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Liebe und Hass

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
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Aurora
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Aurora » 10.08.2018, 10:06

Hallo,

gestern hatte ich wieder mal Begegnungen mit meiner Vergangenheit...

Meine Eltern wohnen ja im gleichen Haus wie mein Ex (und ich früher), sie wohnen direkt über ihm. Ich betreue ja meine Eltern inzwischen regelmäßig, komme da also auch immer vorbei, was mir zum Glück schon sehr lange nichts mehr ausmacht. Gestern aber stand die Wohnungstür vom Ex sperrangelweit auf... es ist seine Art zu lüften anscheinend, bei der Wärme.

Und also sieht er mich und kommt gleich an um mir ein Gespräch an die Backe zu hängen. Es war später Vormittag, er hatte schon gut einen getankt, denn er zitterte nicht mehr. War aber in einem Stadium, in dem er noch recht normal reden konnte. Das Gespräch war auch kurz, "ach, du gehst für deine Eltern einkaufen, hab ich ja für meine Mutter auch immer regelmäßig gemacht...", ich habe mich schnell raus gezogen.

Als ich dann später mit der Einkaufstasche hoch kam stand er schon da, sagte aber nichts weiter. Beim Runterkommen hatte er dann aber einen ordentlichen Pegel erreicht... Und es ging los. Er hätte mal eine Frage zu meiner Rente. Ich beziehe ja eine Erwerbsminderungsrente, seit Mai 2016. Bei der Scheidung wurde ja damals ein Versorgungsausgleich gemacht und mir aber gesagt, da mein Ex auch noch Renten vom alten Arbeitgeber bezieht, dass ich mir die im Falle meines eigenen Rentefalles privat einklagen müsse. Bei Scheidungen würden nur die gesetzlichen Renten berücksichtigt.

Das habe ich also gemacht und seitdem dreht der am Rad. Ich hätte ihn verklagt, das war damals 2016 sein Jammer. Es war sinnlos ihm zu erklären, dass es doch nur mein Recht wäre und ich es so machen sollte, musste. Dann hat er irgendwann 2017 einen Anwalt genommen und eine Gegenklage gemacht... aber da ist nichts draus geworden, wie auch, es ist ja alles richtig so, wie es ist. Und nun jammert er schon allen Menschen vor, wie arm er dran wäre. Zum Beispiel meinen Eltern, die er ab und an heimsucht und die sich nicht trauen, ihn aus der Wohnung zu verweisen. Er heult dann und heult...

Und er hat mittlerweile da anscheinend wieder einen Wahn entwickelt, er kann die Realität nicht mehr erkennen. Ich weiß, dass er früher in solchen Dingen immer sehr versiert und gut informiert war, er konnte stundenlang ellenlange Gesetzestexte und so lesen und auch verstehen. Und jetzt ist da nichts mehr von übrig. Er hat keinen Durchblick mehr und ist fernab jeglicher Realität. Ich meinte zu ihm, ich würde da doch nicht fordern, was unrecht wäre, es ist doch nur mein Recht und wurde mir gesagt, dass es so gehandhabt werden müsse. Mehr nicht. Da heulte er schon wieder und erzählte auch was von seinem Auto, in das jemand beim Ausparken hinten rein gefahren wäre aber der sich gemeldet hätte und so weiter...

Völlig sinnlos irgendwie. Ich bin dann gegangen, ich hatte mich eh schon viel zu lange wieder auf ihn eingelassen dort. Noch immer stecke ich dann in dem Dilemma, ihm klar machen zu wollen, dass ich nicht schuldig und die Böse bin... Und doch kommt es immer wieder darauf raus. Er hat das immer noch drauf. "Wenigstens dir geht es ja gut..." lallte er.

Da waren die Teufelchen erst mal ganz happy, dass sie wieder mal was zu tun hatten. Aber ich hab denen schnell den Garaus gemacht, als ich unten im Hausflur ankam lagen sie schon zu größten Teil am Boden.

Er tut mir irgendwie leid. Aber er weiß auch, wie nüchtern geht, er war ja mal etwas mehr als 4 Jahre trocken. Er hat sich für den Alkohol entschieden. Es ist sein Leben... Und ja,
"Wenigstens dir geht es ja gut..."
, dafür habe ich gesorgt und sorge dafür. Es geht mir nicht immer gut aber es geht mir gut. Sozusagen.

Ich lebe, mit allem, was dazu gehört.

Aurora

la vie
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von la vie » 13.08.2018, 09:01

Hallo Aurora,
alles dreht sich wohl im Kopf eines Alkoholikers der sich für den Alkohol entschieden hat ausschließlich um ihn.
Genauso erlebe ich es.
Es gelingt mir immer besser zu akzeptieren, dass das Nervengift den Bereich des Frontalhirns (Bewegung, Persönlichkeit, Sozialverhalten) angreift. Das hilft mir und Martins Spruch:“du kannst machen was du willst, es ist immer falsch.“

Mitleid und Trauer empfinde ich, weil es ein Tod auf Raten ist. Es gelingt mir nicht diesen Fakt auszublenden.

Du hast dir dein Weg hart erarbeitet und hast so viel von dir zur Unterstützung geboten. Er wollte es nicht, nun ist es genug.

Genial wie fix du die Teufelchen abgeworfen hast.

Liebe Grüße,
la vie

Aurora
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Aurora » 14.09.2018, 22:49

Hallo,

liebe la vie, nun antworte ich dir endlich... :oops: . Ich glaube auch, dass sich im Kopf eines Abhängigen alles um seine Suchtbefriedigung dreht. So haben es Alkoholiker erzählt. Und so war auch mein Leben mit dem Alkoholabhängigen damals. Er hat nur um seinen Suff gekreist und ich auch. Er, weil er schnellstmöglich seinen Druck befriedigen musste, ich, weil ich ihn davon weg bringen wollte. Und ihm dafür alles aus dem Weg geräumt habe, immer in der Hoffnung, es wäre endlich mal richtig was ich mache, damit er endlich keinen Grund zum Trinken mehr hatte. Denn er hat mir ja ununterbrochen erzählt, es wäre alles meine Schuld. Ich habe das geglaubt denn ich wusste es nicht anders. Das habe ich aber erst begriffen, als ich mich mit Abhängigkeiten beschäftigt habe, also kurz vor und vor allem nach der Trennung.

Ich finde es nach wie vor bedauerlich, dass sich mein Exmann wohl zu Tode säuft. Aber inzwischen akzeptiere ich das. Es ist sein Leben.

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Mein Fädchen heißt "Liebe und Hass" und so waren meine Gefühle damals. Wobei - als ich hier im Forum anfing war da keine Liebe mehr. Da war nur noch Hass. Hässlicher Hass. Welch böses Wort, welch böses Gefühl... aber so war es nun mal.

Ich hatte so viel Hass in mir gehabt, in den letzten Monaten des Zusammenlebens mit meinem Ex. Manchmal hatte ich echt Gedanken ihn abzustechen. Es ist unglaublich, wie tief diese Gefühle waren. Er hatte mein Leben versaut, mich angelogen und betrogen, mir meine Selbstachtung geraubt. Mich klein gemacht und krank. Er hat mich ausgelacht, verächtlich behandelt, beschimpft und missbraucht. Körperlich und seelisch. Ich habe noch heute mit Folgen dieser Zeit zu tun.

Dass ich da auch Anteile hatte an dieser Suchtbeziehung war mir erst mal nicht klar. Ich hatte vorher nie etwas über "Co-Abhängigkeit" gehört. Ich hatte an meinen Tanten gesehen, wie sie im Laufe der Jahrzehnte mit ihren abhängigen Männern kaputt gingen. So wollte ich nicht enden. Im Fokus stand immer der Alkoholiker. Entweder als "das arme Schwein" oder "der willenlose Säufer", "er ist zu bemitleiden" und "lass ihn bloß nicht im Stich". Ich wurde angehalten, von Leuten aus meiner Familie und Freunden, meinen Ex zu unterstützen, ihm zu helfen, für ihn da zu sein. Wie ich mich dabei fühlte war unwichtig. Zwar hieß es schon mal: "wie hältst du das nur aus?". Aber Hilfe irgend welcher Art bekam ich nicht.

Als ich mich dann endlich trennen konnte hatte ich auch keine Unterstützung. Mein Exmann aber bekam Anerkennung, Unterstützung und Tutsitutsi, er machte ja eine Entgiftung und trank erst mal nicht. Wieder war es so, dass er im Mittelpunkt stand und ich sollte mich rein fügen. Ihn unterstützen, ihm zur Seite stehen und wieder "lieb" zu ihm sein. Dass ich das nicht konnte und wollte verstanden viele nicht. Vor allem Ex verstand es nicht...

Und ich war wütend. Ich war voller Zorn. Immer hatte ich alles gegeben, die Familie zusammen gehalten, die Kinder so gut wie alleine großgezogen. Ich hatte ihn Jahrzehnte lang versorgt und betuddelt, auch während seiner schweren Krankheit Ende der 80ger Jahre habe ich ihn täglich stundenlang im Krankenhaus besucht, ihn aufgebaut, gefüttert und begleitet.

Und wofür? Um mich von ihn als Bekloppte betiteln zu lassen, um angelogen zu werden. Um mich behandeln zu lassen wie der letzte Dreck.

So und nicht anders empfand ich das damals. In der Zeit der Trennung. In den letzten Ehejahren und bis nach der Trennung. In mir war Wut und Traurigkeit, Hass und Ärger.

Nach der Trennung kam ich dann endlich zur Ruhe und diese starken negativen Gefühle haben sich verändert. Durch den Abstand und de Austausch hier im Forum. Durch Informationen und Erkennen. Ich hatte Alkoholiker immer nur nass gekannt, und ich kannte viele. In meiner Familie wimmelte es nur so davon. Für mich waren das willenlose Säufer. So sah ich auch meinen Exmann irgendwann.

Was da wirklich dran hängt, was das bedeutet diese Krankheit zu haben, das wusste ich erst mal nicht. Das habe ich hier erfahren. Im Zusammensein mit Alkoholikern, die trocken wurden. Mein 2. Mann ist ja auch einer von hier, auch "so einer". Ich habe heute eine völlig andere Sicht auf alles und erkenne auch meine eigenen Anteile an meiner Beziehung, an meinen Beziehungen generell damals.

Das weiß ich also heute, nachdem meine große Wut endlich nach und nach besser wurde wurde auch mein Blick wieder klarer. Aber ich habe auch diese negativen Gefühle damals gebraucht. Anscheinend. Um überhaupt in Bewegung zu kommen. Hätte ich resigniert würde ich noch heute neben meinem besoffenen Ex hocken...

Mir wurden während der Ehe mit dem Ex meine Wahrnehmungen und Gefühle ausgeredet und verdreht. Ich wurde als verkehrt hingestellt, als Spinnerin bezeichnet und als überkandiedelt. Das war fatal. Ich wusste irgendwann nicht mehr wo vorne und hinten ist. Ich fühlte mich sehr schuldig und schlecht weil ich diese schlimmen Gefühle : Hass, Wut, hatte. Denn - ich bildete mir doch alles nur ein :shock: . Oder doch nicht? Oder wie oder was...

Das Zusammenleben mit einem abhängigen Menschen ist im Prinzip nicht möglich. Also nicht auf einer normalen und glücklichen Ebene. Ist meine Meinung. Es ruft irgendwann schlimme Dinge hervor. Natürlich gibt es diese schlimmen Beziehungen auch mit nicht abhängigen Menschen. Aber hier reden wir nun mal davon. Denn hier sind die Coabhängigen. Und wir haben diese schlimmen Gefühle, meistens. Erst mal. Denn unsere Träume sind zerplatzt. Wir haben immer nur helfen und alles richtig machen wollen. Und wurden doch übel behandelt . Wir sind am Ende unserer Kräfte.

Ja, wir haben uns das ja selbst ausgesucht, nicht wahr... Na ja, wir sind da langsam rein gerutscht, so, wie der Trinker langsam in die Sucht rutscht. Der Alkoholiker hat sich seine Krankheit nicht ausgesucht. Ich zumindest hab es mir auch nicht ausgesucht als Co zu leben. Was da an Verhaltensmustern und Prägungen sind, das war mir nicht klar. Nachher ist man immer schlauer...

Ich geh jetzt in's Bett. Gute Nacht allerseits

Aurora

Penta
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Penta » 15.09.2018, 06:48

Hallo Aurora,

vielen Dank für deinen letzten Beitrag.
Du schreibst:
Das Zusammenleben mit einem abhängigen Menschen ist im Prinzip nicht möglich.
Das versteht jeder, wenn es um das Zusammenleben mit einem Alkoholiker geht.
Wie verhält es sich aber andersherum? Ist ein Zusammenleben mit einem Co-Abhängigen möglich?
Diese Frage habe ich mir gestellt, nachdem ich meine Beziehung kurz nach meinem Abstinenzstart beendet hatte. Und kam zu dem Schluss, dass ein Zusammenleben mit einem Co-Abhängigen (, der noch "nass" ist,) für mich unmöglich ist.
Ich habe mich zu Beginn meines Schreibens hier über manche Begrifflichkeiten gewundert. Ich wurde mal gefragt, ob ich "Betroffene" oder "Angehörige" wäre. Noch heute stehe ich auf dem Standpunkt, dass Angehörige auch Betroffene sind. Ich bin Alkoholikerin.
Es gab hier in den vergangenen Jahren einige Cos, mit denen ich mich intensiv austauschte. Ich kann die Verletzungen verstehen, auch die Wut oder sogar Hass. Es ist für mich vollkommen nachvollziehbar, wenn ein Angehöriger sagt, er kann kein Vertrauen zu einem Alkoholiker aufbauen, unabhängig davon, ob nass oder trocken.
Du bist jedoch eine von denen, die heute Vertrauen zu einem (trockenen) Alkoholiker haben.
Mir zeigt das, wieviel du für dich erreicht hast. Dir bescherte das dein heutiges zufriedenes Leben.
Du gerietst wieder an einen Alkoholiker. Aber ihr lebt heute euer trockenes Leben. Ohne Misstrauen und Wut und Hass.
Es freut mich sehr zu lesen, dass es auch anders geht. Aber ich weiß auch, dass du dir das lange und schwer erarbeiten musstest.
Viele Grüße, Penta

Aurora
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Aurora » 15.09.2018, 08:14

Hallo,

liebe Penta, ja, ich denke das Zusammenleben mit einem coabhängigen Menschen kann sehr anstrengend und beengend sein! Wobei es immer sehr schwierig ist den Begriff "Co-Abhängigkeit" zu definieren. Bzw. ab wann es wirklich zwanghaft und unfrei ist. Denn im Zusammenleben ist diese Verhaltensweise ja sehr wichtig. Fürsorge, füreinander da sein, sich unterstützen usw. Ich glaube bis zu einem gewissen Grad ist es für alle Menschen praktisch, einen Co zu haben. Denn Cos können das Leben auch sehr bequem für ihre Mitmenschen machen... :wink: . Schlimm wird es wenn es zur Selbstaufopferung wird. Wenn es übergriffig wird. Wenn ich mich für dermaßen unersetzlich, wichtig und perfekt halte.

Mein Mann wehrt sich übrigens ziemlich gegen meine Co-Auswüchse, also die, die in Richtung Selbstaufgabe gehen. Die ich ja immer noch auch habe und die auch zutage kommen wenn ich nicht aufpasse. Die "kleinen" Co-Dinge allerdings findet er klasse :wink: . Er hat die übrigens auch voll drauf, manchmal viel schlimmer als ich. Und da wehre ich mich dann sehr!

Ich hatte mal eine Kollegin, die aus meinen letzten Reformhaus Jahren. Die war schlimm. Sie hat mich regelrecht entmündigt. Und das ist für mich genau so unerträglich gewesen wie das Zusammenleben mit einem Abhängigen. In mir kamen da sogar ähnliche Gefühle hoch. Ich musste mich wieder anstrengen um alles richtig zu machen. Ich musste fast schreien um gehört zu werden. Ich habe bis zur Erschöpfung dafür gekämpft gesehen und anerkannt zu werden. Das hat meinem zarten Pflänzchen Selbstbewusstsein damals sehr geschadet.

Oder meine damalige Schwiegermutter. Der "Pabba", wie sie ihn nannte, also meinen Schwiegervater, der konnte in ihrer Gegenwart nicht mehr sprechen. Weil sie das immer für ihn getan hatte, ihm immer über den Mund gefahren war und ihn zum Kind degradiert hatte. Auch das ist ja ein Verhalten, wie es die Coabhängigkeit ist.

Ich gebe dir also Recht. Auch Coabhängige sind für ein glückliches Zusammenleben "ungeeignet", wenn sie sich in tiefster Zwanghaltung befinden. Wobei der Begriff "Co-Anhängigkeit" in meinen Augen nur Sinn macht wenn ich mit einem anderen Abhängigen zusammen lebe. Die Verhaltensmuster passen aber auch in Beziehungen ohne den Gegen-Abhängigen... also Alkoholiker in unserem Fall.

Es ist auf alle Fälle wichtig für uns Cos, an unseren alten Prägungen zu arbeiten. Sie zu erkennen und neue Muster zu erlernen, um die alten unschädlich zu machen. Denn ein Leben in diesem Verhaltenszwang ist ebenso unfrei und zerstörerisch wie das Leben in stofflicher Sucht. Für mich als Co genau so wie für mein Umfeld.

Danke für deinen Beitrag, liebe Penta. Das macht noch mal viel klar, finde ich! Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.

Ich werde gleich von meinen Mädels heimgesucht, meinen beiden Enkelinnen. :D .

Aurora

Aurora
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Aurora » 19.09.2018, 09:07

Hallo,

gestern haben mein Ex-Schwiegersohn und seine Lebenspartnerin geheiratet. Für beide ist es ja die zweite Ehe, sie ist auch Witwe.

Ich finde das toll und freue mich für beide, aber trotzdem ist da auch viel Trauer in mir. Um meine Tochter. Um meinen kleinen Enkel. Manchmal überspült es mich geradezu. Immer noch. Bzw. gerade wieder besonders. Das ist ja aber auch ganz klar. Was mir aber wirklich weh tut ist, dass wir da so von ausgeschlossen werden. Der Ex-Schwieso möchte nichts mehr mit uns zu tun haben, sag ich mal so. Außer wenn es um die Kinder geht. Auch für die beiden Kinder seiner Frau sind wir inzwischen Oma und Opa. Am gemeinsamen Leben nehmen wir aber nicht teil, wir dürfen öfter die Kinder sehen aber mehr auch nicht. Das tut mir weh... Ich hatte ja zum Exschwieso immer ein gutes Verhältnis, ich kenne ihn seit er 14 war. Er ist bei uns ein und aus gegangen, war Familienmitglied. Wir waren seine Familie, er unsere, auch nach dem Tod seiner Frau, meiner Tochter.

Plötzlich ist das alles nichts mehr. Das heißt, es ist ja nicht plötzlich, es geht jetzt seit ca 1 Jahr so. Ich werde mal besser damit fertig, mal reißt es mich total runter. Wir hatten ja keinen Streit oder so, das könnte ich noch verstehen, wir haben uns immer bestens verstanden. Und dann der cut, von einem zum anderen Tag.

Es ist unheimlich schwierig für mich, da eine Akzeptanz zu bekommen. Ich fühle mich abgewertet, so nach dem Motto: ich hab jetzt was besseres, euch brauche ich nicht mehr. Ich fühle große Trauer um diesen Verlust auch. Dann wieder denke ich, ich lebe jetzt mein Leben, meine Enkelin und auch die beiden neuen Enkel lieben uns und kommen gerne her. Das ist ja nicht nichts. Im Gegenteil. Ich sehe auch, dass wir da auch ausgenutzt werden, denn die Kinder kommen immer dann, wenn die Eltern was vor haben... aber gut, wir freuen uns, dass sie überhaupt kommen dürfen.

Es ist also gerade eine sehr anstrengende Zeit für mich. Emotional. Ich rudere wirklich manchmal richtig rum und drehe mich im Kreis. Boah. Aber ich weiß, dass es auch wieder bessere Zeiten gibt. Der Schmerz ist auch schon viel weniger geworden. Nur weg ist er nicht. Noch nicht. Was ich aber merke ist, dass ich auf den Exschwieso keine Lust mehr habe. So wie er sich verhalten hat, verhält, das möchte ich nicht in meinem Leben haben. Ich brauche solche Menschen nicht mehr. Über diese Gedanken, Gefühle, bin ich echt froh, sie erleichtern mir die Ablösung sehr. Mit der Frau habe ich losen Kontakt, sie meldet sich schon ab und an und wir telefonieren auch mal und sie ist nett.

Was will ich also mehr? Ich merke, wie das alles eben alte Muster in mir auslöst. Selbstwert. Bzw. Minderwert. Ich komme mir so vor bzw. lässt es diese alten Gefühle aufleben. Oh man... Ich arbeite daran. Ich bin auf dem guten Weg. Aber es dauert eben bei mir, so lange es dauert. Aber es wird nicht unendlich dauern. Das weiß ich.

Aurora

Gotti
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Gotti » 20.09.2018, 07:14

Hallo Aurora!
Im Moment gehen mir bei deinem Beitrag tausend Gedanken durch den Kopf. Du tust mir so leid, denn dass du nicht vergessen kannst, verstehe ich sehr gut. Es ist dein Kind, dass du verloren hast. Der Schmerz wird dich nie verlassen, nur erträglicher werden. Bestimmt! Du hast ja die Gewissheit, dass es ihr jetzt gut geht, sie keine Schmerzen hat und sie immer in deinem Herzen bleiben wird.
Ich denke, solche Gedanken hat dein Schwiegersohn auch gewälzt. Bestimmt. Er kannte wohl auch kein anderes Mädchen.
Und dann hat er die Kinder, die er niemals alleine versorgen kann, die genauso unglücklich und unbeschreibbar verlassen waren. So viele Schmerzen, Tränen, Trauer auf einem Haufen! Und dann kommt die Einsamkeit dazu. Auf allen Seiten! Der "Cut" kam für alle! Da braucht jeder jemand, der einem da durch hilft!
Auch du bist nicht alleine geblieben. Kannst dich austauschen, Nähe spüren, einen Platz ausfüllen lassen...
Du spürst vielleicht ein bisschen Wut und Enttäuschung, dass dein Schw- sohn deine Tochter verraten haben könnte. Sie vergessen haben könnte, sie ins Abseits schieben will. ??? Das glaube ich gar nicht mal. Ich denke eher, er braucht dringend jemand, der ihm über den Schmerz hingweghelfen soll. Diese Aufgabe zu erfüllen ist dann auch nicht leicht. Und ob sie glücklich macht - ??? Die Rolle der "Neuen" möchte ich auch nicht unbedingt übernehmen.
Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es jetzt so in dir und in allen Beteiligten aussieht. :cry:
Da kann ich dir nur Hoffnung machen, dass es bald wieder "weniger" schmerzt, du Liebe, Nähe und Ablenkung bekommst, und deine Tage und NÄchte fröhlich und für dich leben kannst. ( Lass dich nicht zu sehr ausnutzen!)
LG Gotti

Aurora
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Re: Liebe und Hass

Beitrag von Aurora » 20.09.2018, 08:50

Hallo Gotti,

ich danke dir herzlich für deine Worte! :D

Ich gönne den beiden jungen Leuten alles Glück der Welt! Meine Enkelin ist aufgelebt, seit sie wieder eine Mama hat. Absolut. Es tut ihr gut. Auch die beiden Kinder der Frau sind in diesem Familienverband sehr gut aufgehoben, alle verstehen sich bestens. Das ist echt toll. Ein Gewinn. Und der Schwieso war Witwer, sie Witwe, sie haben ja ein ähnliches Schicksal. Ich denke, das ist eine gute Ebene. Da ist "ich verstehe".

Für mich kam der cut plötzlich und unerwartet, nachdem die beiden schon ein halbes Jahr zusammen waren. Ich spüre sehr große Trauer darüber. Und an solchen besonderen Tagen ist es auch besonders schlimm. Inzwischen wird es wieder besser, ein Glück.

Danke, dass du da warst!

Aurora

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