butterweich und steinhart zugleich

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
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kaltblut
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butterweich und steinhart zugleich

Beitrag von kaltblut » 18.09.2006, 13:55

Hallo Ihr Lieben,

eigentlich kann ich mit „Egoismus“ und meinem, für mich hartem Getue- meinem Selbstschutz, wenig anfangen und werde gerade butterweich und steinhart zugleich. Ich dachte, ich wäre schon so weit gekommen, hätte mich aus der Co-Abhängigkeit befreit, könnte alles mit Abstand und klar betrachten, brauche nichts zu begreifen, nehme alles einfach so an, „den letzten Weg gemeinsam gehen“ – Pustekuchen. Ich dachte, ich wäre durch Euch stark geworden, erwachsen, konsequent, nichts, co-abhängig, wie eh und je, ich muss da raus. Stand der Dinge:

Wir, 4 Tage in Ihre Heimat, nach Berlin. Klasse, trockene Gesellschaft, super Hotel, schönstes Wetter, alles toll. Klar, ich akzeptierte, ohne geht es bei ihr nicht, das war auch für mich voll OK. Trinke seit Wochen kaum was, seit 14 Tagen keinen Tropfen, allen Fallen widerstanden, kein Entzug, kein Bedürfnis, geht doch und dabei verändere ich mich. Wir lachen noch über die schweren Taschen und was war drin? Richtig, schnell noch Wein ins Gepäck. Ja, ich war etwas geladen, als ich das Aufgewicht beim Einräumen meiner Klamotten entdeckte und habe es klar zur Sprache gebracht. Ihr Infarktkollege meldete sich nach 4 Monaten. Bin wieder in Reha, Beipass usw , das machte uns alle traurig und sie zugeschlagen. Nächster Morgen, sie Termin beim Prof. Kommt freudestrahlend an: bei meiner Kondition kann ich 90 werden, alles bestens, mein Arzt hat keine Ahnung, ich wechsele den jetzt erstmal. Klar, er hat auch nicht geblöfft und offen gesagt, was sie erwartet. Nachmittag, sie eine halbe Stunde zum Meeting, kommt schwankend zurück und füllt sich richtig schön am Abend ab. Tags darauf, gleicher Ablauf, später ein Glas nach dem anderen vernichtet und keine 30 Minuten später Absturz.

Ich habe auch getrunken, vorgestern Abend, 2 Schluck Rotwein, es ist mir nicht bekommen. Vielleicht bin ich aufgrund meiner Vergangenheit krank und es war Entzug, vielleicht ein Co-Syndrom, ein beginnender Alkhasser. was passiert da mit mir, knalle ich durch?

Gestern, am Morgen habe ich gepackt, mich verabschiedet, bin vorzeitig zum Zug, heimgefahren, mein Zeugs gepackt, das Auto voll geladen und weg, die Schränke und Schubladen sind leer.

Ich weiß nicht, was jetzt passiert, aber ich bin noch nie so weit gegangen, ich habe meinen Ring abgelegt. Ich frage mich, ob ich mich in den letzten Monaten wirklich so verändern konnte und wirklich nur noch fort will, unsere ganze Beziehung, unsere Ehe, unser Verständnis, unsere Liebe - mit einem Schlag alles kaputt ist. Wer tickt hier überhaupt noch richtig? Bald kommt die große Reise mit den Kindern, die kann ich nicht einfach so in den Sand setzen, sie werden wieder so enttäuscht sein. Ich habe mächtig Angst davor, was passiert, wenn es vorbei sein sollte. Ich wünschte, ich wäre wirklich so egoistisch, so hart und könnte mich einfach abwenden oder mir keine Sorgen machen, leben, statt gelebt zu werden, es geht nicht, ich höre laufend Sirenen und sehe sie im Notarztwagen.

Sie hat alles schriftlich, klar und verständlich, es gibt nichts hinzufügen. Er, der Alk oder ich. „Wir schaffen das“ ist gerade fort. Ihr verlangt jetzt von mir, dass ich so fest stehe wie die Eiche im Wind, aber meine Wurzeln faulen.

Bin 2 Tage fort.
LG kaltblut

Yorkie
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Entsetzt

Beitrag von Yorkie » 18.09.2006, 20:55

Hallo Kaltblut!

Oh Mann, was fürn Sch.... ! Das tut mir richtig leid.

Ich kann Deinen Schmerz nachempfinden.

Ich hoffe, Du nutzt die 2 Tage, um zu Dir zu finden. Vieleicht war das auch nötig, um ihr endlich klar die Grenze aufzuzeigen.

Mit Dir passiert nichts, außer der Tatsache, in welcher Situation Du gelebt hast, und Du das nicht mehr möchtest. Die Sache mit dem Alkhasser kenne ich zu gut, denn dieses Teufelszeug hat komplett Dein ganzes Leben ins Wanken gebracht. Und Du hast ja Recht, es ist so.

Aber durchknallen wirst Du nicht, ich glaube an Dich!

Gönn Dir die 2 Tage Ruhe und komm zu dir. !

Ich wünsche Dir viel Kraft !

Gruß
Yorkie

kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 20.09.2006, 20:38

Hallo Yorkie,

Ja, Abstand ist das beste Heilmittel. Als ich zurück kam und nachsah, ob alles noch OK ist, ein Feuerwerk aus Beschimpfungen, wie noch nie. Heute Nachmittag die nüchterne Aussprache. Jedes Wort, jeder Satz wurde bis aufs Feinste zerlegt, kein Wort zur Abhängigkeit. Alles liegt schriftlich vor, er, Freund Alk oder Ende. Als ich es ansprach, klare Aussage: ich weiß, dass ich ein Problem habe, ich trinke etwas zu viel, aber kein Leben ohne Alkohol, ich bestimme wann ich was wann trinke. Morgen brauche ich das Auto und bringe neues Wasser mit, als wäre nichts gewesen. Aber alles hat sich geändert, es wurde nur noch nicht verstanden.

Gut, ich werde es jeden Tag weiter versuchen, mich jeden Tag etwas mehr abnabeln und damit abfinden, bis am 30.09.06 der Mietvertrag gekündigt wird.

Das Leben ist zu wertvoll, wir haben nur eins.

LG kaltblut

Skye

Beitrag von Skye » 20.09.2006, 20:49

Hallo Kaltblut!

Für Dich kommt es im Moment wirklich knüppeldick. Ich hoffe für Dich, Du konntest in den zwei Tagen ein wenig abschalten und zu Dir kommen. Deine Zeilen erinnern mich sehr an mich selbst. Bis vor gar nicht so langer Zeit habe ich noch fest in einer ähnlichen Haut wie Deiner gesteckt. Wie oft hatte ich die Hoffung jetzt geht’s bergauf, es wird besser. Ich habe gelernt, ich kann mich abgrenzen. Wie viele „positive“ Arztberichte habe ich mir schon angehört, dabei ist ihr Körper kurz davor aufzugeben. Immer nur um mich relativ schnell wieder auf dem harten Boden der Realität wieder zu finden. Das nichts anders oder besser ist.

Coabhängigkeit steht nicht nur im Verhältnis zu unserem „eigenen Alkoholiker“. Coabhängigkeit ist eine Krankheit mit ihrem eigenen Verhaltensmuster Eine Verhaltensstörung, die bleibt, wenn man nichts dagegen tut. Mit dem Abschied von einem Alkoholiker oder seinem Trockenwerden verschwinden dann höchstens die Symptome, zumindest bis man ein neues „Opfer“ gefunden hat, die Krankheit ist damit nicht geheilt.
Wir gehen, neben einigen anderen „praktischen“ Eigenschaften, dazu über, das Wohl von anderen immer über unser eigenes zu stellen, andere immer mehr Wert zu sehen als uns selbst und unsere Bedürfnisse. Ohne diese Verhaltensstörung wäre es uns gar nicht möglich, so zu sein wie wir sind.

Es macht mir den Eindruck, dass für Dich erstens, zweitens, drittens Deine Frau, dann Deine Kinder, dann die Kollegen, dann die Nachbarn, die anderen Verwandten, der Wellensittich der Oma und so weiter und so fort kommt. Erst ganz am Ende Deiner Prioritäten kommst Du. Vielleicht nicht ganz die Reihenfolge, aber ich hoffe Du verstehst, was ich damit sagen will.

Trotz aller Einsicht und trotz aller guten Vorsätze, hast Du weiter den Coabhänigen gegeben. Sonst würdest Du nicht schreiben, es ist für Dich voll O.K. das sie Alkohol braucht. Das ist nicht abgrenzen, sondern kapitulieren. Kapitulieren vor ihrer Weigerung gesund zu werden.

Du hast in einem Posting geschrieben Dein Nick Kaltblut kommt nicht daher, das Du kalt bist und keine Gefühle hast, sondern daher dass Du Dir alles aufladen lässt, wie ein Kaltblüter, ein Brauereipferd. Es passt zu dem, was Du erzählst. Du lässt Dir alles aufladen, eigentlich ist Dir die Last zu schwer, aber wem sollst Du sie geben, die anderen haben ja auch genug zu tragen. Lieber leidest Du, als das Du einen anderen zum Leid verurteilst.
Genauso habe ich auch immer gedacht und mich fröhlich und willig der Probleme meiner Umgebung angenommen. Egal ob ich gefragt wurde oder nicht. Päckchen? Her damit…. Bis ich bald unter der Last zusammengebrochen bin.
Die „einfache“ Lösung ist die Päckchen gar nicht erst aufzuheben bzw. sich aufladen lassen.

Laß auf Dich zukommen, was weiter wird und verliere Dich dabei nicht aus den Augen. Wenn ich richtig verstanden habe, dauert es noch ein Weilchen bis zur Reise. Wenn Du schon an jemand anderen, als an Dich denken willst, denk an Deine Kinder, denn die brauchen einen, ihren Vater. Wenn sie nichts einsieht, nimm Deine Kinder und fahre mit Ihnen in den Urlaub. Vielleicht ist auch eine längere Pause ganz gut für Euch beide.

Du kannst nicht in die Zukunft schauen und beeinflussen kannst Du sie auch nur sehr bedingt. Ich kenne diese Gedanken von Notärzten und Sirenen, von was ist wenn usw. Wenn etwas passiert, dann kannst Du es, trotz aller Gedanken die Du Dir machst, auch nicht unbedingt verhindern. Du nimmst Dir nur die Kraft, die Du brauchst falls wirklich einmal etwas passiert.

Ich habe versucht meine Mutter zu behüten, als sie ein 6-tägiges Besäufnis „gefeiert“ hat, weil mein Vater auf Kegeltour war und sie es nicht ertragen kann allein zu sein. Zweimal am Tag war ich da, um zu sehen ob sie noch lebt. Die meiste Zeit hat sie nichts davon mitbekommen. Die letzte Nacht bevor ich sie zu ihrer zweiten Entgiftung gebracht habe (es war ihr eigener Wunsch) ist sie schwer gestürzt. Der ganze Rücken war nach 2 Tagen schwarz vor Blutergüssen. Alles nachschauen, umsorgen und Vorausdenken von mir konnte es nicht verhindern. Diese Woche war im Übrigen mein Wendepunkt. Anfang des Jahres hat sie einfach im Wohnzimmer stehend das Bewusstsein verloren und ist schwer mit dem Kopf aufgeschlagen. Das Ergebnis war eine Hirnblutung, schwerste Blutergüsse und eine Woche Intensivstation. Mein Vater saß direkt daneben und konnte es nicht verhindern.

Es gehört auch zu unserem Krankheitsbild dieses Sicherheitsdenken, sich immer Gedanken um ungelegte Eier zu machen. Alles absichern wollen, damit nur ja nichts passiert. Es ist nur Ausdruck unserer eigenen Macht- und Hilflosigkeit, gibt uns das trügerische Gefühl noch etwas tun, noch etwas in der Hand zu haben. Aber wir sind hilf- und machtlos solange der Alkoholiker nicht selber will. Was wir in der Hand hätten, wäre unser eigenes Leben, aber das haben wir ja schon bereitwillig abgegeben.

Du hast jetzt das erste Mal wirklich nur an Dich gedacht und Dich an erste Stelle in Deinem Leben gesetzt. Und das ist gut so, nur so und nicht anders kannst Du weiter kommen und Dich aus Deiner Co-Abhängigkeit befreien. Du tickst vollkommen richtig……. Dein Maß war voll und Du hast an Dich gedacht. Der Alkohol oder Du, sie hat jetzt die Wahl. Du gibst ihr die Verantwortung zurück. Wenn Du konsequent dabei bleibst, was wie ich selbst sehr gut weiß, nicht immer so einfach ist, ist es vielleicht auch eine Chance für sie. Vielleicht wacht sie dann auf und stellt fest, was sie verlieren würde, wenn sie keinen Schlussstrich unter ihre Sucht zieht. Ich hoffe für Dich, daß Deine Abreise der Augenöffner für sie war. Wenn sie den Alkohol wählt, tut es verdammt weh, aber Du kannst es dann nicht ändern. Du hast ihr Deine Gründe erklärt, jetzt liegt es allein in ihrer Hand. Eine Tatsache die bei meiner Mutter einzusehen für mich sehr schmerzhaft war, aber hilfreich.

Warum soll von Dir verlangt werden, daß Du fest wie eine Eiche stehst? Höchstens Du selbst. Du bist ein Mensch, Menschen machen Fehler, Menschen haben Angst, Menschen haben Gefühle, Menschen sind nicht vollkommen. Das alles bist Du, hast Du und darfst Du auch sein.

Ich schreibe das hier so hin, als wäre es einfach. Ich weiß selber sehr gut, dass es nicht einfach ist. Ich kämpfe immer noch um jede Grenze die ich gezogen habe. Es stößt nicht unbedingt auf Gegenliebe, wenn man 20 Jahre gut „funktioniert“ hat und sich auf einmal weigert, dass weiter zu tun. Oft verzweifel’ ich an mir selbst. Ich habe mir vorgenommen, nachdem ich angefangen habe mich um mich zu kümmern, mich nicht wieder aufzugeben. Nicht nur gegenüber meiner Mutter, auch gegenüber anderen. Wie oft drücken mich Schuldgefühle und schlechtes Gewissen. Für mich gibt es nur diesen einen Weg, mich an erste Stelle zu setzen in meinem Leben. Ich muß an mich denken, denn wenn ich es nicht tue, tut’s auch kein anderer und mein Leben geht weiter wie bisher. Das ist eine Vorstellung mit der ich nicht mehr leben kann.

Nun soll es aber erst einmal gut sein. Ich kann scheinbar nicht kurz. :oops:

Ich wünsche Dir den nötigen Mut und die Kraft für Deine Entscheidungen……..

Skye

Annika
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re

Beitrag von Annika » 20.09.2006, 20:54

Hallo kaltblut,

selten erreichen mich Worte so intensiv wie Deine.

Wenn ich deinen ersten Thread lese und nun diesen.

Dazwischen liegen Welten. Und auch wiederum nur ein Wort ALKOHOL !!

Wie der Mietvertrag auch enden mag, ich wünsche dir soo viel Glück für deinen Weg. Warum nur geht u.U. eine solche große Liebe kaputt ?

Ich verstehe jede einzelne Silbe von dir.

Deshalb wahrscheinlich, da ich die Situation kenne, wenn es auch das Herz zerreißt, wenn ich mich endgültig entschieden habe dann für immer.

Mein Wunsch ist da, dass alles Gut wird. Aber ich kenne auch die Sucht und ihre Macht.

Lieben Gruß von Annika

Skye

Beitrag von Skye » 20.09.2006, 21:01

Hallo Kaltblut,

da haben wir uns überschnitten. Einiges hat sich ja nun "leider" bereits geklärt. Du hast Deine Grenze gezogen. Ich hoffe, Du bist Dir bewußt, daß Du Deine Ankündigung auch umsetzen musst, willst Du Deine Glaubwürdigkeit nicht verlieren.

Ich wünsche Dir viel Kraft und Hoffnung für Deinen Weg.

Skye

megafrau
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Beitrag von megafrau » 21.09.2006, 09:53

hallo kaltblut,
auch ich wünsche dir ganz viel Kraft alles so durzuziehen wie du es vorhast.Ich weiß aus eigener Erfahrung das es nicht leicht ist konsequent zu bleiben.Man liebt ja doch immer noch....
bei all dem was du tust bedenke...nur wenn du dich selber liebst kannst du auch lieben.Das haben wir co´s leider oft verlernt.
ich wünsche dir alle Kraft der Welt für die nächste Zeit.

Yorkie
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Beitrag von Yorkie » 21.09.2006, 10:39

Hallo Kaltblut,

schön, das Du Dir die Auszeit genommen hast. Solltest Du immer tun sobald der Druck da ist.

Mir fällt da im Moment auch nicht viel ein. Eine Einsicht scheint es ja wirklich nicht zu geben.

Ich denk mal darüber nach und schreibe heute Abend noch etwas!

Ich wünsche Dir viel Kraft!

Liebe Grüße

Yorkie

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