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Abholen wo einer steht.

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit

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Hartmut
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Abholen wo einer steht.

Beitrag von Hartmut » 03.02.2020, 11:02

Hallo zusammen,

immer wieder mal kommt das Thema auf, man sollte als Langzeittrockener den „Neuen“ da abholen wo er steht. Dachte ich auch eine Zeit lang, jedoch geht das gar nicht.

Ist es nicht vielmehr nur ein Selbstschutz für den Neuen damit er eine Begründung schon bei seinem Weg, den er individuell gestalten will und bei einem eventuellen „Rückfall“ eine Entschuldigung hat?

Wenn jemand aus dem Biergarten raus grölt, er wird mit alkoholfreien Bier trocken, kann ich den genauso wenig abholen wie jemand der auf der Welle „ich versuche es mal“ schwimmt. Selbst wenn er so gestrickt ist, alles dafür zu tun um trocken zu werden oder bleiben. Ich kenne sein Umfeld oder Lebensart nicht.

Also kann ich niemanden da abholen wo er steht, ich kann ihn nur aufzeigen wie ich da hin gekommen bin wo ich stehe. Keiner kann sein Weg, seine Erfahrungen rückwirkend korrigieren.

Was meint ihr?

Gruß Hartmut

Cadda
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Cadda » 03.02.2020, 11:22

Guten Morgen.

Ich habe es nicht so verstanden, dass man hier tolerieren soll, dass jemand mit alkoholfreiem Bier aus dem Biergarten gröhlt. Aber es geht doch darum, dass man hier ist, um zu lernen, wie man es schafft. Manche begreifen das vielleicht nur auf unsensible Weise, indem man ihnen direkt mit dem Knüppel auf den Kopf haut und ihnen zeigt, wie sehr sie sich auf dem Holzweg befinden. Dann gibt es aber auch noch diejenigen, die sich von dem Knüppel erschlagen fühlen und direkt auf der Stelle stehen bleiben.

Die Kunst liegt wohl darin, sich auch als Ratschlaggebender ein wenig auf den Menschen einzustellen, den er vor sich hat. Das gelingt hier Einigen und Anderen dafür absolut nicht. Die zweite Fraktion predigt dann, dass die „schonungslose Wahrheit“ schließlich zwingend notwendig ist. Das stimmt auch. Dennoch macht der Ton die Musik. Erreichen kann ich jemanden nur, wenn ich den Ton treffe.

Das ist meine Ansicht dazu.

Morgenrot
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Morgenrot » 03.02.2020, 11:35

Hallo,

ich bin für Wahrheit mit Emphatie, denn auf der anderen Seite sitzt auch ein Mensch.
Ich bemühe mich immer, in der ich - Form zu schreiben, das was ich erlebt habe, und auch, wie lange ich für gewisse Dinge gebraucht habe. Was dann der Gegenüber damit macht, liegt nicht in meiner Hand.
Es bringt aber nichts, wie Cadda schon geschrieben hat, den großen Knüppel rauszuholen, denn da hätte ich anfangs auch nicht drauf reagieren können.
Hartmut schreibt z. Bsp.
Wenn jemand aus dem Biergarten raus grölt, er wird mit alkoholfreien Bier trocken, kann ich den genauso wenig abholen wie jemand der auf der Welle „ich versuche es mal“ schwimmt.
Da kannst du doch gut abholen Hartmut, indem du von deinen eigenen Erfahrungen berichtest, hast du ihm oder ihr gleich klar gemacht, was z. Bsp. nicht funktionieren wird, nach deiner Meinung.
Mehr kannst du nicht tun, weder mit "harten noch mit "weichen" Worten, wer sich nicht einlassen kann, der muß leider noch eine Runde drehen, so schlimm es auch ist.

lg Morgenrot

Hartmut
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Hartmut » 03.02.2020, 13:07

Hallo Cadda
Aber es geht doch darum, dass man hier ist, um zu lernen, wie man es schafft. Manche begreifen das vielleicht nur auf unsensible Weise, indem man ihnen direkt mit dem Knüppel auf den Kopf haut und ihnen zeigt, wie sehr sie sich auf dem Holzweg befinden. Dann gibt es aber auch noch diejenigen, die sich von dem Knüppel erschlagen fühlen und direkt auf der Stelle stehen bleiben.
Wer lernen will, der lernt, wer nicht der wird sich in seiner Endlosdiskussion verfangen. Was für den einen sensibel, ist für den anderen unsensibel. Und ich habe nicht die Qualifikation jede „Befindlichkeit" heraus zu selektieren . Genauso wenig lese ich kein Ton in der Schreibweise heraus, das macht nur der Empfänger. Ich gebe nur Hilfe zur Selbsthilfe.
Wenn jemand aus dem Biergarten raus grölt, er wird mit alkoholfreien Bier trocken, kann ich den genauso wenig abholen wie jemand der auf der Welle „ich versuche es mal“ schwimmt.
Da kannst du doch gut abholen Hartmut, indem du von deinen eigenen Erfahrungen berichtest, hast du ihm oder ihr gleich klar gemacht, was z. Bsp. nicht funktionieren wird, nach deiner Meinung.
Eben nicht. Es geht mir um eigene Erfahrung nicht Meinungen. Das kann eben dann nur der Langzeit trockene der auch im Biergarten trocken werden konnte. Ich kann zwar sagen das ich es für unwahrscheinlich halte, weil es die Mehrzahl so nicht geschafft hat, aber mehr nicht.

Natürlich braucht der eine länger der andere nicht so lang. Aber das ist ein Selbsthilfe Alkoholiker Forum und keine therapeutische Einrichtung mit Psychologen. Empathie ja. Jedoch bei einer Sucht bei dem es sich um eine tödlich verlaufende Krankheit handelt ist sie nur bedingt anwendbar

Gruß Hartmut

Cadda
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Cadda » 03.02.2020, 13:23

„Wer lernen will, der lernt“... genau. Und manche Menschen lernen besser, wenn man mit Empathie entgegentritt. Du schreibst, Du hast nicht die Qualifikation, die Befindlichkeiten herauszulesen.
Dafür benötigt man aber manchmal nur ein wenig Einfühlungsvermögen und Verständnis, dass die Welt am Anfang eben noch unsortiert ist, wenn man trocken leben möchte.

Ich schrieb ja bereits, dass die Kunst wohl darin liegt, sich als Ratschlaggeber ein wenig auf den gegenüberliegenden Menschen einzustellen. Die beherrscht nicht jeder. Manche könnten sie beherrschen, wollen es aber gar nicht erst versuchen, weil sie mehr Lust auf die Holzhammer-Methode haben. Dann ist das eben so. Aber dann muss man eben auch damit rechnen, dass mitunter Menschen schneller wieder weg sind. Oft wird dann so gedacht: „Tja, dann war er nicht bereit oder konnte die Wahrheit nicht vertragen“. Ist bei einigen ja vielleicht auch so. Andere hatten vielleicht ein wenig mehr Einfühlungsvermögen gebraucht und hätten es dann doch geschafft. Und DAS sind dann die Fälle, um die es mir leid tut.

Hartmut
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Hartmut » 03.02.2020, 14:22

Hallo Cadda,

diese Diskussion kenne ich schon seit Jahren und sie kommt immer wieder mal vor. Nun gehöre ich ja auch zu den Menschen die eine direkte, jedoch sachlich und nicht persönlich, Ansprache mache und sie auch für mich so erfahren habe. Ob das Holzhammer oder Streichelzoo ist muss jeder für sich selbst entscheiden.

Die meisten, gehen auch nicht wegen einer harten Ansprache aus dem Forum, sondern weil sie wieder Saufen. Nicht soweit sind,nicht zu tief unten waren oder es eben Geld kostet. Es gingen auch schon welche weg die es zu "Sanft" fanden.
Andere hatten vielleicht ein wenig mehr Einfühlungsvermögen gebraucht und hätten es dann doch geschafft. Und DAS sind dann die Fälle, um die es mir leid tut.
Hypothetisch hätte es sein können .Nur ist es richtig jemanden trocken zu halten? Für wen ist er dann Trocken?

Ich frage mich, jetzt nicht explicit dich, sondern allgemein. Ich war krankheitsbedingt ein Jahr fast nicht hier. Und der Austausch ist trotz meiner Art zurückgegangenen. Wo sind denn die ganzen sensiblen Abholer gewesen? Ich lese da hin und auch das das Forum einschläft. Wenn jeder der das Forum kritisiert, seine Energie mal dahin gehend verwendet, selbst etwas dafür zu tun, wäre es sich wieder lebhafter. Man sollte sich nur mal mitteilen. Ein Forum sollte ja keine Einbahnstraße sein.

Zurück zum Abholen. Es kommt nicht auf Komfort an vielmehr auf eine sichere Fahrt.

Gruß Hartmut

Pellebär
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Pellebär » 03.02.2020, 14:48

Moin

Ich fühle mich nicht als Ratgebende, sondern als Erfahrungsaustauscher. Meine Meinung ist irrelevant, meine Erfahrung kann ich (mit)teilen. Jeder hat die Möglichkeit, aus den unterschiedlichsten Wegen den Weg zu suchen, ihn zu finden und zu gehen, der für ihn gangbar ist. Dafür brauche ich keinen Holzhammer. Ich kann keinen in die Nüchternheit zwingen, aber aufzeigen, dass ein zufriedenes Leben ohne Alkohol möglich ist.

Dazu brauche ich nicht die Faust in der Tasche, keinen Willen und keine Stärke, sondern die Einsicht, dass ich meine Lebenseinstellung, meine Haltung dem Alkohol gegenüber verändern kann.

Ob ich einen Neuen so abholen kann, weiß ich nicht, ich kann ihn aber mit diesen meinen Erfahrungen abholen.

PB

Cadda
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Re: Abholen wo einer steht.

Beitrag von Cadda » 03.02.2020, 17:39

Gegen eine direkte und sachliche Art ist auch nichts einzuwenden. Aber es liest sich hier oftmals so, als hätte man kein Verständnis, weshalb man nicht schon längst so oder so handelt. Manche Dinge müssen wie gesagt wachsen.

Ich konnte mir beispielsweise nicht vorstellen, nicht mehr mit meinen Freunden loszuziehen und Partys zu besuchen. Ich hab es auch weiterhin gemacht und nicht immer davon geschrieben. Weil ich weiß, dass dazu geraten wird, nicht in eine Discothek oder Ähnliches zu gehen. Da wurde bei vielen Mitschreibern indirekt vorgeworfen, sie würden es nicht ernst meinen und sind noch nicht soweit usw.

Ich hab’s trotzdem gemacht. Obwohl ich es sehr wohl ernst meinte. Und mit der Zeit hab ich gar keine Lust mehr ständig in eine Disco zu fahren. Ist nicht mehr mein Ding. Das brauchte aber seine Zeit. Man muss wachsen in der Situation.

Am Anfang war ich nich mit meinem saufenden Ex zusammen. Ich wusste selbst, das ist falsch. Ich konnte mich trotzdem nicht von heute auf morgen trennen. Auch das musste wachsen. Das Gefühl wirklich nicht mehr zu wollen.

Bei mir in der Selbsthilfegruppe war auch eine mit nem saufenden Partner zusammen. Da hat die Therapeutin ihr auch nicht vor den Kopf geknallt „das kann nie und nimmer gut gehen. Halte Dich an die Grundbausteine. Dein Denken ist klitschenass. Die wäre wohl nach 2 Besuchen nicht mehr aufgetaucht. Ihr wurde mir jeder Sitzung und Gesprächen selbst klar, dass es so nicht funktioniert. Natürlich wurden ihr die Gedanken dazu gesagt. Natürlich hab auch ich ihr von meinen Erfahrungen berichtet, dass es mit einem trinkenden Partner nicht funktionieren kann. Aber ich hatte Verständnis, dass sie nicht sofort umdenken und handeln konnte. Die Gedanken und Gefühle dazu mussten reifen. Und sie hat unsere Ratschläge oder Erfahrungen dazu doch nur zugelassen, weil sie das Gefühl hatte, nicht unter wahnsinnigen Druck gesetzt und werden und sie fühlte sich verstanden.
So ist es hier doch auch. Darum geht es mir nur. Dieses Gefühl dem Gegenüber zu vermitteln.

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