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Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Jede Woche mindestens ein neues Thema zu Themen der Co-Abhängigkeit, für Angehörige und Kindern von alkoholkranken Eltern

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Carmen
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Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Carmen » 10.07.2020, 20:32

Hallo zusammen,

mich würde mal interessieren, was das Zusammenleben mit einem “nassen“ Alkoholiker so unerträglich macht. Was sind Eure Empfindungen, Eure Gedanken und was war oder ist Euer persönlicher Tiefpunkt?

LG
Carmen

Cadda
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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Cadda » 11.07.2020, 09:29

Guten Morgen Carmen,

tausende Gedanken gehen mir bei Deinen Fragen durch den Kopf. Ich weiß gar nicht so recht, wie ich das sortieren soll :-D

Was hat das Leben mit einem nassen Alkoholiker unerträglich gemacht?
Also ich bin sicherlich kein Maßstab, denn bei mir war es ja so, dass ich auch getrunken habe. Deshalb war es zunächst nicht nur Leid, sondern FREUD und Leid. Freude darüber, dass ich jemandem hatte, der mich nicht kritisiert hat, dass ich trinke, denn er trank ja genau so viel, sogar noch mehr. Freude darüber, dass ich jemanden hatte, mit dem ich zusammen trinken konnte. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass es nicht auch Tage gab, an denen wir unendlich viel Spaß hatten, während wir getrunken haben. Wir haben uns gegenseitig so genommen, wie wir sind. Deshalb habe ich lange, lange Zeit das Leid auch gar nicht so angenommen. Ich habe mich auch gar nicht so dagegen gewehrt. Wenn er mir Leid zugefügt hat, hab ich das schnell abgetan, weil ich ihm ja schließlich auch oft Leid durch MEIN Trinken angetan habe. Deshalb möchte ich einfach mal feststellen, dass mein Tiefpunkt vermutlich so wahnsinnig spät erreicht war, weil ich eben selbst getrunken habe.

Unerträglich hat es für mich gemacht, dass er stundenlang an seinem Stehtisch saß und geraucht und getrunken hat, auch an Abenden, wo ich NICHT saufen wollte. Bei mir gab es immer mal wieder Tage oder Phasen, wo ich vernünftig war. Ich hatte damals ja auch schon den Wunsch, mit dem trinken irgendwann komplett aufzuhören. Vielleicht hätte ich ohne ihn auch früher aufgehört und meinen Tiefpunkt was die eigene Abhängigkeit angeht, auch viel früher erreicht. Ich weiß es nicht.

Nun ja, jedenfalls habe ich gelitten, wenn er gesoffen hat und ich alle 5 Minuten auf die Uhr schaute und hoffte, dass er endlich schlafen kommt. Wenn ich dann alle 2 Stunden mal zu ihm gegangen bin, um ihn anzuflehen, jetzt endlich schlafen zu gehen, weil sein Wecker in ein paar Stunden geht und er doch Auto fahren muss, dann wurde mit ner Flasche nach mir geworfen, ich wurde beleidigt, heruntergemacht und so weiter. Ich wurde im Prinzip behandelt, wie der letzte Dreck und hab es mir bieten lassen, weil ich wusste, dass er das nüchtern niemals tun würde und weil ich wusste, wie es ist, wenn man voll wie ein Eimer ist. Ich habe auch grundsätzlich Dinge getan, die ich nüchtern nie getan hätte.

Ich fand es unerträglich, dass ich grundsätzlich die Schuld bekam, wenn wir wegen der Trinkerei Streit hatten. Ich fand es unerträglich, dass er mich dann ignorierte. Ich betete morgens im Bett, dass er wenigstens Tschüss sagt, wenn er zur Arbeit fährt und wenn ich hörte, wie das Auto los fuhr und ich ihm schreiben wollte und sah, dass ich blockiert war, brannte mein Herz. Ich hab keine Ahnung, warum ich das unerträglich fand. Nach ein paar Jahren musste man sich doch eigentlich daran gewöhnt haben, oder?

Ich fand es unerträglich, Angst um ihn zu haben. Er bekam einen Herzinfarkt, die Ärzte sagten, er solle unbedingt aufhören zu rauchen und nicht zu viel trinken und er trank nach dem Krankenhausaufenthalt noch mehr und er rauchte weiterhin 2 Schachteln am Tag, wenn er nachts durch soff, sogar noch mehr. Ich hatte Angst, dass er wieder am Tisch einschläft und umfällt und sich dabei beim nächsten Mal ernsthaft verletzen würde.

Es war unerträglich für mich, dass er - wenn er voll war - meine Kinder belehrte und sowohl meine, als auch seine Kinder schlecht behandelte, indem er abfällig mit ihnen redete. Ich hatte großes Mitleid mit meinen und auch mit seinen fast erwachsenen Kindern. Ich fand es unerträglich, dass er mich mit Liebesentzug bestrafte, obwohl ich nüchtern war und genau wusste, dass ich NICHT Schuld bin. Ich fand es unerträglich, wenn ich mitbekam, wie er mir und auch allen Anderen nüchtern erzählte, wie toll sein Leben ist, wie viel er arbeitet und was er alles im Griff hat. Ich wusste es besser und bei jedem Wort kam mir die Spucke hoch.

Ich hatte Angst, dass er einen Unfall baut. Ich hatte Angst, dass er mich verlässt. Weiß der Geier, warum... Ich fand es schlimm, dass mir ständig angedichtet wurde, ich würde ihn betrügen und ich verschwendete unendlich viel Energie, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Wenn er richtig schlimm betrunken war, dann hat er es auch geschafft, mich mal "aus Spaß" in den Pool zu werfen. Mit Klamotten, mit Handy in der Tasche, gerade zurecht gemacht für eine Feier. Er hat mich dann ausgesperrt und ich war gezwungen, klatsch-nass durchs Dorf zu meiner Freundin zu gehen, um mich dann (selbst betrunken) zu versuchen, trocken zu föhnen. Ich bekomme gerade Beklemmungen beim Schreiben, ganz ehrlich....
Wenn ich daran denke, dass meine Kinder das mitbekommen haben, dann könnte ich losheulen...
Sorry, das gehört eigentlich in mein eignes Tagebuch. Es ist überhaupt nicht allgemein genug. Ich lass es jetzt trotzdem einfach mal so stehen, weil ich nicht wüsste, wie ich das verallgemeinern sollte.

Naja, dieses Unberechenbare halt. Mal der liebste Mensch auf der ganzen Welt und mal wie oben beschrieben der schlimmste Feind.

So peinlich und schlimm es sich auch anhört, aber er war nachher schon derjenige, der mich loswerden wollte. Es wurde ihm wohl zu anstrengend. Mir blieb im Grunde genommen nichts anderes übrig, als zu gehen. Als ich dann das Angebot bekam, wieder in mein altes Zuhause zu können, bin ich ausgezogen. Wir blieben zusammen, waren aber schon einmal räumlich getrennt. Mein Tiefpunkt war immer noch nicht erreicht. Solange ich getrunken habe erreichte ich meinen Tiefpunkt GAR NICHT....

Ich wohnte dann in meiner eigenen Wohnung und hörte auf zu trinken. Dann steckte ich natürlich nochmal alle Energie hinein, ihn zu überzeugen, mitzuziehen. Kurzzeitig sah es auch danach aus. Aber er fing wieder an zu trinken. Der Moment, wo ich das sah. Nach einem Urlaub ohne Alkohol, der wunderschön war. Ich holte etwas von zu Hause, kam wieder bei ihm an und er trank. Ich glaube, das war der Schlüsselmoment für mich. Da habe ich innerlich aufgegeben.

Ich habe nicht direkt Schluss gemacht. Mir das aus der Ferne nochmal angesehen. Aber er ging auf Abstand, ich ging auf Abstand. Ich glaube, für ihn war es genau so ein Schlüsselmoment, wie für mich. Der Urlaub, der Wille von ihm, auch aufzuhören. Und dann zu Hause angekommen der Moment der Wahrheit: Ich nüchtern. Er das Bier auf dem Tisch. Das wars im Grunde genommen.

Wie gesagt dümpelte es noch eine Weile vor sich hin. Es war vorbei im Grunde genommen und ich hoffte noch einige Wochen, dass er zur Besinnung kommt. Kam er aber nicht. Die Stimmung wurde wieder schlechter, er beleidigte mich wieder über Nachrichten, er soff Tage lang durch und ich setzte für mich selbst innerlich eine Frist bis Silvester. Es war Ende des Jahres und ich sagte mir "Wenn bis Silvester nichts passiert, ist es vorbei". Das war es eigentlich wie gesagt schon, seit dem Schlüsselmoment. Da war mir klar, dass es nicht geht, er nass, ich trocken.

Kurz vor Weihnachten sagte ich mir "Wozu warten. Schließe ab.". Ich bin dann zu ihm gefahren, hab ihm seinen Haustürschlüssel auf den Tisch gelegt, während er nicht da war und hab einen Zettel dazu gelegt, dass man manchmal in Liebe loslassen muss. Das wars.

Sorry, Carmen. Das allgemein zu beschreiben, ist für mich irgendwie nicht möglich gewesen :-D

Cadda
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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Cadda » 11.07.2020, 09:33

Ich möchte noch etwas hinzufügen: Meine Schmerzgrenze war schon immer sehr weit gesteckt. Ich glaube gar nicht unbedingt, dass mein eigenes Trinken damit zu tun hat. Vielleicht wurde meine Toleranz, Leid gegenüber, durch den Alkohol noch vergrößert, das glaube ich ganz sicher. Aber meine erste Beziehung, in der Alkohol noch keine so große Rolle spielte, war schon ziemlich verrückt. Da hab ich mir auch schon viele Dinge gefallen lassen, wo andere sagten "Schieß ihn in den Wind". Das zog sich im Grunde genommen so durchs Leben. Das ich mir zu viel gefallen ließ.

Beim Schreiben denke ich gerade nach und zweifle an meinem eigenen ersten Absatz. Denn im Grunde genommen spielte Alkohol schon in meiner ersten Beziehung eine Rolle. Ich erinnere mich gerade in diesem Moment daran, dass die Mutter meines ersten festen Freundes nach einem Streit zwischen mir und meinem ersten Freund mal zu mir sagte "Kein Wunder, dass ihr so oft streitet, ihr spuckt ja beide auch nicht gerade ins Glas". Und da hatte sie Recht. Das war so die Zeit, wo es anfing, dass wir auf Feiern grundsätzlich tranken.

War also doch von Anfang das Trinken dafür verantwortlich, dass ich mir schon immer viel gefallen ließ? Ich kann es Dir wirklich nicht genau sagen.

Carmen
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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Carmen » 11.07.2020, 10:45

Hallo Cadda,

danke für diesen offenen und ausführlichen Bericht. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen. Der Co-Abhängige leidet mindestens genauso, wenn nicht noch mehr, wie der Alkoholiker. Es ist schon schlimm, wie zerstörerisch die Sucht ist.

LG
Carmen

Mo1009
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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Mo1009 » 11.07.2020, 16:52

Unerträglich für mich, ist diese ständige Angst, wie der Tag enden wird.Trinkt er viel oder nicht so viel. Wird er wieder boshaft, gehe ich wieder alleine ins Bett.
Gibt es wieder diese Vorwürfe, die absolut haltlos sind. Werde ich wieder seine Feindin.
Im Prinzip stehe ich permanent unter Strom. Erhöhter Puls, immer auf der Hut, was ich tue oder sage.

Gerade da ich mit ihm eine fast trockene Phase erlebt habe, weiß ich wie schön es mit ihm sein kann.
Spazieren gehen, zusammen sport machen, Ziele setzen und erreichen, über Gott und die Welt reden, Blödsinn machen und viel lachen. Jetzt wo er wieder trinkt, setzt mir jeder von ihm getrunken Schluck Alkohol einen Stich zu. Mit jedem Schluck den er trinkt, entfernt sich die Hoffnung auf einen schönen Tag mit ihm.

kaltblut
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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von kaltblut » 12.07.2020, 18:05

Hallo Carmen,

die Abhängigkeit bestand damals aus der Angst den Partner zu verlieren und den ganzen Folgen. Die Angst hatte etwas mit fehlendem Selbstwertgefühl und mangelnder Eigenliebe zu tun. Mich selbst zu verstehen war mir nicht möglich, aber den Alkohol für alles als Platzhalter einzusetzen war mir logisch und wurde auch von allen Freunden und Bekannten in meinem Umfeld so gedeutet. Der Alkohol ist schuld, da kann man doch was tun.

Das „man“ da nix machen kann, das der Alkohol überhaupt nichts mit meinem Verhalten zu tun hatte, das war die wichtigste Erkenntnis, die kam aber erst nach Jahren, dazwischen musste noch viel passieren.

Was das eines Tages alles so unerträglich machte? Ich lebte ein Leben, das ich so nicht mehr leben wollte. Erst die Flasche, dann ich. Die scheinbare Liebe hielt mich fest, also die Angst vor dem Verlust. Wenn rechts einer zieht und links einer zieht, dann ist deine Kraft eines Tages aufgebraucht und es zerreißt dich. Dann fällst du zusammen, wirst krank, säufst dich mit kaputt, springst vom Kölner Dom oder dein Lebenswille sagt dir, hey da stimmt doch was nicht. Dann denkst du darüber nach und bist in einem Buch, einer Selbsthilfegruppe, hier in diesem Forum. Dann fallen die Schuppen von den Augen.

In dem Augenblick, wo sich bei mir etwas änderte, passte es nicht mehr. Je mehr sich änderte, je mehr passte es nicht mehr. Plötzlich siehst du, dass da einiges nicht richtig läuft, genau anders ist als du immer gedacht hast. Als meine Exfrau trocken wurde, war sie trocken, aber es passte nicht mehr. Wir versuchten es nochmals und zogen zwar gemeinsam nochmals um, aber da passierten viele Dinge mit innerem Widerstand, der nicht zu Liebe und Beziehung passt.

Wenn du dann klar in der Birne wirst, über die vielen Möglichkeiten und Alternativen die dir das Leben bietet nachdenkst, dann schwinden viele Ängste. Wenn die verschwinden, dann wird es auch leicht zu denken und Entscheidungen herbeizurufen, Mut zu tanken und auszubrechen, das zu tun, was dir gut tut.

LG Karl

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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Carmen » 13.07.2020, 11:04

Hallo Karl,

das hast Du gut beschrieben.

Die Liebe kann noch so groß sein. Solange die Sucht nicht zum Stillstand gebracht wird, wird der Alkohol immer zwischen dem Angehörigen und dem trinkenden Partner stehen - so ist eine gesunde Beziehung gar nicht möglich.

LG
Carmen

Harley_quinn
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Re: Gefühle und Gedanken eines Co-abhängigen

Beitrag von Harley_quinn » 30.07.2020, 12:35

Unerträglich für mich, ist diese ständige Angst, wie der Tag enden wird.Trinkt er viel oder nicht so viel. Wird er wieder boshaft, gehe ich wieder alleine ins Bett.
Gibt es wieder diese Vorwürfe, die absolut haltlos sind. Werde ich wieder seine Feindin.
Im Prinzip stehe ich permanent unter Strom. Erhöhter Puls, immer auf der Hut, was ich tue oder sage.

Kann ich 1:1 so unterschreiben. Zusätzlich der innere Kampf mit mir, wo meine Grenzen sind und welche Konsequenzen diese haben.

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