Wem soll ich es wie erzählen?

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
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Rosamunde

re.

Beitrag von Rosamunde » 30.05.2007, 20:03

Hallo Maria,
nur so mein Gedanke am Rande, wenn ich mich öffentlich outen wollen würde(könnte) und ja vielleicht auch mit dem Schild auf die Straße gehen würde dann brauche ich ja auch keine Anonymität oder warum schreib man dann anonym????
Nein, ich bräuchte keine Anonymität mehr, wenn es diese "Schmuddelecke" in der Gesellschaft, Alkoholiker = Penner nicht mehr geben würde.

Lieben Gruß, Rose

Rosamunde

re.

Beitrag von Rosamunde » 30.05.2007, 20:36

Hallo,

mir fällt eben noch ein anderer Aspekt ein, warum das "Outing" Einigen !
so schwer fällt.

Vielleicht wäre das aber auch ein extra Thread.

ALKOHOLIKERIN - FRAU ........

Ist es nicht so, daß Frauen die "saufen", noch schlechter darstehen in der Gesellschaft, als Männer ?



Lieben Gruß, Rose

Falk7
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Beitrag von Falk7 » 31.05.2007, 01:22

Hallo Maria, Rosamunde, Madin und natürlich auch alle anderen,

generell habt ihr alle recht, tatsächlich wäre es ein Weg, wenn sich alle mal outen würden, aber ................ ich bin kein Vorreiter dafür und diejenigen die es zuerst machen brauchen ein dickes Fell und einen langen Atem. Anfangs sind schlechte Kritiken offen und hinterm Rücken vorprogrammiert.
Die Vorreiter brauchen zudem die Gewissheit, dass sie nicht alleine da stehen.
Das hier manchmal zitierte "Scheißegalgefühl", hauptsache ich komm damit klar, egal was die anderen denken, kann ich nicht bewusst teilen, schon alleine meinen Kids zuliebe nicht. Und zu sagen: "Na und, die müsse auch lernen zu kämpfen", kann ich noch weniger teilen, die müssen schon genug kämpfen. Und brauchen nicht noch für mich etwas auszufechten.

Male mal eine ganz abstrakte Idee aus. Wenn sich die SHG´s, Foren und Verbände mal einig wären, dann könnte man vielleicht tatsächlich was ändern. Den eine geschlossene mehrheitlich vetretenen Bitte an die Politik kann nicht ignoriert werden. Und bei uns geht es noch nicht mal um Gesetze wie bei Schwulen/Lesben und beim §218.
Gibt es eigentlich eine Art Dachverband der SHG´s und Verbände?

Es geht eigentlich nur darum das Aufklärung betrieben wird, dass Alkoholissmus eine Krankheit ist und was diese Krankheit tatsächlich ist!

So, muss nu mal ins Bette
Gute Nacht Euch,
wünscht Falk

maria44
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Beitrag von maria44 » 31.05.2007, 06:09

Hallo Falk,

ich denke genau so, deswegen habe ich auch paar Fragen gestellt aber nicht so recht Antworten bekommen, meine Fragen waren ernst gestellte Fragen und keine ironische, laut schreien kann ich ja auch wenn ich will „alles egal Hauptsache ich komme damit klar“.
Aber in diesem Moment denke ich geht es nicht nur um mich, um mein Leben damit es mir gut geht, sondern auch um das weitere Leben meines Kindes.
Ich war die jenige die dem Kind wehgetan hat durch mein Verhalten jetzt soll ich zulassen dass jemand anderer ihm weh tut und zwar wieder meinetwegen. Ich lebe dann glücklich und zufrieden und mein Kind??? Ich kann gar nicht, nüchtern zufrieden weiterleben wenn ich zusehen muss dass mein Kind leidet.
Und ich könnte hier Beispiele nennen wie sehr mein Kind schon leiden musste wegen den anderen aber es ging ja nicht um Alkohol also lasse ich es.

Ich kenne mich ja schon paar Tage und weis dass sich diese Einstellung bei mir nicht ändern wird, egal wie lange ich an meiner Selbstsicherheit arbeite oder wie lange ich nüchtern bin und eine Heldin möchte ich auch nicht werden.

Meine Gedanken zu diesem Thema.

LG Maria

Falk7
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Beitrag von Falk7 » 31.05.2007, 12:58

hallo Maria und alls,

ja maria sehe ich genauso und kann Dir nur noch mal beipflichten.

Ich habe ein wenig weiter drüber nachgedacht über die entstehung des Begriffstreits zu Alkoholiker dabei viel mir folgendes und ich glaube wichtiges noch ein, denn:

Ich glaube erst in den 80er Jahren wurde per Gesetz bestimmt, dass Alkoholismus eine Krankheit ist!

Vorher war es eben „nur“ ein Oberbegriff für all das was sich der Durchschnittsbürger so alles an Negativem dafür hat einfallen lassen und was er selbst so mal offen auf der Straße gesehen hat und was ihm so beigebracht wurde. Alkoholiker waren halt im wesentlichen „Penner“.

Einen Penner, der bis dahin nur ein sozial gescheitertes „Subjekt“ war, plötzlich per Gesetz zum „Kranken“ zu befördern ………….ist und war wohl nur schwer in die Köpfe zu bekommen!

Und wenn ich mich an meine spätere Jugend erinnere. Ich glaube mit Alkoholismus, habe ich selbst tatsächlich damals nur Penner in Verbindung gebracht.

Diesbezüglich nachfolgend etwas zu Karstens Erläuterung, weil ich glaube, dass da auch eine Art Knackpunkt und auch ein neuer Ansatzpunkt in der jetzigen Diskussion liegt!
Karstens Erklärung hakte bei mir sofort, schon alleine wegen der Dramatik der Situation und seines letzten Zustandes als nasser Alkoholiker. Habe aber zuerst ein wenig darüber nachdenken müssen, denn andererseits hat er ja für sich Recht!........ aber nicht für mich!

Karsten Du schriebst:

Ich kann für mich sagen, dass ich ein verkommenes Objekt war, das mit vollgepisster Hose in einem Haufen Dreck gelegen habe, nur weil mir alles egal war. Ich wollte nur Alkohol. Ich entsprach völlig dem Klischee, wie sich die Gesellschaft einen Alkoholiker vorstellt.
Heute sage ich ganz offen, dass ich trockener Alkoholiker bin. Ich weiß auch, dass viele Menschen das Wort "trocken" nicht hören und das Wort "Alkoholiker" als "Säufer" interpretieren.

Ich halte das oben von Dir geschriebene für ziemlich mutig! Aber, Ich halte es genauso für normalerweise nicht notwendig und auch gar nicht wünschenswert, dieses so explizit zu formulieren und mitzuteilen.

Hier in der Diskussion war es für mich absolut wichtig!

Es ist im Grunde ein Grund dafür weswegen es hier einerseits unterschiedliche Sichtweisen gibt, und ist andererseits natürlich auch mitursächlich dafür, dass es derart viele, dem Begriff Alkoholismus zugeordnete, negative Attribute gibt, die in der gesellschaftlichen Interpretation weit vor der Interpretation des Begriffes Alkoholismus als Krankheit liegen.

Es ist für mich völlig unmöglich mich mit einem Satz wie

dass ich ein verkommenes Objekt war, das mit vollgepisster Hose in einem Haufen Dreck gelegen habe

zu identifizieren. Es trifft auf mich nicht zu und ich möchte definitiv nicht, dass jemand auch nur annähernd mich und meine Krankheit so sieht, mich und mein Umfeld, meine Familie mit einem solchen Bild in Verbindung bringt. Aber selbst wenn es so wäre, wenn ich diesen Tiefstpunkt so oder anders gehabt hätte, wäre es weder ein wünschenswerter noch helfender Zustand für mich, dass es eben jeder weiß. Nicht jede mich prägende und beeinflussende „Leiche im Keller“ muss ich im Sarg offen hinter mir durch die Straßen ziehen. Das macht auch psychologisch keinen Sinn! Und würde mir mit Sicherheit auch kein Psycholge so raten.

Dass ich meinen eigenen persönlichen Tiefstpunkt nicht vergessen darf ist mir für mich klar. Aber er wird doch nicht dadurch präsenter für mich, wenn diesen und seine Begleitumstände jeder andere auch noch kennt und ich alle anderen möglichen Tiefstpunkte dann auch noch auf mir vereine.

Der ganz persönliche Tiefstpunkt und das ist meine junge Erfahrung, liegt bei jedem hier woanders. Die einzige Gemeinsamkeit ist die Wurzel, nämlich die Krankheit „Alkoholismus“.
Und nur weil der mögliche Verlauf mich gegebenenfalls zu vielen möglichen schlimmeren und schlimmsten Tiefstpunkten hätte bringen können, ist es doch kein Grund dafür, dass ich mich damit derart identifiziere, als ob ich diese alle erlebt und auf mich persönlich beziehen muss. Zumal persönliche Lebensumstände und soziales Umfeld oder einfach nur Glück und Pech , bzw. Schicksal hier bestimmte individuelle Grenzen ziehen.

Ich entsprach völlig dem Klischee, wie sich die Gesellschaft einen Alkoholiker vorstellt.

Das kann nicht wirklich richtig sein, denn es gibt auch jede Menge negative Interpretationen, denen Du nicht entsprachst, Dein Tiefstpunkt entsprach halt nur einem Tiefstpunkt der gesellschaftlich zu den besonders geächteten Tiefstpunkten der Krankheit entsprach.

Somit bin ich momentan eigentlich nur in meiner Meinung bestärkt, dass die Wurzel dieser jetzigen Diskussion ein gesellschaftlich verwachsene Fehlbelegung der Begriffs Alkoholismus und Alkoholiker gibt.

Ich muss mich zwar zu meiner Krankheit bekennen, aber nicht zu der Fehlbelegung eines Begriffes.

Wenn ich damit in einer richtigen Richtung denke, dann wäre die einzig mögliche Lösung für das Dilemma entweder ein anderer Begriff für die Krankheit, oder eine massive Aufklärung und der Gesellschaft über die Krankheit.

Damit wäre nicht nur uns als Alkoholikern geholfen, sondern ich bin auch davon überzeugt, dass viele „Tiefstpunkte“ weit nach vorne gelegt würden und viele erst gar nicht eintreten würden, wenn man über diese Krankheit mit jedem und mittels einem nur mit Krankheit belegtem Vokabular sprechen könnte, so ich wie es über einen Herzinfarkt machen könnte.

So, ist nu wieder lang geworden. Freue mich über Eure Re´s

LG vom Falk

Spedi

Beitrag von Spedi » 31.05.2007, 16:59

Falk,

die Anerkennung als Krankheit erfolgte in der Bundesrepublik im Jahr 1968.

Falk7
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Beitrag von Falk7 » 31.05.2007, 17:02

Hallo Spedi,

knapp daneben :wink:

Danke und Gruß vom Falk

Mannberlin

Beitrag von Mannberlin » 31.05.2007, 17:28

Hallo,

mit Interesse habe ich auch diese Diskussion hier gelesen.
Wem ich sage das ich Alkoholkrank bin entscheide erstmal ich alleine. Ich muß auch kein Schild durch die Strasse tragen auf dem steht: Ich bin....
Finde diese Dikussion um die Begrifflichkeit etwas müßig. Also wenn Karsten sagt er ist Alkoholiker weil er im Dreck lag ist das ok aber für diejenigen welche ihre tägliche Ration auf der Terasse ihres Eigenheims trinken bitte ein anderes Wort welches keine negativen Assoziazionen hervorruft und das ganze vornehm umschreibt, ergo verniedlicht und verharmlost.
Ich glaube kaum das Menschen welche HIV+ sind auch solche haarspalterische Diskussion führen. Kenne durchaus Menschen mit HIV und denen sieht man die Krankheit nicht an. Ist aber eine absolut tötlich verlaufende Krankheit. Wer jetzt meint sagen zu müssen, das wäre ja etwas ganz anderes weil derjenige eventuell risikovollen S** hatte liegt er wohl etwas falsch.
Es hat auch keiner von mir verlangt mein erstes Glas zu trinken....
Auch ich habe einige Zeit gebraucht um mir selbst zu sagen, ich bin Alkoholiker. Erst als ich das für mich verinnerlicht hatte konnte ich auch nach Außen gehen.

LG Christian

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