Angst fressen Seele auf

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
phoenix75

Angst fressen Seele auf

Beitrag von phoenix75 » 15.08.2007, 17:15

hallo ihr alle, nachdem ich mich vorgestellt habe, schreibe ich für den, der es lesen will, noch etwas über die Hintergründe meiner Sucht. Denn die beschränkt sich nicht nur auf den Alkohol.

Wie bereits geschrieben, komme ich aus einer Familie, in der man nicht unbedingt kindgerecht behandelt wurde. Verbale Gewalt, ständige Demütigungen gehörten zum Alltag. Daraus resultierend habe ich schon als Kind schwere Ängste entwickelt: vor dem Versagen, soziale Ängste, überhaupt eigentlich vor allem. Habe mich so lange ich denken kann immer minderwertig gefühlt, schon als kleines Mädchen in der Grundschule.

Später habe ich dann versucht mir die Ängste wegzuhungern und wurde magersüchtig. Getrunken habe ich parallel immer. Bin auch seit längerer Zeit wegen meiner Depressionen in Behandlung.

Soweit. Klar, die Angst zuschütten ist nur begrenzt sinnvoll. Ich sehe mein Leben ganz klar und unbeschönigt. Und mit 32 Jahren sehe ich da nicht viel worauf ich stolz sein kann. Ich habe weder eine stabile Beziehung oder Ehe vorzuweisen, noch kann ich mich über den Job profilieren (habe zwar einen hohen IQ aber durch meine Ängste habe ich mir die Jobs immer kaputt gemacht und war letztes Jahr länger arbeitslos).

Seit ich 12 bin, stecke ich eigentlic meine ganze Kraft nur in den selbsterhalt. Therapie hier, Antidepressivum da. Habe eine ganze Bibliothek an selbsthilfebüchern. Und klar, auch schon einiges erkannt und verändert.

Trotzdem habe ich das schmerzende Gefühl, daß ich es in diesem Leben nicht mehr schaffen kann, glücklich zu werden. Weil einfach zuviel in mir kaputt ist? Das Urvertrauen, die Bindungsfähigkeit, die Fähigkeit zu lieben.
Ich möchte nicht dass das als Selbstmitleid rüberkommt, so empfinde ich es nach all der harten arbeit. Es ist wie sysiphos, nur schlimmer.

Auf der anderen Seite sehe ich hier menschen, die aus objektiv viel schlimmeren Situationen rausgefunden haben, Sinn gefunden haben, als sie erst einmal wieder klar sehen konnten. Das macht mir Mut.

Trotzdem habe ich angst. Ich mache mir Vorwürfe dafür, daß ich alkoholkrank bin (wieso kann ich nicht eifnach so trinken wie "normale" menschen??). Ich habe das Gefühl, an zu vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen...an meinen Depressionen, meiner Existenz (habe mich selbständig gemacht), meinen Ängsten, dem Alkohol. Oder ist das in Wirklichkeit vielleicht doch nur eine Front?

Sorry, wenn ich euch ein wenig zutexte, aber mir gehen sehr viele GEdanken durch den Kopf und ich fühle mich betrunkener und umnebelter als oft unter Alkohol.

daß mein Arzt mir gesagt hat, ich wäre nicht körperlich abhängig, macht mir etwas Sorgen. Klingt komisch? ja. Ich möchte nicht, daß sich in mir die Einstellugn breitmacht: na so schlimm isset ja dann noch nicht. Ich weiß, daß die körperliche Abhängigkeit bald da wäre. Und das ich nach langjährigem Mißbrauch wirklich mehr Glück als Verstand hatte.

soweit erstmal. Vielleicht hat ja jemand ein bißchen Perspektive für mich.
danke
lydia

Martin

Beitrag von Martin » 15.08.2007, 17:36

Hallo Lydia,

du möchtest doch ab jetzt ohne Alkohol leben, oder :?: .

Dann spielt es doch keine Rolle ob du körperlich abhängig bist oder nicht.

Sei froh daß du dir deine Gesundheit noch nicht ruiniert hast, das ist doch was :) .
Ich habe das Gefühl, an zu vielen Fronten gleichzeitig zu kämpfen...an meinen Depressionen, meiner Existenz (habe mich selbständig gemacht), meinen Ängsten, dem Alkohol. Oder ist das in Wirklichkeit vielleicht doch nur eine Front?
Warte mal ab wie sich das jetzt alles ohne Alkohol entwickelt, kann schon sein daß sich einiges von alleine klärt.

LG Maddin

phoenix75

Beitrag von phoenix75 » 15.08.2007, 17:39

ja, maddin, möchte ich. Deswegen möchte ich ja nicht, dass dieses Wissen meinen Entschluß unterhöhlt.

Komme übrigens aus der Nähe von FFM.

Ja, darauf hoffe ich, daß es in einigen Wochen, Monaten vielleicht anders aussieht. Habe auch nächsten Monat noch eine Familienaufstellung. Mal kucken, was die so bei meinen festgebackenen Seelenknoten bewirkt.

lydia

Lilly12

Beitrag von Lilly12 » 15.08.2007, 18:01

Hallo lydia,

warum wir nicht "normal" trinken können, ist im Grunde uninteressant, es ändert ja nichts daran, das wir es nicht können. Und ist denn Alkoholtrinken überhaupt normal ? Ich denke: NEIN, Unser Körper braucht keinen Alkohol, um zu überleben, es ist nur eine chemische Droge, die uns abhängig gemacht hat.

Eher sollte man nach den Gründen suchen,warum man trank. Aber auch das ist erst nach längerer Alkoholabstinenz möglich, da muß man schon ne ganze Weile trocken sein, ehe man sich an dieses Thema heranwagen sollte. Denn es könnte für einen selber sehr schmerzhaft werden, die Wahrheit zu sehen.
Depressionen können übrigens im Zusammenhang mit unserer Krankheit stehen, ebenso Magersucht. War denn ein Elternteil bei Dir alkoholabhängig ? Kinder von Alkies neigen auch zu anderem zwanghaften Verhalten, wie halt auch zu Magersucht oder werden selber teilweise Alkies.
Warte mal ab, wie Maddin auch schon sagte, was in dieser Richtung passiert bei Dir. Ich hatte am Ende oft Panikattacken und auch Depris, weil ich dachte, ich komme nie mehr raus aus der Sucht.
Und mit 32 Jahren sehe ich da nicht viel worauf ich stolz sein kann. Ich habe weder eine stabile Beziehung oder Ehe vorzuweisen, noch kann ich mich über den Job profilieren (habe zwar einen hohen IQ aber durch meine Ängste habe ich mir die Jobs immer kaputt gemacht und war letztes Jahr länger arbeitslos).
Du bist aber ERST 32, Du kannst noch sehr viel in Deinem Leben erreichen, evtl. nochmal den Beruf wechseln, einen lieben Partner finden und vielleicht sogar Kinder haben. Das alles aber wohl nur, wenn Du trocken bist. Ich war übrigens schon 40, als ich trocken wurde und konnte danach noch sehr viel erreichen und mein Leben in die Richtung verändern, in die ich es möchte. Tja, und an einem hohen IQ kann man wieder mal sehen, das unsere Krankheit auch vor Intelligenz nicht halt macht, Du bist nicht die einzig hochintelligente, die es getroffen hat. Deine Intelligenz wirst Du nüchtern sehr viel effektiver nutzen können, das ist schonmal sicher.
Trotzdem habe ich das schmerzende Gefühl, daß ich es in diesem Leben nicht mehr schaffen kann, glücklich zu werden. Weil einfach zuviel in mir kaputt ist? Das Urvertrauen, die Bindungsfähigkeit, die Fähigkeit zu lieben.
Das hab ich mal mal gedacht :( Bei mir ist zwar immer ein Urvertrauen vorhanden gewesen, aber ich habe vieles durch den Alk in mir zerstört. Und Alkoholismus macht ja auch irgendwie bindungsunfähig, würde ich mal sagen. Bzw. wem sollte man denn die Bindung zu einem Alkie zumuten? Das geht wohl dann von beiden Seiten aus. Mh, ich denke, nasse Alkoholiker sind nicht mehr in der Lage, in der Art zu lieben, wie es Nicht-Alkies können, ist aber nur meine persönliche Meinung.
Trocken aber wird man evtl. viel intensiver lieben können. So war es zumindest bei mir, bei mir war meine Alkoholsucht, an der ich beinah gestorben wäre, eine Grenzerfahrung. Und ich denke, Menschen, die Grenzerfahrungen hinter sich haben, können sich an Kleinigkeiten mehr erfreuen und auch Liebe intensiver fühlen. Diese Erfahrung habe ich auch hier schon bei anderen oft gelesen.
Es gibt also einiges, auf das Du Dich noch freuen kannst.

Nun ja, Du warst halt lt. Aussage Deines Arztes noch nicht körperlich abhängig, wie er solche Diagnose stellen kann weiß ich zwar nicht genau, aber es ist auch nicht so wichtig. Die psychische Abhängigkeit kommt meiner Meinung nach vor der körperlichen, so war es jedenfalls bei mir und bei vielen anderen, wäre also nur noch eine Frage der Zeit gewesen. Sei lieber froh, das Du noch keinen körperlichen Schaden genommen hast, ich und auch einige andere hier hatten dieses Glück nicht.
Mach nun das beste draus, Du hast alle Chancen der Welt dazu und wir begleiten Dich sicher gern auf Deinem Weg in die Trockenheit.

LG an Dich
Lilly

kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 15.08.2007, 20:06

Hallo Lydia,

schönes Thema, „Angst fressen Seele auf“.

Es ist wie Lilly sagt: nicht normal Alkohol zu trinken. Vielleicht ist es für viele nur normal, weil wir mit unnormalem Umfeld, Werbung und dem ganzen Blabla in unserer Birne aufwachsen, zugedröhnt werden und leben.

Wenn Dein Arzt Dir diesen Freibrief ausgestellt hat, dann hüte ihn gut, halte ihn Dir immer vor Augen, eines Tages könnte er zum Passierschein auf die falsche Seite werden und nichts wert sein.

Wenn ich heute ausgehe, mich mit Freunden treffe, mit Kunden esse und mit einer Handbewegung sage: für mich bitte nicht, ich bin Alkoholiker, dann werde ich manchmal dumm angesehen. Es ist ein wunderschönes Gefühl und gelegentlich habe ich auch schon einmal ein „ach“ oder ein „wie-, du nicht?“ eingeworfen, je nachdem wer mir wie auf den Zeiger ging.

Wenn die Seele das Wichtigste in uns ist, wichtiger als Organe, unser Hirn, unser Herz, als die Liebe, dann sollten wir nach einem Weg suchen sie einfach mal baumeln zu lassen, vielleicht können wir zusehen wie sie wächst, lernen mit ihr umzugehen, sie zu fühlen, zu spüren. Heute empfinde ich das als das größte Geschenk überhaupt.

Wie soll die Angst denn die Seele auffressen? Mit jeder Fressarttake wächst meine Seele heute. aber mit dem Seuchenkrams schütten wir sie nur zu.

32 Jahre, Lydia, da ist Platz für 10 Kinder, mehrere Jobs in oberster Führungsschiene, einige Kerls und und und, wenn Du immer schön auf Deinen Freibrief achtest.

LG kaltblut

phoenix75

Beitrag von phoenix75 » 16.08.2007, 10:01

Liebe Lilly12, lieber Kaltblut,

erstmal vielen Dank für eure aufmunternden Worte. fühle mich so leer momentan, daß ich alles in mich aufsauge wie ein schwamm.

Lilly, ja, du hast recht. Jammern bringt da nicht weiter, nur Akzeptanz. Ich kenne einige Leute, die halt zum Essen mal ein Glas Wein trinken. Aber gut, ich kenne auch genügend Leute die ganz seriös so rumdümpeln wie ich (heute trink ich mal nix, ich muß fahren...und dann den ganzen Abend schlecht drauf sein und neidisch auf die Gläser kucken..)

Das mit der Intelligenz sollte nicht arrogant rüberkommen. Im Gegenteil, es frustriert mich, zu sehen, wie sehr viel einfach gestricktere Leute ihr Leben im Griff haben, welche Jobs sie haben etc. und ich stelle mir halt ständig selbst die Beine. Zwanghafte Selbstsabotage, ich kuck von außen zu und habe das Gefühl nichts daran ändern zu können.

Daß meine mangelnde Liebesfähigkeit evtl. durch abstinenz verbessert werden könnte...darüber habe ich nie nachgedacht. Ich bin immer davon ausgegangen, daß meine zwanghafte Abwehr mit meinen Erlebnissen als Kind zu tun hat.

Aber klar, Alkohol bremst die emotionale Entwicklung zusätzlich. Ich fühle mich ohnehin oft wie ein kleines Kind, schwach und verletzlich, nach Wärme und Geborgenheit hungernd wie ein Verdurstender in der Wüste nach Wasser.
kaltblut hat geschrieben:
Es ist ein wunderschönes Gefühl und gelegentlich habe ich auch schon einmal ein „ach“ oder ein „wie-, du nicht?“ eingeworfen, je nachdem wer mir wie auf den Zeiger ging.
lach. das ist cool :-D Den Mut habe ich noch nicht.
kaltblut hat geschrieben: Wenn die Seele das Wichtigste in uns ist, wichtiger als Organe, unser Hirn, unser Herz, als die Liebe, dann sollten wir nach einem Weg suchen sie einfach mal baumeln zu lassen, vielleicht können wir zusehen wie sie wächst, lernen mit ihr umzugehen, sie zu fühlen, zu spüren. Heute empfinde ich das als das größte Geschenk überhaupt.
Ein schöner Satz. Nach diesem Weg suche ich, denn nach meinem Verständnis, können Angst und Entspannung nicht gleichzeitig existieren.
Die Angst lähmt jegliches Wachstum, deswegen ist die Angst mein größter Feind im Kampf um die Wiedereinnahme des Regiestuhls in mir selbst.
Wie soll die Angst denn die Seele auffressen? Mit jeder Fressarttake wächst meine Seele heute. aber mit dem Seuchenkrams schütten wir sie nur zu.
verstehe ich nicht. Was verstehst du unter deiner Fressattacke?
32 Jahre, Lydia, da ist Platz für 10 Kinder, mehrere Jobs in oberster Führungsschiene, einige Kerls und und und, wenn Du immer schön auf Deinen Freibrief achtest.
hm. auch ein schöner Satz. Vielleicht muß ich wirklich meine Perspektive ändern. ich vergleiche mich zu viel und zu destruktiv mit anderen und verfalle dann in Selbsthass.

Danke für euren lieben Worte. Ich habe großen Respekt, vor den Kämpfen, die ihr schon überlebt habt und ich bin froh, daß ihr eure Erfahrung so freimütig weitergebt.

lydia (tag 9)

LG kaltblut

phoenix75

Beitrag von phoenix75 » 16.08.2007, 10:30

achso, Lilly...ja, mein Vater war Alkoholiker, würde ich heute sagen. Ich habe ihn zwar selten betrunken gesehen, aber er hat jeden Abend vor der GLotze gesessen und sich zum Feierabend seine 1...2...3...4 Whiskeys gepflegt eingedrönt. Ich durfte sie ihm eingießen und bringen. Um uns gekümmert hat er sich natürlich nicht, wäre ja viel zu anstrengend gewesen.
Auf Feiern hat er sich am Ende dann immer die Wassergläser halbvoll mit harten Sachen gegossen, Schnapsgläser nachschütten wäre zu umständlich gewesen...Wenn ich das so schreibe, wird mir recht klar, daß er krank war.

Lilly12

Beitrag von Lilly12 » 16.08.2007, 11:34

Hallo lydia,

Jo, das sieht so aus, als hätte Dein Vater ein Alkproblem (gehabt). Schnaps aus Wassergläsern... sagt eigentlich schon alles.
Und es ist ja auch so, wenn der Alk immer an erster Stelle steht, kann logischerweise alles andere nur an zweiter stehen, auch die Kinder. Sicher will man immer noch ein guter Elternteil sein, aber man kann es einfach nicht mehr, wenn man zu tief im Alksumpf steckt. Dann ist man krank und braucht Hilfe.
Bei Kindern richtet Alkoholismus der Eltern fatale Schäden an, auch hier im CO-Kinder-Bereich immer wieder eindrücklich nachzulesen. Wenn Du da mal liest und evtl. mit Deiner eigenen damaligen Situation vergleichst, wirst Du Dich evtl. wieder erkennen.

Ja, und ich denke, Alkoholismus schränkt die Liebesfähigkeit erheblich ein. Denn wir haben doch dann schon einen Partner, der uns versteht und immer tröstet und immer da ist und uns in Watte packt, wenn die Welt draussen so schlecht zu uns ist, und der heißt Alk. Der wirkliche Partner rückt immer mehr an zweite Stelle. So war es jedenfalls bei mir.
Und Alkohol tötet nach und nach alle Gefühle, am Ende vegetiert man nur noch so vor sich hin. Er überdeckt ja alles und lässt uns immer mehr abstumpfen.

Die meisten hier haben wohl festgestellt, daß das alles nach einer Weile der Abstinenz wieder kommt, manchmal auch mit einer Heftigkeit, die direkt Angst machen kann, weil man es so lange Zeit nicht mehr kannte. Aber auch wenn das anfangs Angst macht, bedeutet es doch nur: WIR LEBEN WIEDER.

Und nöö, das mit der Intelligenz kam bei mir auch nicht arrogant an. Hier sind einige hochintelligente Menschen, das zeigt nur, das die Sucht stärker ist als alles andere, auch stärker als der Verstand. Sucht macht auch vor Intelligenz nicht halt, das meinte ich nur damit.

LG an Dich
Lilly

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