriert: 04.09.2017, 20:53

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Cadda » 04.03.2019, 08:23

Für mich gehört jedenfalls mehr dazu, als „nur“ trocken geworden sein.

WENN ich mich überhaupt in manchen Momenten besonders fühle, dann nicht nur, weil ich trocken geworden bin. Sondern weil ich einfühlsam und emphatisch bin und immer für meine Lieben da bin. Mehrere Faktoren machen doch einen Menschen aus.

Manchmal fühle ich mich, als sei ich etwas Besonderes. Aber allgemein gesehen bin ich realistisch und weiß, dass gaaaaaanz viele Andere Menschen auch diese tollen Eigenschaften haben und sogar noch viele mehr. Dann weiß ich wieder, dass ich eben doch gar nicht so besonders bin.

Wie gesagt, trocken werden ist eine Besonderheit auf die man stolz sein kann. Ein besonderer Mensch im Allgemeinen bin ich deshalb aber meiner Meinung nach nicht.

Ich wäre auch gespannt auf weitere Meinungen :-)

Hartmut
Moderator
Moderator
Beiträge: 15128
Registriert: 13.02.2007, 22:21

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Hartmut » 04.03.2019, 22:49

Hallo,

jeder Mensch ist auf die eine oder andere Weise was Besonderes. Sogar ein nasser Alkoholiker sieht sich als etwas Besonderes an, solange er nicht erkennt, dass er sich nur selbst belügt. Egal wo ein Mensch seine Prioritäten setzt, da reiht er sich in seinem Weltbild ein. In der Leistungsgesellschaft ist es nun mal üblich das eine erbrachte Leistung als Besonderes angesehen wird. Mir ist es auch wurscht was der eine oder andere für sich denkt oder welch Leistung für ihn maßgebend ist. Ich muss ja nicht in seiner Welt leben.

Ich denke jedoch nicht, dass Egoismus, manipuliertes Verhalten, Emotionalität oder andere Prägungen mit dem Alkoholismus zu tun hat. Das war schon vorher so. Ich denke das der Alkoholismus nur alles Negative verstärkte und es zum Vorschein brachte. In der nassen Zeit war es auch notwendig, alles unter zu reihen was dem Saufen im Wege stand.

Nun gab es sicherlich auch in der nassen Zeit Menschen, denen ich nicht gut getan hatte. Jedoch sind das Jahre her und ist zurückblickend auch nicht alles so wieder zu spiegeln, wie es nun genau war. Deswegen betreibe ich auch keine Wiedergutmachung für ein irgendwelches schlechtes Gewissen. Ich hatte mich entschuldigt und damit war auch gut. Nicht für jeden, jedoch für mich.

Ich bin nichts besonderes weil ich nicht mehr Saufe . Ich bin was Besonderes weil ich wieder eigenständig leben darf. Aber nur für mich.

Gruß Hartmut

Carl57
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 506
Registriert: 10.08.2012, 21:31

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Carl57 » 05.03.2019, 01:28

Hallo,

"besonders" bedeutet sprachgebräuchlich lediglich, zu einer Minderheit zu gehören.
Es ist statistisch erwiesen, dass nur ca. 15 % aller Alkoholabhängigen eine Langzeittrockenheit
von mehr als fünf Jahren erreichen. Insoweit sind diese schon etwas "besonderes".

Gruss Carl

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 32904
Registriert: 04.11.2004, 22:21
Geschlecht: Männlich
Alkoholiker/in oder Angehörige/EKA: Alkoholiker

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Karsten » 05.03.2019, 08:32

Guten Morgen,

für sich selbst hat man natürlich etwas Besonderes vollbracht.

Ob es 15% schaffen oder mehr oder weniger, zu einer Minderheit gehören wir allemal.

Was Hartmut geschrieben hat, teile ich in etwa, denn schlechte aber auch gute Charaktereigenschaften, hatten wir ja schon früher.
Bedingt durch die Leistungsorientierung sind wohl Eigenschaften, wie Egoismus und sich selbst darzustellen, notwendig, um in der Gesellschaft mithalten zu können.

Nur sollten wir das für ein besseres Leben nicht ablegen?

Gruß
Karsten

Hartmut
Moderator
Moderator
Beiträge: 15128
Registriert: 13.02.2007, 22:21

Re: Ist man trocken ein besonderer Mensch?

Beitrag von Hartmut » 05.03.2019, 09:51

Hallo Karsten
Nur sollten wir das für ein besseres Leben nicht ablegen


Abgesehen das ich in der nassen Zeit, durch die Sucht, egoistisch handeln musste, ist Egoismus für Einige schon „das bessere Leben
„Warum sollten Egoisten ihr Verhalten dann ändern? Nur um etwas zu tun was in mein Weltbild passt?

Nun denke ich jedoch das Egoisten mit der Zeit einsam werden und mehr und mehr an Empathie verlieren. Er verlässt ja die Gruppe „Mensch" irgendwie.

Gruß Hartmut

Antworten