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Sucht verstehen oder vorschieben?

Jede Woche mindestens ein neues Thema zu Themen der Co-Abhängigkeit, für Angehörige und Kindern von alkoholkranken Eltern

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Hartmut
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Hartmut » 28.07.2020, 17:25

Hallo Cadda,
Leider nicht, dass der Co-Abhängige rein gar nichts mit der Alkohol-Sucht zu tun hat, sondern mit der „Sucht nach dem Süchtigen“ quasi...
Nun melden sich viele hier an, vermuten das sie CO sind, trennen sich eventuell vom Partner und denken "Schwubs" jetzt sind sie geheilt.

Die Co Abhängigkeit ist unabhängig vom Alkohol trinkenden Partner, jedoch nicht bei der Partnerwahl. :wink:

Gruß Hartmut

Correns
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Correns » 28.07.2020, 17:56

Hallo allerseits,

ich hätte nie gedacht, dass ich mal bei den Co's mitschreibe.

Als ich vor einer gefühlten Ewigkeit meine heutige Frau kennengelernt haben, verhielten wir uns beide sehr unauffällig bzgl. irgendwelcher Süchte. Wir waren schlicht nicht süchtig. Im Lauf der Jahre habe ich dann einen immer mehr zunehmenden Alkoholkonsum entwickelt, der mich immer wieder zu einem richtigen A... werden ließ. Meine Frau hat sich sehr langsam und schleichend an einen sich veränderten Mann gewöhnt. Ich startete meine Alkoholiker-Karriere durch. Meine Frau wurde zur Co. Sehr oft habe ich probiert, von meiner Sucht wegzukommen. Mir fehlte jedoch der richtige Plan dafür. Geändert hat sich dies vor einigen Jahren, als ich mich hier angemeldet habe und zeitgleich keinerlei Alkohol mehr zu mir genommen habe. Danach konnte viele Wunden geheilt werden. Aber die schlimme Zeit ist uns beiden immer noch in gruseliger Erinnerung.

Wie man an diesem Beispiel sieht, hilft einem die richtige Partnerwahl nicht immer. Veränderungen treten oft erst sehr viel auf.

Auf jeden Fall bin ich heilfroh, dass ich die Kurve gekriegt habe und wir ohne Trennung aus dem ganzen Schlammassel herausgekommen sind. Meine Kinder haben meinen Wandel mitbekommen. Als junge Erwachsene haben sie einen deutlich besseren Informationsstand als ich damals.

Damals hätte es meine Frau sicherlich nie und nimmer geschafft, mich aus der Sucht herauszuführen. Der entscheidenden Impuls hierfür kam von mir selbst. Ich bin mir selbst peinlich geworden. Ich wollte nicht nur einen Spiegel besitzen, sondern auch mal wieder in diesen hineinschauen können.

Viele Grüße
Correns

Aurora
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Aurora » 28.07.2020, 19:44

Hallo,

Hartmut, du schreibst:
Wenn der CO die Erkenntnis hat krank zu sein muss er ja seine Sucht behandeln und nicht die vom Alkoholiker verstehen.
Für mich war es damals ein Meilenstein, ein wenig über die Alkoholsucht zu erfahren. Da war mir noch gar nicht klar, dass ich in meiner Coabhängigkeit ja auch ein zwanghaftes Verhalten an den Tag legte, gelegt hatte.

Mir ging es ähnlich wie der Frau von Correns. Ich bin zusammen mit meinem ersten Mann da immer tiefer reingerutscht. Hab mich irgendwie an etwas gewöhnt... zumal ich ja aus meiner Urfamilie auch solche Beziehungen kannte. Irgendwann aber war es für mich nicht mehr "normal".

Und es war für mich eine riesige Erleichterung, bei meinen Suchen im Internet auf eine Seite über Alkoholsucht zu stoßen, in der es auch um die Angehörigen ging. Eine Info-Seite. Und da stand, dass ich nicht Schuld hätte, dass mein Exmann schwer krank wäre und ich das Recht hatte, mich zu schützen. Da stand, dass ich ihm nicht helfen könnte, keine Verantwortung für alles hätte. Und dass das, was ich wahr nahm und er leugnete die Wahrheit war.

Es war für mich für meinen eigenen Prozess wichtig auch die "andere Seite" zu sehen und einen Einblick zu haben. Ich konnte daran erkennen, dass mein Exmann sich eben wie ein "normaler Alki" verhielt, dass es Teil der Erkrankung war, wie er war. Und nicht dass ICH an allem Schuld war, so, wie er mir das jahrein- jahraus eingeredet hatte. Und dass nicht ich die Verantwortung hatte und dass ich ihm nicht helfen konnte.

Mir hat das geholfen, auch meine eigenen Anteile zu verstehe, z.B. nämlich warum er mir das einreden konnte. Warum ich mich so verantwortlich fühlte usw. Ich konnte daran sehen, dass sein Suchtverhaltensmuster genau in mein Helferleinmuster passte, wie ein Puzzleteil. Nicht, weil ich blöd, geistlos, bescheuert, frigide, unmöglich und immer an allem Schuld war... sondern weil wir beide krank waren.

Für mich, und ich kann ja nur für mich sprechen, war also das Verstehen seiner Sucht, so weit das einem Nicht-Süchtigen möglich ist, wichtig, damit ich selbst auch was für mich machen konnte...

Aurora

Cadda
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Cadda » 28.07.2020, 20:43

Hallo nochmal,

mir ging es nicht, wie der Deiner Frau, Correns (ich finde es übrigens toll, dass Du hier auch mit schreibst) und auch nicht, wie Dir, Aurora.

Ich bin nicht in dieses co.-abhängige Verhalten reingerutscht, weil sich die Umstände verändert haben, sondern weil ich schon immer Co.Abhängigkeit an den Tag gelegt habe, ohne dass es etwas mit Alkohol zu tun hatte.

Der gute Freund von dem ich vorhin schrieb, ist mein Ex-Mann und er hat auch bei mir damals Grenzen überschritten. Es dauerte ewig, bis dann mein Maß voll war. Ich konnte mich einfach nicht trennen. Mir ging es, wie vielen Frauen hier aktuell, nur dass eben nicht der Alkohol im Vordergrund stand.

Bereits mein erster fester Freund war ein extrem schwieriger Mensch, von dem ich mir viel zu viel gefallen ließ. Ich neige also auch zu Katastrophen bei der Partnerwahl :-)

Ich habe noch nich herausgefunden, woran es liegt. Da ich aber ja nun einmal unabhängig von diesen Dingen selbst seit meiner Jugend gesoffen habe, könnte ich mir vorstellen, dass das bei mir persönlich damit zu tun hat. Ich hab mich durch mein Gesaufe selbst schlecht gefühlt und vielleicht gedacht, ich hab nichts besseres verdient oder selbst Schuld?

Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute es ganz stark. Warum?? Weil ich, seit dem ich selbst nicht mehr trinke, viel mehr von mir selbst halte und mir absolut nicht vorstellen kann, dass mich noch einmal jemand (jetzt unbegründet) schlecht behandelt.

Ich finde es im übrigen eher verständlich, dass es schwierig ist, wenn man in der Beziehung durch die Sucht mit reingezogen wird, so wie bei Correns oder Aurora.
Aber hier laufen ja auch Einige mit offenen Augen in ihr Unglück. Der neue Partner ist bereits Alki oder extrem schwierig und dennoch wird sich drauf eingelassen mit dem Vorhaben, ihn retten oder ändern zu können. Das wird natürlich definitiv nichts!

Cadda

Cadda
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Cadda » 28.07.2020, 20:50

Jetzt, wo ich darüber geschrieben habe.... interessant ist auch, dass mein Ex-Mann mich hatte. Ich hab mir viel gefallen lassen, hatte aber schlussendlich die Nase irgendwann voll und habe mich getrennt (was ich zugegebenermaßen erst geschafft habe, als ich jemand Anderen hatte). Und nun ist eine Frau an seiner Seite, die noch viel, viel extremere Dinge hinnimmt. Es suchen sich also tatsächlich immer wieder entsprechende Frauen diese entsprechenden Charaktere aus und umgekehrt. Eine selbstbewusste Frau (ich wollte erst kluge Frau schreiben, aber das trifft es nich ganz) wäre gar nicht erst mit offenen Augen in diese Situation gerannt bzw. hätte nach der Erkenntnis, um welche Art Mensch es sich handelt, die Reißleine gezogen.

Ingrid2012
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Ingrid2012 » 28.07.2020, 23:36

Hallo Hartmut,

Deine Kurzzusammenfassung eines co-ischen Menschens ist tatsächlich ziemlich provokant. Ich mache eine Einschränkung, Kinder können und sollten noch nicht für sich selbst sorgen, das ist mir einfach zu hart, die können nichts für ihr trinkendes Elternteil. Und das ist auch der Punkt, wo ich viele Co´s total gut verstehe, und ich nachvollziehen kann, wie verdammt schwierig es sein kann, sich aus ungesunden Beziehungen zu lösen, bin ja selbst auch EKA. Ansonsten regt mich dieser kurze Post sehr zum Nachdenken an.
(Ich habe zum Beispiel lange gebraucht -eigentlich erst hier durchs Forum- bis ich als Alki begriffen habe, dass ich mich tatsächlich tot saufen darf, nur, ich will es nicht (mehr)).

SG Ingrid

Hartmut
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Hartmut » 29.07.2020, 06:46

Hallo,

nun sind nicht alle CO, die sich hier anmelden. Sind auch Angehörige dabei, die es verstehen wollen oder es melden sich auch Personen an, wo der Partner säuft und sie es nicht in die Reihe bekommen. Oder einfach Ihre eigen Beziehungsproblem auf das Saufen zurückführen.

@Ingrid
ch mache eine Einschränkung, Kinder können und sollten noch nicht für sich selbst sorgen, das ist mir einfach zu hart, die können nichts für ihr trinkendes Elternteil.
Es ist und bleibt eine Familienkrankheit, wobei „Alle“ betroffen sind. Wer jedoch als EKA groß geworden ist erkennt sein eigenes Leid und laut Statistik rutschen viele selbst in die „Sucht“ ab. Die Fürsorgepflicht für die Kinder endet nicht an eigenen materiellen Bedürfnissen.

Gruß Hartmut

Cadda
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Re: Sucht verstehen oder vorschieben?

Beitrag von Cadda » 29.07.2020, 13:01

Hallo.

Also, wenn Kinder so aufwachsen, ist es nochmal etwas ganz Anderes und schwer, sich zu lösen. Bei meinen Gedanken dachte ich ausschließlich an Beziehungspartnet muss ich gestehen.

Ich finde, Süchtige Elternteile, Kinder, Geschwister zu haben, ist noch mal schwieriger.

Cadda

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