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Mehr als nur Patient und Krankenschwester

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit

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Luminelle
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Mehr als nur Patient und Krankenschwester

Beitrag von Luminelle » 27.06.2007, 11:00

Hallo!

Nachdem ich hier nun schon sehr viel gelesen habe, möchte ich mir meinen Frust auch einfach nur mal von der Seele schreiben.
Im Vorstellungsbereich habe ich bereits geschrieben,dass ich mir Sorgen mache um einen ehemaligen Patienten. Er ist 25, war auf meiner Station zum Entzug und da hat sich zwischen uns mehr als nur Sympathie auf beiden Seiten entwickelt. Warum dem so war, weiss ich nicht, denn ich kenne ihn seit Jahren als Alkoholiker, der immer mal wieder zum Entzug kommt. Diesmal sollte er gleich anschliessend in eine Langzeittherapie gehen - das hat er auch getan. Wir haben dann jeden Abend stundenlang telefoniert, ihm ging es gut ohne den Stoff und er wollte sogar noch verlängern,denn ursprünglich waren 6 Wochen geplant. Leider haben die Leute von dort ihm nach 14 Tagen gesagt, dass er eine Persönlichkeitsstörung habe und dort fehl am Platz sei. Er solle in eine andere Klinik gehen und sich dort weiter behandeln lassen. Ich weiss, dass er eine sehr gewaltreiche Kindheit hatte und weiss auch, dass ihm da geholfen werden kann, aber er lehnt es kategorisch ab. Ich hatte ihn von der Therapie dort am letzten Donnerstag abgeholt und am Freitag hat er wieder angefangen zu trinken. Am Freitag sollte ich Verständnis haben, weil der Tag nicht gut gelaufen sei, denn er hatte sich mehr von der Suchtberatung, zu der er immer wieder geht, erwartet. Gut, was sollte ich tun? E hatte Angst, dass ich mich von ihm trenne und ihn fallen lasse. Habe ich nicht getan. Habe ihm aber erklärt, dass ich es nicht gut finde, aber zu ihm stehe.Aber ich war echt fertig,wusste nicht, wie ich mich da verhalten soll.Leider hat er auch das Wochenende über durchgetrunken. Was ich gut finde ist, dass er mir gegenüber ehrlich ist, wenn er was getrunken hat, mir das auch zu sagen. Darum habe ihn gebeten. Gestern war nun meine Geduld allerdings am Ende, denn er hatte mir jeden Tag versprochen, dass er "ab morgen" nichts mehr trinkt. Immer wieder hat er es trotzdem getan.
Nun war ich so verletzt gestern, dass ich ihm gesagt habe, dass ich ihn nicht mehr sehen will, dass Schluss sei. Er kam dann ne Stunde später zu mir, um zu reden und dann brauchte ich ewig, um ihn im Guten aus meiner Wohnung zu bekommen. Er ist so stur,wenn er was getrunken hat. Ich hatte da wirklich schon Angst vor ihm, obwohl er mir schwört, dass er mir nie etwas tun würde.Habe ihm immer wieder erklärt, dass ich den Mann will, der er an dem Donnerstag noch gewesen ist und nicht den, der betrunken vor mir steht. Er kam mir immer wieder damit, dass ich ihm nicht vertrauen würde - ja wie denn auch, wenn ich immer wieder enttäuscht werde? Aber das kam bei ihm gar nicht an.
Ich war so naiv, dass ich geglaubt habe, ihm helfen zu können, dass ich stark genug bin, das mit ihm durchzustehen - leider hat es nicht funktioniert. Er kann sich nur selbst helfen, das habe ich hier schon herausgelesen und solange er nicht einsieht, dass er wieder einen Entzug brauch, kann ihm da wohl auch sonst keiner helfen.
Er hat gemeint, dass er langsam wieder runter kommt von seinem Pegel, wenn er nur noch Bier und Wein/Sekt trinkt - stimmt das? Vorher hat er auch Klaren getrunken. Ich habe da nicht so die Ahnung von, weiss nur, dass er nach 2 Flaschen Klaren immer noch aufrecht steht und Sekt ihn eher müde macht. Aber Sekt hat doch weniger Promille oder wie ist das mit der Wirkung da? Kann man schrittweise reduzieren oder ist das nur falsches Wunschdenken? Ist es besser, sofort gar nichts mehr zu trinken?
Ich würde mich gerne ganz von ihm endgültig trennen und sagen, dass mir egal ist, was aus ihm wird, aber er ist mir nicht egal. Ich mache mir Sorgen um ihn - hilft ihm nur ein absoluter Schlussstrich, zu sich zu kommen? Und an mich muss ich dabei auch denken, denn es tut mir weh, ihn immer wieder in solchem Zustand vor mir zu sehen. Er kommt mir immer damit, dass ihm gestern sehr weh getan habe, als ich es beendet habe - habe ich, das weiss ich auch selbst,denn er liebt mich immer noch, während ich mir über meine Gefühle ihm gegenüber momentan nicht wirklich sicher bin.
Und kann man ihn in einer Therapie zwingen? Ihn stationär einweisen lassen, wenn er es nicht will? Glaube nein, oder?
Jetzt geht es mir schon etwas besser, auch wenn ich nicht wirklich weiter bin, aber ich bin froh, dass es dieses Forum hier gibt.

Luminelle

Spedi

Beitrag von Spedi » 27.06.2007, 11:32

Servus Luminelle,

gerade Du als "professionelle Helferin" solltest wissen, dass einem Alkoholiker niemand helfen kann, sich aus der Sucht zu lösen. Das kann nur er - wenn er will.

Darüber hinaus: Runtertrinken etc, alles Märchenstunde. Funktioniert so gut wie halbschwanger.

Also, fazit: lass ihn in Liebe fallen, er muss sich selbst helfen! Wenn er sich helfen ließ (durch Entzug, Therapie etc.) und trocken ist, dann könnt ihr immer noch beide schauen, ob ihr Euch eine gemeinsame Zukunft vorstellen könnt.


LG
Spedi

P.S.: Zwangsmassnahmen kriegst Du nicht bewilligt & fruchten auch nichts, er muss wollen!

Luminelle
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Beitrag von Luminelle » 27.06.2007, 11:41

Danke Spedi,

momentan ist er wohl noch nüchtern genug, dass er eingesehen hat, dass er etwas tun muss. Er will nachher zur Suchtberatung (das weiss ich von einer gemeinsamen Freundin) und vielleicht läßt er sich dann auch gleich einweisen.
Dass das mit dem schrittweisen Reduzieren nicht funktioniert, habe ich mir schon gedacht.
Ja, ich als Krankenschwester kenne die Situation sehr gut - diesmal habe ich sie allerdings aus einer anderen Perspektive kennen gelernt und ich hab nicht gedacht, dass es wirklich so verdammt schwer ist mit dieser Sucht umzugehen.

Luminelle

Spedi

Beitrag von Spedi » 27.06.2007, 11:50

Servus Luminelle,

ja, das ist das tückische an der Familienkrankheit Alkoholismus: sie betrifft nicht nur den Alkoholkranken, sondern beeinträchtigt auch das Leben des direkten Umfelds massiv und negativ!

Sieh Dich vor, dass Du nicht in den Strudel einer Co-Abhängigkeit kommst. Durch Deinen Beruf hast Du ohnehin schon ein gewisses "Helfen-Wollen" an Dir, das würde in so einer Situation schamlos ausgenutzt!

LG
Spedi

Lilly12

Beitrag von Lilly12 » 27.06.2007, 11:51

Hallo Luminelle,

kann mich da nur Spedis Antworten anschliessen.
Er muß sich selber helfen lassen wollen, das er noch lange nicht so weit ist, zeigt sein Verhalten.
Also beende lieber so schnell wie möglich die Beziehung, ehe Du weiteren Schaden nimmst. Was später sein wird, weiß man nicht, es kann dann immer noch Wege geben, zusammenzukommen. Aber jetzt in dieser momentanen Situation ist das wohl nicht möglich. Kommt immer auf den Grad Deiner Leidensfähigkeit an, den Du bereit bist, zu akzeptieren.

Was ich aber noch zu bedenken geben möchte und was dabei für mich im Vordergrund stehen würde.
Du hattest schon einmal richtig Angst vor ihm, und ich weiß nicht, ob sowas jemals wieder weg geht. Ich habe sowas auch schon einmal erlebt, körperliche Gewalt mir gegenüber im Suff des Partners. Ich hatte richtige Angst und ich fühlte mich völlig hilflos und das wollte ich nie wieder so erleben. Ich habe die Beziehung am nächsten morgen beendet, und die ging vorher über Jahre, ich hab es trotzdem nie bereut. Ich hätte ihm einfach nie wieder vertrauen können, das wußte ich.

Jo, und datt mir dem Runtertrinken klappt nie, das habe ich selber so oft versucht, danach folgten dann immer schwerere Abstürze...
Man versucht das ja so, um die Entzugssymtome zu verringern, aber haut irgendwie nicht hin. Bei mir war es sogar so, das ich mir danach erst recht die Breitseite gab, weil ich ja was "nachzuholen" hatte.....

Lieben Gruß und Alles Gute an Dich
Lilly

Luminelle
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Re: Mehr als nur Patient und Krankenschwester

Beitrag von Luminelle » 19.11.2019, 20:41

Hallo,

inzwischen sind 12 Jahre vergangen. Mein ehemaliger Patient und ich sind doch zusammen gekommen und haben sogar geheiratet nach meiner ersten Scheidung. Wir sind seit 8 Jahren verheiratet und haben einen 6jährigen Sohn.
In diesesen 12 Jahren gab es immer wieder Streit um verschiedenste Themen und er hat auch immer mal wieder was getrunken - allerdings nur 1 Tag bzw. Abend und dann sehr lange nicht mehr. Nun, glücklich war meine Ehe nicht.
Ganz extrem ist es aber in den letzten Monaten gekommen. Mein Mann ist vor 5 Jahren an der LWS operiert worden und hatte danach immer weiter noch Schmerzen - das ist belastend und es ging nur mit viel - edit, Medikamentennamen entfernt, Linde - Vor einem Jahr dann Bandscheibenvorfall der HWS mit OP im April. Seit dem kaum noch LWS-Schmerzen, aber im Schulter-Nackenbereich extrem. Trotz Physio und Reha keine Besserung. Jeden Tag hat er starke Schmerzen, sein Operateur meint, er soll arbeiten, aber er kann gar nicht - er ist Berufskraftfahrer.
Nun war ich gleichzeitig 4 Monate krankgeschrieben wegen Stimmbandpolyp. Das war sehr viel Nähe plötzlich, denn vorher waren wir immer paar Tage getrennt. Und diese Nähe hat ihn erdrückt meint er. Er hat seinen alten besten Kumpel wieder gefunden und dort dann in Gesellschaft wieder angefangen zu trinken und zu rauchen. Erst ab und zu und inzwischen fast jedes WE. Er trinkt sogar heimlich im Garten und ich könnte ko... bei der Fahne. Im Kofferraum hat er 2 Kästen Bier, die für den Kumpel und ihn oder ihn alleine sind.
Dadurch knallt es fast täglich bei uns, denn wenn er los fährt kommt er erst nachts halb vier nach hause. Ich kann nicht schlafen in solchen Nächten und bin dann enttäuscht von seinem rücksichtslosen Verhalten. Er findet seine Ausflüge gut - er trinkt, weil er es will, er raucht, weil er es will.
Meiner Meinung nach ist er wieder voll abhängig, oder?
Ich kann nicht mehr, meine Liebe ist nach all den Streitereien kaputt gegangen und ich denke über eine Trennung nach. Er beleidigt mich, wenn er was getrunken hat und sagt selbst, dass er auch für mich nichts mehr empfindet. Er fühlt sich eingeengt und kontrolliert von mir.
Aber wie ziehe ich eine Trennung durch? Wir haben eine Doppelhaushälfte zusammen gekauft - also zahlen da Kredit für. Im Grundbuch stehe nur ich. Er hat momentan nur Krankengeld und ich weiss nicht, wie lange das noch geht. Ich arbeite inzwischen wieder und bekomme gutes Gehalt. Von meinem Konto gehen sämtliche Zahlungen ab wie Versicherungen, Kredit etc.
Ich halte seine Ausflüge nicht mehr aus, zu Kompromissen ist er nicht bereit. Nüchtern hatte er zugestimmt, dass es bis abends ausreicht beim Kumpel, wenn er nachmittags schon hin fährt. Und dann könnte ich auch meinen Schlaf bekommen. Habe ihm sogar angeboten, dass ich ihn dort dann abhole, damit er kein Auto fährt. Mit dem Ergebnis, dass er dann letzten Samstag mehr als sonst getrunken hatte, weil er ja nicht mehr fahren brauchte. Ich erlaube ihm ja praktisch das Trinken. Das ist doch verrückt von mir?
Ich arbeite als Krankenschwester auf einer Inneren. Ich habe Patienten mit Entzug und auch solche, die an Leberzirrhose sterben. Das macht mir Angst, ihm ist es egal.
Ich habe keine Freundin oder so, wo ich mit meinem Sohn hin könnte. Verhalte ich mich falsch? Sollte ich ihn einfach trinken lassen, weil er es will und es eh tut und ihn nicht drauf ansprechen, wenn mir seine Fahne entgegen weht, bis er einsieht, dass er Hilfe braucht? Aber ich möchte, dass er nicht macht, was er will und auch weiss, dass ich merke, wenn er was getrunken hat. Ich möchte Rücksicht von ihm. Es kommt auch keine Entschuldigung oder so und ein normaler Umgang ist fast schon unmöglich. Spreche ich ihn auf eine Fahne an, wird er sofort böse und aufbrausend.
Bin ich machtlos, weil er glaubt, dass er nicht abhängig ist und trinkt, weil er genug vom Verzicht hat?
Er wirft mir fiese Dinge an den Kopf und ich bemühe mich, ruhig zu bleiben, um ihn nicht noch mehr zu reizen. Er ist immer gleich sehr laut und manchmal habe ich Angst, dass er mir körperlich weh tut. Hat er bis jetzt nicht, aber ich glaube, es war schon manchmal kurz davor.
Was kann ich tun? Wie komme ich da raus??? :-(
Ich hoffe, dass mir jemand einen Rat geben oder zumindest aufmuntern kann. Länger mit ihm zusammen bleiben möchte ich nicht. Dafür waren die 12 Jahre zu anstrengend.

Gruß Luminelle

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Re: Mehr als nur Patient und Krankenschwester

Beitrag von Anonymia » 23.11.2019, 14:56

Hallo Luminelle,

einfach trinken lassen halte ich für keine gute Idee, da es dich ja belastet.

Horch mal in dich hinein. Was willst DU? Wie stellst DU dir deine Zukunft vor? Die Krux bei uns CO´s ist ja, dass wir gedanklich ständig im Außen sind und unsere Bedürfnisse zurückstellen. Das ist aber gerade in der Konstellation mit einem nassen Alkoholiker ziemlich fatal.

Warum hast du keine Freunde? Bist du die letzten 12 Jahre ausschließlich um deinen Mann herumgekreiselt? Das wär jetzt erst mal step 1. Bau dir einen Freundeskreis auf. Vielleicht gehst du in eine Online-Gruppe, in der sich Leute aus deiner Region treffen? Ohne sozialen Rückhalt stell ich mir eine Trennung noch tausendmal schlimmer vor...

Liebe Grüße und viel Kraft!
Anonymia

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