Warum bin ich Alkoholiker oder alkoholkrank?

Ambulante und stationäre Therapie und Entgiftung bei Alkoholproblemen und Alkoholabhängigkeit durch Psychologen ( Psychologie ) oder Therapeuten, sowie Ursachen der Alkoholkrankheit bzw. Coabhängigkeit aus medizinischer Sicht.

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Tabaluga
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Beitrag von Tabaluga » 06.01.2007, 19:46

Hallo Karsten,
ich denke schon, dass es für mich auch wichtig ist, nach den Ursachen zu fragen.
Denn durch die Erkenntnis, weshalb ich krank geworden bin, kann ich lernen, etwas zu verändern.
Bei dem "Warum" zu bleiben lässt mich auf der Stelle treten.

Ich für meinen Teil denke, dass ich auch alkoholkrank bin, weil ich einen falschen Weg gelernt habe, mit Herausforderungen des Lebens umzugehen und mir nicht oder nicht ausreichend etwas über "Grenzsetzung" erzählt worden ist. Weil die Menschen, mit denen ich gelebt habe, auch nicht wussten, wie damit anders umzugehen ist.
Ich muss lernen, Herausforderungen anzunehmen und Lösungen zu suchen.
Ich muss lernen, Dingen auzuhalten und andere Bewältigungsstrategien zu versuchen.
Ich weiß nun mehr über Grenzen.
Ich übe mich in Grenzen setzten, mir und auch anderen gegenüber.
Ich lerne über mich.
Und ich lerne nie aus.
Tabaluga

Fritz.the.Cat
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Beitrag von Fritz.the.Cat » 06.01.2007, 20:17

Hi alle,

für mich war die Frage "warum?" außerordentlich wichtig, dabei war es mehr eine Nebenwirkung, die sich als entscheidend herausstellte.

Den Versuch einer Antwort auf "warum?" kann ich auf zwei verschiedene Arten angehen. Zum einen ist es die "technische" Methode: Was geht da an Chemie im Gehirn vor, Genetik, all dieser Kram. Das finde ich heute richtig spannend, aber das war zur der Zeit, als ich trocken wurde, nun gar nicht mein Thema.

Die andere Methode bedeutete eine intensive Auseinandersetzung damit, was während und vor allem vor der Sucht in mir abgegangen war. Wann hatte die Sucht eigentlich begonnen? Ich habe mich lange und intensiv damit beschäftigt und ich glaube, daß das nie ganz aufhören wird. Die Sucht hat viel zu tief in mein Leben gewirkt, als daß ich sie einfach mit "das war halt so" abtun könnte. Und es geht dabei nicht nur um mein Verhalten, es geht auch darum, wie meine Familie daran beteiligt war. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, daß es nicht um eine Schuldzuweisung geht. Meiner Familie eine (Teil)Schuld an meiner Sucht zu geben wäre nicht nur unproduktiv, es würe auch nur zu Groll führen. Nein, es geht um eine ganz sachliche Bestandsaufnahme. Was ist eigentlich passiert? Was war mein Anteil daran? und daraus folgend: Was kann ich heute besser machen?

Die Auseinandersetzung mit "damals" nimmt in dem 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker die Schritte 4 bis 7 ein, also ein Drittel des gesamten Weges. Mittlerweile halte ich sehr viel von diesem Programm und die Tatsache, daß die Inventur so viel Raum darin findet, hat mich schon früh überzeugt.

Wenn ich die Frage "warum?" nicht zu eng sehe, sondern einmal schaue, wo sie mich hinführt, dann kann sie eine wertvolle Hilfe werden.

Grüße


det

mattes
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Beitrag von mattes » 18.01.2007, 08:44

Da stimme ich "Fritz der Katze" mal vollinhaltlich zu.

Klar, jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er mit seiner Abhängigkeit umgeht. Für mich war die Ursachenforschung enorm wichtig, eben weil ich wissen wollte, was falsch gelaufen ist, um an genau diesem Fehlverhalten arbeiten zu können. Und es ist bis heute immer mal wieder ein hartes Stück Arbeit.

Mir ist allerdings bis heute nicht ganz klar, ob es nicht für mich auch Bereiche meines Lebens gibt, in denen ich lieber nicht "wühlen" möchte (frühkindliche Prägungen und Traumata etc.), weil es mir möglicherweise auch ein Gefühl der Hilflosigkeit und des "Ausgeliefert-Seins" geben könnte.

Gruß

mattes

Fritz.the.Cat
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Beitrag von Fritz.the.Cat » 18.01.2007, 18:52

Hi mattes,
... ein Gefühl der Hilflosigkeit und des "Ausgeliefert-Seins" ...
das war es, wovor ich - abgesehen von einem Rückfall - die zweitgrößte Angst hatte. Diese Gefühle hatte ich ja als aktiv trinkender Alki schlimm genug erlebt.

Doch in der trockenen Zeit gibt es einen Weg aus dieser Angst: das, was bei den AA der sprituelle Teil des Programms ist. Auch wenn manche die AA nicht mögen, ich glaube trotzdem, daß man in einigen Punkten viel von ihnen lernen kann.

Die AA nennen es "höhere Macht", manche nennen es "Gott", andere sagen "die Natur" oder "das Universum" dazu. Allen gemeinsam ist eines: das Wissen, daß der einzelne nicht allein, sondern eingebettet in ein größeres Ganzes ist. Und dieses Wissen darum, daß man nicht isoliert, sondern eben eingebettet in <wasauchimmer> bin, das gibt die Sicherheit, sich auch mit angsterfüllten Themen auseinanderzusetzen.

Ein AA-Freund, ein sehr gläubiger Mensch, hat mich immer tief beeindruckt. "Ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand" war sein Spruch zu solchen Angst-Situationen und das gab ihm eine innere Ruhe, um die ihn viele beneidet haben.

Mich persönlich sprach am meisten das Buch eines Amerikaners an: Alkoholiker und (in trockener Zeit) Zen-Meister. In uns allen gibt es unsere Buddha-Natur, unser wahres Selbst, das ganz genau weiß, was wir in unserem Leben brauchen. Finde den Weg zurück zu deiner Intuition, deinem instinktiven Wissen, das durch deine Sucht und dein rationales schwarz-weiß, entweder-oder, gut-böse Denken vernebelt wurde und du wirst die Angst verlieren und deinen Weg wissen.

hat mich echt umgehauen

Grüße

det

mattes
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Beitrag von mattes » 19.01.2007, 09:22

Hi det....

...nun ja, die Sache mit der „höheren Macht“; da hab ich persönlich schon so meine Probleme mit. Mit dem Begriff „Intuition“ kann ich mehr anfangen.

Mir ist nach zwei LZTs schon klar geworden, dass ich meine Abhängigkeit nicht ausschließlich „über den Kopf“ in den Griff bekommen kann. Eben weil ich das glaubte, habe ich einen klassischen Rückfall gebaut.

Wir Menschen sind schon verflixt kompliziert gebaute Lebewesen, die oftmals glauben, mit all ihrer purer Rationalität so ziemlich alles in den Griff bekommen zu können. Leider scheitert dieses klare „Nur-Denken“ oft genau dann, wenn es darum geht, sich selbst in eben diesen Griff zu bekommen.

Irgendwann habe ich mal be“griffen“, dass ich meine Abhängigkeit nur dann besiegen kann, wenn ich zwar meinen „Kopf“ nicht ausschalte, es mir aber gestatte, auch mal auf meine Gefühle zu lauschen und sie zu leben. Meinetwegen nenne es „Intuition“. Gefühle zulassen – auch die schlechten – und mit ihnen umgehen lernen; das ist für mich der Knackpunkt der Auseinandersetzung mit jeder Abhängigkeit.

Wobei ich den „Kopf“ nicht ausschalten möchte. Er hat mir von Zeit zu Zeit immer mal wieder geholfen, mich aus schlechten Stimmungen heraus zu holen. Es geht wohl halt darum, die richtige Mischung zwischen Rationalität und „Bauchgefühl“ zu finden.

Gruß

mattes

P.S. Kannst Du mir mal den exakten Titel des Buches nennen. Das würde mich sehr interessieren.

Fritz.the.Cat
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Beitrag von Fritz.the.Cat » 20.01.2007, 09:11

Hi mattes,

die Probleme mit der "höheren Macht" kenne ich. Die habe ich noch heute, wenn diese "höhere Macht" plötzlich zu etwas aktiv handelndem wird und dann deutlich in die Nähe des christlichen Gottes rückt, den ich persönlich für reichlich daneben halte.

Aber warum muß man sich bei seiner persönliches Definition einer "höheren Macht" nach dem richten, was andere dafür halten? Jeder Mensch kann sich seine Definition selbst bauen, und die muß dann nicht negativ oder bedrohlich sein.

Wenn man den Begriff "höhere Macht" etwas weiter auslegt, dann fällt auch das buddhistische Karma darunter, ein ganz unpersönliches "Naturgesetz", das zwar heute einen großen Einfluß auf dein Leben hat, das aber nicht auf den willkürlichen Handlungen irgendeines Gottes beruht, sondern ausschließlich auf deinen eigenen Handlungen. => jeder konstruiert sich seine Zukunft selbst.
Mit so einer höheren Macht kann ich gut leben.

Doch wir müssen nicht um die Definition von Worten ringen. Zu dem Buch, von dem ich geschrieben hatte:

Mel Ash
Das Zen der Gesundung
Knaur-Verlag

Der Autor beschreibt seine Suchtgeschichte, seinen Weg aus der Sucht mit den Anonymen Alkoholikern und in einer kurzen Übersicht die buddhistische Weltanschauung aus der Sicht des Zen.

Ich krame das Buch immer wieder mal hervor wegen der Beschreibung der 12 Schritte der AA aus Zen-buddhistischer Sicht. Ich habe ja in anderen threads schon geschrieben, daß ich sehr viel von den 12 Schritten der AA als Genesungsprogramm halte. Doch mit manchen Schritten hatte ich arg zu kämpfen, eben wegen meiner Probleme mit der "hM", die ich oben geschildert habe.

Mel Ash baut an dieser Stelle eine wunderbare Brücke. Er zeigt eine "gottlose" Interpretation der 12 Schritte, die für mich der Ausweg aus dem Dilemma war.


Grüße

det

Petter
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Beitrag von Petter » 20.01.2007, 19:17

Hallo,

diese Frage stelle ich mir so nicht. Ich BIN Alkoholiker und ich BIN alkoholkrank. Das habe ich akzeptiert und es geht mir gut damit, solange ich trocken bin. Ich weiß, das der Alkohol mich im Griff haben kann, also habe ich ihn losgelassen.

Die Frage "Warum habe ich gesoffen?" versuche ich mir seit Beginn meiner Trockenheit täglich zu beantworten. Sie ist der wichtigste Teil meiner Arbeit beim Trocken bleiben. Und die Antworten auf diese Frage fallen unterschiedlich aus, weil die Gründe für das Saufen bei mir auch unterschiedlich waren. Aber mit jeder Antwort, die ich finde, bin ich ein Stück weiter von dem Stoff weg, der mich kaputt gemacht hätte. Darum ist diese Frage so unglaublich wichtig für mich.

Lieben Gruss

Peter

nexie

Beitrag von nexie » 17.02.2007, 08:37

hallo,

die frage, warum ich alkoholikerin geworden bin, führte bei mir zu einem erstaunlichen ergebnis (während einer psychotherapie vor drei jahren).

sicher ist eines:
die genetische disposition ist in meinem falle wohl gegeben. die sucht entstand aus der zusammensetzung einer vielzahl von sozialen komponenten und der genetischen disposition.
ich habe nie gelernt, mit den dramatischen gefühlsspitzen (genetische disposition ADHS/reizfilterschwäche) adäquat umzugehen.
emotionalen rückhalt gab es seit der pubertät im elternhaus nicht mehr. also suchte ich sie im freundes- und bekanntenkreis.
damals rauchten nahezu alle schulfreunde/innen, etwa zwei drittel konsumierte mehr oder weniger regelmässig alkohol.
ich rauchte und trank nicht, trotz des dahingehend negativen sozialen umfeldes. im gegenteil- ich fühlte mich toll, da ich als eine der wenigen aus der clique weder alkohol noch zigaretten benötigte.
da war nix mit "cool" spielen- ich _war_ cool, auch ohne nikotin und alkohol.

mit dem rauchen begann ich aus trotz gegen meine rigoros konservativen eltern; mit dem trinken, weil bier in der gastronomie billiger war als mineralwasser.
einmal in der woche 2, 3 kleine glas bier (0,2l) in der disco, das wars, wenn ich überhaupt ausging, denn die disco war teuer.
häufiger zu trinken begann ich nach liebeskummer, über den ich im freundeskreis und mit meinen eltern nicht sprechen konnte.
im freundeskreis geriet ich durch den liebeskummer schnell ins abseits. niemand wollte zum x-ten mal meinen schmerz über die zerstörte beziehung hören.
dann unternahm ich einen suizidversuch, der mich prompt in die kinder- und jugendpsychiatrie brachte.
ein suizidversuch war also kein adäquater lösungsversuch für meinen schmerz.
was nun?
reden ging nicht, mein "hilfeschrei" suizidversuch wurde als lächerlich abgetan, und da stand ich nun mit meinem kummer, der keinesfalls weniger geworden war!
ich vertraute mich einem jungen, der mit unserere clique nur wenig zu tun hatte, an, was ein paar wochen später zu S** mi**brauch führte.
wieder versuchte ich, mit meinen eltern darüber zu sprechen, mit der clique. meine eltern hörten nicht zu, meinten, ich wäre selbst schuld am mi**brauch, und in der clique wurde ich ausgelacht und später ausgestossen.

der kummer um die zerstörte beziehung wurde nun vom hass auf die täter (es waren noch zwei freunde des jungen dabei, als ich mi**braucht wurde) überlagert. irgendwann in den darauffolgenden wochen bekam ich angst vor meiner wut, meinem zorn. kein augenblick verging, an dem ich nicht darüber nachdachte, wie ich die täter beseitigen könnte.
und wenn ich wirklich ausnahmsweise einmal nicht an die täter dachte, erinnerte ich mich an meinen freund, der unerreichbar blieb, und die tränen liefen wieder.

ich glaube, in diesen wochen/monaten war ich der einsamste mensch auf der welt. an wen sollte ich mich wenden, wer hätte mir helfen können?
der kriminalbeamte, der meine aussage (ich zeigte die täter an) aufnahm, behandelte mich wie eine teenie-prostituierte, was zusätzlich sehr weh tat.
alkohol versprach legale und preiswerte linderung meines schmerzes.
weil ich nun immer häufiger angetrunken nach hause kam, steckten meine eltern mich in ein erziehungsheim (mussten sie selbst bezahlen, da seitens des jugendamtes kein "öffentliches interesse" bestand, mich wegzusperren).
erst als ich einen neuen freund hatte, der mir zuhörte, mich tröstete, hörten die alkoholischen exzesse wieder auf.
nach einem halben jahr endete auch diese beziehung, und schon hockte ich wieder in der flasche.
das war der anfang meiner trinker-karriere.

sicher ist, dass ich nie lernte, mit den emotionalen spitzen meines empfindens umzugehen. also lerne ich es jetzt. es gelingt bei weitem nicht immer, aber immer öfter.

liebe grüsse

nexie

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