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Persönlichkeitsveränderung

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

Anna Nüm
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 03.01.2020, 21:12

Hallo Aurora,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort!
Zumindest habe ich das so empfunden aber es schlich sich schon Unzufriedenheit ein.
Ja, das sieht man erst viel später, wenn man alles Revue passieren lässt. Dann kommt man drauf, dass spätere Probleme schon da und dort sichtbar wurden, aber nicht so stark, viel seltener und noch eingebettet in viele schöne Erfahrungen.
Irgendwann veränderte er sich auch. Ich mich aber auch. Ich wurde zickiger wegen seiner Trinkerei, nahm es nicht mehr so hin. Es gab viel Streit. Und ich merkte auch immer mehr, dass er eine andere Persönlichkeit hatte als ich in den ersten Jahren angenommen hatte.
Das ist ein guter Punkt. Bei uns war ein großer Einschnitt, dass wir aufs Land gezogen sind, wo er eigentlich her kommt. Kennen gelernt haben wir uns in der Stadt und dort hatten wir auch unsere schönen Jahre. Er hat hier am Land nach und nach wieder viele Eigenschaften der ländlichen Bevölkerung angenommen, die er in der Stadt nie hatte, Alkohol gehört da offensichtlich dazu und wird hier überall reichlich getrunken. Für mich ist damit auch eine gewisse Art von Grobheit verbunden, die ich früher nicht an ihm kannte.
Ich hatte die "rosa Brille" auf, irgendwann dann nicht mehr und doch habe ich lange auch noch gehofft, ich könne ihn verändern, so machen, wie ich ihn anfänglich gesehen hatte.
Ja, so sehe ich das auch. Wobei das natürlich vice versa auch gilt. Ich bin auch nicht mehr die Frau, die ich mal war, aber ich setze mich meinen Problemen aus, ohne mich zu betäuben. Ich finde, das ist ein Unterschied. Meine größte Angst ist, ihm Unrecht zu tun und dann suche ich die Schuld erst wieder bei mir. Nicht unbedingt dafür, dass er trinkt, aber dafür, dass er mit mir auch nicht glücklich ist. Schuld und Scham, das hat mir mein Vater eingepflanzt. Obwohl der nie Alkohol getrunken hat. Aber emotionale Gewalt hat er auch ausgeübt.
Wie viel er wirklich getrunken hat weiß ich bis heute nicht genau. Außer bei Feiern oder so. Alkoholiker können das gut vertuschen. Ich weiß nur, dass er bei mancher Familienfeier schon nach ca 30 Minuten völlig weggetreten war und ich nie wusste, warum und woher. Oft war ich nur kurz einkaufern und beim Zurückkommen saß er völlig weggetreten auf dem Sofa. Er hatte so seine Verstecke und Tricks, da wäre ich damals nie drauf gekommen. Ich war dann immer sehr verängstigt, er hatte ja auch mal eine Hirnblutung, ich dachte dann immer, er wäre krank oder bekäme gleich wieder epileptische Anfälle. Er selbst hat es immer abgestritten, mich als bekloppt hingestellt und meine Wahrnehmungen völlig verdreht...Er wäre nur müde, war immer sein Argument. Oder, er würde nach Alkohol riechen, weil das bestimmte Enzyme im Magen wären, die sich bei ihm bildeten
Diese Geschichten gibt es bei uns gar nicht. Ich glaube auch nicht, dass er heimlich trinkt. Dazu ist er viel zu stur in seiner Wahrnehmung, dass ich ihn in seiner Freiheit einschränken will. Er ist ja auch nie betrunken. Das lässt mich ja auch immer wieder zweifeln.
Mein Exmann war dann nüchtern aber trotzdem war einfach nichts mehr da, was mich mit ihm verband. Zu viel war passiert und als Mensch fand ich ihn einfach nicht mehr passend für mich. Ich hatte mich zu sehr verändert, er sich nicht. Dann ist es wirklich das beste, einen Schnitt zu machen
Das ist genau der Punkt, an dem ich stehe: kaltbluts Beitrag hat mir sehr zu denken gegeben und mich auf gewisse Weise entspannt. Letztlich ist es vielleicht gar keine Frage des Alkohols. Die letzten beiden Jahre habe ich so viel Zurückweisung, Abwertung und Lieblosigkeit erlebt, dass es eigentlich unerheblich ist, ob der Alkohol daran schuld ist oder nicht. Verschiedene Freunde die uns heuer besucht haben, haben das auch zum ersten Mal mitbekommen und waren ziemlich irritiert. Ich habe mich innerlich so entfernt, dass ich gar nicht weiß, ob es ein Zurück gibt, trocken oder nicht. So wie er jetzt ist, habe ich mein Interesse an ihm verloren. Wenn einer komplett stehen bleibt, wird der Abstand einfach zu groß. Zudem habe ich mich durch meinen Weg seit dem Sommer dahingehend verändert, dass ich wieder alle Kontakte aktiviert habe, die ich über die Jahre vernachlässigt habe. Ich sehe, dass ich ohne ihn gar nicht allein bin, sondern viele Menschen habe, mit denen ich die tollen und inspirierenden Gespräche führen kann, die wir früher miteinander hatten. Trotzdem bin ich noch lange nicht so weit zu wissen, dass ich es wirklich schaffe. Es ist wirklich ein großer Schritt und du weißt am besten, wie sich das nach so langer Zeit anfühlt.

Bist du nicht diejenige, die noch eine schöne Beziehung gefunden hat?

Liebe Grüße
Anna

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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 03.01.2020, 21:25

Hallo Lovis,

mächtig sauer wäre übertrieben, aber bei mir kam dein Kommentar etwas von oben herab an. Deine Skepsis ist natürlich dein gutes Recht, Ich hatte einfach den Eindruck, dass du etwas abtust und in eine Schublade steckst, worüber du sehr wenig wissen kannst. Nachdem das momentan mein Rettungsanker ist, hat mich das doch getroffen. Das macht übrigens mein Mann immer wieder, mich über ein Thema zu belehren, über das ich wesentlich mehr weiß als er, vermutlich hast du da einen wunden Punkt erwischt bzw. hab ich etwas auf dich übertragen, was nicht dir gehört. Dafür entschuldige ich mich.

Da ich diese Therapien als eine enorme Bereicherung in der Therapielandschaft ansehe, wollte ich nicht stehen lassen, dass sie unseriös sein könnten. Ich bin überzeugt, dass sie vielen hier sehr helfen könnten. Und ich werde von den weiteren Sitzungen berichten ;-)

Liebe Grüße
Maria

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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Lovis » 03.01.2020, 22:10

Hallo Maria,
ich bin gespannt auf die Berichte und vielleicht entdecke ich darin ja auch noch einen guten Weg für mich. Ich finde es jedenfalls wirklich interessant.
Viele Grüße,
Lovis

Aurora
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Aurora » 04.01.2020, 13:59

Hallo Anna,

ja, das bin ich :D .

Ich habe hier im Forum meinen zweiten Mann kennen und lieben gelernt. Er ist trockener Alkoholiker und wir haben eine Beziehung, wie ich sie nie vorher mit einem Mann hatte. Auf Augenhöhe, Achtung und Toleranz. Und viiiiiel Liebe...

Aurora

Anna Nüm
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Anna Nüm » 04.01.2020, 15:07

Hallo Aurora,

das freut mich sehr für dich! Ich hab deinen langen Thread noch nicht durchgeackert, da gibt es ja so viel zu lesen ;-)

Macht Hoffnung, deine Geschichte!

Liebe Grüße
Anna

kaltblut
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von kaltblut » 05.01.2020, 11:56

Hallo Anna,

es gibt mehr, als man gerade wahrnimmt, sieht, merkt oder spürt. Alkohol siehst Du ja, riechst Du und die Folgen sind oft an den Fingern abzählbar. Was ist denn bei einer Krankheit, die nichts damit zu tun hat, siehst Du die auch? Siehst Du Depression, Angst, Hormonveränderungen, Demenz, Stoffwechselreaktionen? Siehst Du all die Konsequenzen altersbedingter Veränderungen?

Und bei Dir, denn es geht ja um Dich, verändert sich da nichts, bist Du die von von 10 Jahren? Bekommst Du alles was bei Dir und Deinem Mann passiert in den Kopf und kannst daraus Schlüsse ziehen?

Gerade wenn wir etwas passendes Neues erfahren, wenn wir uns damit identifizieren, anders werden und das werden wir mit jeder Veränderung, wird es schwierig geerdet auf dem Boden zu bleiben. Da wird Alkohol zum Platzhalter für vieles, das öffnet Türen, gibt Energie, beflügelt, bringt Wissen. Wissen verleiht Macht und Macht macht was, meist wie Alkohol, kaputt.

Übrigens, einige meiner Freunde haben trotzdem die Situationen gemeistert und später goldene Hochzeit gefeiert, andere sind raus in die Welt, haben sich neu erfunden und leben ein zufriedenes Leben.

Ich war dazu nicht in der Lage, die Situation hat mich aufgefressen. Ich war mehr im Kopf meiner Frau als in meinem. Es gab für mich nur ein da raus und seitdem ist Frieden in mir. Ich bin neu verheiratet und diese Beziehung hat wenig mit "ziehen" zu tun, aber viel mit bei sich bleiben.

LG Kaltblut

Aneli
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Re: Persönlichkeitsveränderung

Beitrag von Aneli » 27.05.2020, 15:08

Hallo liebe Anna,
mich würde mal interessieren, wie Deine "Geschichte"/Dein Leben weiterverlaufen ist.

Viele liebe Grüße
Aneli

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