Reicht Entgiftung, um vom Alkohol wegzukommen?

Ambulante und stationäre Therapie und Entgiftung bei Alkoholproblemen und Alkoholabhängigkeit durch Psychologen ( Psychologie ) oder Therapeuten, sowie Ursachen der Alkoholkrankheit bzw. Coabhängigkeit aus medizinischer Sicht.

Marion2
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Reicht Entgiftung, um vom Alkohol wegzukommen?

Beitrag von Marion2 » 14.10.2006, 18:44

Hallo,

meine Schwiegermutter ist seit vielen Jahren alkoholabhängig (tagsüber Bier, Sekt und abends Wein und Schnaps; ca. seit 3 oder 4 Jahren jeden Abend mind. eine halbe Flasche Goldbrand + Wein oder Bier). Im letzten Jahr ist es besonders schlimm geworden (nachdem der Schwiegervater gestorben war). Sie fährt auch unter Alkohol Auto usw. Eigentlich habe ich sie schon monatelang überhaupt nicht mehr nüchtern erlebt.

Sie hat sich jetzt von ihrem Bruder zum Entzug überreden lassen (sie hat vielleicht zu 70 % selbst eingesehen, dass es wirklich notwendig ist). Seit 2 Tagen ist sie nun in der Klinik (hat die Zustimmung für 21 Tage Entgiftung und anschließend 4 Monate Therapie). Die erste Nacht ist sie kollabiert und es ging ihr wirklich sehr, sehr schlecht. Der zweite Tag war aber besser. Und jetzt ist sie der Meinung, dass die 21 Tage Entgiftung ausreichend sind und will danach unbedingt wieder nach Hause. Sie ist der festen Überzeugung, trocken bleiben zu können.

Wie seht ihr das? Glaubt ihr, die Entgiftung reicht aus? Kann vielleicht jemand aus eigener Erfahrung bestätigen, dass das so ist?

Sie ist eher ein labiler Mensch, der leicht zu beeinflussen ist. Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl, wenn sie nur die Entgiftung macht. Was denkt ihr??

Ach ja, meine Schwiegermutter ist 54 und hat das Trinken schon zu Lehrzeiten angefangen und es ist eben über die Jahre immer mehr geworden.

Sorry, ist ziemlich lang geworden. Würde mich aber trotzdem über eure Meinung freuen!!!!

LG Marion

Peter.Pan

Beitrag von Peter.Pan » 14.10.2006, 19:36

Hallo Marion 2,,
ich kann dir nur sagen,mit der Entgiftung wirst dunicht trocken.Sie fühlt sich zwar gut,steht aber mit Sicherheit unter Beruhigungsmitteln.Diese werden gegeben um den Entzug zu erleichtern.Sie ist ja schon in der 1. Nacht kollabiert,ich nehme stark an,weil der Alkohol fehlte.
Sie muss unbedingt die Therapie antreten.
Ich wünsch dir alles Gute und eine einsichtige Mutter

lG Peter Pan

Michael1969
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Beitrag von Michael1969 » 14.10.2006, 20:23

Hallo Marion,

kurz und knapp. Nein.

Wenn man so will wird man in der Entgiftung nur sicher trocken gelegt. Es werden zwar in der Entgiftung auch schon ansatzweise Therapiemaßnahmen angewendet, aber das reicht noch lange nicht um weiter sicher trocken zu bleiben.

In der anschliessenden Therapie werden Probleme und Verhaltensmuster aufgearbeitet und es werden Strategien entwickelt um wieder ohne Alkohol leben zu können.

Ich glaube das deine Schwiegermutter sich, was für uns Alkoholiker typisch ist, ein Hintertürchen offen halten will um nach der Entgiftung wieder trinken zu können. Aber wenn sie keine Therapie machen will, dann kannst du nichts daran ändern, ausser das du ihr in einem Gespräch vllt deine Sorgen schilderst und sie so evtl. überzeugen kannst, das sie es zumindest versuche soll.

Machs gut.

Arina

Re: Reicht Entgiftung, um vom Alkohol wegzukommen?

Beitrag von Arina » 14.10.2006, 23:17

Hallo Marion,
Marion2 hat geschrieben:Die erste Nacht ist sie kollabiert und es ging ihr wirklich sehr, sehr schlecht. Der zweite Tag war aber besser. Und jetzt ist sie der Meinung, dass die 21 Tage Entgiftung ausreichend sind und will danach unbedingt wieder nach Hause. Sie ist der festen Überzeugung, trocken bleiben zu können.
Dass sie sogar in der Klinik kollabierte, wo doch da eigentlich sehr vorausschauend gehandelt wird, zeigt mM nach, wie ernst die Situation doch schon ist!
Ich bin auch schon 54 mit einer langen „Karriere" und habe oft, allerdings meistens zu Hause, entzogen, was ich aber auf keinen Fall empfehlen will!! Sondern sage das nur, weil ich es eben ungezählte Male erlebt habe, dass, kaum geht es einem wieder ein klein wenig besser, kommt man leicht auf den absurden Gedanken, jetzt hätte man es aber endlich gepackt. Das ist aber einfach völliger Unsinn.

Und erst recht in fortgeschrittenem Alter sind die Trinkgewohnheiten derart stabil und eingefahren, dass ich persönlich auch unbedingt eine Therapie vorziehen würde. Es gibt so unendlich viel, was an neuen Verhaltensweisen und einer klaren, selbstverantwortlichen Einstellung ganz neu gelernt werden muss, das ist im alten Umfeld mit seinen eingespielten Strukturen und mit der alten Tagesroutine kaum möglich.

Ich wünsche Euch, dass Eure Schwiegermutter diese Möglichkeit einer Therapie wahrnimmt und alles Gute!

Lieben Gruß
Arina

Lilly12

Beitrag von Lilly12 » 15.10.2006, 13:50

Hallo Marion,

Herzlich Willkommen hier im Forum.

Ich möchte mich der Meinung der anderen anschliessen, die Therapie nach der Entgiftung ist wichtig und notwendig. Sonst kommt sie nach 21 Tagen zurück und ist "nur" trocken, mehr aber auch nicht. Ich selber war auch 3 Wochen im KH und wollte unbedingt nach Hause, das ist wohl bei jedem so. Ich habe keine Therapie gemacht, würde das heut mit meinen Erfahrungen aber sicher anders machen.

Wie sieht es denn mit ihrem familiären Umfeld aus ? Ihr Mann ist ja leider verstorben, aber da sind ja wohl noch Kinder, wie stehen die denn zur Schwiegermutter? Ich hatte sehr viel Unterstützung bei meiner Familie und Freunden.

Wenn sie dann aus der Therapie zukückkommt, ist sie erstmal etwas sicherer, weil sie dann schon mal weiß, das man ohne Alk leben kann. Das wissen ja viele Alkoholiker nicht mehr, wie ein Leben ohne Alk überhaupt ist. Das muss man neu erlernen, geht nicht von heut auf morgen. Sie wird dann auch ihr soziales Umfeld ändern müssen, den Bekanntenkreis neu sortieren, sind denn in ihrem Bekanntenkreis auch nasse Alkoholiker? Zu denen sollte sie jeden Kontakt vermeiden, auch auf Feiern sollte sie anfangs nicht gehen, also Situationen meiden, die gefährlich sein könnten. Das ist sehr wichtig, um nicht gleich wieder rückfällig zu werden. Nach einem Jahr oder so, wenn sie stabil ist, dann kann sie immer noch auf Feiern gehen.
Sie ist ja auch erst 54, das ist ja nun wirklich noch kein Alter, noch genug Zeit, ihr Leben völlig zu ändern. Auch noch kein Alter, für immer allein zu bleiben.

Werdet ihr denn zu ihr stehen, wenn sie dann nach Hause kommt, nach der Thera? Kann sie dann mit Euch offen über alles reden?
Das ist auch sehr wichtig, offen mit seiner Krankheit umzugehen, nicht darüber zu schweigen. Das muss sie auch erst noch lernen. Je mehr Unterstützung sie von Euch hat, desto besser, was nun nicht heißen soll, ihr müßt ihr dauernd auf der Pelle hocken. Aber für sie da sein, wenn sie Euch braucht, wäre das möglich?

Ansonsten kannst du, liebe Marion, hier im Forum genug Informationen sammeln, während sie die Thera macht. Informiert sein ist immer gut, besonders bei unserer Krankheit. Kannst sie ja auch mal mit ins Internet nehmen, wenn das möglich ist, und ihr zeigen, wo wir sind. Vielleicht mag sie sich auch uns anschliessen, denn wir sind hier auch eine SHG.

Ich wünsche Euch allen alles Gute
Lieben Gruß Lilly
Zuletzt geändert von Lilly12 am 17.10.2006, 13:27, insgesamt 1-mal geändert.

Marion2
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Danke!

Beitrag von Marion2 » 15.10.2006, 14:37

Habt zunächst erst einmal vielen Dank für eure Antworten!!! Ich freue mich sehr, jemanden gefunden zu haben, mit dem ich mich austauschen kann.

Ja, sie erhält in der Klinik Tabletten. Als wir am 2. Tag telefonierten, sagte sie, sie würde schon auf die nächste Tablette warten. Nächste Woche Donnerstag sollen die Tabletten wohl abgesetzt werden. Vielleicht denkt sie dann auch anders über die Therapie? Mal abwarten ...

Meine Schwiegermutter hat zwei Söhne und 3 Geschwister. Auch ihre Eltern leben beide noch. Allerdings habe ich bei den Eltern eher das Gefühl, dass sie die Krankheit nicht akzeptieren, eher als Schwäche ansehen. Der einzige, der sich wirklich bemüht, ihr zu helfen, ist ihr Bruder (der eben auch den Entzug ins Rollen gebracht hat). Mit meinem Mann will sie nicht über Alkohol sprechen.

Auch ich möchte sie gern unterstützen, weiß nur leider nicht genau wie. Irgendwie traue ich mich nicht richtig, das Problem anzusprechen.

Ich meine, SchwieMu wohnt bei meinem Mann und mir mit im Haus (+ meinen 2 kleinen Töchtern, 1 1/2 und 3 1/2 und einem Hund) und ich konnte das ganze letzte Jahr beobachten, wie sie immer weiter abrutschte (ich bin bis Ende Oktober in Elternzeit und daher zu Hause), konnte aber irgendwie nichts machen. Wenn mein Mann sie auf den Alkoholkonsum angesprochen hat, hat sie darüber gelacht und alles verharmlost. Mir hat sie oft offen ins Gesicht gelogen, sie würde kein Glas Wein am Abend schaffen, obwohl ich täglich leere Schnapsflaschen gesehen und eine zeitlang auch kontrolliert habe.

Ich glaube irgendwie nicht daran, dass sie wirklich aufhören möchte zu trinken. Dabei ist es schon so weit, dass sie kaum noch etwas isst, weit über 20 kg abgenommen hat. Wenn sie doch mal etwas isst, es meist wenig später wieder erbricht. Wie kann sie denn nur glauben, dass 21 Tage ausreichen, um das alles hinter sich zu lassen?? Ich hab richtig Angst davor, dass sie in 3 Wochen wieder da ist und alles genauso weitergeht, wie vorher.

Das Schwierige ist auch, dass sie arbeitsmäßig selbstständig ist und in einem Imbiss arbeitet, in dem sie auch verschiedenerlei Alkohol anbietet. Noch dazu ist der Imbiss eher schlecht besucht, so dass sie viel Zeit mit Herumsitzen und warten verbringt (sie ist allein in dem Imbiss). Der Imbiss ist auch ihr jetziger Hauptgrund, warum sie nach 3 Wo. wieder heim will (er ist momentan geschlossen und sie hat Angst, die Stammkunden zu verlieren, was ja nicht ganz unbegründet ist). Allerdings hatte ihr die Frau von ihrem Bruder angeboten, den Imbiss in der Therapiezeit weiterzuführen und da meinte SchwieMu noch, es würde sich sowieso nicht lohnen (wortwörtlich "wegen der paar Euro, die ich am Tag einnehme").

Ach Mensch, wenn ich sie doch nur umstimmen könnte .....

Habt vielen lieben Dank fürs Zuhören. Ist wieder viel geworden, aber mich hat es schon ein bisschen erleichtert, mal alles aufzuschreiben.

Liebe Grüße Marion

Freund

Beitrag von Freund » 16.10.2006, 10:33

Moin Marion,

eine Entgiftung ist ja nur der Grundstein für den weiteren Weg, ein Leben ohne Alkohol zu erlernen. Das Gift ist erst einmal raus, mehr nicht.

Hier beginnt ja erst die Arbeit. Und gerade das gefährliche ist daran, da die Betroffenen sich so gut wie noch nie fühlen, euphorisch, und dann durch Übermut und automatisch in die alten Verhaltensmuster verfallen.
Weil sie auch noch nichts dazu gelernt haben.

Daher ist es immer ratsam, Maßnahmen wie Entgiftung und Langzeittherapie aufeinander folgend zu terminieren, was nicht immer gelingt. Da gibt es dann auch die Möglichkeit, zwischenzeitlich z.B. Tageskliniken o.ä. in Anspruch zu nehmen.

In deiner geschilderten Situation kann ich nur raten, auf die Betroffene dahingehend, auch mittels Therapeuten, Ärzte etc., einzuwirken, dass sie ohne Unterbrechung weitergehende Maßnahmen sofort in Anspruch nimmt.

Ansonsten war alles eine halbe Sache, aufgrund der geschilderten Lebens- und Arbeitsverhältnisse kommt alles wie es war.

Natürlich ist auch nach einer Therapie das Leben nicht als alkoholfrei gesichert, es bedarf lebenslanger Arbeit.

Gruß, Freund.

Karsten
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Beitrag von Karsten » 16.10.2006, 10:50

Hallo und Willkommen Marion,

um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, man muß nicht eine Therapie machen oder zu einem Psychologen gehen.
Es gibt viele Wege, dass man ein nüchternes Leben erlernen kann.
Ich habe auch keine Therapie gemacht, keinen Psychologen oder andere möglichkeiten der Schulmedizin in Anspruch genommen.

Welche Art der Hilfe für jeden einzelnen die Richtige ist, muß der Betroffenen selbst entscheiden.
Keine Form der Hilfe ist eine Garantie zur Nüchternheit. Wenn der Betroffene sich nicht helfen lassen wil, keine Einsicht hat, sein Leben nicht verändern will, ist eine Therapie meist nur rausgeschmissenes Geld und vertane Zeit.
Viele denken, man gibt sich bei der Therapie ab und kommt geheilt wieder.

Ich habe das mal so deutlich geschrieben, weil in diesem Thread der Eindruck ensteht, ohne Therapie ginge es nicht. Alle Menschen, die in meinem Umfeld trocken leben, sind nur über die Selbsthilfe trocken geworden.

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