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Ich bin müde

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

Moderator: Moderatoren

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Lilli1990
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Ich bin müde

Beitrag von Lilli1990 » 05.06.2020, 17:44

Seit dem Mal sind erst zwei Wochen vergangen.
Ich war im Büro und habe wieder einen Anruf erhalten.
Wieder ist er betrunken.
Wieder weiß ich nicht genau, was mich zu Hause erwartet.
Wieder fühle ich mich hilflos.
Wieder schnürt es mir die Kehle zu.
Wieder pocht mein Herz bis zum Hals.
Wieder habe ich Angst, alles falsch zu machen.
Wieder habe ich Angst, nicht konsequent sein zu können.
Wieder möchte ich einfach nur weglaufen.
Wieder fehlt mir jetzt jemand zum Reden.
Wieder fühle ich mich allein.
Wieder bin ich angewidert von seinem betrunkenen Ego.
Wieder spüre ich die Panik in mir aufsteigen.
Wieder weiß ich nicht weiter.
Wieder wird die Wohnung wie ein Schlachtfeld aussehen.
Wieder wird es erbärmlich nach Alkohol stinken.
Wieder spure ich aber auch die Kraft, die in mir schlummert.
Wieder suche ich nach einem Weg, diese zu aktivieren.
Wie finde ich den Weg daraus?
Wie kann ich mich befreien?
Wie finde ich den Wegweiser aus dieser Sackgasse?
Ich bin müde.

Aurora
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Aurora » 05.06.2020, 18:28

Hallo Lilli,

oh je, das hört sich traurig und anstrengend an. Ich hoffe, du hast den Abend gut überstanden und es geht dir heute besser.

Diese ganzen "wieder" kenne ich zu gut. Es ist wie ein Kreisel jedes Mal. Immer ähnliche Abläufe, immer dieser Schmerz und die Wut und Angst. Und der Ekel.

Wie du einen Wegweiser da heraus finden kannst? Hm...
Zuerst kannst du überlegen, was du vom Leben erwartest. Und ob du meinst, das mit "ihm" erreichen zu können. Was sind deine Wünsche und Träume, wo siehst du dich in nicht allzu ferner Zeit?

Dann geht es los mit dem Sortieren. Was ist machbar für dich. Wie sieht es aus mit einer Trennung? Ist das für dich vorstellbar. Wenn nicht, was ist vorstellbar?

Das fällt mir gerade so spontan mal ein.

Liebe Grüße
Aurora

Lilli1990
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Lilli1990 » 05.06.2020, 19:42

Liebe Aurora, vielen lieben Dank für deine Worte. Ich saß beim Schreiben im Bus, war auf dem Weg nach Hause. Mein Handy hat leider ein paar Worte verschluckt. Ich wollte schreiben "Seit dem letzten Mal..." und "ich war heute im Büro..." der Abend ist noch nicht überstanden. Gerade schläft er oder er stellt sich schlafend. Ich gehe noch ein paar Schritte. Ruhe finden, durchatmen... Er war recht ruhig, als ich nach Hause kam. Kein Chaos, nur das Telefon lag mit gesprungenem Display auf dem Boden und die Brille ist kaputt. Sonst bisher noch alles heil. Noch...
Er fragte mich, warum ich nicht endlich mal losmeckere. Ich fragte, warum ich das tun soll und was es ändert? Dann bekam er wieder den provozierenden Unterton, wollte mich aus der Reserve locken. Ich sagte nur erstaunlich ruhig "STOP! NICHT SO!" Er ging dann wortlos und legte sich aufs Sofa.
Das war bisher alles. 😔

Lilli1990
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Lilli1990 » 08.06.2020, 07:43

Update: Als ich wieder zurück war, sagte er mir, ich solle innerhalb einer Woche verschwunden sein. Um dann 30 Sek. später wieder zu weinend zu beteuern, dass er das alles nicht so meint und ich ihn nicht verlassen soll. Die Brille und das Telefon waren inzwischen mutwillig komplett zertrümmert. Ansonsten nicht viel Neues. Der Tag danach wie immer. Beteuerungen, Betteln, Weinen und "Ich könnte ja nochmal zur SHG gehen, aber einen Entzug mache ich nicht!"
Ich habe ihm gesagt, dass ich mit ihm reden will, aber nicht an diesem Tag danach. Weil eben das genau zu nichts führt. Der Kater und die Emotionen, das schlechte Gewissen, das Selbstmitleid helfen nicht weiter. Ich habe gesagt, dass ich zwei oder drei Tage später darüber sprechen will. Dann, wenn er wieder alles verdrängt und totschweigt. Und ich weiß, dass er sich darauf nicht einlässt.
Liebe Aurora, ich weiß, dass ich meine Ziele/Wünsche/Träume MIT ihm nicht erreiche. Zu Sortieren fällt mir aber immer noch schwer. Mir fällt es auch schwer, ihn abzuweisen, wenn er weinend vor mir sitzt. Das ist mein "Knopf" und das weiß er. Und ich weiß, dass es anderen genauso geht. Das lese ich immer wieder.
Ich weiß auch, dass ich mich irgendwann aus diesem Strudel befreien kann. Ich weiß aber nicht, wann das sein wird, wie lange es noch dauern wird.
In nicht allzu ferner Zukunft sehe ich mich in meiner kleinen Wohnung, in der ich selbstbestimmt alles so machen kann, wie ich es möchte. Ich sehe erst einmal keinen Mann an meiner Seite, denn ich möchte erst einmal durchatmen.

Cadda
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Cadda » 08.06.2020, 08:32

Hallo Lilli,

weinend vor Dir sitzen, aber sagen „ich mache keinen Entzug“ passt nicht zusammen. Er will saufen. Er will nichts ändern. Dann braucht er nicht heulen, entschuldige die harte Ausdrucksweise. Wenn er irgendwann trocken wäre und Du würdest ihn trotzdem verlassen, dann hätte ich vielleicht auch Mitleid mit ihm. Aber doch nicht so!!!!!

Das wäre ja so, als wenn mein Sohn nach der Schule heulend vor mir sitzen würde und weint, weil er ne Ohrfeige kassiert hat, da er einen Mitschüler ständig ärgert. Und als wenn mein Sohn dann heult und weint, aber gleichzeitig sagt „ich höre trotzdem nicht auf, meinen Mitschüler zu ärgern“. Also sorry, aber da hätte ich NULL Mitleid mit meinem Sohn. Soll er doch rumheulen. Wer nichts ändern will, tut mir nicht leid.
Leid täte er mir erst, wenn er aufgehört hat zu ärgern und trotzdem noch Ohrfeigen kassiert. Und selbst DANN hält sich das Mitleid noch in Grenzen, da es selbstgemachtes Leid ist. So wäre es übrigens auch bei einer Trennung trotz Trockensein....

Deine Träume sind toll. Eigene Wohnung ohne Mann. Ich lebe meinen Traum inzwischen :mrgreen:
Ok, inzwischen habe ich seit einem halben Jahr wieder jemanden. Aber mein Zuhause ist MEIN Zuhause. Es ist nur eine kleine, schnuckelige Wohnung. Aber ich hab mich seit meiner Kindheit nicht mehr Sooo wohl und Zuhause gefühlt.

Zieh es durch, Lillie!

Lilli1990
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Lilli1990 » 08.06.2020, 08:46

Hallo Cadda,
du hast recht, er will nichts ändern. Er sagt, er kann nicht. Ich sage: er will nicht! Und ich ärgere mich über mich selbst, dass ich ihn trotzdem immer wieder in den Arm nehme, ihn tröste und gleichzeitig verkrampft sich alles in mir. Es ist ein innerer Kampf, ich spreche die Dinge anders aus, als ich denke und könnte mich selbst dafür ohrfeigen. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, was gerade passiert, aber ich verstehe meine eigenen Reaktionen nicht, kämpfe gegen mich selbst.
Auch am Freitag Abend dachte ich: "Ich müsste jetzt gehen!" und trotzdem bin ich wie festgewachsen sitzengeblieben. Der Geruch nach Alkohol, sein Verhalten, die ganze Situation haben mich angewidert. Am meisten war ich aber wütend auf mich selbst und doch nicht in der Lage, zu gehen.
Ein Hoffnungsschimmer ist aber, dass ich mich sehr gut kenne und weiß, dass es plötzlich und unverhofft doch aus mir herausbricht und es dann plötzlich ganz schnell gehen kann. :-)

Cadda
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Cadda » 08.06.2020, 09:00

Genau so ist es bei mir auch!!! :-D

Ich hab in Beziehungen schon immer so unendlich viel mitgemacht. Auch ohne, dass Alkohol eine Rolle spielte. Ich hab immer gesagt, dass es eeeeewig dauert, bis bei mir eine Grenze erreicht ist. Aber WENN sie erreicht ist, dann IST sie auch erreicht und dann ist es zu spät. Darauf konnte ich mich dann doch verlassen.

Dennoch würde ich gern die Zeit zurückdrehen und schneller handeln. Denn dieses Ausreizen der persönlichen Schmerzgrenze kostet unendlich viel Energie und schlimmer noch: Das Selbstwertgefühl sinkt mit jedem Tag.

Es ist ein tolles Gefühl, es wieder zu haben und mir persönlich wird es auch nicht mehr passieren, dass ich mir so viel gefallen lasse, da ich mich glücklicherweise nicht nur aus der Co-Abhängigkeit, sondern auch aus der eigenen Abhängigkeit befreit habe. Bzw umgekehrt. Erst dadurch, dass ich mich aus der eigenen Abhängigkeit befreit habe, konnte ich meine Co.Abhängigkeit angehen.

Du bist sympathisch. Du hast so ein Verhalten und somit so einen Mann nicht verdient. Fang an, Dir das Leben schön zu machen. Das geht mit ihm nicht. Das geht nur ohne ihn.

Aurora
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Re: Ich bin müde

Beitrag von Aurora » 08.06.2020, 17:42

Hallo Lilli,

ich finde das klasse, dass du dir über meine Fragen Gedanken gemacht hast!
Und Antworten darauf hast du auch gefunden.

Nun mach dir aber keinen Druck, dass du das innerhalb von kürzester Zeit erreicht haben musst. Das wird leider nicht so schnell gehen. Meine Therapeutin damals hat zu mir gesagt, "machen sie lieber kleine Schritte, das ist besser als ein riesiger Sprung, bei dem sie wieder rückwärts umfallen..."

Und so habe ich das auch gemacht.
Ein Hoffnungsschimmer ist aber, dass ich mich sehr gut kenne und weiß, dass es plötzlich und unverhofft doch aus mir herausbricht und es dann plötzlich ganz schnell gehen kann.
Jaaaa, das kenne ich auch so.

Ich schlucke und schlucke und dann kommt die Explosion. Oha. Ich konnte dann damals auch ganz schnell handeln plötzlich, vorher ging es mir so wie dir. Ich war wie festgenagelt. Inzwischen habe ich aber gelernt, damit anders umzugehen. Ich versuche, meine Grenzen schneller zu setzen. Nicht immer zu nicken und zu schlucken sondern vorher "nein" zu sagen. Ein Lernprozess. Es ist unheimlich entlastend! Denn das ewige Schlucken und dann explodieren ist sehr energieraubend. Und die Explosion auch dann unangenehm, denn ich explodiere dann wirklich nur noch völlig unkontrolliert... nee, das mach ich lieber nicht mehr.

Liebe Grüße
Aurora

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